{"id":69858,"date":"2021-02-16T13:54:42","date_gmt":"2021-02-16T12:54:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69858"},"modified":"2021-02-22T08:47:46","modified_gmt":"2021-02-22T07:47:46","slug":"ein-interessanter-leserbrief-zur-situation-in-myanmar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69858","title":{"rendered":"Ein interessanter Leserbrief zur Situation in Myanmar"},"content":{"rendered":"<p>In der letzten Woche hatte unser Autor Marco Wenzel auf den NachDenkSeiten eine <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69609\">spannende Analyse<\/a> zum Putsch in Myanmar verfasst. Dazu schrieb uns der mit der Region vertraute Botschafter a.D. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?gastautor=horst-rudolf\">Horst Rudolf<\/a> einen ebenfalls spannenden Leserbrief. Wir freuen uns, Ihnen den Leserbrief samt einer Erwiderung von Marco Wenzel pr&auml;sentieren zu d&uuml;rfen.<br>\n<!--more--><br>\nLeserbrief zu Marco Wenzel:<\/p><p>&ldquo;Gebrochene Fl&uuml;gel&ldquo; vom 8. Februar 2021<\/p><p>Der Artikel von Marco Wenzel ist sehr informativ und korrekt; er stimmt weitgehend mit der internationalen Sicht der Dinge &uuml;berein. Trotzdem erscheint mir ein erg&auml;nzender Blick &bdquo;hinter die Kulissen&ldquo; Nachdenkens wert, da ich die Protagonistin Aung San Suu Kyi pers&ouml;nlich gut kenne und die Ereignisse &uuml;ber meine Freunde in Myanmar und Thailand direkt verfolgt habe.<\/p><p>Die Wahlen in Myanmar gingen tats&auml;chlich noch schlechter f&uuml;r die Milit&auml;rs aus, als von diesen bef&uuml;rchtet.Fehler und F&auml;lschungen gab es durchaus relative viele, das Endergebnis war aber tendenziell korrekt.<\/p><p>Zuerst: das Milit&auml;r wollte nach diesem Schock nat&uuml;rlich sein Gesicht wahren und zumindest einige Sitze mehr im Parlament erstreiten, da dort auch ehem. Milit&auml;rs als Zivilisten &bdquo;geparkt&ldquo; waren, die dringend Immunit&auml;t brauchten, um nicht endlos &Auml;rger zu haben. Einzelheiten w&auml;ren zu umfangreich &ndash; aber Burmesen k&ouml;nnen durchaus rachs&uuml;chtig sein.<\/p><p>Die Wahlkommission (UEC) stellte sich (auf Weisung von Aung San Suu Kyi (ASSK)?) dumm und wies die Forderung der Milit&auml;rs nach einer Nachpr&uuml;fung ab, was die Milit&auml;rs zus&auml;tzlich ver&auml;rgerte.Zumindest h&auml;tte ASSK mit der Einbestellung des Parlaments abwarten sollen (eine weitere dringende Forderung der Milit&auml;rs), bis eine teilweise Neuausz&auml;hlung der Stimmen gelaufen w&auml;re.<br>\n&nbsp;<br>\nAll dies interessierte ASSK nicht; vielmehr hatte sie schon seit Wochen Druck gemacht, mit der starken Mehrheit nun endg&uuml;ltig auf eine Verfassungs&auml;nderung zu dr&auml;ngen &ndash;&nbsp;d.h. die Milit&auml;rs letztendlich zu entmachten.<\/p><p>Damit w&auml;ren auch die korrekt beschriebenen Pf&uuml;nde der Milit&auml;rs gef&auml;hrdet. Was allerdings fehlt, ist die Information, das diese Wirtschaftsaktivit&auml;ten praktisch die Renten- und Krankenversicherung aller Milit&auml;rs und ihrer Familien im Land darstellen. Bei einem Verlust w&auml;re das ein Absturz in bisher unbekannte soziale Tiefen &ndash; was ASSK nie offen mit den Milit&auml;rs diskutiert hat.<br>\n&nbsp;<br>\nIch wei&szlig; das alles aus pers&ouml;nlicher Erfahrung. 1998 (!) hatte ich sie bei der ersten (von den Milit&auml;rs genehmigten) Parteiversammlung beraten, wie sie (auch mit deutscher Hilfe) an einer Verfassung arbeiten kann &ndash; doch sie hat sich schlicht verbeten, ihr Ratschl&auml;ge zu erteilen.<br>\n&nbsp;<br>\nVorletzte Woche hatte (der &bdquo;Putschist&ldquo;) Min Aung Hlaing sie&nbsp;immer wieder gewarnt, dieses Risiko-Szenario f&uuml;r seine Milit&auml;rs nicht akzeptieren zu k&ouml;nnen. <\/p><p>Der Vorschlag hie&szlig;, Neuausz&auml;hlung der Stimmen, ggf. ein paar mehr Stimmen f&uuml;r die befreundete USDP und die Garantie seitens der &bdquo;Dame&ldquo;, die Verfassung nicht anzutasten. F&uuml;r die n&auml;chsten Wahlen k&ouml;nne man dann &uuml;ber eine vorsichtige Verschiebung der Macht, bzw. weitere Demokratisierungsschritte diskutieren. Diese (friedliche) L&ouml;sung lag auf dem Tisch &ndash; doch sie wollte mit Gewalt &ldquo;das Recht&rdquo; durchsetzen. Fr&uuml;her hie&szlig; das &ldquo;lieber tot, als rot&rdquo; (Reihenfolge korrekt).<br>\n&nbsp;<br>\nSchon Nelson Mandela hatte ASSK geraten, sich kooperativ zu zeigen, statt das milit&auml;rische Machtsystem (das ja ihr eigener Vater Bogyoke Aung San) aufgebaut (und anschlie&szlig;end auch die zitierten Karen betrogen) hatte, in die Ecke zu dr&auml;ngen. <\/p><p>Das Milit&auml;r selber hatte mehrfach (auch im eigenen Interesse) &uuml;ber zwei Jahrzehnte einige vern&uuml;nftige Angebote unterbreitet, die vor ihr allesamt abgeschlagen wurden &ndash; da hat sich auch bei den Uniformierten viel Frust und &Auml;rger aufgebaut. Schlie&szlig;lich waren dies erst die zweiten Wahlen nach fast 60 Jahren wechselnde Milit&auml;rherrschaft &ndash; und die ethnischen Gruppen Karen, Shan, Chin, Wa, Mon etc. sind auch keine Engel, sondern teilweise auch brutale Milit&auml;rs und Drogenbarone.<br>\n&nbsp;<br>\nDas aktuelle Szenario war also klar programmiert.&nbsp;<\/p><p>Wen &ndash; ebenfalls nicht &bdquo;Mainstream&ldquo;- konforme Informationen aus fachlicher Sicht interessieren, dem sei der Artikel &bdquo;Sturz der unbeugsamen Lady&ldquo; von Franzis Pike in deutscher &Uuml;bersetzung in der &bdquo;Weltwoche&ldquo; Nr. 5-2021 empfohlen.<\/p><p><strong>Anhang: Erwiderung von Marco Wenzel<\/strong><\/p><p>Es ist nicht falsch, wenn einige Autoren anmerken, dass es sich in Myanmar eigentlich nicht um einen Putsch handelte: die Milit&auml;rs haben die Macht nie abgegeben, sie konnten sie daher auch nicht durch einen Putsch &uuml;bernehmen. In der Tat war die Duldung von Suu Kyi und ihrer NLD-Regierung durch das Milit&auml;r nur eine Geste um der internationalen Welt&ouml;ffentlichkeit &uuml;ber die wahren Machtverh&auml;ltnisse in Myanmar Sand in die Augen zu streuen. Die Milit&auml;rs wollten den Anschein von Einsicht und L&auml;uterung und einer Nation auf dem Weg zur Demokratie erwecken. Und die Welt&ouml;ffentlichkeit hat die Illusion f&uuml;r bare M&uuml;nze genommen. Sie wollte einfach daran glauben. <\/p><p>Am 1. Februar haben die Milit&auml;rs in Myanmar ihre Maske abgelegt. Sie zeigen nun wieder ihr wahres Gesicht, das Gesicht der kaltbl&uuml;tigen und korrupten Despoten, M&ouml;rder, Kriegsverbrecher und Kleptokraten, die sie immer schon waren. Sie haben sich nie ge&auml;ndert, sie versuchten blo&szlig;, sich zu verstellen.<\/p><p>Es stimmt, dass die Ereignisse vom 1. Februar vorhersehbar waren und so auch angedroht worden sind. Ich kann aber nur schwer nachvollziehen, wenn man, wie unser Leser und auch manche Autoren in verschiedenen Bl&auml;ttern, Frau Suu Kyi aufgrund ihrer &bdquo;Sturheit&ldquo; und &bdquo;Beratungsresistenz&ldquo; eine Mitschuld am Putsch (wir wollen es weiterhin so nennen), geben m&ouml;chten. <\/p><p>Die Wahlergebnisse sind klar: Die Partei von Suu Kyi hat bei weitem die absolute Mehrheit in beiden Kammern erhalten und dies trotz der Tatsache, dass das Milit&auml;r 25% der Mitglieder ernenn darf. Die von den Milit&auml;rs Ins Rennen geschickte USDP bekam gerade mal 25 Sitze von 440 noch zu vergebenden Sitzen, das sind nicht einmal 6%, eine eindeutige Wahlschlappe. Die Wahl vom November ist Ausdruck der Ablehnung der Bev&ouml;lkerung Myanmars an die Milit&auml;rherrschaft. Der Wahlerfolg der NLD &uuml;bertraf sogar noch den Wahlerfolg von 2015, auch die Wahlniederlage der USDP war dieses Mal noch deutlicher. Die Macht der Gener&auml;le kommt aus den Gewehrl&auml;ufen und nicht vom Willen des Volkes.<\/p><p>In der Zeit von 2015 bis 2020, der ersten Regierungsperiode der NLD, hatten die Milit&auml;rs genug Zeit, sich in den Demokratisierungsprozess einzubringen. Es ist ihnen nicht gelungen, die Bev&ouml;lkerung zu &uuml;berzeugen, dass sie es mit einem demokratischen &Uuml;bergang ernst meinten.  Bei beiden Wahlen, 2015 und 2020 haben die Tatmadaw haushoch verloren. Die Burmesen haben in der Wahl vom November letzten Jahres klar ihre Ablehnung der Tatmadaw zum Ausdruck gebracht, sie wollen sie nicht mehr haben. <\/p><p>In welchen Punkten sollte man da noch weiter auf sie zugehen, welche Kompromisse soll man denn noch machen? Warum sollte man die Er&ouml;ffnung des Parlamentes, wie vom Milit&auml;r wegen angeblichen Wahlbetruges gefordert, auf unbestimmte Zeit verschieben. Warum sollte man den Milit&auml;rs noch mehr Sitze geben, Sitze, die sie ben&ouml;tigen, um im Schutze der parlamentarischen Immunit&auml;t weiterhin ihren korrupten Gesch&auml;ften nachzugehen und das Volk weiterhin auszupl&uuml;ndern? In den mehr als 50 Jahren Milit&auml;rherrschaft haben die Gener&auml;le Burma so weit heruntergewirtschaftet, dass aus einem der reichsten L&auml;ndern Asiens ein Armenhaus geworden ist. Warum die &Uuml;bergabe der Macht von einem Scheinparlament an eine Zivilregierung um mindestens 5 weitere Jahre auf die lange Bank schieben? <\/p><p>Und was die Pensionsanspr&uuml;che der Milit&auml;rs angeht: ihr Pensionsfonds liegt bei der milit&auml;reigenen Myawaddy Bank.  Selbst bei einer &Uuml;bernahme der Bank durch die Regierung st&uuml;nde der Auszahlung einer Rente in gerechtfertigter H&ouml;he an ehemalige Soldaten nichts entgegen. Millionenzahlungen an Putschgener&auml;le fallen allerdings nicht unter die Kategorie &bdquo;Rentenanspr&uuml;che in gerechtfertigter H&ouml;he&ldquo;. Milliard&auml;re brauchen keine Rentenzahlungen, noch dazu von einem Staat, den sie Jahrzehntelang ausgepl&uuml;ndert haben.<\/p><p>Frau Suu Kyi mag Fehler gemacht haben, sie mag auch stur sein, aber ihr Charakter steht hier nicht zur Debatte. Das burmesische Volk hat ihr mit &uuml;berw&auml;ltigender Mehrheit ein Mandat gegeben, die Politik der NLD weiter zu f&uuml;hren. Es m&ouml;chte eine weitere, zunehmende zivile Kontrolle &uuml;ber das Milit&auml;r. Es m&ouml;chte eine weitere Demokratisierung, eine Verfassungs&auml;nderung und damit einhergehend eine Demokratisierung der Wirtschaft, sprich ein Ende der Kleptokratie. Das ist der Auftrag, den die NLD vom Volk bekommen hat. Diesen zu erf&uuml;llen ist ihre Aufgabe. <\/p><p>Nein, wenn man von Sturheit sprechen will, dann sind es die Gener&auml;le, die mit Sturheit an ihren Privilegien festhalten und mit brutaler Gewalt und Unterdr&uuml;ckung daran festhalten wollen. Das Mandat des Volkes an Suu Kyi ist es, die Macht der Milit&auml;r einzuschr&auml;nken. Weitere Zugest&auml;ndnisse w&auml;ren ein Verrat an diesem Auftrag gewesen. <\/p><p>Ein Putsch geht gar nicht. Der Milit&auml;rputsch ist Ausdruck der Sturheit der Milit&auml;rs, Ausdruck ihrer Weigerung, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Der Putsch ist mitnichten das Resultat der Sturheit von Suu Kyi. <\/p><p>Jetzt liegt das Kind im Brunnen, das Milit&auml;r hat es hineingesto&szlig;en. Eine Vers&ouml;hnung ist kaum noch m&ouml;glich. Es geht jetzt nur noch um Sieg oder Niederlage. Die Schuldigen f&uuml;r diesen Putsch m&uuml;ssen bestraft werden&hellip; <\/p><p>Den Lesern sei an dieser Stelle noch der Artikel von THITINAN PONGSUDHIRAK in der Bangkok Post vom 12. Februar empfohlen: <a href=\"https:\/\/www.bangkokpost.com\/opinion\/opinion\/2066691\/whos-culpable-for-myanmars-coup-\">Who&rsquo;s culpable for Myanmar&rsquo;s coup?<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der letzten Woche hatte unser Autor Marco Wenzel auf den NachDenkSeiten eine <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69609\">spannende Analyse<\/a> zum Putsch in Myanmar verfasst. Dazu schrieb uns der mit der Region vertraute Botschafter a.D. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?gastautor=horst-rudolf\">Horst Rudolf<\/a> einen ebenfalls spannenden Leserbrief. Wir freuen uns, Ihnen den Leserbrief samt einer Erwiderung von Marco Wenzel pr&auml;sentieren zu d&uuml;rfen.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[103],"tags":[],"class_list":["post-69858","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-leserbriefe"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/69858","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=69858"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/69858\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":70023,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/69858\/revisions\/70023"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=69858"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=69858"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=69858"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}