{"id":69374,"date":"2021-02-01T09:10:07","date_gmt":"2021-02-01T08:10:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69374"},"modified":"2026-01-27T11:39:08","modified_gmt":"2026-01-27T10:39:08","slug":"michael-hartmann-aermere-haushalte-muessen-sofort-massive-hilfe-erfahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69374","title":{"rendered":"Michael Hartmann: \u201e\u00c4rmere Haushalte m\u00fcssen sofort massive Hilfe erfahren\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ob in den USA, in anderen westlichen Industriestaaten oder in Deutschland: Die Pandemie setzt den Armen schwer zu.  Betroffen sind insbesondere auch die Kinder. &bdquo;Die Bildungsbenachteiligung f&uuml;r diese Kinder wird massiv zunehmen&ldquo;, sagt der Soziologe <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63152\">Michael Hartmann<\/a><\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Der R&uuml;ckstand der armen Kinder werde deutlich gr&ouml;&szlig;er ausfallen, als es bisher schon der Fall war. &bdquo;Die Konsequenzen&ldquo;, so der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39443\">Eliteforscher<\/a>, &bdquo;wird man in den n&auml;chsten Jahren und Jahrzehnten sehen.&ldquo; Ein Interview &uuml;ber die Lage armer Kinder in der Pandemie, die schweren Auswirkungen auf geringf&uuml;gig Besch&auml;ftigte und die Frage, was Politiker nun unternehmen sollten. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3626\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-69374-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210201_Michael_Hartmann_Aermere_Haushalte_muessen_sofort_massive_Hilfe_erfahren_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210201_Michael_Hartmann_Aermere_Haushalte_muessen_sofort_massive_Hilfe_erfahren_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210201_Michael_Hartmann_Aermere_Haushalte_muessen_sofort_massive_Hilfe_erfahren_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210201_Michael_Hartmann_Aermere_Haushalte_muessen_sofort_massive_Hilfe_erfahren_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=69374-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210201_Michael_Hartmann_Aermere_Haushalte_muessen_sofort_massive_Hilfe_erfahren_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210201_Michael_Hartmann_Aermere_Haushalte_muessen_sofort_massive_Hilfe_erfahren_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Michael Hartmann war 2017 <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39443\">Gast der Pleisweiler Gespr&auml;che<\/a> und bot bei seinem Vortrag viele Einsichten in die wirkliche Lage der Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung und zu den Hintergr&uuml;nden.<\/em><\/p><p><strong>Herr Hartmann, in den vergangenen Monaten war immer mal wieder zu h&ouml;ren, das Virus mache nicht vor Klassengrenzen Halt. Es treffe Arme, aber auch Reiche.<\/strong><br>\n<strong>Die Realit&auml;t ist aber doch: In der Pandemie gibt es sehr wohl ziemliche Unterschiede zwischen den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62174\">Armen<\/a> und Reichen. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich gibt es gro&szlig;e Unterschiede. Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas. Sie macht schon existierende Unterschiede deutlicher und verst&auml;rkt sie gleichzeitig. Fr&uuml;her und auch deutlicher als in Deutschland war das in den USA zu beobachten, weil die erste Welle dort sehr viel st&auml;rker ausfiel und bei den statistischen Erhebungen fast immer nach &bdquo;Race&ldquo; unterschieden wird. <\/p><p><strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Die Afroamerikaner waren dreimal h&auml;ufiger von einer Infektion durch Covid 19 betroffen als ihre wei&szlig;en Landsleute und sie starben sogar fast viermal h&auml;ufiger daran. Der wesentliche Grund f&uuml;r diese enorme Differenz ist in den unterschiedlichen Lebensbedingungen zu suchen. Das Haushaltseinkommen der wei&szlig;en US-Amerikaner liegt mit gut 76.000 Dollar um zwei Drittel h&ouml;her als das ihrer schwarzen Mitb&uuml;rger, die es nur auf gut 45.000 Dollar bringen. Hier schl&auml;gt sich nieder, dass die Afroamerikaner in der Regel deutlich schlechter bezahlte und unsicherere Jobs haben. Im Niedriglohnsektor sind sie weit &uuml;berproportional vertreten. Das bedeutet unter anderem auch, dass sie seltener krankenversichert sind.  All das macht sie f&uuml;r die Pandemie wesentlich anf&auml;lliger.<\/p><p><strong>Wer &uuml;ber wenig Geld verf&uuml;gt, wohnt nat&uuml;rlich oft auch anders als die, die &uuml;ber mehr finanzielle Mittel verf&uuml;gen.<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich, die Wohnungen sind oft vergleichsweise klein und schlecht ausgestattet. Das Risiko gegenseitiger Ansteckungen wird so erheblich erh&ouml;ht. Hinzu kommt die ohnehin nicht sonderlich gesunde Wohnumgebung in den gro&szlig;st&auml;dtischen Ghettos. Wie schon gesagt, setzt sich das Problem fort mit der Tatsache, dass jeder neunte Schwarze &uuml;berhaupt nicht krankenversichert ist und dementsprechend einen Besuch beim Arzt soweit wie irgend m&ouml;glich zu vermeiden sucht. Dann k&ouml;nnen viele, selbst wenn sie zum Arzt gehen wollen, das mit ihrer Arbeit nicht vereinbaren. Sie m&uuml;ssen in so einem Fall mit einer K&uuml;ndigung rechnen. Au&szlig;erdem &uuml;ben sie oft T&auml;tigkeiten aus wie das Austragen von Paketen, das Auff&uuml;llen von Regalen oder das Fahren von Bussen, die kein Home-Office erlauben, und sind damit den Ansteckungsgefahren st&auml;rker ausgesetzt. Alles zusammen sorgt f&uuml;r die vergleichsweise hohen Infektions- und Todeszahlen.<\/p><p><strong>Wie sieht es denn mit den wirtschaftlichen Folgen f&uuml;r diese Gruppe aus?<\/strong><\/p><p>Auch darunter leiden die Afroamerikaner erheblich st&auml;rker. Nach dem Auslaufen der ersten Welle im Sommer hatte sich der Arbeitsmarkt insgesamt zwar erholt, das Rekordtief bei der Arbeitslosenquote von 15 Prozent fast halbiert auf weniger als acht Prozent. <\/p><p><strong>Aber?<\/strong><\/p><p>Das galt in erster Linie aber nur f&uuml;r die besser bezahlten Jobs, die &uuml;berwiegend von Wei&szlig;en besetzt werden. Von den wei&szlig;en M&auml;nnern waren im Sommer nur noch gut sechs Prozent arbeitslos, w&auml;hrend die Arbeitslosigkeit bei den Schwarzen wie auch bei den Hispanics mit elf Prozent auf einem relativ hohen Stand verblieben war. An dieser Differenz hat sich bis heute kaum etwas ge&auml;ndert. Dieser Unterschied l&auml;sst sich im Kern auch in allen anderen westlichen Industriestaaten feststellen. Er f&auml;llt allerdings immer dort am st&auml;rksten aus, wo wie in den USA gro&szlig;e Rassen- und Klassengegens&auml;tze zusammenfallen.<\/p><p><strong>Wie sieht es in Deutschland mit der Ungleichheit in der Corona-Krise aus?<\/strong><\/p><p>In Deutschland bietet sich im Gro&szlig;en und Ganzen ein &auml;hnliches, allerdings nicht ganz so krasses Bild, weil die Gegens&auml;tze auch dank eines anderen Gesundheitssystems nicht so scharf ausgepr&auml;gt sind wie in den USA. Die Corona-Pandemie trifft in Deutschland ebenfalls diejenigen am h&auml;rtesten, die schon vorher mit vergleichsweise schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen zu k&auml;mpfen hatten. So mussten nach einer aktuellen Untersuchung des WSI Langzeitarbeitslose in der ersten Jahresh&auml;lfte 2020 fast doppelt so h&auml;ufig wegen Corona in ein Krankenhaus eingewiesen werden wie Besch&auml;ftigte. Auch kurzfristig arbeitslos gewordene Personen waren wegen Corona um &uuml;ber ein Drittel h&auml;ufiger im Krankenhaus. <\/p><p><strong>Insbesondere auch geringf&uuml;gig Besch&auml;ftigte d&uuml;rften betroffen sein.<\/strong><\/p><p>Davon ist auszugehen,  denn: Allein bis Ende Juni 2020 hat nach Angaben des DIW jeder achte Minijobber seinen Job verloren, insgesamt 850.000. Fast ein Viertel davon entfiel allein auf die Restaurants und Gastst&auml;tten. Inzwischen d&uuml;rfte die Gesamtzahl bei &uuml;ber einer Million liegen. F&uuml;r 60 Prozent von ihnen war das ihre Hauptt&auml;tigkeit, von der sie leben mussten. Das waren &uuml;ber viereinhalb Millionen Menschen. Ganz allgemein sind Haushalte umso st&auml;rker betroffen, je weiter unten in der Einkommensskala sie angesiedelt sind. Haushalte mit einem Einkommen von bis zu 1.500 Euro netto haben gem&auml;&szlig; der WSI-Studie in der ersten Welle der Pandemie fast doppelt so h&auml;ufig Einbu&szlig;en erlitten wie Haushalte mit mehr als 4.500 Euro netto. Es traf fast jeden zweiten und die Verluste waren auch weit gr&ouml;&szlig;er. Mehr als die H&auml;lfte musste auf mindestens ein Viertel seines Einkommens verzichten. Bei den hohen Einkommensgruppen war das nur gut jeder vierte. Da macht sich bemerkbar, dass Minijobber keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld haben und bei den &uuml;brigen Empf&auml;ngern niedriger Einkommen auch nur bei jedem dritten das sowieso schon sehr geringe Kurzarbeitergeld aufgestockt wird. In der zweiten Welle d&uuml;rfte sich diese ungleiche Betroffenheit verst&auml;rkt fortgesetzt haben.<\/p><p><strong>Welche Auswirkungen hat die Pandemie also auf die Kluft zwischen Arm und Reich hierzulande?<\/strong><\/p><p>Die Kluft zwischen Arm und Reich ist gr&ouml;&szlig;er geworden. Die hohen Verm&ouml;gen haben, wie man an den Aktienkursen ablesen kann, ihre anf&auml;nglichen Verluste inzwischen wieder wettgemacht, wenn sie nicht sogar dazugewonnen haben. Die hundert reichsten Deutschen sind heute deutlich reicher, als sie es Ende 2019 waren. Auch hier gilt die Regel, dass der Teufel immer auf den gr&ouml;&szlig;ten Haufen schei&szlig;t, und umgekehrt. Je weniger jemand vor dem Ausbruch der Pandemie hatte, umso st&auml;rker ist er von Verlusten betroffen. Das gilt auch f&uuml;r die, die schon zuvor nur Schulden hatten. Die Schulden sind weiter gestiegen, durch Mietr&uuml;ckst&auml;nde, &Uuml;berziehungskredite aufgrund fehlender Einkommen etc.  Bei den Reichen ist es genau umgekehrt. Zwar gibt es auch hier Verlierer wie etwa Gro&szlig;gastronomen oder Gro&szlig;veranstalter. Insgesamt aber hat diese Gruppe, soweit man das jetzt schon aus Einzelanalysen herauslesen kann, ihren Anteil am Gesamteinkommen wie vor allem am Gesamtverm&ouml;gen noch steigern k&ouml;nnen. W&auml;hrend die Aktienportfolios in ihrer Gesamtheit mittlerweile wieder auf dem Niveau von Anfang 2020 stehen und die Immobilienpreise sogar weiter zugenommen haben, haben die Reall&ouml;hne den Verlust aus dem zweiten Quartal von 4,7 Prozent, ein noch st&auml;rkerer R&uuml;ckgang als in der Finanzkrise 2008\/2009, nicht wieder aufholen k&ouml;nnen. Dieser R&uuml;ckgang ist dabei sehr ungleich verteilt, f&auml;llt umso gr&ouml;&szlig;er aus, je weniger jemand vorher schon verdient hat. Nimmt man noch die Menschen dazu, die &uuml;berhaupt kein Erwerbseinkommen haben, wird die Kluft noch deutlicher. <\/p><p><strong>Wo sehen Sie noch Probleme?<\/strong><\/p><p>Die sehe ich vor allem im Bereich der Bildung. Der fl&auml;chendeckende Ausfall des Pr&auml;senzunterrichts trifft die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63671\">Kinder aus armen Familien<\/a> viel h&auml;rter als die aus durchschnittlichen oder gar aus wohlhabenden Familien. Das hat verschiedene Gr&uuml;nde, von der im Haushalt gesprochenen Sprache bei Migrantenfamilien &uuml;ber fehlende oder beengte R&auml;umlichkeiten bis hin zur schlechten Ausstattung mit IT-Ger&auml;ten. So klagt fast jedes zweite Kind aus armen Familien &uuml;ber nicht genug Platz zum Lernen zuhause, jedes sogar achte &uuml;ber gar keinen Platz. Auch hat jedes vierte keine M&ouml;glichkeit, ins Internet zu gelangen. Bei den &uuml;brigen drei Vierteln bleibt vielfach nur das Smartphone. Damit kann man dem Unterricht oft aber nur beschr&auml;nkt folgen. Die Konsequenzen wird man in den n&auml;chsten Jahren und Jahrzehnten sehen. Die Bildungsbenachteiligung f&uuml;r diese Kinder wird massiv zunehmen, ihr R&uuml;ckstand deutlich gr&ouml;&szlig;er ausfallen als bisher schon und ihre Lebenschancen werden damit noch einmal schlechter sein, als sie es heute schon sind. Der Teufelskreis von Armut und niedrigen Bildungsabschl&uuml;ssen wird an Fahrt gewinnen.<\/p><p><strong>Welche Schritte m&uuml;ssten von politischer Seite unternommen werden?<\/strong><\/p><p>Meiner Meinung nach w&auml;ren drei Schritte ganz besonders wichtig. Erstens m&uuml;ssten &auml;rmere Haushalte sofort massive Hilfe erfahren. <\/p><p><strong>Wie das?<\/strong><\/p><p>Durch gro&szlig;z&uuml;gige Einmalzahlungen, eine deutliche Anhebung der Hartz-IV-S&auml;tze, wenn man Hartz IV schon nicht abschaffen kann, und eine Wiedereinsetzung der Regelung f&uuml;r Mietr&uuml;ckst&auml;nde &uuml;ber den 30. Juni 2020 hinaus, die K&uuml;ndigungen aufgrund fehlender Mietzahlungen ausschloss. <\/p><p><strong>Zweitens?<\/strong><\/p><p>Kinder aus &auml;rmeren Haushalten m&uuml;ssen soweit irgend m&ouml;glich wieder den Zugang zu KITAs und Schulen erhalten oder, wo das nicht m&ouml;glich ist, sofort die f&uuml;r einen Distanzunterricht notwendige IT-Ausr&uuml;stung zur Verf&uuml;gung gestellt bekommen. Drittens schlie&szlig;lich m&uuml;sste eine Form des Lastenausgleichs beschlossen werden, die daf&uuml;r sorgt, dass die Kosten der Corona-Pandemie nicht wieder wie  bei der Finanzkrise &uuml;berwiegend von der Normalbev&ouml;lkerung getragen werden, sondern von den Wohlhabenden und Reichen. <\/p><p><strong>Ihnen ist aber schon klar, wie weit die aktuelle Politik von diesen Forderungen entfernt ist?<\/strong><\/p><p>Deshalb bin ich skeptisch, was sich davon durchsetzen l&auml;sst. Die Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse haben sich durch den Arbeitsplatzverlust und die Verschuldung vieler Menschen zugunsten der herrschenden Klasse ver&auml;ndert. Die aber wird solche Ma&szlig;nahmen nicht einfach hinnehmen. <\/p><p><strong>Lassen Sie mich bitte kurz einhaken. Sie verwenden den Ausdruck <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23757\">&bdquo;herrschende Klasse&ldquo;<\/a>. Alleine schon eine einfache Suche auf Google News zeigt: <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Journalismus-Scheuklappenrealismus-ueber-Laendergrenzen-hinweg-3336555.html?seite=all\">Leitmedien<\/a> verwenden diesen Begriff allenfalls im Zusammenhang mit fernen L&auml;ndern. Wenn Sie als Soziologe diesen Ausdruck gebrauchen, haben Sie wahrscheinlich einen guten Grund daf&uuml;r, oder?<\/strong><\/p><p>Ich verwende den Begriff, weil er die grundlegenden Machtverh&auml;ltnisse in der Gesellschaft deutlich macht. Aus der sozialwissenschaftlichen Diskussion wie auch in den Medien hierzulande ist er nach dem Krieg leider so gut wie vollst&auml;ndig verschwunden. Das ist in Frankreich, Gro&szlig;britannien oder den USA etwas anders. Dort wurde und wird er durchaus noch benutzt, auch von prominenten Vertretern wie Pierre Bourdieu oder Robert Reich. Mit herrschender Klasse meine ich im Unterschied zum landl&auml;ufigen Verst&auml;ndnis allerdings nicht einfach die Kapitalbesitzer. Ich stimme hier mit der Position von <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56170\">C. Wright Mills<\/a> &uuml;berein. Er hat zu recht davor gewarnt, &ouml;konomisch herrschend einfach mit politisch herrschend gleichzusetzen und damit die Autonomie der politischen Elite zu untersch&auml;tzen. Zur herrschenden Klasse geh&ouml;ren nat&uuml;rlich die gro&szlig;en Kapitaleigner. Dazu kommen dann aber auch jene Personen, die Elitepositionen in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen &uuml;ber lange Zeit innehaben wie etwa Wolfgang Sch&auml;uble in der Politik oder Rudolf Mellinghoff in der Justiz. Sch&auml;uble war seit 1984 allein zwei Jahrzehnte Bundesminister und in der &uuml;brigen Zeit Partei- und Fraktionsvorsitzender. Mellinghoff ist nach &uuml;ber einem Jahrzehnt als Bundesverfassungsrichter inzwischen fast ein Jahrzehnt Pr&auml;sident des Bundesfinanzhofs. Beide kommen au&szlig;erdem, was wichtig ist, aus b&uuml;rgerlichen Familien. Die herrschende Klasse unterscheidet sich von den Eliten vor allem in zwei zentralen Punkten. Sie ist erheblich homogener und man geh&ouml;rt ihr &uuml;ber lange Zeit an. Eine Eliteposition als Minister oder Chefredakteur kann man auch nur f&uuml;r ein oder zwei Jahre innehaben und sie dann wieder verlieren. Mitglied der herrschenden Klasse ist man in der Regel &uuml;ber Jahrzehnte. Au&szlig;erdem ist der Zusammenhang innerhalb der herrschenden Klasse durch die dauerhaften Kontakte untereinander und die oft gleiche oder zumindest sehr &auml;hnliche soziale Herkunft aus B&uuml;rger- oder Gro&szlig;b&uuml;rgertum sehr viel enger.<\/p><p><strong>Nochmal zu Ihren Vorschl&auml;gen: In welche Richtung wird es politisch gehen?<\/strong><\/p><p>Einen Vorgeschmack auf die kommenden Auseinandersetzungen bietet derzeit die Reaktion auf den Vorschlag von Kanzleramtsminister Braun, die Schuldenbremse f&uuml;r mehrere Jahre auszusetzen. Dieser Versuchsballon zeigt zwar, dass es auch unter den Eliten und innerhalb der herrschenden Klasse noch keine eindeutige Linie gibt, die sofortigen heftigen Proteste seitens der Mehrheit der CDU\/CSU-Fraktion und der Wirtschaftsvertreter weisen aber die Richtung. Die Kosten sollen nach M&ouml;glichkeit wie bei der Finanzkrise verteilt werden. Daf&uuml;r spricht auch, dass der Gedanke an eine Verm&ouml;gensabgabe fast so schnell wieder von der politischen Tagesordnung verschwunden ist, wie er im letzten Jahr seitens der SPD-Ko-Vorsitzenden Saskia Esken auftauchte. Trotz meiner Skepsis bleibt einem aber nichts anderes &uuml;brig, als f&uuml;r solche Ma&szlig;nahmen zu k&auml;mpfen.<\/p><p>Titelbild: Fabiophototravel\/shutterstock.com<\/p><p><em>Lesetipp: Hartmann, Michael. <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/e-Book\/Alle-Buecher\/Die-Abgehobenen.html?\">Die Abgehobenen. Wie die Eliten die Demokratie gef&auml;hrden.<\/a> Campus. 276 Seiten. 19,95 Euro.<\/em><\/p><p><em>Hartmann, Michael: Soziale Ungleichheit &ndash; Kein Thema f&uuml;r die Eliten. Campus. 256 Seiten. Mai 2013. <\/em><\/p><p><em><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher-mehr\/die-machtelite.html\">Mills, C. Wright: Die Machtelite. Westend Verlag, Frankfurt\/Main 2019, 574 Seiten, gebunden, 29,99 Euro.<\/a><\/em><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/94ad3153c6a34eaaab22a785ae3d46da\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob in den USA, in anderen westlichen Industriestaaten oder in Deutschland: Die Pandemie setzt den Armen schwer zu. Betroffen sind insbesondere auch die Kinder. &bdquo;Die Bildungsbenachteiligung f&uuml;r diese Kinder wird massiv zunehmen&ldquo;, sagt der Soziologe <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63152\">Michael Hartmann<\/a><\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. 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