{"id":6946,"date":"2010-10-05T09:00:12","date_gmt":"2010-10-05T07:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6946"},"modified":"2019-06-02T11:45:00","modified_gmt":"2019-06-02T09:45:00","slug":"werner-ruegemer-subvention-korruption-marktzerstoerung-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6946","title":{"rendered":"Werner R\u00fcgemer: Subvention, Korruption, Marktzerst\u00f6rung"},"content":{"rendered":"<p>Die staatliche Bankenrettung zeigt: Die Verantwortlichkeit der beherrschenden Eigent&uuml;mer ist gleich Null. Die korruptiv erlangte Subvention zerst&ouml;rt den Markt. Der Kapitalismus ist an sein marktwirtschaftliches und demokratisches Ende gekommen. Im 21. Jahrhundert wird entschieden, ob freie B&uuml;rger in einer neuen Verfassung die Verantwortung &uuml;bernehmen k&ouml;nnen.<br>\nEin Referat von Werner R&uuml;gemer auf der 6. Gottfried von Haberler-Konferenz (Haberler war der Referent von Friedrich August von Hayek), gehalten am 24. September 2010 in Vaduz\/Liechtenstein.<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li><strong>Bankenrettung als bisher h&ouml;chste Form der staatlichen Subvention <\/strong><br>\nDer Unternehmer in der Marktwirtschaft tr&auml;gt eigenverantwortlich und pers&ouml;nlich das Risiko seines Handelns; die Insolvenz als Extremfall des Scheiterns fungiert dabei als marktreinigender Mechanismus &ndash; soweit die Theorie. Trotzdem waren und sind staatliche Subventionen in marktwirtschaftlichen Systemen &uuml;blich und werden gerade unter dem Vorzeichen der Deregulierung sowohl von Unternehmen wie selbstverst&auml;ndlich gefordert und vom Staat gew&auml;hrt.\n<p>Die Rettung bankrotter Banken in der westlichen Wertegemeinschaft seit 2007 war und ist eine solche Subvention. Sie verst&ouml;&szlig;t gegen die grundlegenden Prinzipien der Marktwirtschaft und der mit ihr verbundenen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. &Auml;hnliche F&auml;lle hatten wir schon oft, gerade in den hochkapitalistischen L&auml;ndern wie USA und Deutschland.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<br>\n Neu ist die quantitative Dimension und die Gleichzeitigkeit in allen gro&szlig;en Staaten, die der Marktwirtschaft und der Demokratie verpflichtet sind. Und es handelt sich zus&auml;tzlich nicht um einzelne Rechtsbr&uuml;che, sondern um einen systematischen, fl&auml;chendeckenden, nachhaltigen Rechtsbruch: Insolvenzverchleppung und -verhinderung ist in allen westlichen Staaten nach den geltenden Gesetzen eine Straftat. <\/p>\n<p>Die Regierenden und Bankverantwortlichen aller gro&szlig;en westlichen Staaten sind also gegenw&auml;rtig Straft&auml;ter. Wir befinden uns somit praktisch, theoretisch, moralisch und rechtlich jenseits der Marktwirtschaft, jenseits der b&uuml;rgerlichen Demokratie[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Wo also befinden wir uns und was k&ouml;nnen, was m&uuml;ssen wir deshalb tun?\n<\/p><\/li>\n<li><strong>Crony Capitalism<\/strong><br>\nWie kam es zu dieser Situation? Wir kommen auf die Korruption: Wie sieht sie aus und wie h&auml;ngt sie mit der Subvention zusammen? \n<p>Corrumpere hei&szlig;t brechen, also den staatlichen Willen, den Willen der Gemeinschaft und der Mehrheit brechen. Die klassische Form der Korruption ist die direkte, heimliche Subventionierung gew&auml;hlter, ungew&auml;hlter oder zum Amt dr&auml;ngender Politiker und von Staatsbeamten. Diese Art Korruption hat zwei wesentliche Auspr&auml;gungen: Zum einen die ad hoc-Korruption, um einzelne Entscheidungen durchzusetzen, etwa &uuml;ber ein Gesetz, einen einzelnen Bauauftrag, eine einzelne Subvention; zum anderen die heimliche, private Dauerfinanzierung politischer Parteien in westlichen Demokratien, die dauerhafte Beteiligung von Diktatoren an privaten Unternehmen etwa von &Ouml;lkonzernen. Diese klassischen Formen der Korruption sind auch heute noch aktuell, etwa in Afghanistan und Nigeria, in Washington, Paris und K&ouml;ln.<\/p>\n<p>Bestechung und Bestechlichkeit hei&szlig;en die Straftatbest&auml;nde nach b&uuml;rgerlichem Recht. Bestechung und Bestechlichkeit, denn Korruption spielt sich immer in einer T&auml;tergemeinschaft ab; sie hat immer zwei T&auml;ter, denjenigen, der bezahlt, der besticht, auf der einen Seite, und auf der anderen Seite derjenige, der bezahlt wird, der bestochen wird, der sich bezahlen und bestechen l&auml;&szlig;t und dies nicht selten auch fordert.<\/p>\n<p>Diese klassischen Formen haben zu wiederkehrenden Skandalen gef&uuml;hrt  und werden gelegentlich strafrechtlich verfolgt. Das gilt auch f&uuml;r die professionelle, bare wie unbare Umwegsgestaltung heimlicher Zahlungen &uuml;ber anonyme Konten, Stiftungen und Trusts in Finanzoasen. Deshalb haben die T&auml;tergemeinschaften ein gro&szlig;es Spektrum neuer Korruptionsformen entwickelt.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p>\n<p>Neue und nicht strafbare Formen der Korruption sind etwa &bdquo;Beir&auml;te&ldquo;, in die Politiker von Banken und Energiekonzernen berufen werden; ohne etwas Definiertes leisten zu m&uuml;ssen, erhalten die Mitglieder solcher Beir&auml;te f&uuml;r gelegentliches und unverbindliches Zusammenkommen eine Zahlung. Institutionelle Investoren und Versicherungskonzerne bezahlen amtierende und Ex-Politiker als hochdotierte Redner, wobei f&uuml;r die H&ouml;he des Honorars die Qualit&auml;t der Rede keine Rolle spielt. Lobbyisten sponsern get&uuml;rkte B&uuml;rgerinitiativen, die verdeckt f&uuml;r Unternehmensinteressen eintreten, etwa bei Pharmaprodukten. Banken und Konzerne stellen Manager frei, die zur Vorbereitung bestimmter Gesetze zeitweise ihren Schreibtisch in Ministerien einnehmen.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Banken und Unternehmen und ihre Stiftungen vergeben hochdotierte Journalistenpreise. Investmentbanken vergeben in ausufernder Weise &bdquo;Beratervertr&auml;ge&ldquo; an Ex-Politiker. Finanzakteure gr&uuml;nden Lobbyorganisationen, um bestimmte Finanzprodukte wie Verbriefungen und ihre Steuerbefreiung in den Parlamenten durchzusetzen &ndash; und Regierungsvertreter sind von Anfang an Mitglieder solcher Organisationen, in Deutschland etwa in der True Sale Initiative (TSI) und in der Initiative Finanzstandort Deutschland (IFD).[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p>\n<p>Und auch die klassische Korruption in Form der ad hoc-Wahlkampfspenden und der Dauerfinanzierung genehmer politischer Parteien geh&ouml;rt gerade in der Finanzbranche zur Routine. So ist etwa seit der Existenz der Bundesrepublik Deutschland die Deutsche Bank ohne Unterbrechung der gr&ouml;&szlig;te j&auml;hrliche Dauerbespender der Christlich Demokratischen Union, CDU, obwohl oder genauer weil bekanntlich die Deutsche Bank gerade nicht f&uuml;r christliche Ziele eintritt.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] &Auml;hnlich ist es in den USA. Die Wall Street bespendete die Wahlk&auml;mpfe der beiden Regierungsparteien zwischen 1998 und 2008 mit 1,7 Milliarden Dollar und bearbeitete die beiden Parteien zus&auml;tzlich &uuml;ber Lobbyisten mit 3,4 Milliarden Dollar, obwohl oder genauer weil die Wall Street-Banker bekanntlich keine nachhaltigen Gew&auml;hrsleute der Demokratie sind. Zahllose Beratervertr&auml;ge f&uuml;r Ex-Politiker kommen hinzu. [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]<\/p>\n<p>US-Soziologen haben vergleichbare Verh&auml;ltnisse in &bdquo;Entwicklungsl&auml;ndern&ldquo; als &bdquo;cronism&ldquo; bezeichnet, also als Nepotismus, G&uuml;nstlingswirtschaft, korruptes Komplizentum. Heute werden in den USA die Verh&auml;ltnisse in New York und Washington ganz selbstverst&auml;ndlich als &bdquo;crony capitalism&ldquo;  bezeichnet. [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p>\n<p>Solche Formen der Bestechung und Bestechlichkeit zeichen sich gleichzeitig durch Straflosigkeit aus. Sie sind &bdquo;legalisierte Korruption&ldquo;.[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] Je umfangreicher das Spektrum solcher nicht strafbaren Handlungen, desto schlechter steht es um Rechtsstaat, Demokratie, Wettbewerb und Markt.\n<\/p><\/li>\n<li><strong>Regulatory Capture<\/strong><br>\nSo werden Staat und Privatunternehmen zur gegenseitig sich korrumpierenden T&auml;tergemeinschaft. Die Finanzakteure k&ouml;nnen sicher sein, dass sie sich riskante Spekulationen und private Geldsch&ouml;pfung gefahrlos leisten k&ouml;nnen und dass der Staat, d.h. die B&uuml;rger f&uuml;r den Schaden eintreten. Der Staat hat sich erpressbar gemacht, die Regierenden k&ouml;nnen sich zugleich als Retter feiern lassen. \n<p>Die f&uuml;hrenden Politiker der westlichen Wertegemeinschaft scheinen sich erst richtig wohl zu f&uuml;hlen, wenn sie das Knie eines Bankers auf der Brust versp&uuml;ren, der ihnen die Luft abdr&uuml;ckt. Und die f&uuml;hrenden Banker ihrerseits scheinen erst dann die Vollendung ihrer Professionalit&auml;t zu erreichen, wenn sie Regierungen erpressen und entgegen ihren &ouml;ffentlichen Bekundungen m&ouml;glichst tief in die Staatskasse greifen.<\/p>\n<p>Die T&auml;tergemeinschaft ist allerdings keine Gemeinschaft von Gleichberechtigten oder von gleich Starken. Der Staat verzichtet gegen&uuml;ber den Finanzakteuren immer mehr auf den Rechtsanspruch im Sinne von Steuern, und die Regierungsparteien machen sich f&uuml;r ihre Finanzierung abh&auml;ngig von &bdquo;freiwilligen&ldquo; Gaben der privaten Seite. Deshalb verschiebt sich das Kr&auml;fteverh&auml;ltnis st&auml;ndig zuungunsten des Staates. Er &uuml;bernimmt deshalb immer mehr die Folgekosten der korruptiven Komplizenschaft. Die Staaten, auch transnationale Zusammenschl&uuml;sse wie die Europ&auml;ische Union, werden zu Haftungsgemeinschaften f&uuml;r die Privatwirtschaft.<\/p>\n<p>Bekanntlich ist auf die Dauer immer derjenige m&auml;chtiger, der das Geld hat, der immer wieder Geld hat und immer wieder zahlen kann oder dies auch verweigern kann. Der dieses Geld aber nicht im regul&auml;ren, rechtlich festgelegten Sinne der Steuern bezahlt, sondern im irregul&auml;ren, gemeinschaftlich nicht kontrollierbaren Sinne privater Spenden, aus eigenem Entschlu&szlig; und Gutd&uuml;nken. <\/p>\n<p>Die Finanzakteure nutzen das Ungleichverh&auml;ltnis und erpressen den Staat ganz routinem&auml;&szlig;ig, sodass es gar nicht wie eine Erpressung aussieht, sondern wie eine normale Gesch&auml;ftsbeziehung. Es handelt sich um eine &bdquo;regulatory capture&ldquo;, eine regulatorische Geiselnahme.[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] Sie f&uuml;hrt dazu, dass die Finanzbranche nicht nur zur politisch m&auml;chtigsten, sondern auch zur profitabelsten Branche geworden ist, sowohl durch die Vorbereitung von wiederkehrenden Krisen wie auch w&auml;hrend der Krisen.<\/p>\n<p>Je l&auml;nger die regulatory capture dauert, desto enger wird die T&auml;tergemeinschaft zusammengeschwei&szlig;t. Der Fluch der b&ouml;sen Tat setzt sich fort. Die Freiheit der Entscheidung, auszusteigen oder eine andere Entscheidung zu treffen, nimmt ab. <\/p>\n<p>Zusammengefa&szlig;t also: Die Finanzakteure sind der ungew&auml;hlte, korruptiv an die Macht gelangte Souver&auml;n, der sich auf dem Weg zur kalkulierten Insolvenz spekulativ selbst bereichern kann, sich dann f&uuml;r unschuldig erkl&auml;rt und sich mithilfe der gew&auml;hlten Macht leistungslose Kompensationen aus dem Verm&ouml;gen unbeteiligter Dritter, n&auml;mlich der B&uuml;rger verschafft.\n<\/p><\/li>\n<li><strong>Regulatory Capture und Bankenrettung<\/strong><br>\nSo war es z.B. m&ouml;glich, dass die deutsche Bundesregierung unter der CDU-Vorsitzenden die erste insolvente Bank in Deutschland sofort rettete, nachdem der Chef der Deutschen Bank in seiner netten, in mehrfacher Hinsicht gewinnenden Art in einem kurzen Telefonat darauf hinwies, dass die Industriekreditbank (IKB) in D&uuml;sseldorf insolvent sei und umgehend doch bitte auf Staatskosten zu retten sei. Die deutsche Regierung und ihre Finanzaufsicht verlie&szlig;en sich auf die Darstellung des Deutsche Bank-Chefs und retteten mit dann insgesamt 10 Milliarden Euro die IKB &ndash; wohlgemerkt ohne eigene Pr&uuml;fung der Lage dieser Bank und ohne das gew&auml;hlte Parlament mit dieser ungew&ouml;hnlich hohen Ausgabe von Steuergeldern zu befassen. \n<p>Bei einer &ouml;ffentlichen Diskussion h&auml;tte herauskommen k&ouml;nnen, dass die IKB &uuml;ber ihre Special Purpose Vehicles in der Finanzoase Delaware Ramschpapiere, die f&uuml;r die Insolvenz urs&auml;chlich waren, von der Deutschen Bank gekauft hatte; und nicht nur das: Dass die gro&szlig;e Deutsche Bank der kleinen IKB daf&uuml;r auch Kredite gegeben hatte. So zog ein gro&szlig;er Teil der staatlichen Rettungsgelder in D&uuml;sseldorf am Rhein, am Sitz der IKB, nur eine kurze Schleife, bevor sie schlie&szlig;lich, unbemerkt von der &Ouml;ffentlichkeit, in Frankfurt am Main in den gewinnenden Armen der Deutschen Bank landeten. <\/p>\n<p>Ein &auml;hnliches Procedere wiederholt sich seitdem etwa im Falle der insolventen Hypo Real Estate: Die Deutsche Bank, selbst auch Gl&auml;ubiger, nahm auch hier die Pr&uuml;fung der Lage dieser Bank in die Hand und zwang als Repr&auml;sentantin der &uuml;brigen Gl&auml;ubiger die Bundesregierung zur staatlichen Rettung. Die deutsche Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende bezeichnete dieses Vorgehen sp&auml;ter selbst als Erpressung. Sie sah sich gezwungen, &ouml;ffentlich zu behaupten, dass sie eine solche niemals wieder erleben wolle. Sie fand allerdings in der Folgezeit keine M&ouml;glichkeit, sich den Bedingungen zu entziehen, die zu Wiederholungen f&uuml;hrt. Die Finanzakteure k&ouml;nnen deshalb die n&auml;chste f&uuml;r sie so lukrative Krise in aller Ruhe vorbereiten. Die T&auml;tergemeinschaft erweist sich als offenbar unaufl&ouml;slich.<\/p>\n<p>So oder &auml;hnlich ging und geht es auch in der Europ&auml;ischen Union und auch au&szlig;erhalb Europas zu, etwa in den USA. Die Investmentbank Goldman Sachs stellte von 1995 bis 1999 den Finanzminister unter Pr&auml;sident William Clinton. Unter der Regie von Robert Rubin wurden die entscheidenden Regulierungen, die insbesondere f&uuml;r die Investmentbanken galten, aufgehoben, so der Glass-Steagall-Act, der seit dem New Deal die Trennung zwischen Kredit- und Investmentbanken festgelegt hatte. Diese Ma&szlig;nahme sollte eine Wiederholung der Weltwirtschaftskrise von 1928 verhindern. Die Aufhebung durch Rubin und Clinton bedeutete nicht nur eine enorme Gesch&auml;ftsausweitung f&uuml;r die Investmentbanken, sondern auch, dass sie im Insolvenzfall nun ebenso unter den staatlichen Rettungsschirm schl&uuml;pfen konnten. Und es bedeutete, dass die Partner, also die Eigent&uuml;mer der Investmentbanken, nun nicht einmal mehr mit ihrem eingezahlten Kapital hafteten.<\/p>\n<p>Ebenso schufen Rubin \/ Clinton schrittweise die banken- und spekulationsfreundliche M&ouml;glichkeit, Kredite f&uuml;r den Kauf von Wohnungen und Eigenheimen auch an solche Kreditnehmer zu vergeben, die keine &uuml;bliche Bonit&auml;t vorzuweisen hatten bzw. gar keine Angaben &uuml;ber Einkommen und Verm&ouml;gen machen mussten. Auf dieser Basis entwickelten insbesondere die Investmentbanken weit dar&uuml;ber hinausgehend die spekulativen Finanzpraktiken wie die kettenbriefartige Verbriefung der f&uuml;r diesen Zweck gezielt vergebenen subprime-Hypothekenkredite. Davon wurden bis 2007 etwa 20 Millionen an den armen Mann und die arme Frau gebracht.[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>] Ebenso durften die Banken solche riskanten &bdquo;Wert&ldquo;papiere in Special Purpose Vehicles in Finanzoasen wie Delaware auslagern, brauchten sie nicht zu bilanzieren und deshalb auch nicht mit Eigenkapital zu unterlegen.<\/p>\n<p>Als diese und &auml;hnliche Finanzpraktiken zur fl&auml;chendeckenden Insolvenz der Banken f&uuml;hrten beziehungsweise gef&uuml;hrt h&auml;tten, wurde mit Henry Paulson rechtzeitig und zielsicher ein halbes Jahr vor dem &ouml;ffentlichen Ausbruch der Finanzkrise erneut ein Goldman Sachs-Banker US-Finanzminister. Mit Staatsgeld rettete Henry Paulson nicht nur seine eigene Bank, sondern auch die anderen &bdquo;systemrelevanten&ldquo; Banken &ndash; wobei er es sich nebenbei auch leisten konnte, die verhasste Konkurrenzbank Lehman Brothers nicht zu retten.<\/p>\n<p>Auch so sieht moderne Korruption aus, die strafrechtlich nicht fassbar ist: Pr&auml;sident Clinton und seine Partei auf der einen Seite hatten mit dem unseri&ouml;sen Deal ihren Vorteil erkauft; sie konnten sich als volkst&uuml;mliche Sozialreformer profilieren und politisches Kapital bilden, weil sie &auml;rmeren Gruppen der arbeitenden Bev&ouml;lkerung und ethnischen Minderheiten zu Immobilieneigentum verhalfen, zumindest kurzfristig. Und die Banken auf der anderen Seite der T&auml;tergemeinschaft hatten ihren Vorteil, sie konnten fast endlos Millionen an neuen Krediten vergeben und daraus neue Finanzprodukte entwickeln, jedenfalls bis das Kartenhaus zusammenbrach. Vor der Insolvenz aber wurden sie dann voraussehbar bewahrt. <\/p>\n<p>Finanzminister Rubin erhielt nach seinem Ausscheiden aus der Clinton-Regierung einen Beratervertrag mit der Citibank, die exzessiv die von Rubin geschaffenen M&ouml;glichkeiten nutzte. Dem Ex-Minister zahlte die Citibank bis 2009 etwa 126 Millionen Dollar, bevor er dann Finanzberater des Pr&auml;sidenten Obama wurde, um der Citibank und anderen Banken die Staatshilfen zu sichern.[<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>]\n<\/p><\/li>\n<li><strong>Korruption und Subvention in der Wirtschaft <\/strong><br>\nSolche Art korruptiv erlangter und gew&auml;hrter Subvention ist keineswegs auf die Banken beschr&auml;nkt, auch wenn sie hier besonders ausgepr&auml;gt ist. Die in den 70er Jahren einsetzende Deregulierung und Liberalisierung &ndash; beginnend in s&uuml;damerikanischen diktatorischen Staaten, dann in den USA, in England, und in der Europ&auml;ischen Union &ndash; wurde damit begr&uuml;ndet, dass die Marktkr&auml;fte und der freie Wettbewerb freigesetzt werden m&uuml;ssten. Gr&uuml;nde f&uuml;r diese Absicht konnte man in der Tat genug finden, nicht zuletzt in der marktbeherrschenden und regierungsverfilzten Stellung US-amerikanischer Unternehmen. \n<p>Die Marktkr&auml;fte und der Wettbewerb wurden aber entgegen den &ouml;ffentlichen und theoretischen Behauptungen ausgeschaltet. Die Deregulierer und Liberalisierer schalteten den korrumpierten Staat immer umfassender als Garanten privater Gewinne ein. Das war und ist etwa der Fall bei Privatisierungen, also beim Verkauf &ouml;ffentlicher Unternehmen und bei der Auslagerung &ouml;ffentlicher Dienstleistungen: Im Kleingedruckten der Vertr&auml;ge, meist unsichtbar f&uuml;r die gew&auml;hlten Mitglieder der Parlamente, werden die Einzelheiten der staatlichen Gewinngarantie geregelt.[<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>]<\/p>\n<p>Und welches Unternehmen oder welche neue Niederlassung eines Unternehmens wird heute, sei es in den USA oder in der Europ&auml;ischen Union, noch ohne die vordem so heftig angeprangerte &bdquo;Staatsknete&ldquo; gegr&uuml;ndet? Der Staat tut dies auf allen Ebenen &ndash; in Gestalt der transnationalen Europ&auml;ischen Union, der jeweiligen nationalen Regierung, der Landesgliederungen und der kommunalen Verwaltungen. Selbst bei Unternehmensverlagerungen ins Ausland, bei denen Arbeitspl&auml;tze und Steuereinnahmen verloren gehen, gew&auml;hrt der Staat  Anschubfinanzierungen und andere Verg&uuml;nstigungen. <\/p>\n<p>Es handelt sich dabei zum wenigsten um traditionelle Subventionen in Form direkter verlorener Zusch&uuml;sse. Da sind zum einen wie bei der Bankenrettung umfangreiche B&uuml;rgschaften. Es geht weiter um verbilligte Verk&auml;ufe und sogar die Schenkung staatlicher Grundst&uuml;cke an Unternehmen. Ein neuerlich erheblich ausgeweitetes Subventionswesen gilt dem Niedriglohnsektor. Auch er wird in T&auml;tergemeinschaft von Staat und Privatwirtschaft organisiert. Es geh&ouml;rt heute zur Standardkalkulation von Unternehmen, etwa im Bereich der Supermarktketten, der Geb&auml;udereiniger, des Facility Mangements, der privaten Sicherheits- und Postdienste: Die L&ouml;hne werden von vornherein gezielt so niedrig angesetzt, dass die Besch&auml;ftigten davon nicht leben k&ouml;nnen und deshalb ihre Hungerl&ouml;hne vom Staat aus der Arbeitslosenkasse aufgestockt werden m&uuml;ssen.[<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>]<\/p>\n<p>Wie in einem niedergehenden Sozialismus werden heute Millionen von Besch&auml;ftigten, die von den Unternehmen gar nicht oder nicht ausreichend besch&auml;ftigt werden k&ouml;nnen, mithilfe von staatlichem Kurzarbeitergeld in den Unternehmen gehalten. Damit wird die Arbeitsstatistik gesch&ouml;nt und das Funktionieren der Marktwirtschaft simuliert. Dass sich Unternehmen hier auch Mitnahmeeffekte g&ouml;nnen und Mi&szlig;brauch an der Tagesordnung ist, ist unter diesen Umst&auml;nden nicht verwunderlich und zeugt von der Verkommenheit dessen, was immer noch als Marktwirtschaft, Rechtsstaat und Demokratie bezeichnet wird.\n<\/p><\/li>\n<li><strong>Marktzerst&ouml;rung<\/strong><br>\nDie genannten Entwicklungen zerst&ouml;ren Markt und Wettbewerb. Bleiben wir bei den Banken. Der Staat rettet die Banken, die als &bdquo;systemrelevant&ldquo; bezeichnet werden: Das sind ganz einfach die marktbeherrschenden, global t&auml;tigen und politisch einflu&szlig;reichen Banken, die die meisten Gesch&auml;ftsbeziehungen mit anderen marktbeherrschenden, global t&auml;tigen und politisch einflu&szlig;reichen Banken jeweils anderer Staaten haben. Sie werden vom Marktmechanismus ausgenommen. Gleichzeitig werden nach Recht und Gesetz lediglich kleine Banken in die Insolvenz gef&uuml;hrt, allein in den USA sind dies seit 2007 bisher &uuml;ber 200. \n<p>Die staatliche Bankenrettung beschleunigt somit auch den ohnehin im Gange befindlichen Konzentrationsproze&szlig;. Die geretteten Gro&szlig;banken k&ouml;nnen andere Banken aufkaufen. J.P Morgan kaufte Bear Stearns und Washington Mutual, Goldman Sachs erweiterte sich um den Gesch&auml;ftsbereich Rohstoff- und Nahrungsmittelspekulation.[<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>] Die Deutsche Bank kaufte setzte ihre Einkaufsstour fort und kaufte in kurzer Folge die Privatbank Oppenheim, die Postbank und Teile der niederl&auml;ndischen ING.<\/p>\n<p>Gleichzeitig werden mithilfe von ebenfalls milliardenschweren &bdquo;Konjunkturprogrammen&ldquo; auch zahlreiche produzierende Privatunternehmen etwa der Automobilbranche vor der Insolvenz gerettet. Sie behaupten vielfach opportunistisch, sie seien Opfer der Bankenkrise. <\/p>\n<p>Wir m&uuml;ssen somit feststellen: Der Kapitalismus funktioniert ganz anders als es seine gl&uuml;hendsten Verfechter und Propagandisten immer noch gebetsm&uuml;hlenartig verk&uuml;nden. Die kapitalistische Wirtschaft ist ein kranker Mann, der am staatlichen Kr&uuml;ckstock blind und zugleich frech und gewinntr&auml;chtig der n&auml;chsten Krise selbstsicher entgegenstolpert. Boni f&uuml;r die Topmanager gibt es in jedem Fall, au&szlig;er f&uuml;r die findige Selbstbereicherung ist daf&uuml;r keine Leistung erforderlich.<\/p>\n<p>Die Folgen sind desastr&ouml;s: Die ohnehin schon nicht mehr regul&auml;r r&uuml;ckzahlbaren Staatsschulden gerade der sogenannten erfolgreichsten Staaten wie USA, Japan, England und Deutschland werden noch gr&ouml;&szlig;er. Deren Regierungen, unterst&uuml;tzt von der davon profitierenden Privatwirtschaft, verordnen &bdquo;Spar&ldquo;ma&szlig;nahmen. Sie f&uuml;hren zur weiteren Verarmung weiter Teile der Bev&ouml;lkerung, insbesondere derer, denen es sowieso schon am schlechtesten geht. Dieses Ausma&szlig; an Staatsverschuldung zusammen mit solchen &bdquo;Spar&ldquo;ma&szlig;nahmen f&uuml;hrt zu wirtschaftlicher und technologischer Stagnation,[<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>] zum Verfall der Infrastruktur, zu politischer Unsicherheit und moralischer Verwahrlosung.<\/p>\n<p>Heute agieren die Krisenverursacher als Krisenl&ouml;ser, die Brandstifter pr&auml;sentieren sich als Feuerwehr. Wirtschaftspr&uuml;fer und Wirtschaftskanzleien, die krisenverursachende Finanzpraktiken mitentwickelt und juristisch abgesichert und zahlreiche weitere Mandate der Finanzakteure wahrgenommen haben,[<a href=\"#foot_17\" name=\"note_17\">17<\/a>] werden vom Staat mit der Erarbeitung von Bankenrettungs-Gesetzen beauftragt. Die oligopolistischen drei gro&szlig;en Ratingagenturen haben ihre zentrale W&auml;chter- und Regulierungsfunktion mi&szlig;braucht und durch gekaufte Gef&auml;lligkeitsbewertungen die krisenverursachende Spekulation angeheizt; aber auch sie verbleiben in ihrer hoheitlichen Funktion, die ihnen die Staaten, die Weltbank, die Bank of International Settlements (BIS) und die Europ&auml;ische Union verliehen haben.\n<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Unfreiheit der T&auml;ter<\/strong><br>\nDie Krisenverursacher reklamierten vor der Krise alle Verantwortung f&uuml;r sich. Angesichts der von ihnen herbeigef&uuml;hrten Ergebnisse &uuml;bernehmen sie pl&ouml;tzlich keine Verantwortung. Sie erkl&auml;ren sich f&uuml;r schuldunf&auml;hig und schuldlos. Sie behaupten: Niemand habe die Krise voraussehen k&ouml;nnen. Die m&auml;chtigsten Finanzakteure erkl&auml;ren sich somit zu Ohnm&auml;chtigen, Unwissenden, die die Folgen ihres eigenen Handelns nicht absehen und schon gar nicht beherrschen k&ouml;nnen. \n<p>Die Krisenverursacher behaupten: Wir k&ouml;nnen auch nach der Krise nicht aus dem Wettlauf um das h&ouml;chste Risiko und den h&ouml;chsten Gewinn aussteigen, selbst wenn wir wollten; denn die anderen Finanzakteure zwingen uns dazu. Sonst werden wir aus dem Rennen geworfen, sonst werden wir aufgekauft. Somit erkl&auml;ren gerade die sogenannten m&auml;chtigsten Banker auch hier: Wir sind ohnm&auml;chtig, wir k&ouml;nnen nicht frei handeln. <\/p>\n<p>Und die Regierenden sagen: Wir haben den Finanzakteuren zu viel Freiheit gelassen, aber wir k&ouml;nnen nicht zur&uuml;ck. Wir m&uuml;ssen die Monster retten, weil unsere Wirtschaft und unser Staatswesen von ihnen abh&auml;ngig sind. Auch die sogenannten m&auml;chtigsten Politiker der Welt erkl&auml;ren: Wir sind ohnm&auml;chtig, wir k&ouml;nnen nicht frei handeln, wir werden erpresst.<\/p>\n<p>Somit sind gerade diejenigen, die sich nach ihrem Idealbild alle Freiheiten genommen haben und alle Freiheiten gew&auml;hrt haben, unfrei. Sie wurden zu Fatalisten, zu lemminghaften Bedienern von Sachzw&auml;ngen.<\/p>\n<p>Aber nicht nur die sogenannten M&auml;chtigen sind unfrei. Auch diejenigen, die keine Finanzakteure und keine Regierenden sind, wurden unfrei: Sie werden ungefragt gezwungen, die Folgen der von ihnen nicht verursachten Krise zu tragen. Sie werden unwissend gehalten, weil die Bankenrettung im Geheimen, im R&uuml;cken des parlamentarischen Systems abl&auml;uft. Sie haben als Arbeitslose, Besch&auml;ftigte und Noch-Besch&auml;ftigte, als sogenannte Selbst&auml;ndige Angst &ndash; Angst vor dem Verlust dessen, was sie noch haben, Angst vor der weiteren K&uuml;rzung des Arbeitslosengeldes, Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, Angst vor der Insolvenz; sie k&uuml;ndigen innerlich &ndash; sowohl in ihrem Unternehmen wie auch in der Demokratie. Sie passen sich wortlos an, ergeben sich in ihr Schicksal. Sie werden Opportunisten und Mitl&auml;ufer. <\/p>\n<p>Die versprochene Gesellschaft der Freien wurde eine Gesellschaft der Unfreien. Sie erstickt in unbeherrschbaren Sachzw&auml;ngen. Die Demokratie wird diskreditiert und ausgeh&ouml;hlt. Somit w&auml;chst die Gefahr neuer Diktaturen. Alttestamentliche Fundamentaltheologien, die auf der politischen f&uuml;r die Deregulierung instrumentalisiert wurden, erhalten weiteren Zulauf. Der Kapitalismus hat seine wohlfahrtliche, rechtliche und marktwirtschaftliche Legitimation verloren und ist an sein moralisches Ende gekommen.\n<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Haftungsbeschr&auml;nkung als Erfolgsgeheimnis<\/strong><br>\nF&uuml;r die Deregulierer und Liberalisierer war die pers&ouml;nliche Verantwortung des Unternehmers die &bdquo;wesentliche Voraussetzung einer freien Gesellschaft&ldquo;. Sch&ouml;n w&auml;re es. Aber das so selbstverst&auml;ndlich wiederholte Theorem &bdquo;Im Kapitalismus &uuml;bernimmt der Unternehmer pers&ouml;nlich das Risiko&ldquo; h&auml;lt den Tatsachen nicht stand. Das Gegenteil ist richtig. Gerade im Kapitalismus &uuml;bernimmt der Unternehmer immer weniger ein pers&ouml;nliches Risiko. Seit dem 19. Jahrhundert zeichnet er sich zunehmend dadurch aus, dass er seine Haftung beschr&auml;nkt.\n<p>Unternehmer, Aktion&auml;re, Teilhaber haften nur mit dem eingezahlten Kapital, eine Durchgriffshaftung auf das sonstige pers&ouml;nliche Verm&ouml;gen ist nicht m&ouml;glich. Diese Haftungsbeschr&auml;nkung war seit dem 19. Jahrhundert der eigentliche Grund, warum &uuml;berhaupt Kapitalgesellschaften gegr&uuml;ndet wurden. So konnten sie bei vielen Kleinanlegern viel Geld einsammeln, etwa f&uuml;r den Bau von Eisenbahnlinien. <\/p>\n<p>Die Haftungsbeschr&auml;nkung, abgesichert durch staatliche Gesetze, wurde geradezu das Erfolgsgeheimnis des Kapitalismus. Der Pr&auml;sident der Columbia University, Nicholas Murray, erkl&auml;rte schon 1911 die wirtschaftlichen Erfolge der USA so: &bdquo;Die Kapitalgesellschaft mit beschr&auml;nkter Haftung ist die gr&ouml;&szlig;te einzelne Entdeckung der Neuzeit. Selbst Dampf und Elektrizit&auml;t sind weit weniger wichtig als die Gesellschaft mit beschr&auml;nkter Haftung, und ohne diese Gesellschaftsform w&uuml;rden sie zur Bedeutungslosigkeit verkommen.&ldquo;[<a href=\"#foot_18\" name=\"note_18\">18<\/a>]<\/p>\n<p>In der Folgezeit wurde das haftende Eigenkapital durch viele Ma&szlig;nahmen noch weiter abgesenkt. Die von der staatlich-privaten T&auml;tergemeinschaft organisierte Verantwortungslosigkeit ist heute auf dem Nullpunkt angekommen. Vorreiter in den letzten Jahrzehnten waren die US-amerikanischen und dann auch die westeurop&auml;ischen Investmentbanken im Verein mit den sogenannten Wirtschaftspr&uuml;fern und Ratingagenturen.<\/p>\n<p>&Uuml;ber Zweckgesellschaften in Finanzoasen, Special Purpose Vehicles, k&ouml;nnen Banken und Unternehmen seit den von Rubin \/ Clinton eingef&uuml;hrten und global nachvollzogenen Deregulierungen z.B. besonders riskante finanzielle Transaktionen abwickeln, ohne sie zu bilanzieren und ohne daf&uuml;r Eigenkapital vorzuhalten. Heute in Zeiten der fl&auml;chendeckenden staatlichen Banken- und Unternehmensrettung haften die f&uuml;r das kapitalistische System als &bdquo;relevant&ldquo; bezeichneten Akteure nicht einmal mehr mit ihrem Eigenkapital. Das ist ein wesentlicher Grund der ersten wirklich globalen Finanz- Wirtschafts- und Gesellschaftskrise.<\/p>\n<p>Auch die strafrechtliche Haftung wird tendenziell ausgesetzt. So stellte etwa die deutsche Bundesregierung die Verantwortlichen der Treuhandanstalt von strafrechtlicher Verfolgung frei. Bei der Privatisierung ehemaliger sozialistischer Betriebe brauchten die b&uuml;rgerlichen Gesetze nicht eingehalten werden. Da wurde im Herzen des Kapitalismus das getan, was in diktatorischen Entwicklungsl&auml;ndern lange vorher schon &uuml;blich war. Auch die heutige straf- und zivilrechtliche Verfolgung der Verursacher der Finanzkrise  in den westlichen Staaten wie Deutschland, Frankreich, Italien und USA kann man &bdquo;in der Pfeife rauchen&ldquo;; bestenfalls werden wie im Falle Goldman Sachs und Soci&eacute;t&eacute; G&eacute;n&eacute;rale kleine Angestellte in aufwendigen Schauprozessen zu freundlichen Strafen verurteilt.[<a href=\"#foot_19\" name=\"note_19\">19<\/a>]\n<\/p><\/li>\n<li><strong>Freiheit oder Knechtschaft<\/strong><br>\nWir befinden uns jenseits der Marktwirtschaft und jenseits der b&uuml;rgerlichen Demokratie. Knechtschaft oder Freiheit &ndash; diese Frage Friedrich von Hayeks vor 70 Jahren stellt sich uns heute in einer ebenso dramatischen Situation. Die Illusionen, die er sich &uuml;ber den freien Unternehmer machte, m&uuml;ssen als solche erkannt werden.\n<p>Die von fast allen Gesetzen befreiten (de lege solutus), staatlich subventionierten und gleichzeitig unabh&auml;ngig voneinander agierenden Ich-Unternehmer Ich-Banker sind weder willens noch in der Lage, den Markt, den allgemeinen Wohlstand und den Zusammenhalt der Gemeinschaft zu bef&ouml;rdern, vielmehr zerst&ouml;ren sie sie. <\/p>\n<p>Das Wohlergehen einer nationalen wie international verwobenen Wirtschaft h&auml;ngt von der marktwirtschaftlich produktiven Sicherung des Geldwerts, von demokratisch funktionierenden staatlichen Institutionen und von der Wachheit der B&uuml;rger ab. Diese elementaren, einfachen, ja banalen Einsichten wurden bereits in der fr&uuml;hen Phase des Kapitalismus etwa von Abb&eacute; Galiani formuliert[<a href=\"#foot_20\" name=\"note_20\">20<\/a>] und werden durch die gegenw&auml;rtige Entwicklung erneut best&auml;tigt. <\/p>\n<p>Die heute notwendigen Konsequenzen bestehen u.a. im Verbot der krisenverursachenden Finanzpraktiken (schneeballartige Geldsch&ouml;pfung der privaten Finanzakteure). Gerade die &bdquo;systemrelevanten&ldquo; und den Markt zerst&ouml;renden Banken sind aufzul&ouml;sen. Die durch fortlaufend unseri&ouml;se Kreditvergabe &uuml;berschuldeten Staaten und Kommunen sind umzuschulden (Forderungsverzicht der Kreditgeber). Die gegenw&auml;rtigen Wirtschaftspr&uuml;fer und Ratingagenturen sind von ihren hoheitlichen Aufgaben zu entbinden &ndash; um nur einige der Konsequenzen zu nennen.<\/p>\n<p>Zahlreiche B&uuml;rger und Geldanleger in vielen Staaten sind gegen Banken, Ratingagenturen und andere Finanzakteure vor Gericht gegangen. Sie klagen darauf, dass die Finanzakteure f&uuml;r die Folgen ihres Handelns die Verantwortung &uuml;bernehmen und Schadenersatz leisten. Diese B&uuml;rger kommen in den meisten F&auml;llen nicht weit, denn die Gesetze sind gepr&auml;gt vom Prinzip der Haftungsbeschr&auml;nkung. Doch durch solche Aktivit&auml;ten kann die Einsicht wachsen, dass die gerade im Finanz- und Wirtschaftsbereich anachronistischen Gesetze auf die H&ouml;he der Zeit gebracht werden m&uuml;ssen.<\/p>\n<p>Unter dem Motto &bdquo;Wir zahlen nicht f&uuml;r eure Krise&ldquo; protestieren und demonstrieren europa- und weltweit B&uuml;rger gegen den Ausverkauf der Staaten und Kommunen. Sie kommen aus der &bdquo;resignativen Emp&ouml;rung&ldquo; heraus, in der die Mehrheit der Gesch&auml;digten sich noch befindet. B&uuml;rger in so verschiedenen L&auml;ndern wie Island, Griechenland, Rum&auml;nien, Spanien, Portugal, Frankreich, aber auch in den USA sind wach geworden. Sie protestieren gegen die verschiedensten Arten, wie die Regierungen das f&uuml;r die Banken- und Unternehmensrettung verschleuderte Geld wieder hereinholen wollen, etwa durch weiteren Verkauf von &ouml;ffentlichem Eigentum, durch die weitere Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer, durch weitere Entlassung von Staatsbediensteten, durch das weitere K&uuml;rzen von Renten, Geh&auml;ltern und L&ouml;hnen.[<a href=\"#foot_21\" name=\"note_21\">21<\/a>]<\/p>\n<p>Wir k&ouml;nnen solche Aktivit&auml;ten, wenn wir wollen, als Vorboten einer tiefen globalen Bewegung verstehen, die das 21. Jahrhundert pr&auml;gen wird, so hoffe ich, auf dem Weg zu Freiheit, Verantwortung, Demokratie und Markt.<\/p><\/li>\n<\/ol><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Vgl. Werner R&uuml;gemer: Die Verstaatlichung von Dresdner, Commerz- und Deutscher Bank 1931, junge welt 18.2.2009.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Ausf&uuml;hrlich zu den Hintergr&uuml;nden der aktuellen Finanz-, Wirtschafts- und Gesellschaftskrise ders.: Die wahren Unrsachen der Finanzkrise (mit Tabellen und Illustrationen, deutsch und englisch), in: <a href=\"http:\/\/www.gulli.com\">www.gulli.com<\/a> 10\/2009<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Ders.: Privatisierung in Deutschland. Eine Bilanz. M&uuml;nster 2008 (4. Auflage), S. 22 ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Kim Otto \/ Sascha Adamek: Der gekaufte Staat. Wie bezahlte Konzernvertreter in deutschen Ministerien sich ihre Gesetze selbst schreiben. K&ouml;ln 2009.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Vgl. <a href=\"http:\/\/www.tsi.de\">www.tsi.de<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.ifd.de\">www.ifd.de<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Werner R&uuml;gemer: Wirtschaften ohne Korruption? Frankfurt\/Main 1996, S.; f&uuml;r die folgenden Jahre vgl. die j&auml;hrlichen Rechenschaftsberichte der Partei, ver&ouml;ffentlicht als Bundestagsdrucksache durch den Bundestagspr&auml;sidenten.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Vgl. Simon Johnson \/ James Kwak: 13 Bankers. The Wall Street Takeover. New York 2010.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Vgl. ebd., passim.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] R&uuml;gemer: Wirtschaften ohne Korruption? a.a.O., S. 48 ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Vgl. Matt Taibbi: The Great American Bubble Machine. 2010.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Zu den subprime-Krediten und zur gesetzlichen Vorbereitung unter Clinton s. Hans-Werner Sinn: Kasino-Kapitalismus, Berlin 2010, S. 150 ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] wikipedia Robert Rubin, abgerufen 31.8.2010<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] R&uuml;gemer: Privatisierung in Deutschland a.a.O., S. 103 ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] Vgl. Ders.: ArbeitsUnrecht. M&uuml;nster 2010.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] Am Ende gewinnt immer die Bank, Handelsblatt 9.8.2010.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;16<\/a>] Zum Schrumpfen einer Volkswirtschaft im Ma&szlig;e des ansteigenden Anteils der Staatsschulden am Bruttoinlandsprodukt vgl. Carmen Reinhart \/Kenneth Rogoff: Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahrhunderte Finanzkrisen. M&uuml;nchen 2010.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_17\" name=\"foot_17\">&laquo;17<\/a>] Zur Rolle der &bdquo;Wirtschaftspr&uuml;fer&ldquo; als gleichzeitige Steuer- und Unternehmensberater vgl. Werner R&uuml;gemer: Die Berater. Ihr Wirken in Staat und Gesellschaft, Bielefeld 2004; ders.: &bdquo;Heuschrecken&ldquo; im &ouml;ffentlichen Raum. Public Private Partnership &ndash; Anatomie eines globalen Finanzinstrumens. Bielefeld 2008.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_18\" name=\"foot_18\">&laquo;18<\/a>] Zitiert nach Sinn, Kasinokapitalismus a.a.O., S. 113<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_19\" name=\"foot_19\">&laquo;19<\/a>] Werner R&uuml;gemer: Bankster vor Gericht. Kollektive Unschuld und systemische Kriminalit&auml;t, in: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik 8\/2010, S. 72-84.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_20\" name=\"foot_20\">&laquo;20<\/a>] Ferdinando Galiani: Nachrichten vom Vesuv. Berlin 2009; Werner Tabarelli: Ferdinando Galiani &ndash; &Uuml;ber das Geld. D&uuml;sseldorf 1999.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_21\" name=\"foot_21\">&laquo;21<\/a>] Werner R&uuml;gemer: Die &bdquo;Rettung&ldquo; Griechenlands und des Euro als Fluch der b&ouml;sen Tat, in: Das Argument 287\/2010, S. 406-411.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die staatliche Bankenrettung zeigt: Die Verantwortlichkeit der beherrschenden Eigent&uuml;mer ist gleich Null. 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Gottfried von<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6946\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,50,127],"tags":[241,266,225,222,394],"class_list":["post-6946","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","category-finanzkrise","category-lobbyismus-und-politische-korruption","tag-bankenrettung","tag-deutsche-bank","tag-hre","tag-ikb","tag-subventionen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6946","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6946"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6946\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":52241,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6946\/revisions\/52241"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6946"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6946"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6946"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}