{"id":69849,"date":"2021-02-16T11:57:58","date_gmt":"2021-02-16T10:57:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69849"},"modified":"2021-02-16T16:10:26","modified_gmt":"2021-02-16T15:10:26","slug":"das-wikipedia-problem-ist-auch-ein-journalismus-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69849","title":{"rendered":"Das Wikipedia-Problem ist auch ein Journalismus-Problem"},"content":{"rendered":"<p>Gem&auml;&szlig; den eigenen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wikipedia:Belege\">Kriterien<\/a> sollen die Artikel der Wikipedia im Idealfall neutral und unparteiisch sein. Quellen, deren Neutralit&auml;t angezweifelt werden kann, sind demnach &bdquo;nur in den seltensten F&auml;llen als Quelle geeignet&ldquo;. Gleichzeitig geh&ouml;ren laut Wikipedia-Kriterien jedoch &bdquo;renommierte&ldquo; gedruckte Zeitungen samt deren Online-Ablegern zu den bevorzugten Quellen f&uuml;r Belege innerhalb der Wikipedia. Diese beiden Kriterien stellen jedoch ein Paradoxon dar, wenn in diesen bevorzugten Medien nicht neutral und unparteiisch geschrieben wird &ndash; und dies ist in Zeiten des grassierenden Haltungsjournalismus eher die Regel als die Ausnahme. So bekommt die Meinung des Berufsstands der Journalisten in der Wikipedia eine enzyklop&auml;dische Relevanz. Willkommen in der postfaktischen Zeit. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5708\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-69849-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210216_Das_Wikipedia_Problem_ist_auch_ein_Journalismus_Problem_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210216_Das_Wikipedia_Problem_ist_auch_ein_Journalismus_Problem_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210216_Das_Wikipedia_Problem_ist_auch_ein_Journalismus_Problem_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210216_Das_Wikipedia_Problem_ist_auch_ein_Journalismus_Problem_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=69849-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210216_Das_Wikipedia_Problem_ist_auch_ein_Journalismus_Problem_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210216_Das_Wikipedia_Problem_ist_auch_ein_Journalismus_Problem_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Zum Thema auf den NachDenkSeiten:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37340\">Willkommen in Absurdistan &ndash; wie die Wikipedia sich selbst zerst&ouml;rt<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28035\">Die dunkle Seite der Wikipedia<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61681\">Der Kampfbegriff einer super gro&szlig;en Koalition: Verschw&ouml;rungstheoretiker!<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42274\">Die Sache mit der Wikipedia &ndash; werden Sie aktiv!<\/a>\n<\/p><\/div><p>Wenn man sich den Wikipedia-Eintrag des &ouml;sterreichischen Biologen Clemens Arvay anschaut, stellt man mit Verwunderung fest, dass mehr als die H&auml;lfte des Eintrags nicht etwa aus enzyklop&auml;dischen Eintr&auml;gen, sondern aus Zitaten aus Artikeln &uuml;ber Arvay besteht, die in Zeitungen und den Onlineablegern klassischer Medien wie der Deutschen Welle erschienen sind. <\/p><p><em>Lesen Sie dazu auch: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65166\">&bdquo;Bestrafe Einen, erziehe Hundert. Die Wikipedia-Kampagne gegen den Biologen Clemens Arvay&ldquo;<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69475\">&bdquo;Ich lasse mir von der Wikipedia nicht meine Identit&auml;t stehlen&ldquo;<\/a><\/em><\/p><p>Mehr als ein Achtel des Eintrags macht dabei ein einschl&auml;giger Artikel einer freien Journalistin namens Mira Landwehr <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2020\/49\/rettung-aus-dem-wald\">in der Zeitung Jungle World<\/a> aus, in dem sie sich vordergr&uuml;ndig kritisch mit den Aussagen Arvays zur Impfstoffentwicklung auseinandersetzt. Nun besitzt Frau Landwehr, die nach <a href=\"https:\/\/taz.de\/Tierrechts-Autorin-ueber-Veganer\/!5693507\/\">Angaben der taz<\/a> Geschichte und Germanistik studiert hat und &bdquo;nun als Autorin und Journalistin&ldquo; arbeitet, jedoch keine nennenswerten Expertisen auf diesem Gebiet. Muss sie auch nicht, den in ihrem breit in der Wikipedia zitierten Artikel geht es nicht um Fakten, sondern darum, dass Frau Landwehr der Meinung ist, Kritik an der Impfstoffentwicklung sei eine Verschw&ouml;rungstheorie und als solche irgendwie rechts. Jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung und sei sie noch so skurril. Warum die Meinung einer jungen Germanistin enzyklop&auml;dischen Wert f&uuml;r den Wikipedia-Eintrag eines Biologen haben soll, ist jedoch eine Frage, auf die es keine &uuml;berzeugende Antwort gibt. <\/p><p>Normalerweise h&auml;tte Landwehrs Meinung auch keine Chance, mit einer Zitierung in der Wikipedia &bdquo;geadelt&ldquo; zu werden. Doch da Landwehr ihre Meinung nicht auf Facebook oder im Kommentarbereich eines Online-Mediums, sondern als &bdquo;Journalistin&ldquo; im redaktionellen Teil der Jungle World ver&ouml;ffentlicht hat, sieht dies laut den Kriterien der Wikipedia pl&ouml;tzlich anders aus. Nicht der Inhalt, sondern allein die Quelle z&auml;hlt. Geradeso, als sei ausgerechnet die Jungle World ein Garant f&uuml;r faktentreuen neutralen Journalismus. <\/p><p>Und der Wikipedia-Eintrag von Clemens Arvay ist dabei nur ein Beispiel unter vielen. So besteht der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/NachDenkSeiten\">Wikipedia-Eintrag der NachDenkSeiten<\/a> zu stolzen zwei Dritteln aus der Kategorie &bdquo;Rezeption&ldquo;, in der die Gegner der NachDenkSeiten sehr ausf&uuml;hrlich zu Wort kommen d&uuml;rfen. Da wird dann ein Artikel des Journalisten Martin Reeh aus dem Meinungsressort der taz ausf&uuml;hrlich zitiert, der unter anderem anf&uuml;hrt, dass Albrecht M&uuml;ller sich von Ken Jebsen interviewen l&auml;sst und Daniele Ganser &bdquo;ohne kritische Nachfrage seine Ansichten verbreiten l&auml;sst&ldquo;. Welchen enzyklop&auml;dischen Wert solche inhaltslosen Meinungen haben, bleibt dabei &ndash; wie so vieles &ndash; offen. Aber das ist ja egal, Reeh ist schlie&szlig;lich Journalist. <\/p><p>Breiten Raum bekommt im Wikipedia-Eintrag &bdquo;nat&uuml;rlich&ldquo; auch die anonym verfasste Polemik, die die S&uuml;ddeutsche Zeitung <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54855\">im September 2019 in ihrem &bdquo;Streiflicht&ldquo;<\/a> gegen die NachDenkSeiten und ihren Herausgeber verschoss. Ein anonymer Autor? Eine Polemik ohne jede Spur von Neutralit&auml;t und Unparteilichkeit? Nach den eigenen Regeln der Wikipedia w&auml;re so etwas nicht zugelassen. Da der Troll, der diesen Text verfasst hat, jedoch nicht auf Facebook, sondern in der Redaktion der S&uuml;ddeutschen Zeitung seine Duftmarke hinterlassen hat, sieht es freilich anders aus. So wird aus einem Trollkommentar eine Quelle mit enzyklop&auml;dischem Wert. W&auml;re es nicht so traurig, man k&ouml;nnte schallend lachen. Da w&uuml;nscht man sich doch gleich den guten alten Brockhaus zur&uuml;ck. <\/p><p>Das Problem der Scheinrelevanz der Meinungen von Journalisten geht jedoch weit &uuml;ber derlei Polemiken und Herabw&uuml;rdigungen von Andersdenkenden und Kritikern bestimmter Positionen hinaus. Es gibt wohl niemanden, der heute noch die Position vertritt, Journalisten seien per se zur Neutralit&auml;t verpflichtet. Moderner Journalismus ist Haltungsjournalismus. Journalisten haben zu allem eine Meinung; h&auml;ufig dieselbe und noch h&auml;ufiger gepr&auml;gt von den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28235\">Blasen und Echokammern<\/a>, in denen sie sich bewegen. Seit ihrem Bestehen weisen die NachDenkSeiten auch regelm&auml;&szlig;ig darauf hin, wie Interessengruppen Einfluss auf die geschriebenen und gedachten Meinungen der Journalisten nehmen. Man schaltet sich bei den wichtigen Themen selbst gleich und vertritt dabei oft Meinungen und Positionen, die bestenfalls ein kleines Spektrum des gesamten Bildes repr&auml;sentieren. <\/p><p>Man findet die USA und die NATO toll, h&auml;lt Russland f&uuml;r einen Feind, steht hinter der Lockdown-Politik der Regierung, mag Angela Merkel, findet, dass es &bdquo;uns&ldquo; doch gut ginge, der Markt alles regele und die Demokratie daher doch bitte marktkonform sein solle &ndash; diese in den gro&szlig;en Medien dominanten Meinungen sind jedoch nicht nur bei den NachDenkSeiten umstritten. Hier soll es an dieser Stelle jedoch nicht zu einer Analyse der einzelnen Sachthemen kommen, sondern um die Frage, wie sehr die Rudelbildung der Meinungsmacher im Journalismus die Neutralit&auml;t der Wikipedia gef&auml;hrdet.<\/p><p>Um sich dieser Frage zu n&auml;hern, reicht ein Blick auf den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alexei_Anatoljewitsch_Nawalny\">Wikipedia-Eintrag des russischen Oppositionellen Alexei Nawalny<\/a>. Mehr als die H&auml;lfte der 247 Einzelnachweise stammt aus Medien wie dem SPIEGEL, der ZEIT oder der S&uuml;ddeutschen, die f&uuml;r ihren antirussischen Kurs bekannt sind &ndash; nicht wenige dieser &bdquo;Quellen&ldquo; sind dabei ebenfalls reine Meinungsartikel. Deutlich wird der &bdquo;Spin&ldquo; des Wikipedia-Eintrags alleine schon dadurch, dass das gesamte Kapitel, in dem es um die Strafsachen gegen Nawalny geht, mit der &Uuml;berschrift &bdquo;Staatliche Schikanen&ldquo; &uuml;berschrieben ist &ndash; sogar in der <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Alexei_Navalny\">englischsprachigen Wikipedia<\/a> ist das Kapitel korrekterweise mit &bdquo;Criminal Cases&ldquo; also &bdquo;Strafsachen&ldquo; &uuml;berschrieben.<\/p><p>Nicht nur in diesem Fall ist offensichtlich, wie sehr die Meinungen einiger weniger Journalisten den Inhalt der Wikipedia pr&auml;gen. Wenn die wichtigsten Quellen weder neutral noch unparteiisch sind, kann nat&uuml;rlich auch die Wikipedia weder neutral noch unparteiisch sein. Ein enzyklop&auml;disches Werk, das in weiten Bereichen nur ausgesuchte Meinungen wiedergibt, ist keine Enzyklop&auml;die, sondern nur eine Momentaufnahme des aktuell im Journalismus vorherrschenden Meinungsbildes und als solches &uuml;berfl&uuml;ssig.<\/p><p>Titelbild: Dusit\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/1b30ab653a0e48718f444a6e089e022e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gem&auml;&szlig; den eigenen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wikipedia:Belege\">Kriterien<\/a> sollen die Artikel der Wikipedia im Idealfall neutral und unparteiisch sein. Quellen, deren Neutralit&auml;t angezweifelt werden kann, sind demnach &bdquo;nur in den seltensten F&auml;llen als Quelle geeignet&ldquo;. 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