{"id":69921,"date":"2021-02-18T08:32:50","date_gmt":"2021-02-18T07:32:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69921"},"modified":"2021-02-18T11:51:41","modified_gmt":"2021-02-18T10:51:41","slug":"keine-spur-von-sicherheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69921","title":{"rendered":"Keine Spur von Sicherheit"},"content":{"rendered":"<p>Die Debatte um den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan ist in dieser Woche <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69803#h17\">wieder aufgekeimt<\/a>. Bundesau&szlig;enminister Heiko Maas dr&auml;ngt darauf, das Ende M&auml;rz auslaufende Mandat zu verl&auml;ngern, die Linke lehnt dies ab und fordert eine Exitstrategie. Was hat der Einsatz der NATO eigentlich gebracht? Der NachDenkSeiten-Autor <strong>Emran Feroz<\/strong> befindet sich zurzeit in Kabul und schildert in einer kurzen Reportage ein eher pessimistisches Bild.<br>\n<!--more--><br>\nMustafa Haidari hatte sich seine Zukunft anders vorgestellt. Vor rund acht Jahren schloss er sein Bauingenieurstudium an der Universit&auml;t Balkh in der nordafghanischen Stadt Mazar-e Sharif erfolgreich ab. Kurz darauf zog er nach Kabul und arbeitete mit westlichen NGOs zusammen. Sie sch&auml;tzen seine Arbeit und Expertise und zahlten ihm gutes Geld. Heute ist Haidari nicht mehr als Ingenieur t&auml;tig, sondern als Taxifahrer. Viele seiner einstigen Auftraggeber sind schon l&auml;ngst abgezogen. Afghanistan interessiert sie nicht mehr. Haidaris gegenw&auml;rtiger Job geh&ouml;rt mittlerweile zu den gef&auml;hrlichsten des Landes. &bdquo;Ich komme &uuml;ber die Runden, doch Taxifahren ist gef&auml;hrlich. Sobald man das Haus verl&auml;sst, wei&szlig; man nicht, ob man lebend zur&uuml;ckkehrt&ldquo;, meint er. Die Gr&uuml;nde hierf&uuml;r sind offensichtlich. Seit geraumer Zeit wird die afghanische Hauptstadt von sogenannten Haftbomben (&bdquo;sticky bombs&ldquo;) heimgesucht. Sie sind g&uuml;nstig und einfach zu beschaffen. Auf dem Schwarzmarkt, so hei&szlig;t es, erh&auml;lt man sie f&uuml;r rund zwanzig Euro. Im Vergleich zu anderen Bomben richten sie einen eher geringen Schaden an. Doch sie t&ouml;ten trotzdem und k&ouml;nnen jeden treffen. In den letzten Tagen und Wochen wurden auch Taxis zum Ziel unbekannter T&auml;ter. &bdquo;Keine Ahnung, wer dahintersteckt, aber sie versetzen die ganze Stadt in Angst und Schrecken&ldquo;, so Haidari. <\/p><p>Fast zwanzig Jahre nach Beginn des NATO-Einmarsches in Afghanistan ist Kabul so unsicher wie schon lange nicht mehr. Terroristen, kriminelle Gruppierungen und staatliche Akteure tragen dazu bei. Anschl&auml;ge und gezielte Attentate geh&ouml;ren zum Alltag. Inmitten von all dem Chaos will Washington seine Truppenanzahl reduzieren. Bereits im Januar fand eine Truppenreduzierung auf 2.500 Soldaten statt. Dies h&auml;ngt in erster Linie mit dem US-Taliban-Deal zusammen, den die US-Administration vor knapp einem Jahr mit den militanten Islamisten im Golfemirat Katar unterzeichnet hat. &bdquo;Ich verstehe nicht, was dieser Deal gebracht hat. Afghanen sterben weiterhin&ldquo;, sagt Mohammad Sakhizada, ein H&auml;ndler und ehemaliger Ringer-Trainer aus dem Kabuler Stadtteil Dasht-e Barchi. <\/p><p>W&auml;hrend Sakhizada das Leben in Kabul beschreibt, findet um ihn herum ein Sportevent f&uuml;r k&ouml;rperlich behinderte Menschen statt. Junge M&auml;nner und Frauen, haupts&auml;chlich Angeh&ouml;rige der schiitischen Hazara-Minderheit, w&auml;rmen sich auf und laufen hin und her. Freunde und Verwandte feuern sie an. Trotz der betr&auml;chtlichen Menschenmasse sind kaum Sicherheitsvorkehrungen erkennbar. Eine Handvoll Soldaten und Polizisten sind pr&auml;sent. Sie machen einen desinteressierten Eindruck. &bdquo;Mehr gibt es nun mal nicht. Seid froh, dass wir &uuml;berhaupt hier sind&ldquo;, sagt einer der Soldaten. Er stellt sich als Kabir vor und stammt aus Kabul. F&uuml;r die schlechten Sicherheitsma&szlig;nahmen seien nicht er und seine Kollegen verantwortlich, sondern die Veranstalter. Sie h&auml;tten b&uuml;rokratische Regeln &uuml;bergangen. <\/p><p>Dasht-e Barchi wurde in der Vergangenheit mehrfach Schauplatz brutaler Angriffe, die sich in erster Linie gegen die Hazara richteten. Im vergangenen Mai griffen IS-Extremisten eine Geburtsklinik an und t&ouml;teten dreizehn Menschen, darunter zwei Neugeborene. Andere Ziele waren Schulen und Sportklubs. In allen F&auml;llen wurden die Sicherheitskr&auml;fte f&uuml;r das Versagen verantwortlich gemacht. Korruption und das Fehlen von Disziplin w&uuml;rden deren Infiltrierung seitens Extremisten erleichtern. Auch sie sind ein Erbe des westlichen Einsatzes. Immerhin wurden viele von ihnen in den letzten zwei Jahrzehnten von NATO-Staaten ausgebildet. <\/p><p>Viele Afghanen erwarten allerdings nicht viel von den ausl&auml;ndischen Truppen, sondern erhoffen sich vielmehr einen geordneten R&uuml;ckzug, der kein Chaos hinterl&auml;sst. &bdquo;Selbst als mehr Soldaten pr&auml;sent waren, sahen wir sie kaum. Sie verbarrikadierten sich in ihren St&uuml;tzpunkten und gingen nur mit kugelsicherem Ger&auml;t unter die Menschen. Unsicherheit herrschte dennoch&ldquo;, meint Shamsullah Khan, der Sanit&auml;rkeramik verkauft. &bdquo;Jeden Tag werden junge Soldaten get&ouml;tet. Wof&uuml;r das Ganze?&ldquo;, fragt er pessimistisch, nachdem er auf seinem Smartphone eine weitere Todesnachricht gelesen hat. &bdquo;In zwanzig Jahren haben die NATO-Truppen es nicht geschafft, in Afghanistan Frieden zu schaffen. Ich denke, sie haben versagt, so wie alle, die vor ihnen hier waren&ldquo;, meint Khan. <\/p><p>Was dies f&uuml;r die Zukunft des Landes bedeutet, ist weiterhin unklar. Sowohl die Taliban als auch andere Akteure bereiten sich zunehmend auf eine Eskalation vor. Berichten zufolge soll sich der ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigte Warlord und Ex-Vizepr&auml;sident Abdul Rashid Dostum vierzig neue Pickups f&uuml;r seine Miliz angeschafft haben. &bdquo;Der bereitet sich auf mehr Krieg vor&ldquo;, meint ein Lokaljournalist, der namentlich nicht genannt werden will. F&uuml;r das Erstarken von M&auml;nnern wie Dostum ist auch die NATO mitverantwortlich. Sie hat zahlreiche Warlords jahrelang hofiert und bereichert &ndash; und nun, so scheint es, &uuml;berl&auml;sst sie ihnen wieder vollst&auml;ndig das Land. <\/p><p>Titelbild: &copy; Emran Feroz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Debatte um den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan ist in dieser Woche <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69803#h17\">wieder aufgekeimt<\/a>. Bundesau&szlig;enminister Heiko Maas dr&auml;ngt darauf, das Ende M&auml;rz auslaufende Mandat zu verl&auml;ngern, die Linke lehnt dies ab und fordert eine Exitstrategie. Was hat der Einsatz der NATO eigentlich gebracht? 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