{"id":6955,"date":"2010-10-06T09:05:13","date_gmt":"2010-10-06T07:05:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6955"},"modified":"2019-07-11T16:46:17","modified_gmt":"2019-07-11T14:46:17","slug":"was-ist-das-ziel-der-bildungspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6955","title":{"rendered":"Was ist das Ziel der Bildungspolitik?"},"content":{"rendered":"<p>Eine geraffte Betrachtung &uuml;ber eine emanzipative Bildungspolitik und &uuml;ber die bildungspolitischen Forderungen nach &bdquo;Chancengleichheit&ldquo; und &bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo; von Jens Wernicke<br>\n<!--more--><\/p><ul>\n<li>Progressiv-humanistische Kr&auml;fte beantworten diese Frage so: Das Ziel von Bildungspolitik ist Bildung selbst.\n<p>Ziel von Bildungspolitik soll es danach sein, jedem Menschen einen guten, qualifizierten, emanzipativen Bildungsabschluss zu erm&ouml;glichen: Wo es 100 Kinder verschiedener sozialer Herkunft und verschiedener &bdquo;Leistungen&ldquo; (die eben nichts &uuml;ber Biologie und genetisches Potential, sondern viel mehr etwas &uuml;ber Ausgrenzung und sozialen Benachteiligungen aussagen) gibt, sollen nach diesem Ideal alle diese Kinder in die Lage versetzt werden, sich als menschliche Wesen in einer ihnen gerechten (Bildungs-)Umwelt bestm&ouml;glich zu entfalten, m&ouml;glichst 100 von 100 Kindern sollen die reale M&ouml;glichkeit haben, einen Realschulabschluss, besser noch ein Abitur oder jedenfalls einen den Neigungen entsprechenden Bildungsabschluss erreichen k&ouml;nnen. Platt gesagt: Jeder der will, soll auch bef&auml;higt werden k&ouml;nnen und d&uuml;rfen.\n<\/p><\/li>\n<li>Weniger progressive Kr&auml;fte beantworten diese Frage damit: Das Ziel von Bildungspolitik ist Chancengleichheit.\n<p>Das bedeutet: In einer Welt stets knapper Ressourcen (genauer: knapper Ressourcenzuteilung) findet man sich damit ab, dass &bdquo;gute Bildung&ldquo; und damit auch ein &bdquo;gutes Leben&ldquo; nicht f&uuml;r alle gleicherma&szlig;en m&ouml;glich ist. Wenigstens aber will man, dass alle die gleichen &bdquo;Chancen&ldquo; hierauf haben. Konkret: Die gesellschaftlich bedingten Ungleichheiten werden hingenommen, bestehende Strukturen gelten als gesetzt. Aktuell hei&szlig;t das, dass die Gesellschaft von 100 Kindern derzeit 45 die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Abiturientenquote_und_Studienanf%C3%A4ngerquote\">M&ouml;glichkeit er&ouml;ffnet<\/a>, ein Abitur zu erwerben. <\/p>\n<p>Die Ver&auml;nderung (oder gar &Uuml;berwindung) des Bestehenden sieht man darin, dass Benachteiligungen beseitigt werden sollten, um damit mehr Gerechtigkeit zu erreichen. Der Unterschied zu heute, wo die 45 Abiturienten von 100 Kindern in der Regel Kinder von Bessergestellten sind, w&uuml;rden in einem &bdquo;chancengerechten&ldquo; Bildungssystem unter gleichen Wettbewerbsbedingungen (also bei (fiktivem) Fortfallen also aller Benachteiligungen) die 45 wirklich &bdquo;leistungsst&auml;rksten&ldquo; Kinder ein Abitur machen, die &uuml;brigen jedoch nach wie vor nicht. Die &bdquo;Chance&ldquo; auf Bildung, h&auml;tten jedoch alle Kinder gehabt. Und das gilt dann eben als &bdquo;gerecht&ldquo;. <\/p>\n<p>Die bildungspolitische Forderung, dass alle Menschen unabh&auml;ngig von ihrer Herkunft, arme und reiche, Frauen und M&auml;nner &bdquo;gleiche Chancen&ldquo; offen stehen m&uuml;ssen, negiert was zum Beispiel Bourdieu &uuml;ber die Distinktion (&bdquo;Die feinen Unterschiede&ldquo;) (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Distinktion\">Wikipedia: Distinktion<\/a>) und &uuml;ber unterschiedlich verteiltes &bdquo;kulturelles Kapital&ldquo; (Wikipedia: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kulturelles_Kapital\">kulturelles Kapital<\/a>) herausgefunden hat oder was nach einer anderen Theorie als Makro-, Meso- und Mikro-Ebene klassistischer Benachteiligung (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klassismus#Theorie\">Wikipedia: Klassismus &ndash; Theorie<\/a>) beschrieben wird. &Uuml;ber diese real vorhandenen, gesellschaftlich gepr&auml;gten Unterschiede und Benachteiligungen mogelt sich die Forderung nach &bdquo;Chancengleichheit&ldquo; hinweg.\n<\/p><\/li>\n<li>Nicht mehr progressiv zu nennende Kr&auml;fte beantworten die Frage nach dem Ziel der Bildungspolitik mit: Chancengerechtigkeit.\n<p>Der Begriff der &bdquo;Gerechtigkeit&ldquo; ist unvermeidbar mit einer ethischen Bewertung verkn&uuml;pft, die &uuml;ber &bdquo;gerecht&ldquo; und &bdquo;ungerecht&ldquo; urteilt. Wenn in der Demokratie politisch &uuml;ber Interessen verhandelt und entschieden wird, zwischen Einzelnen und Gruppen &ndash; dem Ideal nach in Augenh&ouml;he miteinander -, wird hier &ndash; sozusagen vordemokratisch &ndash; von einer ethischen Instanz dar&uuml;ber entschieden, was &bdquo;gerecht&ldquo; ist. Um Holdger Platta zu zitieren, &bdquo;in diesem emphatischen Begriff der &bdquo;Gerechtigkeit&ldquo; steckt im Unterschied zur n&uuml;chternen &bdquo;Gleichheit&ldquo; ein St&uuml;ck undemokratischer Autorit&auml;t oder undemokratischer Sehnsucht nach Autorit&auml;t. Dies gilt umso mehr, wenn es um politische, soziale und &ouml;konomische Interessen geht, die sich gar nicht alle durch obersten Richterspruch regeln lassen. Vor allem dann nicht, <a href=\"http:\/\/www.weltderarbeit.de\/start157.pdf\">wenn sich dieser &bdquo;Gerechtigkeits&ldquo;-Begriff zusammentut mit dem Begriff der &bdquo;Chancen&ldquo;, und an dieser Stelle wird der Begriff geradezu heimt&uuml;ckisch und verbirgt einen heimt&uuml;ckischen Hinterhalt&ldquo; [PDF &ndash; 87.5 KB]<\/a>. <\/p>\n<p>Der Hinterhalt besteht &ndash; kurz gesagt &ndash; darin, dass der Begriff davon ausgeht, dass es grunds&auml;tzlich &bdquo;kluge&ldquo; und &bdquo;dumme&ldquo; Menschen gibt, dass weniger Umwelt bzw. Gesellschaft sondern eher &bdquo;Genetik&ldquo; (Begabung) das Bestimmende in Bezug auf die Bildungs-&bdquo;Leistung&ldquo; ist. Daraus wird gefolgert, dass es eben nur &bdquo;gerecht&ldquo; sei, Kinder, die &bdquo;klug zur Welt gekommen&ldquo; sind, in der Weiterentwicklung ihrer Genialit&auml;t zu f&ouml;rdern seien und gesellschaftliche Ressourcen mehr darauf als etwa auf den Ausgleich vermeintlicher &bdquo;Nachteile&ldquo; zu lenken seien. Die real vorhandenen Nachteile gelten sozusagen als &bdquo;Erblasten&ldquo; der Betroffenen. <\/p>\n<p>Sehr verk&uuml;rzt gesagt: Chancen&ldquo;gerecht&ldquo; ist es, von 100 Kindern eben die 45 zu f&ouml;rdern, die ohne einen Nachteilsausgleich und auch ohne &bdquo;gleiche Chancen&ldquo; ihr Abitur machen. Die Devise lautet: Wer hat, dem wird gegeben, wer gut ist, verdient es, noch besser zu werden! <\/p>\n<p>Der Begriff der &bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo; ist &bdquo;Ausdruck einer Brutalit&auml;t, die das Opfer nicht nur ganz real zu Boden getreten hat, sondern danach auch noch moralisch zu Boden tritt&ldquo; (Platta, ebd.) <\/p>\n<p>Doch das Erschreckende ist: Viele der eigentlichen (gesellschaftlichen) &bdquo;Opfer&ldquo; glauben auch noch daran. Sie glauben, dass andere mehr und sie eben weniger &bdquo;Chancen&ldquo; (und damit auch Lebensqualit&auml;t) verdient h&auml;tten. Sie empfinden sich selber als Versager, sie reden sich selber Schuldgef&uuml;hle dar&uuml;ber ein, dass sie es nicht geschafft haben wie die &bdquo;da oben&ldquo;. <\/p>\n<p>Pierre Bourdieu in <a href=\"http:\/\/www.vsa-verlag.de\/books.php?kat=ta&amp;isbn=3-87975-803-4\">&bdquo;Wie die Kultur zum Bauern kommt&ldquo;<\/a> beschreibt es so:<\/p>\n<blockquote><p><em>Von unten bis ganz nach oben funktioniert das Schulsystem, als best&uuml;nde seine Funktion nicht darin auszubilden, sondern zu eliminieren. Besser: in dem Ma&szlig;, wie es eliminiert, gelingt es ihm, die Verlierer davon zu &uuml;berzeugen, dass sie selbst f&uuml;r ihre Eliminierung verantwortlich sind. Indem das Schulsystem alle Sch&uuml;ler, wie ungleich sie auch in Wirklichkeit sein m&ouml;gen, in ihren Rechten und Pflichten gleich behandelt, sanktioniert es faktisch die urspr&uuml;ngliche Ungleichheit gegen&uuml;ber der Kultur. Die formale Gleichheit, die die p&auml;dagogische Praxis bestimmt, dient in Wirklichkeit als Verschleierung und Rechtfertigung der Gleichg&uuml;ltigkeit gegen&uuml;ber der wirklichen Ungleichheit in Bezug auf den Unterricht und der im Unterricht vermittelten oder, genauer gesagt, verlangten Kultur.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Diese faktische Sanktionierung der Ungleichheit gegen&uuml;ber der &bdquo;verlangten Kultur&ldquo; durch unser bestehendes Bildungssystem gilt es aufzuzeigen und zu kritisieren. Ohne diese Einsicht werden die Benachteiligten weder den Mut noch die Kraft f&uuml;r den politisch erforderlichen Widerstand gegen die vorhandene &bdquo;Chancenungleicheit&ldquo; aufbringen k&ouml;nnen.  <\/p>\n<p>Siehe dazu: <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/zukunft\/wissen\/artikel\/1\/wie-die-schule-verlierer-produziert\/\">Wie die Schule Verlierer produziert<\/a>\n<\/p><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine geraffte Betrachtung &uuml;ber eine emanzipative Bildungspolitik und &uuml;ber die bildungspolitischen Forderungen nach &bdquo;Chancengleichheit&ldquo; und &bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo; von Jens Wernicke<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[151,206,1],"tags":[409,757,408],"class_list":["post-6955","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildungspolitik","category-chancengerechtigkeit","category-das-kritische-tagebuch","tag-bildungschancen","tag-bourdieu-pierre","tag-soziale-herkunft"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6955","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6955"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6955\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53335,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6955\/revisions\/53335"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6955"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6955"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6955"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}