{"id":69388,"date":"2021-02-01T12:08:31","date_gmt":"2021-02-01T11:08:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69388"},"modified":"2021-02-01T14:22:27","modified_gmt":"2021-02-01T13:22:27","slug":"wenn-maschinen-menschen-kontrollieren-erfahrungen-mit-der-haeuslichen-corona-quarantaene-in-moskau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69388","title":{"rendered":"Wenn Maschinen Menschen kontrollieren \u2013 Erfahrungen mit der h\u00e4uslichen Corona-Quarant\u00e4ne in Moskau"},"content":{"rendered":"<p>Wer in Moskau eine leichte Corona-Erkrankung in h&auml;uslicher Quarant&auml;ne auskuriert, muss sich mehrmals am Tag &uuml;ber eine Corona-App und ein Selfie &bdquo;identifizieren&ldquo;. Unser Autor berichtet, warum es gegen die App Proteste gibt. Von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>, Moskau.<br>\n<!--more--><br>\nBis vor kurzem dachte ich, ich k&ouml;nnte die Corona-Krise in meiner Moskauer Wohnung locker &uuml;berstehen. Diese meine Erwartung &auml;nderte sich in der zweiten Januar-Woche. Mir war &uuml;bel und ich bekam 38,5 Grad Fieber. Nach ein paar Tagen klangen die Symptome wieder ab. <\/p><p>Um auf Nummer sicher zu gehen, ging ich in eine private Ambulanz, um einen Corona-Test zu machen. Und dann die &Uuml;berraschung: Bevor ich die offizielle Mitteilung der Ambulanz bekam, stand am 17. Januar pl&ouml;tzlich ein Erste-Hilfe-Wagen vor meiner T&uuml;r. Ein freundlicher Arzt teilte mir mit, ich sei positiv getestet worden. In meiner Wohnung kontrollierte er &uuml;ber eine Klammer an meinem Mittelfinger den Sauerstoffgehalt in meinem Blut und h&ouml;rte meine Lunge ab. Der Sauerstoffgehalt lag mit 98 Prozent im gr&uuml;nen Bereich und auch in der Lunge gab es nichts Besonderes zu h&ouml;ren. Der Arzt erkl&auml;rte, ich h&auml;tte nur schwache Corona-Symptome, m&uuml;sse aber erstmal zwei Wochen zuhause bleiben.<\/p><p><strong>Wer zu h&auml;uslicher Quarant&auml;ne nicht bereit ist, muss ins Krankenhaus<\/strong><\/p><p>Ich verpflichtete mich schriftlich, mich vierzehn Tage lang nicht aus der Wohnung zu bewegen. Au&szlig;erdem kam ich der Verpflichtung nach, die <a href=\"https:\/\/www.mos.ru\/city\/projects\/monitoring\/\">Corona-App<\/a> mit dem Namen &bdquo;Social Monitoring&ldquo; auf mein Handy zu laden. &Uuml;ber die App wird seitdem kontrolliert, wo ich mich aufhalte beziehungsweise wo mein Handy sich aufh&auml;lt. <\/p><p>H&auml;tte ich die Verpflichtungserkl&auml;rung nicht unterschrieben und die App nicht hochgeladen, w&auml;re ich zwangsweise in ein spezielles Krankenhaus eingeliefert worden. Wer kein Handy hat, dem wird von der Stadt Moskau notfalls eins zur Verf&uuml;gung gestellt.<\/p><p>Noch zweimal kamen &Auml;rzte von der nahegelegenen Poliklinik in meine Wohnung, um meine Lunge abzuh&ouml;ren. Doch da ich mich immer besser f&uuml;hlte, mein Husten und meine Ermattung zur&uuml;ckgingen und die K&ouml;rpertemperatur im normalen Bereich lag, wurde mein Gesundheitszustand in meiner zweiten Quarant&auml;ne-Woche von &Auml;rztinnen der nahegelegenen Poliklinik per Telefonanruf kontrolliert. <\/p><p><strong>Meine Corona-App spinnt<\/strong><\/p><p>Doch es gab ein Problem. Ich kam mit meiner Corona-App nicht klar. Die App teilte mir mit, ich soll ein Selfie schicken. Ich schickte das Selfie, bekam aber kurze Zeit sp&auml;ter die Mitteilung, &bdquo;das Foto konnte nicht gepr&uuml;ft werden&ldquo;. <\/p><p>Merkw&uuml;rdig, dachte ich, mein Gesicht war gut beleuchtet, die Brille hatte ich abgenommen, der Gesichtsausdruck war normal.  Was war da los? Ich rief also die &bdquo;technische Unterst&uuml;tzung&ldquo; an. Doch der Herr am anderen Ende der Leitung konnte mir nicht erkl&auml;ren, was da mit meinem Foto nicht klappte. <\/p><p>Elf Tage nach dem Beginn meiner h&auml;uslichen Quarant&auml;ne &ndash; inzwischen war ich zuhause von einer &Auml;rztin als &bdquo;Corona-negativ&ldquo; getestet worden &ndash; guckte ich mal wieder auf mein Handy. Eher zuf&auml;llig &ouml;ffnete ich die Abteilung &bdquo;Geschichte der Identifizierung&ldquo; und sah sehr erstaunt 26 Meldungen &uuml;ber von mir missachtete Identifizierungsaufforderungen. <\/p><p>Ich rief nochmal die &bdquo;technische Unterst&uuml;tzung&ldquo; an. Und nun, kurz vor dem Ende meiner zweiw&ouml;chigen Quarant&auml;ne-Zeit, erfuhr ich von der telefonischen Beratung, dass ich verpflichtet bin, mich mehrmals am Tag per Selfie &bdquo;zu identifizieren&ldquo;. Diese Information erhielt ich das erste Mal.<\/p><p>Ich konnte das zun&auml;chst nicht glauben. Doch nun las ich das erste Mal die Gebrauchsanleitung f&uuml;r das Moskauer &bdquo;Social Monitoring&ldquo; und da stand Schwarz auf Wei&szlig;, dass man mehrmals am Tag &bdquo;in unregelm&auml;&szlig;igen Zeitabst&auml;nden zwischen neun und 22 Uhr&ldquo; eine SMS mit der Aufforderung bekommt, sich per Selfie &bdquo;innerhalb einer Stunde zu identifizieren&ldquo;. Beim Selfie soll nicht nur das Gesicht, sondern auch die Wohnung &bdquo;gut ausgeleuchtet&ldquo; sein. Es reicht also nicht das Gesicht, man will auch die Wohnung sehen. Die Intimsph&auml;re wird so einfach ausgehebelt.<\/p><p><strong>Fast wie in einer Kaserne<\/strong><\/p><p>Man soll also als Kranker nicht schlapp machen und sich st&auml;ndig in fast milit&auml;rischer Bereitschaft halten? Das kann doch nicht wahr sein! Dreimal am Tag sollte ich meine Unschuld mit Fotos beweisen, die auch einen Teil der Wohnungseinrichtung zeigen. <\/p><p>Wie ich sp&auml;ter erfuhr, gab es gegen die Corona-App viel Protest. Wegen massiver Strafzahlungen wegen angeblicher Nichteinhaltung der h&auml;uslichen Quarant&auml;ne gr&uuml;ndeten sich Rechtshilfegruppen. Doch der Moskauer B&uuml;rgermeister Sergej Sobjanin blieb hart. Er erkl&auml;rte, dass die h&auml;usliche Quarant&auml;ne ohne die Corona-App nicht eingehalten wird. <\/p><p>Man kann es auch anders ausdr&uuml;cken: Der B&uuml;rgermeister traut den B&uuml;rgern nicht, dass sie sich gegen&uuml;ber ihren Mitb&uuml;rgern verantwortungsvoll verhalten. Doch warum versucht man dann nicht, durch Aufkl&auml;rung das Verantwortungsgef&uuml;hl zu steigern und setzt stattdessen auf fast milit&auml;rische Anwesenheitskontrolle?<\/p><p>Als ich mit meinen Bekannten &uuml;ber die Corona-App sprach, stellte ich zu meinem Erstaunen fest, dass die meisten versuchen &ndash; selbst bei Krankheitssymptomen &ndash; sich von Krankenh&auml;usern und Corona-Test-Stationen fernzuhalten. Viele Moskauer haben Angst, in die M&uuml;hle einer unbarmherzigen B&uuml;rokratie zu geraten. <\/p><p><strong>Muss ich nun &uuml;ber 1.000 Euro Strafe zahlen?<\/strong><\/p><p>Aber wie kam es, dass ich die SMS-Aufforderungen zur Identifizierung nicht bemerkte? Vermutlich hatte ich die SMS-Signal-T&ouml;ne bei meinem Handy abgestellt. Wenn man krank ist, braucht man ja Ruhe. <\/p><p>Auch per E-Mail kamen keine Aufforderungen zur &bdquo;Identifizierung&ldquo; per Selfie und es kamen auch keine Strafzettel. Der Mann von der Telefonberatung riet mir, meine App &uuml;ber Google Play Market &bdquo;nachzuladen&ldquo;. Doch meine Corona-App war auf dem neuestem Stand.<\/p><p>Ich rechnete nach: Ich habe 26 Identifizierungs-Aufforderungen &bdquo;ignoriert&ldquo;. Daf&uuml;r sind pro Fall 4.000 Rubel Strafe f&auml;llig. Das macht insgesamt also 104.000 Rubel (1.128 Euro).<\/p><p>Ich war ziemlich sauer und schrieb auf Facebook eine Notiz &uuml;ber meine Erfahrungen mit der Corona-App. Wie k&ouml;nne es sein, dass die Stadt Moskau Strafzahlungen von Kranken einsammelt, ohne diese vorher genauestens &uuml;ber ihre Pflichten w&auml;hrend der h&auml;uslichen Quarant&auml;ne zu informieren? Und wieso wird man als Kranker nicht in Ruhe gelassen? <\/p><p>Die Reaktion meiner Facebook-Freunde war &uuml;berw&auml;ltigend. Meine Bekannten &ndash; egal welchem politischen Lager oder Nicht-Lager sie angeh&ouml;ren &ndash; w&uuml;nschten mir mit warmen Worten gute Besserung und bef&uuml;rworteten meine Absicht, m&ouml;gliche Strafen vor Gericht anzufechten. <\/p><p><strong>&Uuml;berraschender Anruf: &bdquo;L&ouml;schen Sie die App und laden Sie sie neu!&ldquo;<\/strong><\/p><p>Dieser aufregende Tag, an dem ich erfuhr, dass ich 26 Mal das Gesetz gebrochen hatte, endete mit einer weiteren &Uuml;berraschung. Abends um 18:15 bekam ich einen Anruf von der Telefonberatung des &bdquo;Social Monitoring&ldquo;. Eine Dame mit freundlicher Stimme empfahl mir, die App zu l&ouml;schen und neu zu Laden. So k&ouml;nne ich das Problem bei den &bdquo;Identifizierungen&ldquo; per Selfie l&ouml;sen. <\/p><p>Ich traute meinen Ohren nicht. Die App l&ouml;schen, auf Anweisung einer Dame, die ich gar nicht kenne? Dabei steht doch in der App-Gebrauchsanweisung, dass das L&ouml;schen der App w&auml;hrend der Quarant&auml;ne-Zeit streng verboten ist und mit Strafe geahndet wird! <\/p><p><strong>Identifizierungs-Aufforderungen auch nachts<\/strong><\/p><p>Ich begann zu recherchieren. Aus der Wirtschaftszeitung Vedomosti erfuhr ich, dass von der Stadtverwaltung seit Einf&uuml;hrung der Corona-App allein von Anfang April bis Ende Mai 2020 54.000 Strafen mit einer Gesamtsumme von umgerechnet 2,3 Millionen Euro verh&auml;ngt wurden. <\/p><p>Im Mai 2020 erkl&auml;rte der Leiter der Hauptverwaltung des B&uuml;rgermeisteramtes, Jewgeni Dantschikow, gegen&uuml;ber Vedomosti, dass 30 Prozent der App-Nutzer Strafen bekommen. Einige App-Nutzer bek&auml;men sogar zwei, drei Strafen. <\/p><p>Im Juni 2020 <a href=\"https:\/\/www.rbc.ru\/rbcfreenews\/5f18216a9a7947cc5b5f8423\">erkl&auml;rte<\/a>  Dantschikow, 447.000 B&uuml;rger seien &uuml;ber die Corona-App &bdquo;Social Monitoring&ldquo; registriert. Polizisten h&auml;tten 94.000 Strafen verh&auml;ngt. Dabei gehe es vor allem um F&auml;lle, bei denen Infizierte ihre Wohnungen verlassen.<\/p><p>Die Proteste der Bev&ouml;lkerung gegen die Corona-App f&uuml;hrten immerhin dazu, dass man nun nicht mehr nachts mit der einer Push-SMS <a href=\"https:\/\/www.rbc.ru\/society\/26\/05\/2020\/5ecc66279a79476b2f241963\">aus dem Bett geklingelt wird<\/a>. Die Push-SMS mit der Aufforderung zur Identifizierung per Selfie darf die Zentrale von Social Monitoring jetzt nur noch zwischen neun und 22 Uhr verschicken. <\/p><p>Eduard Lysenko, der Leiter der Abteilung f&uuml;r Informationstechnologien der Stadt Moskau, welche die Moskauer Corona-App entwickelt hat, erkl&auml;rte gegen&uuml;ber Vedomosti, das System &bdquo;Social Monitoring&ldquo; sei &bdquo;in kurzer Zeit&ldquo; entstanden, deshalb k&ouml;nne es zu Fehlern kommen. <\/p><p>Wegen &bdquo;der hohen Zahl der St&ouml;rungen bei der Corona-App&ldquo; schlug der Leiter des Rates f&uuml;r Menschenrechtsfragen beim russischen Pr&auml;sidenten, Waleri Fadejew, Ende Mai 2020 vor, man solle sich &bdquo;gegen&uuml;ber den Moskauern human verhalten&ldquo; und <a href=\"https:\/\/www.kommersant.ru\/doc\/4356500\">alle verh&auml;ngten Strafen streichen<\/a>. Auf die Worte des Menschenrechtsbeauftragten reagierte die Stadtverwaltung bis heute nicht. <\/p><p>Titelbild: Kleber Cordeiro \/ Shutterstock<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/6941e59c968e4454be0e583ea6aa0bb7\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer in Moskau eine leichte Corona-Erkrankung in h&auml;uslicher Quarant&auml;ne auskuriert, muss sich mehrmals am Tag &uuml;ber eine Corona-App und ein Selfie &bdquo;identifizieren&ldquo;. Unser Autor berichtet, warum es gegen die App Proteste gibt. 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