{"id":69118,"date":"2021-01-25T09:06:20","date_gmt":"2021-01-25T08:06:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69118"},"modified":"2021-01-25T15:03:37","modified_gmt":"2021-01-25T14:03:37","slug":"was-die-bundesregierung-zu-repressionen-gegen-russische-linke-sagt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69118","title":{"rendered":"Was die Bundesregierung zu Repressionen gegen russische Linke sagt"},"content":{"rendered":"<p>Bundestagsabgeordnete der Partei Die LINKE wollten von der Bundesregierung wissen, wie sie die staatlichen Repression gegen bekannte russische Linke beurteilt und wie es mit den sozialen Menschenrechten in Russland aussieht. In ihrer Antwort vermeidet die Bundesregierung das Wort &bdquo;links&ldquo; und ist auch ansonsten sehr wortkarg. Aus Moskau berichtet <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nUmfassende Informationen &uuml;ber Russland zu erhalten, ist in Deutschland sehr schwierig. Denn seit Wladimir Putin in Russland an der Macht ist, und insbesondere seit der Ukraine-Krise, haben die gro&szlig;en deutschen Medien den Informationskorridor aus Russland eingeengt auf die Themen Putin, Navalny und Proteste der Liberalen. <\/p><p>Fast v&ouml;llig unber&uuml;cksichtigt bleiben in der Medien-Berichterstattung die sozialen Probleme in Russland sowie die Aktivit&auml;ten von linken Parteien und Organisationen zum Schutz sozialer Rechte, die Proteste <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Dem-intellektuellen-Zentrum-Russlands-droht-der-Garaus-3400261.html\">gegen Zusammenlegungen von Krankenh&auml;usern und wissenschaftlichen Instituten<\/a>, die <a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/1343\/sozialpolitik-in-russland\/wir-brauchen-doch-nicht-so-viele-kluge-menschen\">Schlie&szlig;ung von Ambulanzen auf den D&ouml;rfern<\/a>, die Abschaffung von kostenlosen Nachhilfe- und Spielkursen an den Schulen und die Benachteiligung von normalen Schulen im Vergleich zu den Schulen f&uuml;r Kinder aus wohlhabenderen Elternh&auml;usern. <\/p><p><strong>Wer nichts wei&szlig;, stellt auch keine Fragen<\/strong><\/p><p>Auch die Bundesregierung &auml;u&szlig;ert sich nicht zu sozialen Fragen in Russland und zu der Verfolgung von linken Aktivisten in Russland. Die gro&szlig;en deutschen Medien haben zu diesen Fragen kein Material geliefert, die deutsche &Ouml;ffentlichkeit ist nicht informiert und stellt keine Fragen. Und warum &ndash; so k&ouml;nnte man sagen &ndash; soll die Bundesregierung kritische Fragen zur Kommerzialisierung im russischen Bildungs- und Gesundheitsbereich stellen, wo sie diese Kommerzialisierung doch im eigenen Land betreibt? Also alles gut?<\/p><p>Nein. Bundestagsabgeordnete der Partei Die LINKE haben die Bundesregierung am 9. Dezember in einer <a href=\"https:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/19\/250\/1925087.pdf\">Kleinen Anfrage<\/a> aufgefordert, Stellung zu nehmen zur Repression gegen russische Linke und soziale Menschenrechte in Russland. <\/p><p>Eingereicht wurde die Kleine Anfrage von den Abgeordneten Andrej Hunko, Zaklin Nastic, Alexander S. Neu, Eva-Maria Schreiber und Heike H&auml;nsel. Die Abgeordneten schreiben, &bdquo;mit dieser Anfrage soll das Augenmerk auf die Situation der linken Opposition in Russland gerichtet werden, ohne die aktuelle Relevanz und Brisanz etwa des Falls Navalny in Frage zu stellen.&ldquo;<\/p><p><strong>Sprachkunstst&uuml;cke der Bundesregierung<\/strong><\/p><p>Die Linken-Abgeordneten fragten ausdr&uuml;cklich nach dem &bdquo;linken Spektrum&ldquo; und &bdquo;der linken Opposition in Russland&ldquo;. Doch auf dem linken Ohr scheint die Bundesregierung taub. <a href=\"http:\/\/dipbt.bundestag.de\/dip21\/btd\/19\/259\/1925936.pdf\">In ihrer Antwort<\/a> vom 15. Januar bringt die Bundesregierung das Kunstst&uuml;ck fertig, die Begriffe &bdquo;linkes Spektrum&ldquo; und &bdquo;linke Opposition&ldquo; kein einziges Mal zu benutzen. So ein Herangehen hat eine gewisse Logik. Es entspricht der verbreiteten Auffassung, dass es seit dem Ende der Sowjetunion auch mit dem Sozialismus und Kommunismus vorbei ist und es eine Linke im Vaterland des realen Sozialismus eigentlich gar nicht geben kann. <\/p><p>Um den Begriff &bdquo;links&ldquo; nicht benutzen zu m&uuml;ssen, f&uuml;hrt die Bundesregierung in ihrer Antwort eine eigene politische Klassifikation ein. Das oppositionelle Spektrum Russlands teilt sich nach Auffassung der Bundesregierung in eine &bdquo;System-Opposition&ldquo; und eine &bdquo;nicht systemische Opposition&ldquo;. Die Kommunistische Partei der Russischen F&ouml;deration (KPRF) geh&ouml;rt nach Meinung der Bundesregierung zur &bdquo;System-Opposition&ldquo;, weil sie &bdquo;in der Vergangenheit die grunds&auml;tzliche Linie der Politik der russischen Regierung mitgetragen und den F&uuml;hrungsanspruch der Regierungspartei &acute;Einiges Russland&acute; nicht in Frage gestellt&ldquo; hat. <\/p><p>Doch entspricht diese Klassifikation &uuml;berhaupt der Realit&auml;t? Nein. Die Abstimmungsergebnisse der Duma sind <a href=\"http:\/\/vote.duma.gov.ru\/\">&ouml;ffentlich zug&auml;nglich<\/a>. Doch die Bundesregierung scheint nicht &uuml;ber die Arbeit der Oppositionsparteien im russischen Parlament informiert zu sein. <\/p><p>Wer die Arbeit des russischen Parlaments verfolgt, kommt nicht umhin festzustellen, dass die KPRF und auch andere Parteien der sogenannten &bdquo;System-Opposition&ldquo; sehr h&auml;ufig gegen Gesetze stimmen, die von der Partei &bdquo;Einiges Russland&ldquo; und dem Kreml eingebracht wurden. <\/p><p>So stimmte die KPRF 2018 gegen die Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters. Bei der Abstimmung &uuml;ber die russische Verfassungsreform im M&auml;rz 2020 <a href=\"https:\/\/www.rbc.ru\/rbcfreenews\/5e68b8f89a7947f1fb93b55e\">enthielten<\/a> sich die 43 anwesenden KPRF-Abgeordneten der Stimme.  <\/p><p>Am 23. Dezember 2020 stimmten die Abgeordneten der KPRF, Gerechtes Russland und die Liberaldemokraten <a href=\"https:\/\/novayagazeta.ru\/articles\/2020\/12\/24\/88512-sidi-i-molchi\">gegen das Gesetz<\/a>, welches &bdquo;&uuml;ble Nachrede&ldquo; im Internet unter Strafe stellt. Das Gesetz wurde von einer Mehrheit der Duma-Abgeordneten angenommen. &bdquo;&Uuml;ble Nachrede&ldquo; im Internet kann jetzt mit bis zu f&uuml;nf Jahren Freiheitsentzug bestraft werden. <\/p><p><strong>Repression gegen drei bekannte Linke<\/strong><\/p><p>Die Abgeordneten der Partei Die LINKE wollten in ihrer Kleinen Anfrage wissen, welche Meinung die Bundesregierung zu der staatlichen Repression gegen drei bekannte russische Linke hat. Die LINKE-Abgeordneten f&uuml;hrten drei F&auml;lle an:<\/p><ol>\n<li>Pawel Grudinin. Der Agrar-Unternehmer kandidierte 2018 f&uuml;r die KPRF zu den Pr&auml;sidentschaftswahlen und bekam 11,8 Prozent der Stimmen. Die von ihm gef&uuml;hrte Lenin-Sowchose soll nach einem Urteil des Schiedgerichtes im Moskauer Gebiet wegen &bdquo;schlechter Wirtschaftsf&uuml;hrung&ldquo; umgerechnet 11 Millionen Euro Strafe zahlen, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63476\">was den Ruin der Sowchose zur Folge h&auml;tte<\/a>. Nutznie&szlig;er w&auml;re die Immobilien-Firma Rota-Agro, deren Besitzer ein bekannter Duma-Abgeordneter der Partei &bdquo;Einiges Russland&ldquo; ist.<\/li>\n<li>Nikolai Platoschkin. Der linke russische Oppositionspolitiker steht seit dem 4. Juni 2020 <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61897\">unter Hausarrest<\/a>. Ihm wird die Anzettelung von Massenunruhen gegen das Referendum zur Verfassungsreform vorgeworfen. Platoschkin ist ehemaliger Diplomat und Leiter der &bdquo;Bewegung f&uuml;r einen neuen Sozialismus&ldquo;.  <\/li>\n<li>Sergej Udalzow. Der Leiter der &bdquo;Linken Front&ldquo; sa&szlig; nach Anti-Putin-Protesten in Moskau 2012 viereinhalb Jahre im Gef&auml;ngnis. Im Juli 2020 wurde er wegen Durchf&uuml;hrung einer nicht genehmigten Massenveranstaltung zu zehn Tagen Ordnungshaft verurteilt. <\/li>\n<\/ol><p>Aus der Antwort der Bundesregierung geht hervor, dass die Repressionen gegen die drei bekannten russischen Linken der Bundesregierung zwar bekannt sind, man aber keinen Anlass f&uuml;r &ouml;ffentliche Erkl&auml;rungen sieht. Die Aktivit&auml;ten der Bundesregierung in diesen F&auml;llen beschr&auml;nken sich auf Informationsbeschaffung und gelegentliche Prozessbesuche.  <\/p><p>Immerhin erfahren wir aus der Antwort der Bundesregierung, dass der deutsche Botschafter in Moskau, G&eacute;za Andreas von Geyr, &bdquo;im Rahmen der Kontakte mit gesellschaftlichen und politischen Kr&auml;ften in Russland (&hellip;) zuletzt am 21. Januar 2020 ein Gespr&auml;ch mit Pawel Grudinin gef&uuml;hrt&ldquo; hat. Grudinin habe &bdquo;sich kritisch zu verschiedenen Aspekten der Politik des russischen Staatspr&auml;sidenten und der russischen Regierung&ldquo; ge&auml;u&szlig;ert. <\/p><p>Zum Fall des unter Hausarrest stehenden linken Oppositionspolitikers und ehemaligen Diplomaten Nikolai Platoschkin hei&szlig;t es, der Bundesregierung sei der Fall &bdquo;bekannt.&ldquo; &Uuml;ber eine m&ouml;gliche Beobachtung des Prozesses gegen Platoschkin &bdquo;werde die Bundesregierung kurzfristig und abh&auml;ngig von der lokalen pandemischen Lage&ldquo; entscheiden.<\/p><p>Die LINKEN-Abgeordneten wollten wissen: &bdquo;Z&auml;hlt die Bundesregierung die Organisation &acute;Linke Front&acute; zur politischen und gesellschaftlichen Opposition, die um eine Verbesserung der b&uuml;rger- und menschenrechtlichen und sozialen Situation in der Russischen F&ouml;deration k&auml;mpft?&ldquo;<\/p><p>Einer Antwort &uuml;ber die &bdquo;Linke Front&ldquo; weicht die Bundesregierung aus. Sie tut so, als ob nicht nach der &bdquo;Linken Front&ldquo;, sondern nach deren Leiter, Sergej Udalzow, gefragt wurde. Die Bundesregierung erkl&auml;rt, Udalzow sei Mitglied des au&szlig;erparlamentarischen &bdquo;Koordinationsrates der russischen Opposition&ldquo; gewesen. Er habe aber auch die Kandidatur von Pawel Grudinin f&uuml;r die Kommunistische Partei unterst&uuml;tzt. Ob Udalzow und die &bdquo;Linke Front&ldquo; nun zur &bdquo;System-Opposition&ldquo; oder zur &bdquo;nicht-systemischen Opposition&ldquo; geh&ouml;ren, erf&auml;hrt man aus der Antwort der Bundesregierung nicht. Immerhin erf&auml;hrt man aus der Antwort, dass ein Vertreter der deutschen Botschaft in Moskau bei einer Urteilsverk&uuml;ndung gegen Sergej Udalzow anwesend war. <\/p><p>Ob es Gespr&auml;che von Mitarbeitern der deutschen Botschaft in Moskau mit den linken Oppositionellen Platoschkin und Udalzow gegeben hat, schreibt die Bundesregierung in ihrer Antwort nicht. Die LINKEN-Abgeordneten erhielten stattdessen die Auskunft, &bdquo;der Einsatz der Bundesregierung f&uuml;r Menschenrechte geschieht mit einer Vielzahl von Instrumenten, unter anderem der &ouml;ffentlichen und nicht&ouml;ffentlichen Ansprache von Einzelf&auml;llen, der Beobachtung laufender Gerichtsverfahren sowie des vertraulichen Austauschs mit Betroffenen.&ldquo;<\/p><p><strong>D&uuml;rre Aussagen zu den sozialen Menschenrechten<\/strong><\/p><p>Die LINKEN-Abgeordneten wollen auch wissen, inwieweit seit 2013 die sozialen Menschenrechte in Russland Thema bilateraler Regierungstreffen und Thema von Erkl&auml;rungen von Vertretern der Bundesregierung waren. <\/p><p>Die Antworten auf diese Fragen sind sehr allgemein. Leider wurden die Fragen auch zu allgemein formuliert. So fragen die LINKEN-Abgeordneten nicht ausdr&uuml;cklich nach den klassischen gewerkschaftlichen Themen wie Entwicklung der Reall&ouml;hne, Arbeitsschutz, Arbeitszeiten, Arbeitsplatzsicherung, Gleichberechtigung am Arbeitsplatz, Kurzarbeit und Arbeitslosengeld.  <\/p><p>Die Bundesregierung teilt mit, dass es im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie &bdquo;zahlreiche Gespr&auml;che zwischen Regierungsvertretern zum Thema Gesundheit&ldquo; gab. Mit dem Vorsitzenden des Rates beim russischen Pr&auml;sidenten f&uuml;r die Entwicklung der Zivilgesellschaft und der Menschenrechte, Walerij Fadejew, sei bei dessen Besuch in Berlin &bdquo;eine verst&auml;rkte Zusammenarbeit zu sozialen Menschenrechten er&ouml;rtert&ldquo; worden. Um welche Menschenrechte es da ganz genau ging, wird nicht mitgeteilt.<\/p><p><strong>Geht das: Solidarit&auml;t mit Stalin-Anh&auml;ngern?<\/strong><\/p><p>Von dem Bundestagsabgeordneten Andrej Hunko wollte der Autor dieser Zeilen wissen, ob es f&uuml;r die Linksfraktion problematisch ist, sich f&uuml;r linke russische Politiker einzusetzen, die ein positives Bild von Stalin haben, einen konfrontativen Kurs gegen die russische Regierung fahren und den politischen Kampf auf der Stra&szlig;e f&uuml;r wichtiger halten als den im Parlament.&nbsp;<\/p><p>Der Abgeordnete Hunko antwortete, &ldquo;nein. Grunds&auml;tzlich unterst&uuml;tze ich linke und fortschrittliche Politiker, wenn sie Repressionen ausgesetzt sind. Das hei&szlig;t nicht, dass ich mich mit jedem Weltbild oder jeder politischen Strategie gemein mache. F&uuml;r Die LINKE sind die Werte der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte unverhandelbar und eine Lehre aus der Geschichte. Diese Debatte muss aber politisch gef&uuml;hrt werden, nicht durch Repression.&ldquo;<\/p><p>Die zweite Frage, die ich Hunko stellte, war, ob sich Die LINKE auch f&uuml;r radikale Marxisten\/Leninisten in Deutschland einsetzt, wie beispielsweise die MLPD. Dazu Hunko: &bdquo;Ob man die MLPD wirklich als marxistisch oder leninistisch beschreiben kann, sei einmal dahingestellt. Sollten ihre Mitglieder jedoch morgen ins Gef&auml;ngnis geworfen werden, w&uuml;rde ich mich f&uuml;r die Freilassung einsetzen. Auch etwa in der T&uuml;rkei gibt es zahlreiche linke Akteure mit &auml;hnlichem Geschichtsbild, gleichwohl wenden wir uns seit Jahren gegen deren Repression.&rdquo;<\/p><p>Die Kleine Anfrage der LINKEN-Abgeordneten verdient Respekt. Und es ist zu hoffen, dass das deutsche Nichtwissen &uuml;ber die Linke in Russland endlich abgel&ouml;st wird von politischem Austausch und grenz&uuml;berschreitender Debatte.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/863257bd1d3f4dd396ac3595fa1fa98c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><p>Titelbild: Alexey Borodin \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bundestagsabgeordnete der Partei Die LINKE wollten von der Bundesregierung wissen, wie sie die staatlichen Repression gegen bekannte russische Linke beurteilt und wie es mit den sozialen Menschenrechten in Russland aussieht. In ihrer Antwort vermeidet die Bundesregierung das Wort &bdquo;links&ldquo; und ist auch ansonsten sehr wortkarg. 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