{"id":69329,"date":"2021-01-29T14:23:17","date_gmt":"2021-01-29T13:23:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69329"},"modified":"2021-01-29T16:13:15","modified_gmt":"2021-01-29T15:13:15","slug":"der-mord-an-walter-luebcke-folge-der-nicht-aufklaerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69329","title":{"rendered":"Der Mord an Walter L\u00fcbcke: Folge der Nicht-Aufkl\u00e4rung?"},"content":{"rendered":"<p>Stephan Ernst wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Er habe heimt&uuml;ckisch und vor allem alleine gehandelt. Der &bdquo;Kamerad&ldquo; Markus Hartmann wurde vom Vorwurf der Beihilfe freigesprochen. An der Einzelt&auml;terthese hatten fast alle gro&szlig;es Interesse. Vielen zentralen Fragen wurde dagegen im Prozess nicht nachgegangen. Von <strong>Wolf Wetzel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWalter L&uuml;bcke ist am 1. Juni 2019 kurz vor Mitternacht auf seiner Terrasse ermordet worden. Aufgrund von DNA-Spuren am Tatort wurde der Neonazi Stephan Ernst verhaftet. Erst wollte er die Tat alleine ausgef&uuml;hrt haben, dann nannte er als Mitt&auml;ter seinen langj&auml;hrigen Kameraden Markus Hartmann.<\/p><p>Nun ist der Prozess zu Ende gegangen und das Gericht ist genau zu dem Ergebnis gekommen, das schon vor dem Prozess feststand: Der Mord an Walter L&uuml;bcke ist von einem Einzelt&auml;ter begangen worden &ndash; lebenslange Haft bei &ldquo;besonderer Schwere der Schuld&rdquo;.<\/p><p>Deshalb konnte sein Kamerad Markus Hartmann gar keine Beihilfe leisten. Folglich konnte das Gericht nicht von seiner Schuld &uuml;berzeugt sein. Am Ende, in dubio pro reo, Freispruch in diesem Anklagepunkt. Fast schon symbolisch verurteilte das Gericht Markus Hartmann wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu einer Bew&auml;hrungstrafe.<\/p><p>Das Gericht feiert das Urteil als Beweis f&uuml;r eine wehrhafte Demokratie, die Familie L&uuml;bcke zeigt sich vorsichtig entt&auml;uscht und die Nachlese von Michael G&ouml;tschenberg aus dem ARD-Hauptstadtstudio lautet:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der pauschale Vorwurf, Polizei und Verfassungsschutz seien auf dem rechten Auge blind, hat mit der Realit&auml;t jedoch nichts zu tun. Gerade die vergangenen Jahre seit dem Auffliegen des NSU zeigen, dass es deutliche Erfolge im Kampf gegen rechtsterroristische Gruppen gibt, von denen einige in den vergangenen Jahren in einem fr&uuml;hen Stadium unsch&auml;dlich gemacht werden konnten.&ldquo; (ARD Berlin vom 28.1.2021)\n<\/p><\/blockquote><p>Stephan Ernst wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Er habe heimt&uuml;ckisch und vor allem alleine gehandelt. Der &bdquo;Kamerad&ldquo; Markus Hartmann wurde vom Vorwurf der Beihilfe freigesprochen. <\/p><p>An der Einzelt&auml;terthese hatten fast alle gro&szlig;es Interesse. Man kann auch sagen: Die gesamte Strafverfolgungskette tat alles, damit Stephan Ernst Einzelt&auml;ter blieb &ndash; auch gegen den &bdquo;Einzelt&auml;ter&ldquo; selbst, der Markus Hartmann als <em>Mitt&auml;ter<\/em> bezeichnet hatte: die leitende Staatsanwaltschaft, der Verfassungsschutz und schlie&szlig;lich auch der Staatsschutzsenat, als er Markus Hartmann aus der U-Haft entlassen hatte, weil man Zweifel am Beihilfevorwurf hatte.<\/p><p>Nicht einmal die Nebenklage konnte an diesem Fahrplan etwas &auml;ndern. Der Rechtsanwalt Holger Matt, der die Familie L&uuml;bcke vertritt, hat bis zuletzt <a href=\"https:\/\/www.hessenschau.de\/panorama\/prozess-blog-mordfall-luebcke-104.html\">seine Gr&uuml;nde daf&uuml;r dargelegt<\/a>, dass Stephan Ernst in der Mordnacht nicht alleine war, dass der Kamerad Markus Hartmann als Mitt&auml;ter gehandelt hat:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Diese Quintessenz seines Pl&auml;doyers wiederholt Matt in seinem gut f&uuml;nfst&uuml;ndigen Vortrag mehrfach. Markus H. war dabei, als Stephan Ernst den Abzug bet&auml;tigte, so seine &Uuml;berzeugung. Er n&auml;herte sich L&uuml;bcke von vorne, sprach ihn an, sah zu wie Ernst ihn mit der Waffe bedrohte und den CDU-Politiker in den Stuhl zur&uuml;ck dr&uuml;ckte, als dieser aufzustehen versuchte. Markus H. hat nicht geschossen und doch war er Mitt&auml;ter bei diesem Attentat.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Man stelle sich dieselbe Ermittlungsarbeit, dieselbe Gerichtsverhandlung, dieselbe Berichterstattung vor, wenn der Regierungspr&auml;sident Walter L&uuml;bcke von polizeibekannten Antifaschisten, von einer RAF 2.0 ermordet worden w&auml;re. Dann h&auml;tte es keine Einzelt&auml;ter gegeben, keine Verd&auml;chtigen, die zur rechten Zeit vom &bdquo;Schild&ldquo; des Geheimdienstes gerutscht w&auml;ren. Dann w&auml;re es selbstverst&auml;ndlich gewesen, die Verd&auml;chtigen wegen Bildung und Unterst&uuml;tzung einer terroristischen Vereinigung (129a) anzuklagen. Dann h&auml;tte man sich diesen Paragrafen zunutze gemacht, der einen gewaltigen &bdquo;Vorteil&ldquo; aufweist: Man muss den einzelnen Angeklagten nicht eine direkte Beteiligung an einer Tat nachweisen, sondern nur beweisen, dass sie eine &bdquo;Willensgemeinschaft&ldquo; gebildet haben. Das nennt man Willensstrafrecht im Gegensatz zum Tatstrafrecht. <\/p><p>Warum kam diese &bdquo;Allzweckwaffe&ldquo; nicht zur Anwendung? Warum nutzte man nicht alle M&ouml;glichkeiten des Strafrechts, wie es gegen Linke &uuml;blich ist?<\/p><p>Wenn man ausschlie&szlig;t, dass das Gericht die rassischen Gesinnungen der Neonazis teilt, wenn man davon ausgeht, dass alle Beteiligten die M&ouml;glichkeiten des Strafgesetzbuches kennen, dann bleibt nur noch der pure Zufall &hellip; oder ein Schutzinteresse des Staates, das weit &uuml;ber die Person Markus Hartmann hinausweist.<\/p><p><strong>Das Urteil deckt keine Tat auf, sondern sch&uuml;tzt Zusammenh&auml;nge, die nicht &bdquo;auffliegen&ldquo; d&uuml;rfen<\/strong><\/p><p>Der Nachweis ist ziemlich leicht erbracht. W&auml;hrend im Gerichtssaal monatelang die Einzelt&auml;terthese verteidigt wird, passiert &bdquo;drau&szlig;en&ldquo; etwas v&ouml;llig anderes.<\/p><p>Dort kommt all das zusammen, was im Prozess nicht zur Sprache kommen darf, was nicht &sbquo;zur Sache&lsquo; geh&ouml;ren soll, was die Einzelt&auml;terthese, die Kr&uuml;cke von der privat stattgefundenen Re-Radikalisierung des M&ouml;rders Stephan Ernst in Luft aufl&ouml;sen w&uuml;rde.<\/p><p>Die Ermittlungen bei den neun Morden an Migranten (die man erst 2011\/12 dem NSU zugeordnet hatte) hatten einen neonazistischen Hintergrund geradezu vors&auml;tzlich ausgeschlossen. Die Pannen, das Beh&ouml;rdenversagen, die rassistischen Gesinnungen auf Seiten der Ermittler wurden geduldet oder gar begr&uuml;&szlig;t: Es ging ja nur um Opfer im &bdquo;Ausl&auml;ndermilieu&ldquo;.<\/p><p>Erst der Mord an Walter L&uuml;bcke zwang die Ermittlungen, sich den folgenden Fragen zu stellen: Gibt es ein neonazistisches Potenzial, das eben nicht nur &bdquo;linke Zecken&ldquo;, Migrantinnen und Migranten bedroht oder gar ermordet, sondern auch jene aus der &bdquo;Mitte&ldquo; angreift, die nicht rechts genug agieren, wie der Kasseler Regierungspr&auml;sident Walter L&uuml;bcke? Gibt es ein neonazistisches Potenzial und eine Strategie, die auch vor dem &bdquo;System&ldquo; und den &bdquo;Systemparteien&ldquo; nicht Halt macht?<\/p><p>Pl&ouml;tzlich, geradezu schlagartig wurde m&ouml;glich, was jahrelang, jahrzehntelang nicht gelingen wollte. Man deckte auf, man stellte Zusammenh&auml;nge her, man ermittelte, man schlug zu.<\/p><p>So wurde im Januar 2020 <em>Combat 18<\/em>, eine klandestin organisierte neonazistische Gruppierung, verboten, obgleich es daf&uuml;r gar keinen Anlass g&auml;be, wenn man f&uuml;r wahr erachten w&uuml;rde, dass beim Mord an Walter L&uuml;bcke keine Spur zu Combat 18 f&uuml;hrt.<\/p><p>Auf einmal war es m&ouml;glich, in der breiten &Ouml;ffentlichkeit etwas &uuml;ber neonazistische, rassistische Strukturen in der Polizei, in der Bundeswehr, in der Eliteeinheit KSK (Kommando Spezial Kr&auml;fte) zu erfahren. Also &uuml;ber all das, was man entweder unterschlagen oder kleingeredet hatte. Dazu geh&ouml;ren unter anderem die ausgezeichneten taz-Recherchen zu einem neonazistischen Netzwerk, das ein KSK-Mitglied (mit Deckname Hannibal) f&uuml;hrt\/e und genau das vereinigt\/e, was man f&uuml;r gew&ouml;hnlich f&uuml;r einen schlechten Krimi h&auml;lt: Ein Zusammenschluss von Ex-Soldaten, Mitgliedern des KSK, (Ex-)Polizisten, Neonazis und v&ouml;lkisch gesinnten Politikern. Ein Zusammenschluss, der sich auf den Tag X vorbereitet, wenn alles zusammenbricht. Eine Vereinigung, die auch alles daf&uuml;r tut, dass der Tag X kommt.<\/p><p>Und auch die neonazistischen Gruppierungen, die im Untergrund operieren, wurden nicht l&auml;nger vergebens gesucht oder dauerhaft betreut, sondern ausgehoben. Dazu z&auml;hlt die im Februar 2020 &bdquo;aufgeflogene&ldquo; Neonazi-Zelle &bdquo;Gruppe S.&ldquo; Deren Ziele waren nicht nur Migranten, sondern auch Politiker. So standen dort die Gr&uuml;nen-Politiker Anton Hofreiter und Robert Habeck mit auf der Todesliste. Dass man diese &bdquo;Gruppe S.&ldquo; schon lange &bdquo;begleitet&ldquo; hat, kann dem Umstand entnommen werden, dass in ihr ein V-Mann des Geheimdienstes aktiv war.<\/p><p>Pl&ouml;tzlich feiert die Polizei &bdquo;Fahndungserfolge&ldquo; &ndash; auch l&auml;nder&uuml;bergreifend: Im Dezember 2020 haben deutsche und &ouml;sterreichische Ermittler ein riesiges Waffenarsenal sichergestellt: &bdquo;Nach Angaben der &ouml;sterreichischen Beh&ouml;rden wurden mehr als 70 automatische und halbautomatische Schusswaffen, Handgranaten, Wehrmachtsgegenst&auml;nde wie S&auml;bel und Helme, sowie mehr als 100.000 Schuss Munition sichergestellt. Bei den Waffen handelt es sich laut dem &ouml;sterreichischen Landespolizeipr&auml;sident Gerhard P&uuml;rstl um einen der &sbquo;gr&ouml;&szlig;ten Funde der letzten Jahrzehnte&lsquo;.&ldquo; (Neonazis horteten Waffen f&uuml;r deutsche Miliz, faz. de vom 12.12.2020)<\/p><p>Insgesamt sieben Verd&auml;chtige aus &Ouml;sterreich und Deutschland wurden festgenommen. Laut dem &ouml;sterreichischen Innenminister Karl Nehammer (&Ouml;VP) sollte mit den Waffen &bdquo;m&ouml;glicherweise eine rechtsradikale Miliz&ldquo; in Deutschland aufgebaut werden.<\/p><p>Und was man seit Jahrzehnten ge&uuml;bt und einstudiert als einzelne &bdquo;schwarze Schafe&ldquo; ausmachte, Polizisten mit rassistischer und neofaschistischer Gesinnung, ist ganz pl&ouml;tzlich ein systemisches Problem. Mittlerweile kann selbst ein CDU-Innenminister in Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul, nicht umhin, die These von den &bdquo;Einzelf&auml;llen in der Polizei zu widerrufen. Dort hatten und haben sich Dutzende Polizeibeamte in einem &bdquo;Chat&ldquo; zusammengeschlossen, in dem rassistisches und postfaschistisches Gedankengut gemeinsam gepflegt wurde\/wird. Das kam durch einen Zufall heraus. Was w&auml;re, wenn man systematisch nach solchen Zusammenschl&uuml;ssen suchen w&uuml;rde?<\/p><p><strong>Der Vorwurf der Beihilfe ist noch lange nicht vom Tisch<\/strong><\/p><p>Der Prozess in Frankfurt, der nun zu Ende gegangen ist, hat all dies ausgeblendet, geleugnet und vertuscht. Und das hat sicherlich sehr gute Gr&uuml;nde, denn es geht h&ouml;chstwahrscheinlich im Fall L&uuml;bcke vor allem darum, &bdquo;Staatsgeheimnisse&ldquo; zu wahren, deren Schutz der ehemalige Vize-Pr&auml;sident des Verfassungsschutzes Klaus-Dieter Fritsche bereits im NSU-Komplex angeordnet hatte: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es d&uuml;rfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden, die ein Regierungshandeln unterminieren.&ldquo; (2012 vor dem PUA in Berlin)\n<\/p><\/blockquote><p>Dazu z&auml;hlen ganz zentrale Fragen, denen man im Prozess nicht nachgegangen ist:<\/p><p>Gibt es unterschlagene oder &bdquo;unausgewertet&ldquo; gebliebene Spuren, die vom Mord an Halit Yozgat in Kassel 2006 zu dem Mord an Walter L&uuml;bcke 2019 f&uuml;hren?<\/p><p>Haben die Schutz- und Vertuschungsma&szlig;nahmen f&uuml;r den V-Mann-F&uuml;hrer Andreas Temme in Kassel (der am Tatort 2006 anwesend war) dazu beigetragen, dass Neonazis rund um Kassel unbehelligt, gar gesch&uuml;tzt wurden?<\/p><p>Wenn der Mord in Kassel 2006 nicht (alleine) von den beiden NSU-T&auml;tern ausge&uuml;bt wurde, dann stellt sich die Frage, ob diese zum engen und vertrauten Umfeld geh&ouml;ren, die zu Stephan Ernst und Markus Hartmann f&uuml;hren (w&uuml;rden).<\/p><p>Was w&uuml;rden die f&uuml;r urspr&uuml;nglich 120 Jahre geheimgehaltenen Ermittlungsakten an Erkenntnissen zutage f&ouml;rdern, die zur Aufkl&auml;rung des Mordes an Walter L&uuml;bcke beitragen k&ouml;nnen?<\/p><p>K&ouml;nnte man, m&uuml;sste man von Beihilfe sprechen, wenn sich bewahrheiten w&uuml;rde, dass Stephan Ernst 2018 auf einem geheimen Combat-18-Treffen dabei war und dies der Verfassungsschutz sehr wohl wusste, dass der Neonazi Stephan Ernst also gar nicht &bdquo;vom Schirm&ldquo; gerutscht ist?<\/p><p>All das w&uuml;rde f&uuml;r einen neuen Prozess reichen.<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong><\/p>\n<p>Mordfall L&uuml;bcke &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52342\">Von &bdquo;D&ouml;nermorden&ldquo; bis zur &bdquo;Kirmesspur&ldquo;<\/a><\/p>\n<p>Mordfall L&uuml;bcke &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52639\">NSU 2.0?<\/a><\/p>\n<p>Mordfall L&uuml;bcke &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52832\">Einzelt&auml;ter gesucht &hellip; und gefunden<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59071\">Am Ende der NSU-Trio-Version<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61988\">Der L&uuml;bcke-Mord vor Gericht<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stephan Ernst wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. 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