{"id":69678,"date":"2021-02-10T10:00:11","date_gmt":"2021-02-10T09:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69678"},"modified":"2021-06-18T10:24:31","modified_gmt":"2021-06-18T08:24:31","slug":"sigmund-jaehns-namen-soll-verschwinden-weil-er-ddr-buerger-war","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69678","title":{"rendered":"Sigmund J\u00e4hns Namen soll verschwinden, weil er DDR-B\u00fcrger war"},"content":{"rendered":"<p>In Deutschland soll ein Planetarium nicht weiter den Namen des ersten Deutschen im Weltraum tragen d&uuml;rfen: &bdquo;Sigmund J&auml;hn&ldquo;. Es sind politische Gr&uuml;nde, entlarven sich die Akteure der Kampagne gegen J&auml;hn in der anhaltinischen Stadt Halle. Der Kosmonaut war DDR-B&uuml;rger, allein deshalb geb&uuml;hre ihm keine Ehre, wird allen Ernstes &ouml;ffentlich ausgef&uuml;hrt. Ein Vorgang, ein Ansinnen, das Kopfsch&uuml;tteln hervorruft. Auch im Vogtland. Sigmund J&auml;hn ist geb&uuml;rtiger Vogtl&auml;nder. Von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSigmund J&auml;hn ist eine deutsche Ber&uuml;hmtheit, eine gesamtdeutsche Pers&ouml;nlichkeit, gerade weil deren Biografie ihren Anfang im Osten des einst geteilten Landes nahm und auch im vereinten Land anerkannt wird. Doch nun? Sigmund J&auml;hn war der erste Deutsche im Weltraum (Kosmonaut genannt im Osten, Astronaut im Westen). J&auml;hn stammt aus dem Vogtland &ndash; der aus derselben Gegend stammende Autor Frank Blenz ist stolz darauf. In J&auml;hns Geburtsort Morgenr&ouml;te-Rautenkranz, einer der sch&ouml;nsten, Winter k&auml;ltesten, romantischsten Waldgemeinden des ganzen Landes, gibt es eine &uuml;beraus popul&auml;re Einrichtung, das Weltraummuseum, die den Namen und das Wirken des Kosmonauten J&auml;hn mit vielen Exponaten ehrt und w&uuml;rdigt. Ganz anderes Verhalten tr&auml;gt sich gerade im ebenfalls ostdeutschen Halle an der Saale zu. Das hat die Berliner Zeitung &bdquo;Junge Welt&ldquo; ver&ouml;ffentlicht. Der Vorgang von Halle wird so beschrieben:<\/p><blockquote><p>\nNoch 2021 soll das neue Planetarium am Holzplatz in Halle an der Saale er&ouml;ffnet werden. Das alte, in der DDR erbaute Raumflugplanetarium auf der Pei&szlig;nitzinsel, das seit 1978 und auch nach 1990 den Beinamen &raquo;Sigmund J&auml;hn&laquo; trug, musste abgerissen werden. Hochwassersch&auml;den, zuletzt 2013, zwangen zur Aufgabe des Standortes. Das neue Planetarium soll nun, geht es nach dem Willen der CDU im Stadtrat, keinen Beinamen erhalten &ndash; auf keinen Fall aber den des DDR-Kosmonauten. Dar&uuml;ber ist in Halle ein Streit entbrannt, der seit Wochen andauert.\n<\/p><\/blockquote><p>Im Vogtland ruft dieses Treiben Kopfsch&uuml;tteln hervor. Gut, man k&ouml;nnte gelassen reagieren, ginge es doch &bdquo;nur&ldquo; um den Namen eines Raumflug-Planetariums. Das k&ouml;nnte &bdquo;Zu den Sternen&ldquo; genannt werden oder den fetzigen englischen Titel &bdquo;Fantastic Look to Sky&ldquo; erhalten. Doch es ist nicht nur ein Name. Es geht um den Erhalt, denn der Name steht seit der Er&ouml;ffnung des Planetariums &uuml;ber dessen Eingang. Und es geht um den Namen J&auml;hn, dessen Ehrung ein Versprechen ist zu vereinen. In Sachen Sensibilit&auml;t f&uuml;r die Ostdeutschen und der Wertsch&auml;tzung ob ihrer Lebensleistungen, ihren Biografien in der DDR passt sich die Aktivit&auml;t in Sachsen-Anhalt in die vielen Beispiele der Geringsch&auml;tzung von Menschen, die aus dem Land im Osten stammen, ein. Atemlos liest man weiter:<\/p><p>So schreibt die Junge Welt:<\/p><blockquote><p>\nUm den Wert, selbst den sachlichen und den &uuml;ber Jahren anerkannten Respekt um die eigene Position zu rechtfertigen, behauptete die CDU-Stadtr&auml;tin Ulrike W&uuml;nscher, Sigmund J&auml;hn habe seine Leistungen nur vollbringen k&ouml;nnen, weil er systemkonform gewesen sei. Ende 2020 meldete sich die sachsen-anhaltische &raquo;Beauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur&laquo;, Birgit Neumann-Becker (CDU), zu Wort. Der Beiname &raquo;Sigmund J&auml;hn&laquo; ginge nicht, denn J&auml;hn sei als &raquo;Auskunftsquelle&laquo; des MfS genutzt worden (aber auch Gegenstand von Beobachtung durch das MfS gewesen). Und er &raquo;geh&ouml;rte zu denen, die die Diktatur in der DDR repr&auml;sentierten und das System bis zum Schluss st&uuml;tzten&laquo;. Sie sorge sich, dass 30 Jahre nach der deutschen Einheit die SED- und NVA-Karriere von Sigmund J&auml;hn einfach mal so weggelassen w&uuml;rde.<\/p>\n<p>Die Vertreter des Vereins &raquo;Zeitgeschichte(n) e. V.&laquo; in Halle, die die CDU-Stadtratsfraktion um eine &raquo;Stellungnahme&laquo; gebeten hatte, wiederholten den &raquo;Stasi&laquo;-Vorwurf, gingen aber noch weiter: &raquo;Unbestreitbar zeigt der Lebenslauf, dass Sigmund J&auml;hn nicht nur &rsaquo;systemnah&lsaquo;, sondern Teil des Unterdr&uuml;ckungssystems der DDR war, das er bereitwillig repr&auml;sentierte und dem er bis zum Schluss verbunden war. Bei aller Anerkennung f&uuml;r seine Leistung im All und Sympathie f&uuml;r den als zur&uuml;ckhaltend und bescheiden beschriebenen Menschen: Hier auf der Erde macht ihn das nicht zum Helden. Davon zeugen die Stationen vom Buchdrucker, Pionierleiter, Parteigruppenorganisator, Mitglied der SED-Parteileitung, Jagdflieger der NVA, Studium in Moskau mit Abschluss&sbquo; Diplommilit&auml;rwissenschaftler, Kosmonaut und Aufstieg in der NVA bis zum Generalmajor.&laquo; J&auml;hn hatte also nicht nur die falsche politische &Uuml;berzeugung, sondern hat auch noch ein falsches Leben in der DDR gelebt. Wie dumm ist das?<\/p><\/blockquote><p>Es ist nicht nur dumm, es ist arrogant. Sollte es 2021 nicht endlich hei&szlig;en: Einiges Deutschland hei&szlig;t humanistisches, vers&ouml;hnliches politisches Handeln, Spaltung vermeiden, vers&ouml;hnen, einig sein? Man muss sich vorstellen, dieser Namensstreit geschieht aktuell in einem Stadtrat, in einer Stadt im Osten. Die Fraktion, die um die Namenstilgung k&auml;mpft, ist Teil der B&uuml;rgervertretung, die &ndash; so wird gern im Kommunalen geredet &ndash; &uuml;ber Parteieninteressen und Gez&auml;nk nah am Menschen entscheidet. Doch hier? Wo bleibt die Empathie, die Toleranz und vielleicht gar etwas Charme und Gelassenheit &ouml;ffentlicher Personen, die Verantwortung tragen und weise und edel handeln sollen? Das Nah-am-B&uuml;rger-Sein wohnt dem Ansatz kommunalen Handelns doch inne. Aber was ist das, wenn eine Stadtr&auml;tin so agiert, wenn w&uuml;tende Vereinsaktivisten so agieren, wenn Aufarbeitungsbeauftragte so agieren, indem sie mit der Streichung eines ber&uuml;hmten Namens genau das Gegenteil beabsichtigen? Es ist so: B&uuml;rger in Ostdeutschland erleben bis heute, dass ihre Herkunft negatives Handeln und Denken hervorrufen, dass ihre Geschichten auf dem Pr&uuml;fstand stehen und dass dies meist vonseiten von Mitb&uuml;rgern, von Mandatstr&auml;gern, von Autoren, von Entscheidungsbefugten (von Ostdeutschen und von Westdeutschen) angeschoben wird, die sich mit ihrem Tun als bessere Bundesb&uuml;rger gerieren.<\/p><p>Und da ist ein DDR-B&uuml;rger, der dies nicht mehr erlebt, er hei&szlig;t Sigmund J&auml;hn, um ihn dreht sich die Hatz und Hetze, er ist 2019 gestorben. Er liest auch nicht mehr folgende Zeilen:<\/p><blockquote><p>\nJ&auml;hns Weg war der eines Arbeiterjungen, der sich f&uuml;r den Sozialismus und die DDR entschieden hatte. F&uuml;r die CDU ein unverzeihlicher Makel. Nach 1990 war er unter anderem als Berater des Deutschen Zentrums f&uuml;r Luft und Raumfahrt und der Europ&auml;ischen Raumfahrtorganisation ESA t&auml;tig. Seine bundesdeutschen Raumfahrtkollegen und viele aus anderen europ&auml;ischen Staaten sprechen noch heute mit Hochachtung &uuml;ber ihn, hat er doch nicht wenige von ihnen nach 1990 ins Sternenst&auml;dtchen bei Moskau und bei ihrer Ausbildung vor dem Flug zur &raquo;Mir&laquo;-Station bzw. zur Internationalen Raumstation ISS begleitet. Der Deutschlandfunk nannte ihn 2018 einen &raquo;Superstar&laquo;.<\/p>\n<p>In der vergangenen Woche fand der gemeinsame Antrag der drei Fraktionen SPD, Die Linke, &raquo;MitB&uuml;rger &amp; Die PARTEI&laquo; in der Sitzung des Kulturausschusses zur Benennung des neuen Planetariums nach J&auml;hn keine Mehrheit. Die Benennung nach J&auml;hn, so der Vorsitzende der SPD-Fraktion, Eric Eigendorf, entspr&auml;che allerdings &raquo;auch den R&uuml;ckmeldungen aus der B&uuml;rgerschaft&laquo;. Die abschlie&szlig;ende Beschlussfassung im Stadtrat von Halle steht noch aus.\n<\/p><\/blockquote><p>Die Geschichte ist nicht auserz&auml;hlt. Es ist nur ein Planetarium, k&ouml;nnte man sagen. Doch es ist mehr.<\/p><p>R&uuml;ckblick. Die Einrichtung wurde als Raumflug-Planetarium &bdquo;Sigmund J&auml;hn&ldquo; auf der Pei&szlig;nitzinsel in Halle (Saale) am 10. November 1978 er&ouml;ffnet. Das Planetarium erhielt den Namen zu Ehren von Sigmund J&auml;hn, dem ersten deutschen Kosmonauten. Es war das gr&ouml;&szlig;te Schul-Planetarium in der DDR und verf&uuml;gte &uuml;ber ein entsprechend modernes Innenleben: einen Planetariumsprojektor &bdquo;Spacemaster DP2&ldquo; (Carl-Zeiss-Werke Jena). Das Planetarium verf&uuml;gte zudem &uuml;ber eine Sternwarte. Und die Geschichte sollte auch im vereinten Deutschland weitergehen. Mit dem Namen J&auml;hn. Inzwischen gibt es ein neues Planetarium, es soll wieder er&ouml;ffnet werden, doch es wird gegen den alten Namen J&auml;hn getobt &hellip;<\/p><p>Man darf gespannt sein, wie die Beschlussfassung des Stadtrates von Halle ausf&auml;llt. Aus dem Vogtland kommt die innige Bitte und Forderung: Das Planetarium tr&auml;gt den Namen Sigmund J&auml;hn und das soll auch so bleiben. Und &uuml;brigens: Der erste Deutsche im All, Sigmund J&auml;hn (1978 f&uuml;r die DDR), und der zweite Deutsche im All, Ulf Dietrich Merbold (1983 f&uuml;r die BRD), sind beide? Ja, Vogtl&auml;nder. <\/p><p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/396072.sigmund-j%C3%A4hn-halle-wir-haben-ein-problem.html\">Jungewelt<\/a><\/p><p>Titelbild: Boris15 \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland soll ein Planetarium nicht weiter den Namen des ersten Deutschen im Weltraum tragen d&uuml;rfen: &bdquo;Sigmund J&auml;hn&ldquo;. Es sind politische Gr&uuml;nde, entlarven sich die Akteure der Kampagne gegen J&auml;hn in der anhaltinischen Stadt Halle. Der Kosmonaut war DDR-B&uuml;rger, allein deshalb geb&uuml;hre ihm keine Ehre, wird allen Ernstes &ouml;ffentlich ausgef&uuml;hrt. 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