{"id":69335,"date":"2021-01-31T11:45:51","date_gmt":"2021-01-31T10:45:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69335"},"modified":"2021-01-31T14:11:12","modified_gmt":"2021-01-31T13:11:12","slug":"die-macht-des-schamgefuehls","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69335","title":{"rendered":"Die Macht des Schamgef\u00fchls"},"content":{"rendered":"<p>Seit jeher werden Dem&uuml;tigungen und Besch&auml;mungen in Politik und Gesellschaft als Machtinstrument eingesetzt. Die Historikerin Ute Frevert hat zu diesem Thema ein interessantes Buch vorgelegt: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A29685377&amp;listtype=search&amp;searchparam=Die%20Politik%20der%20Dem%C3%BCtigung.%20Schaupl%C3%A4tze%20von%20Macht%20und%20Ohnmacht\">&bdquo;Die Politik der Dem&uuml;tigung. Schaupl&auml;tze von Macht und Ohnmacht&ldquo;<\/a>. <strong>Udo Brandes<\/strong> hat es f&uuml;r die NachDenkSeiten gelesen.<br>\n<!--more--><br>\nAuf dem Cover von Ute Freverts Buch ist ein Foto abgebildet, das man aus der franz&ouml;sischen Geschichte kennt: Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Franz&ouml;sinnen, die Liebesbeziehungen zu deutschen Besatzungssoldaten eingegangen waren, dazu gezwungen, sich in aller &Ouml;ffentlichkeit als sichtbares Zeichen ihrer Schande eine Glatze scheren zu lassen. Auf dem Foto ist eine Frau zu sehen, deren Kopf schon fast kahl ist und die die Augen geschlossen h&auml;lt. Im Hintergrund ist die Menschenmenge zu sehen. Individuell erkennbar sind zwei Frauen, die lachen und sich offensichtlich &uuml;ber die Dem&uuml;tigung ihrer Geschlechtsgenossin au&szlig;erordentlich freuen. Wenn man dieses Foto sieht, kann man es nicht fassen, dass Menschen sich zu so viel Bosheit und Gemeinheit hinrei&szlig;en lassen. Heute, das betont auch Ute Frevert in ihrem Buch, herrscht eine gro&szlig;e Sensibilit&auml;t in Bezug auf Dem&uuml;tigungen und Verletzungen. Aber hei&szlig;t das auch, das wir heute tats&auml;chlich humaner miteinander umgehen? Dazu sp&auml;ter mehr. Zun&auml;chst zu einem weiteren Foto in Freverts Buch. Man k&ouml;nnte ja annehmen, dass solche &ouml;ffentlichen Dem&uuml;tigungen wenigstens staatlicherseits nicht mehr vorkommen. Auch auf dem Klappentext von Ute Freverts Buch hei&szlig;t es: &bdquo;Heute ist es nicht mehr der Staat, der besch&auml;mt und dem&uuml;tigt.&ldquo; Gleich ganz zu Anfang in ihrem Buch widerlegt sie sich selbst. Auf Seite acht ist ein Foto abgebildet, auf dem eine schwarze Amerikanerin namens Shena Hardin zu sehen ist, die an einer belebten Stra&szlig;e steht und ein Schild vor sich h&auml;lt. Auf dem Schild steht (nat&uuml;rlich in englischer Sprache) der Satz &bdquo;Nur eine Idiotin f&auml;hrt auf dem B&uuml;rgersteig, um einen Schulbus zu &uuml;berholen.&ldquo; Frevert erl&auml;utert dazu: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Genau das hat Hardin mehrfach getan, wof&uuml;r eine Richterin sie zu einer Geldstrafe und zu einem zeitweiligen Entzug des F&uuml;hrerscheins verurteilt. Damit nicht genug, verh&auml;ngt sie das, was die Amerikaner <strong>shame sanction<\/strong> nennen: eine Ehrenstrafe, die Hardin &ouml;ffentlich als Idiotin brandmarkt. Solche Sanktionen sollen strafen und disziplinieren, aber auch erziehen und bessern&ldquo; (S. 7).\n<\/p><\/blockquote><p>Zwar gibt es solche &ouml;ffentlichen Besch&auml;mungsaktionen staatlicherseits bei uns in Deutschland tats&auml;chlich nicht. Aber hei&szlig;t das etwa, das der Staat bei uns nicht mehr Menschen besch&auml;mt? Mir fallen dazu Zeitungsberichte &uuml;ber Wohnungsinspektionen durch Jobcenter ein, die &uuml;berpr&uuml;ften, ob ein Empf&auml;nger von Arbeitslosengeld II nicht doch irgendwo einen Koffer Bargeld versteckt hat oder ob vielleicht eine weitere Person in der Wohnung lebt. Ma&szlig;nahmen, die durch die Hartz-4-Gesetze legitimiert wurden. Ein weiteres Beispiel: In Zusammenhang mit Corona verschickten manche Gesundheits&auml;mter regelrechte Drohschreiben an B&uuml;rger, die in Quarant&auml;ne gehen mussten. Solche Schreiben sind deshalb Akte der staatlichen Besch&auml;mung von B&uuml;rgern, weil sie darin nicht wie erwachsene und im Grundsatz gleichberechtigte Staatsb&uuml;rger behandelt werden, sondern wie gef&auml;hrliche Schwerverbrecher. Deshalb erschlie&szlig;t es sich mir nicht, wieso Frevert auf die Idee kommt, der Staat w&uuml;rde bei uns heute nicht mehr besch&auml;men und dem&uuml;tigen. <\/p><p><strong>Warum besch&auml;men Menschen andere Menschen &ouml;ffentlich?<\/strong><\/p><p>Die Antwort ist einfach: Um ihren Machtanspruch durchzusetzen und Gef&uuml;gigkeit bei denjenigen zu erzeugen, die diesen Machtanspruch anerkennen sollen. Und Besch&auml;mungen sind ein hocheffektives Disziplinierungsinstrument daf&uuml;r. Kein Mensch riskiert es gern, besch&auml;mt zu werden. Ute Frevert beschreibt dies sehr gut:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Scham, das wussten bereits die antiken Philosophen, ist ein Gef&uuml;hl von ungeheurer Wucht und Wirkm&auml;chtigkeit. Sie kann t&ouml;dlich sein und pr&auml;gt sich auch den Weiterlebenden unausl&ouml;schlich ein. Wer sich einmal in &sbquo;Grund und Boden&rsquo; gesch&auml;mt hat, wird diese Erfahrung kaum je vergessen&ldquo; (S.10).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Aus Angst vor Besch&auml;mungen riskieren Menschen Kopf und Kragen<\/strong><\/p><p>Was aber macht Besch&auml;mungen so unertr&auml;glich, dass sie jeder Mensch um fast jeden Preis vermeiden will? Es ist vor allem der &ouml;ffentliche Blick. Man kann sich zwar auch sch&auml;men, ohne dass irgendjemand etwas von der eigenen &bdquo;Schandtat&ldquo; wei&szlig;. N&auml;mlich vor sich selbst, weil man die gesellschaftlichen Normen verinnerlicht hat. Aber der &ouml;ffentliche Blick ist es, der Schamgef&uuml;hle so unertr&auml;glich macht: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es ist das leidvolle Wissen um die Macht und die Gewalt des &ouml;ffentlichen Blicks, eines Blicks, der sich nicht absch&uuml;tteln l&auml;sst, der unter die Haut geht und am K&ouml;rper der Besch&auml;mten haften bleibt. Werden andere Menschen Zeugen individueller Fehlleistungen oder Normverst&ouml;&szlig;e, heizt dies das Schamgef&uuml;hl an; je mehr Wert man auf ihre Wertsch&auml;tzung legt, desto gr&ouml;&szlig;er wird die eigene Scham. Ein Kind, das in einem Laden einen Kaugummi mitgehen l&auml;sst und wei&szlig;, dass es das nicht tun darf, mag sich insgeheim daf&uuml;r sch&auml;men. Ertappt man es dabei und informiert die Eltern, bedarf es nicht einmal mehr der Aufforderung &sbquo;Sch&auml;m dich&rsquo;, um das entsprechende Gef&uuml;hl hervorzurufen. Vor aller Augen blo&szlig;gestellt zu sein treibt ihm brennende R&ouml;te ins Gesicht, es hat nur einen Wunsch: sich den besch&auml;menden Blicken zu entziehen. Aus diesem Grund nennen Psychologen Scham eine soziale oder interpersonale Emotion. Sie stellt sich mehrheitlich in Anwesenheit Dritter ein&ldquo; (S.10).\n<\/p><\/blockquote><p>Die soziale Einbettung von Scham, so Frevert, lasse Scham zu einem m&auml;chtigen und potentiell gef&auml;hrlichen Gef&uuml;hl werden. Sie veranschaulicht dies an einem literarischen Beispiel: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Aus Angst vor Besch&auml;mung riskieren Menschen Kopf und Kragen. So springt der kleine Uli in Erich K&auml;stners Kinderbuchklassiker <strong>Das fliegende Klassenzimmer<\/strong> von einer hohen Leiter, um zu beweisen, dass er kein Feigling ist. Oft haben ihn die Schulkameraden wegen seines Mangels an Mut geh&auml;nselt, und er lief dabei &sbquo;knallrot&rsquo; an. Sein Sprung bef&ouml;rdert ihn zwar mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus, bringt aber Peiniger und Sp&ouml;tter zum Schweigen. <\/p>\n<p>K&auml;stners Uli &ndash; das Buch erschien erstmals 1933 &ndash; wuchs in einer Jungenwelt auf, in der Feigheit ein schlimmer moralischer Makel war. Jungen mussten mutig sein und diesen Mut unter Beweis stellen. Taten sie das nicht, erlebten sie Verachtung und Zur&uuml;cksetzung bis zum Ausschluss aus der Gruppe. Uli hatte das akzeptiert und verinnerlicht, er wusste der H&auml;nselei nichts entgegenzusetzen als eine tollk&uuml;hne Tat&ldquo; (S. 10-11).\n<\/p><\/blockquote><p>Mir fiel dazu ein, was ein amerikanischer Weltkriegsveteran in einer Fernsehdokumentation zum sogenannten &bdquo;D-day&ldquo; berichtete, also dem Tag, an dem die Alliierten an der franz&ouml;sischen Normandie ihre gro&szlig;e Offensive  begannen und Zigtausende von amerikanischen Soldaten im Maschinengewehrfeuer der deutschen Wehrmachtsoldaten starben. Ich fragte mich damals, wie die amerikanischen Soldaten es &uuml;berhaupt fertigbrachten, bei der Erst&uuml;rmung des K&uuml;stenstreifens mitzumachen, obwohl die Wahrscheinlichkeit, dabei zu sterben, extrem hoch war. Der ehemalige amerikanische Soldat sagte dazu dem Sinne nach: &bdquo;Kein Soldat macht das aus Patriotismus oder sonstigen Idealen. Sondern nur aus einem Grund: Aus Angst vor der Reaktion der Kameraden.&ldquo; Mit anderen Worten: Aus Schamgef&uuml;hl und Isolationsangst. <\/p><p><strong>Ehrverletzungen k&ouml;nnen Kriege ausl&ouml;sen<\/strong><\/p><p>Man sollte also niemals untersch&auml;tzen, was Schamgef&uuml;hle und dementsprechend Besch&auml;mungen und Dem&uuml;tigungen anrichten k&ouml;nnen. Das gilt im &Uuml;brigen, wie Ute Frevert in vielen Beispielen zeigt, auch f&uuml;r die Beziehungen zwischen Staaten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Verletzt ein Staat die Ehre des anderen, ohne Satisfaktion zu geben und sich zu entschuldigen, kann das einen Krieg ausl&ouml;sen, so 1870 zwischen Frankreich und Preu&szlig;en. Endet der Krieg mit einem f&uuml;r den Unterlegenen dem&uuml;tigenden Friedensschluss, wie man es 1919 in Deutschland, &Ouml;sterreich oder Ungarn erlebte, wird ein neuer Waffengang wahrscheinlicher. Politiker und Diplomaten sind in solchen F&auml;llen gut beraten, mit Fingerspitzengef&uuml;hl vorzugehen und Dem&uuml;tigungen zu vermeiden&ldquo; (S.16).\n<\/p><\/blockquote><p>Als ich diese Worte von Ute Frevert las, w&uuml;nschte ich mir, dass unsere au&szlig;enpolitischen &bdquo;Eliten&ldquo; von Norbert R&ouml;ttgen &uuml;ber Cem &Ouml;zdemir bis hin zu Au&szlig;enminister Heiko Maas das Buch von Ute Frevert einmal lesen. Vielleicht w&uuml;rden sie wenigstens dann verstehen, was sie mit ihren irrationalen, und nach meinem Eindruck bisweilen regelrecht hasserf&uuml;llten Hetzkampagnen gegen Russland und den russischen Pr&auml;sidenten Putin anrichten. Und erkennen, wie gef&auml;hrlich das ist. <\/p><p><strong>Medien k&ouml;nnen Konflikte zwischen Staaten anheizen<\/strong><\/p><p>Ute Frevert betont, dass bei Dem&uuml;tigungen in der internationalen Politik Medien eine wichtige Rolle spielen und Konflikte zwischen Staaten anheizen k&ouml;nnen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Medien werden dabei mehr und mehr zu Akteuren eigenen Rechts: Sie k&ouml;nnen Normverst&ouml;&szlig;e ausfindig machen, vorgebliche Dem&uuml;tigungen aufsp&uuml;ren und aufbauschen, Sanktionen einfordern. Und sie k&ouml;nnen selber an der Dem&uuml;tigungsschraube drehen, indem sie eigene und fremde Politiker verspotten, karikieren, in den Schmutz ziehen. Hohe Wellen schlug 2016 das sogenannte Schm&auml;hgedicht des deutschen TV-Moderators Jan B&ouml;hmermann auf den t&uuml;rkischen Pr&auml;sidenten Recep Taypip Erdogan. Dessen Vize stufte es als Beleidigung des Pr&auml;sidenten und aller 78 Millionen T&uuml;rken ein. Erdogan strengte daraufhin nicht nur eine private Beleidigungsklage gegen den Satiriker an, sondern wollte ihn nach &sect; 103 STGB (Beleidigung von Organen und Vertretern ausl&auml;ndischer Staaten) belangt sehen&ldquo; (S.17).\n<\/p><\/blockquote><p>Zum Schluss noch ein Gedanke: Ute Frevert betont, wie auch zu Anfang gesagt, dass es heute eine deutlich h&ouml;here Sensibilit&auml;t f&uuml;r das gef&auml;hrliche Potential von Dem&uuml;tigungen und Besch&auml;mungen gibt. Das stimmt einerseits. Kinder zum Beispiel werden heute im Durchschnitt wesentlich respektvoller behandelt als fr&uuml;her. K&ouml;rperliche Gewalt gegen Kinder ist inzwischen nicht nur gesellschaftlich weitgehend ge&auml;chtet, sondern auch gesetzlich verboten. Auch besteht ohne Zweifel eine h&ouml;here Sensibilit&auml;t im Umgang mit Minderheiten. Gleichzeitig kann man aber auch beobachten, dass ausgerechnet das Milieu der Politisch Korrekten Andersdenkende ausgesprochen feindselig behandelt und regelrecht verfolgt &ndash; unter anderem mit &ouml;ffentlichem Anprangern. Deshalb ist meines Erachtens die Sensibilit&auml;t f&uuml;r Verletzungen durch Dem&uuml;tigungen nicht unbedingt gestiegen. Vielmehr hat sich die Praxis von Dem&uuml;tigungen und Besch&auml;mungen nur auf andere Schaupl&auml;tze verlagert und es wird anders damit umgegangen. Aber unsere Gesellschaft ist nicht unbedingt humaner geworden. <\/p><p><strong>Res&uuml;mee<\/strong><\/p><p>Ute Freverts Buch ist eine Reise durch 250 Jahre Dem&uuml;tigungen und Besch&auml;mungen in Politik und Gesellschaft. Die Beispiele reichen vom Privaten &uuml;ber Schulp&auml;dagogik bis hin zur internationalen Politik und dem &bdquo;Medienpranger&ldquo;. Sie fragt, wie es m&ouml;glich ist, dass sich junge Menschen freiwillig in TV-Formaten wie Deutschland sucht den Superstar entw&uuml;rdigen lassen. Und sie thematisiert am Beispiel von Willy Brandts Kniefall auch die Politik der Entschuldigung durch das &ouml;ffentliche Zeigen von Demut. Wer sich f&uuml;r das Thema Dem&uuml;tigungen und Besch&auml;mungen in Politik und Gesellschaft interessiert, der sollte zum Buch von Ute Frevert greifen. Man findet hier reichhaltiges Material. Ich kann es deshalb nur empfehlen. <\/p><p><strong>Ute Frevert: Die Politik der Dem&uuml;tigung. Schaupl&auml;tze von Macht und Ohnmacht, Frankfurt a. M. 2017, 336 Seiten, 25 Euro<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit jeher werden Dem&uuml;tigungen und Besch&auml;mungen in Politik und Gesellschaft als Machtinstrument eingesetzt. 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