{"id":6932,"date":"2010-10-04T10:18:12","date_gmt":"2010-10-04T08:18:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6932"},"modified":"2019-02-06T10:59:05","modified_gmt":"2019-02-06T09:59:05","slug":"jubelstimmung-deutschland-einig-vaterland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6932","title":{"rendered":"Jubelstimmung &#8211; Deutschland, einig Vaterland?"},"content":{"rendered":"<p>20 Jahre deutsche Einheit &ndash; ein Grund zum Feiern? Das ist die Frage. Zun&auml;chst aber habe ich mich gefragt, wie es denn 1989 und 1990 in Deutschland aussah. Da gab es nach dem sich anbahnenden Zerfall des sogenannten Ostblocks immer noch die BRD und die DDR. Die Bundestagswahlen in der BRD standen bevor; als Kanzlerkandidat trat Oskar Lafontaine 1990 gegen Helmut Kohl an. Laut den statistischen Erhebungen stand die SPD mit ihrem Kandidaten Lafontaine in der W&auml;hlergunst vorn.<br>\nAber der damalige Bundeskanzler Kohl reiste nach der &Ouml;ffnung der Grenze und der Auszahlung von Begr&uuml;&szlig;ungsgeld an die &bdquo;armen&ldquo; Br&uuml;der und Schwestern zum Wahlkampf in die DDR. Er versprach bl&uuml;hende Landschaften und die D-Mark und erreichte die Vereinigung der beiden deutschen Staaten &ndash; oder vielmehr die &Uuml;bernahme der DDR durch die BRD &ndash; noch kurz vor der Wahl, sodass die Menschen in der ehemaligen DDR ebenfalls den neuen gesamtdeutschen Bundestag w&auml;hlen konnten. Durch diesen Schachzug, der heute in den Medien allgemein als gro&szlig;artige Leistung Kohls gefeiert wird, gewann er seinerzeit die Wahl. Und das Leben in Deutschland ver&auml;nderte sich grundlegend. Sozialabbau, Finanzmarktkapitalismus, Kriegseins&auml;tze, Entstaatlichung und Entsolidarisierung der Gesellschaft sind nur einige wenige Stichworte daf&uuml;r. Von Wolfgang Bittner<br>\n<!--more--><\/p><p>In den folgenden Jahren wurde das Staatsverm&ouml;gen der DDR versilbert. Es floss weitgehend in die Taschen der Spekulanten, die ihre Chance erkannt hatten, nutzten und in ihren windigen Gesch&auml;ften nicht nur nicht gehindert, sondern noch gef&ouml;rdert wurden. Das dem Volk der DDR geh&ouml;rende Verm&ouml;gen wurde also privatisiert. Das war &ndash; so l&auml;sst sich r&uuml;ckblickend feststellen &ndash; der gr&ouml;&szlig;te Betrugs-Skandal in der Geschichte der Bundesrepublik: Die &bdquo;Abwicklung&ldquo;, wie man es nannte, des DDR-Verm&ouml;gens durch die Treuhand-Anstalt.<br>\n1990 sch&auml;tzte der erste Treuhand-Chef, Detlef Rohwedder, das DDR-Verm&ouml;gen auf ca. 600 Milliarden DM. Bei der Aufl&ouml;sung der Treuhand-Anstalt im Jahre 1994 betrugen die Schulden ca. 250 Milliarden DM. Gute Gesch&auml;fte f&uuml;r Spekulanten und Betr&uuml;ger, staatlich organisiert, auf Kosten der Bev&ouml;lkerung.<br>\nDer allergr&ouml;&szlig;te Betrugs-Skandal folgte dann allerdings ab 2007 und 2008, offenkundig zun&auml;chst mit der Pleite der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers und in Deutschland mit der drohenden Insolvenz der Hypo Real Estate Bank. Es stellte sich heraus, dass deutsche Banken auf dem internationalen Finanzmarkt Roulette gespielt und wertlose Papiere in Billionenh&ouml;he erworben hatten; auch die Landesbanken, die einen &ouml;ffentlichen Auftrag wahrzunehmen haben, wozu keinesfalls die get&auml;tigten Spekulationsgesch&auml;fte geh&ouml;rten.<br>\nDas zur Bankenrettung bereitgestellte Kapital erreichte die unvorstellbare Summe von 500 Milliarden Euro. Allein bei der Hypo Real Estate Bank fehlten 102 Milliarden, dann noch einmal 40 Milliarden und k&uuml;rzlich wurden Papiere der Hypo Real Estate Bank im Wert von 200 Milliarden Euro in eine sogenannte Bad-Bank ausgelagert. Wie es weitergeht, steht in den Sternen, zur Rechenschaft gezogen wurde niemand.<br>\nSeit dieser unter der Bezeichnung &bdquo;Internationale Finanzkrise&ldquo; laufenden verbrecherischen und desastr&ouml;sen Finanzmanipulationen rechnet man in Regierungskreisen nur noch mit Milliarden. Der europ&auml;ische Rettungsschirm f&uuml;r die Gemeinschaftsw&auml;hrung betr&auml;gt sogar 750 Milliarden Euro. Die Bev&ouml;lkerung wird zur Kasse gebeten, die Spekulanten haben sich saniert, machen weiter und baden sich in satten Geh&auml;ltern, Bonuszahlungen, Abfindungen oder Renten.<br>\n&Uuml;brigens waren die Bonus-, Abfindungs- und &uuml;berh&ouml;hten Gehalts- und Rentenzahlungen maroder Unternehmen an Manager, die sich auf ihre vor der Krise geschlossenen Vertr&auml;ge beriefen, rechtswidrig, und zwar nach &sect;&sect; 242, 303 des B&uuml;rgerlichen Gesetzbuches und &ndash; soweit es sich um Aktiengesellschaften handelt &ndash; nach &sect;&sect; 87, 93 und 116 des Aktiengesetzes: Das nennt sich &bdquo;St&ouml;rung der Gesch&auml;ftsgrundlage&ldquo; oder auch &bdquo;angemessenes Verh&auml;ltnis&ldquo;. Wenn sich also die Umst&auml;nde, unter denen Vertr&auml;ge geschlossen wurden, wesentlich ge&auml;ndert haben, sind sie anzupassen oder aufzul&ouml;sen (dazu mein Beitrag in der NRhZ vom 29.7.2009). Bisher ist niemand ernsthaft gegen die Verfehlungen der Vorst&auml;nde und Aufsichtsr&auml;te, denen eine Verm&ouml;gensbetreuungspflicht obliegt und die haftbar sind, eingeschritten.<br>\nZwei weitere Zahlen sollten nicht verschwiegen werden, nachdem nun wieder &uuml;berall zu h&ouml;ren ist, die DDR sei vor ihrer &Uuml;bernahme durch die reiche BRD schon bankrott gewesen. Es sind noch unvorstellbarere Zahlen als die f&uuml;r die Rettung der Banken und des Euro: Die Staatsverschuldung in Deutschland bel&auml;uft sich zurzeit auf die Summe von rund 1.800 Milliarden Euro, das sind also 1,8 Billionen. Und die Staatsverschuldung der USA betr&auml;gt sogar mehr als 13,6 Billionen Dollar. (Der ehemalige Diplomat Ralph Hartmann widerlegt &uuml;brigens die Behauptung vom seinerzeit angeblich bevorstehenden Staatsbankrott der DDR in seinem Buch Die DDR unterm L&uuml;genberg, Ossietzky Verlag 2008).<br>\nDas ist die Wirklichkeit in der wir heute leben. Immer noch wird auf der Leiche des &bdquo;realen Sozialismus&ldquo; herumgetrampelt, ohne Alternativen zum &bdquo;realen Kapitalismus&ldquo; auch nur zu erw&auml;gen. Weitgehend verschwiegen wird bis heute, dass Lafontaine sich 1998 und 1999 als Finanzminister vergeblich bem&uuml;hte, das europ&auml;ische Lohn-, Steuer- und Sozialdumping zu verhindern. Au&szlig;erdem beabsichtigte er die Finanzm&auml;rkte zu regulieren und die W&auml;hrungsspekulationen zu unterbinden, wof&uuml;r er in der Folgezeit nach seinem R&uuml;cktritt verteufelt wurde.<\/p><p>Eine Anmerkung noch aus meiner Sicht als Schriftsteller: Bis 1990 gab es in der Bundesrepublik eine finanziell verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig gut dastehende Kulturszene. Es gab zahlreiche &ndash; auch linke &ndash; Kulturinitiativen, Kommunikations- und Kulturzentren, Stadtteil- und Schulbibliotheken usw. Au&szlig;erdem gab es eine recht aktive linke Verlags-, Medien- und Buchhandelsszene. Das hat sich grundlegend ge&auml;ndert. Die &bdquo;Konkurrenz der Systeme&ldquo; ist weggefallen und es ist kein Geld mehr f&uuml;r diese Art von Kultur da. Die Zahl der Autorinnen und Autoren hat sich 1990 durch die Vereinigung der beiden deutschen Staaten deutlich erh&ouml;ht, die zur Verf&uuml;gung stehenden Gelder wurden jedoch nicht angeglichen, sondern in den folgenden Jahren st&auml;ndig gek&uuml;rzt, und zwar bereits vor der Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Situation hat sich noch versch&auml;rft durch den fortschreitenden Kultur-, Bildungs- und Sozialabbau seit Beginn der Krise. Da geht es den Kreativen nicht anders als der &uuml;brigen Bev&ouml;lkerung &ndash; soweit es sich nicht um die Spekulanten, Absahner, Politikerdarsteller und das sonstige Packzeug handelt, dass sich auf Kosten der breiten Bev&ouml;lkerung die Taschen f&uuml;llt.<br>\nF&uuml;r sozial Schwache, f&uuml;r Kultur und Bildung ist kein Geld da, die Zahl der Leiharbeiter und Hartz-IV-Empf&auml;nger w&auml;chst. Zugleich h&ouml;ren wir, dass die Finanzspekulationen weitergehen, dass zum Beispiel Manager der heruntergewirtschafteten und staatlich gest&uuml;tzten Banken nach wie vor Geh&auml;lter in zum Teil zweistelliger Millionenh&ouml;he erhalten. Die verstaatlichte Hypo Real Estate Bank verteilt 25 Millionen als Boni an ihre Mitarbeiter, sie zahlt Jahresgeh&auml;lter von j&auml;hrlich 500.000 Euro und bewilligt Rentenanspr&uuml;che f&uuml;r kurzfristige Vorstandst&auml;tigkeiten von monatlich 20.000 Euro.<br>\nUnd damit sind wir wieder bei der Frage, ob wir 20 Jahre nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten einen Grund zum Feiern haben. Aber das ist die falsche Frage. Meinetwegen kann gefeiert werden, aber die richtige Frage lautet: Leben wir noch in einer Demokratie? Oder vielmehr in einer Staatsform, die nach dem negativen Vorbild der r&ouml;mischen Dekadenz Plutokratie genannt werden kann, also Herrschaft des Geldes, der Besitzenden, des Kapitals? Das ist die richtige Frage, die auch in den Medien gestellt werden m&uuml;sste. Stattdessen werden wir mit Nebens&auml;chlichkeiten abgelenkt und besch&auml;ftigt, zum Beispiel mit den &Uuml;berlegungen eines Herrn Sarrazin oder einer Frau Steinbach, mit Getr&auml;ller, bl&ouml;dsinnigen Talkshows und anderem Irrsinn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20 Jahre deutsche Einheit &ndash; ein Grund zum Feiern? Das ist die Frage. Zun&auml;chst aber habe ich mich gefragt, wie es denn 1989 und 1990 in Deutschland aussah. Da gab es nach dem sich anbahnenden Zerfall des sogenannten Ostblocks immer noch die BRD und die DDR. 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