{"id":69976,"date":"2021-02-20T11:45:34","date_gmt":"2021-02-20T10:45:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69976"},"modified":"2021-02-26T08:57:14","modified_gmt":"2021-02-26T07:57:14","slug":"schafft-endlich-den-geschichtsunterricht-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69976","title":{"rendered":"Schafft endlich den Geschichtsunterricht ab!"},"content":{"rendered":"<p>In diesem Text beschreibt <strong>Andreas Werner<\/strong>, warum das gesellschaftswissenschaftliche Fach demokratiezersetzend ist und gef&auml;hrliche Kritik f&ouml;rdert. Achtung: Satire! Von <strong>Redaktion<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSeit Beginn der Corona-Pandemie schie&szlig;en allenthalben die Verschw&ouml;rungstheorien wie Pilze aus dem Boden, und als guter Staatsb&uuml;rger muss man sich fragen: Woher kommt der Drang, irgendwelche verdeckten M&auml;chte und Machenschaften hinter allen m&ouml;glichen Vorg&auml;ngen und Umst&auml;nden zu unterstellen? Gewiss: In jeder Krise gab es Menschen, die sich nicht einfach gedanklich in ihr Schicksal f&uuml;gen wollten und wilde Spekulationen in die Welt setzten, woher diese Krise &bdquo;eigentlich&ldquo; k&auml;me. In Zeiten des Internets und der sozialen Medien jedoch lassen sich solche Mythen kaum mehr eind&auml;mmen. Einmal in das Netz gelassen, vermehren sie sich schlimmer als die Viren und erzeugen dabei jede Menge Mutanten, sodass die Gesundheitsbeh&ouml;rden des Geisteslebens ihrer kaum mehr Herr werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Endlich aber ist ein Silberstreif am Horizont zu sehen, denn ein wesentlicher Treiber dieser &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoriepandemie&ldquo; konnte jetzt endlich identifiziert werden: Es ist der Geschichtsunterricht an allgemeinbildenden Schulen. F&uuml;r manche von uns vielleicht eine &uuml;berraschende Erkenntnis, stellt sie doch den bisherigen Konsens &uuml;ber den demokratief&ouml;rdernden Charakter gerade dieses Fachs fundamental infrage! Immer wieder wurde in Sonntagsreden betont, dass erst die Kenntnis der Vergangenheit ein reflektiertes Handeln in der Gegenwart erm&ouml;gliche. Geschichtsbewusstsein wurde als wesentliche Quelle politischer M&uuml;ndigkeit jahrzehntelang in einer ritualhaften Selbstillusionierung geradezu als systemrelevant beschworen. Jetzt stehen wir vor dem Scherbenhaufen und m&uuml;ssen einsehen, dass die Demokratie sich damit quasi ihr eigenes Grab geschaufelt hat, sofern die Gesellschaft nicht schnell den Hebel umlegt.<\/p><p>Das Dilemma l&auml;sst sich recht einfach auf den Punkt bringen: Seit der Athener Thukydides die Geschichtsforschung als Fachwissenschaft ins Leben rief, setzte sie regelm&auml;&szlig;ig die w&uuml;stesten Spekulationen in die Welt, die uns glauben machen wollen, das Weltgeschehen w&uuml;rde durch starke, h&auml;ufig unerkannte M&auml;chte im Hintergrund bestimmt. Je schwerer identifizierbar diese M&auml;chte, desto besser der Historiker, der sie aufzudecken vermag, so zumindest das landl&auml;ufige Credo derer, die sich mit dieser Pseudowissenschaft besch&auml;ftigten. Schon Thukydides unterschied standardm&auml;&szlig;ig zwischen &bdquo;Anlass&ldquo; und &bdquo;Ursache&ldquo; eines Ereignisses, was suggerieren sollte, dass mehrere kausale Ebenen eines Ereignisses zu ber&uuml;cksichtigen w&auml;ren. Beschuldigungen der Athener gegen Sparta etwa w&uuml;rden nur dazu dienen, den beabsichtigten Krieg zu legitimieren (und genauso auch umgekehrt). Warum konnte Thukydides nicht einfach Ereignisse und Entwicklungen so interpretieren, wie sie sich an der Oberfl&auml;che darstellten? Vermutlich wollte er auf diese Weise sein eigenes Ego st&auml;rken, sich als kl&uuml;ger zu inszenieren als die anderen Griechen, oder einfach nur die Auflage seines Buches steigern, denn wer will schon lesen, was ohnehin auf der Hand liegt?<\/p><p>In diese selbstgestellte Falle liefen schlie&szlig;lich quasi alle Historiker sp&auml;terer Jahrhunderte. Ein typisches Beispiel mag dies verdeutlichen: Unsere Kinder lernen heute in der Schule die Sp&auml;tphase der R&ouml;mischen Republik kennen. Damals h&auml;tten reiche Patrizier versucht, die Spielregeln des Staates zu ihren Gunsten zu dehnen, zu umgehen oder ganz au&szlig;er Kraft zu setzen. So etwa der Feldherr Sulla, der zweimal in seiner Heimatstadt milit&auml;risch einmarschiert w&auml;re (in Wirklichkeit war er nur auf Heimaturlaub mit seinen Legionen). Er h&auml;tte die Namen aller Gegner &ouml;ffentlich auf S&auml;ulen schreiben lassen, auf dass sie von ihren Nachbarn, Feinden oder schlechten Freunden erschlagen w&uuml;rden (in Wirklichkeit waren diese Proskriptionslisten vermutlich nur Vermisstenlisten aus seinen Feldz&uuml;gen).<\/p><p>Wenige Jahrzehnte sp&auml;ter h&auml;tten sich Crassus und Pompejus ausgerechnet mit Caesar zum Triumvirat gegen den Senat und die Verfassung verschworen, obwohl sie doch zu unterschiedlichen Parteien geh&ouml;rten. Wer soll so einen offenkundigen Unsinn glauben? Ersterer h&auml;tte gar im Verdacht gestanden, nicht nur als G&uuml;nstling Sullas durch das Erschlagen der Proskribierten zu Geld gekommen zu sein, sondern auch durch seine obskuren Feuerwehr-Aktivit&auml;ten: Es hie&szlig;, seine eigenen Leute h&auml;tten gezielt H&auml;user angez&uuml;ndet, sie nachher mit der eigenen Feuerwehr (gegen Geb&uuml;hren) gel&ouml;scht, um schlussendlich den ruinierten Bewohnern Kaufvertr&auml;ge f&uuml;r ihre Immobilien aufzun&ouml;tigen. An die Stelle der ausgebrannten Ruinen kamen moderne Wohnblocks, die als Mietobjekte in der boomenden Metropole satte Gewinne erwirtschafteten. So h&auml;tte der Superreiche gleich mehrfach verdient und Rom sei auf diese Weise nach und nach immer mehr in seinen Privatbesitz gekommen, was seinen politischen und milit&auml;rischen Einfluss weiter gesteigert h&auml;tte.<\/p><p>Dabei lassen sich derlei L&uuml;gengeschichten leicht entlarven, schlie&szlig;lich schickte der Philanthrop Crassus doch seine Privatarmee erfolgreich gegen den Spartakus-Sklavenaufstand, lie&szlig; die Gefangenen entlang der Via Appia kreuzigen und erbrachte damit den eindeutigen Nachweis, dass er immer nur konsequent im Sinne der r&ouml;mischen Res Publica und der Bev&ouml;lkerung handelte und daf&uuml;r auch gro&szlig;z&uuml;gig sein Privatverm&ouml;gen einsetzte. Was aber macht es mit den zarten Kinderseelen, wenn sie im Klassenzimmer immer noch derlei gruselige Verschw&ouml;rungsmythen &uuml;ber die gro&szlig;en Staatsm&auml;nner der Vergangenheit anh&ouml;ren m&uuml;ssen? Wecken solche Schauergeschichten nicht unn&ouml;tig Zweifel und Misstrauen an Politik, Macht und Geld und an deren &bdquo;geheimen Verbindungen&ldquo;? Das Motto m&uuml;sste lauten: Wehret den Anf&auml;ngen! Wer in der Geschichte skrupellose Macht- und Geldgier am Werke sieht, neigt auch dazu, in der Gegenwart kritische Fragen zu stellen.<\/p><p>Viele weitere Beispiele f&uuml;r solche gef&auml;hrlichen Indoktrinierungen unserer Kinder im Unterricht lassen sich feststellen. Hier eine kleine Auswahl:<\/p><p>Wallenstein h&auml;tte den 30-j&auml;hrigen Krieg als modernes Finanzinvestment betrieben mit geliehenen S&ouml;ldnertruppen als Risikokapital. Nachdem die Rechnung aufging, w&auml;re er vom einfachen Baron zum einflussreichsten Reichsf&uuml;rsten aufgestiegen, der schlie&szlig;lich sogar seinem Herrn, dem Kaiser des Heiligen R&ouml;mischen Reichs Deutscher Nation, &uuml;ber den Kopf gewachsen w&auml;re. Die letztlich erfolglosen Absetzungsversuche der &uuml;brigen F&uuml;rsten h&auml;tten allen gezeigt, dass Wallenstein &bdquo;too big to fail&ldquo; geworden w&auml;re. So blieb als Notbremse nur noch der Mord im kaiserlichen Auftrag. Warum erz&auml;hlt man solche Fabeln, statt den Kindern klarzumachen, dass Wallenstein in Wirklichkeit nur eine Fantasiefigur aus dem gleichnamigen Drama Schillers ist?<\/p><p>Vom franz&ouml;sischen K&ouml;nig Ludwig XVI. wird in der Schule gar behauptet, er h&auml;tte sich w&auml;hrend der Revolution gegen sein eigenes Volk verschworen, indem er Truppen gegen die neu gegr&uuml;ndete Nationalversammlung zusammenziehen lie&szlig;, einen missgl&uuml;ckten Fluchtversuch unternahm und seinem Habsburger Schwager den Krieg nur erkl&auml;rte, damit der vorgebliche Feind gewinne und ihn hernach aus seinem konstitutionellen K&auml;fig wieder befreien m&ouml;ge. Dies sei durch belastendes Briefmaterial eindeutig belegt. In Wahrheit jedoch lie&szlig; Ludwig offenbar selbst die Bastille st&uuml;rmen, um politisch Verfolgte zu befreien, die man allerdings nicht fand, weil es ja gar keine politisch Verfolgten gab. Mehrmals zeigte sich Ludwig &ouml;ffentlich mit Symbolen der Revolution und bekannte sich damit klar zur Demokratie, die ihm sehr am Herzen lag. Auch das Bonmot seiner Gattin, das Volk solle doch &bdquo;Kuchen essen, wenn es kein Brot hat&ldquo;, wurde immer wieder von Verschw&ouml;rungstheoretikern aus dem Zusammenhang gerissen und verdreht, stand die K&ouml;nigin doch tagelang selbst in der K&uuml;che von Versailles, um f&uuml;r das Volk eigenh&auml;ndig die aufw&auml;ndigsten Schokot&ouml;rtchen zu backen, was ihr von den ungezogenen Untertanen allerdings nie ausreichend gedankt wurde.<\/p><p>Dem preu&szlig;ischen K&ouml;nig Friedrich Wilhelm IV. unterstellt man, dass er in der 48er-Revolution dem Beispiel Ludwigs gefolgt w&auml;re, sich dabei aber geschickter angestellt h&auml;tte. Zun&auml;chst h&auml;tte er dem Volk demokratische Versprechungen gemacht, schlie&szlig;lich jedoch in Preu&szlig;en eine eigene Verfassung oktroyiert und die Paulskirchenabgeordneten mit ihrer gesamtdeutschen Verfassung im Regen stehen lassen. Die Reste der Demokratiebewegung h&auml;tte er mit seinen Truppen zerschlagen und dies auch noch im fremden Territorium. Soweit die L&uuml;ge. In Wahrheit war er es doch, der das ehrgeizige Projekt eines geeinten und demokratischen Deutschlands erst auf die Agenda brachte und zeitlebens nachdr&uuml;cklich verfolgte. Sein Nachfolger, Wilhelm I., konnte daran ankn&uuml;pfen und mit Hilfe Bismarcks das Ziel komplett erreichen.<\/p><p>&Uuml;ber jenen wird erz&auml;hlt, er h&auml;tte ein informelles preu&szlig;isch-franz&ouml;sisches Gespr&auml;ch mithilfe der Medien geschickt skandalisiert, um so die franz&ouml;sische Kriegserkl&auml;rung provozieren zu k&ouml;nnen, die er f&uuml;r seine Reichseinigungspl&auml;ne gut gebrauchen konnte. Gl&uuml;cklicherweise konnten aber aufmerksame Geister aus der Reichsb&uuml;rgerszene nachweisen, dass die Franzosen damals wirklich so frech waren, wie es in der Emser Depesche r&uuml;berkam. Der Krieg gegen Frankreich war also komplett legitim, die Deutschen machten nur von ihrem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch. Die Historiker liegen wieder mal falsch mit ihren verdrehten &bdquo;Hintergrundstories&ldquo;.<\/p><p>Selbst noch &uuml;ber das aufgekl&auml;rte 20. Jahrhundert schwirren die unglaubw&uuml;rdigsten M&auml;rchen im Diskurs- wie im Klassenraum herum: So h&auml;tte der f&uuml;hrende Sozialdemokrat Ebert unmittelbar nach Ende des 1. Weltkriegs mit der sieglosen Reichswehr ein geheimes B&uuml;ndnis gegen die radikale Linke geschlossen, um die drohende R&auml;terepublik zu verhindern. Die Reichswehr sollte den Parlamentarismus unterst&uuml;tzen, bliebe als Dank daf&uuml;r aber im Inneren unangetastet. Ein &bdquo;Staat im Staate&ldquo; w&auml;re so entstanden, der Politik entzogen, mit eigenen Interessen und vielf&auml;ltigen Verflechtungen. Eine lachhafte Geschichte, war die SPD doch eine gem&auml;&szlig;igte und demokratische Partei, die sich immer schon f&uuml;r Transparenz, Frieden und Gewaltverzicht starkmachte.<\/p><p>Etwa zehn Jahre sp&auml;ter h&auml;tte der Medienmogul Hugenberg mit der &bdquo;Harzburger Front&ldquo; eine Allianz zwischen Milit&auml;r, Industrie und Medien geschmiedet mit dem Ziel, Hitler an die Macht zu bringen. Der &bdquo;b&ouml;hmische Gefreite&ldquo; w&auml;re nicht so gef&auml;hrlich und man k&ouml;nne ihn leicht &bdquo;einrahmen&ldquo;, wenn er erst einmal an der Regierung sei. Au&szlig;erdem w&auml;re er allen Beteiligten h&ouml;chst n&uuml;tzlich. Seinen Medien br&auml;chte Hitler ausreichend Schlagzeilen, dem Milit&auml;r alte St&auml;rke und Ansehen, der R&uuml;stungsindustrie Auftr&auml;ge und der &uuml;brigen Wirtschaft Ruhe und Sicherheit auf den Stra&szlig;en. Soweit die Verschw&ouml;rungstheorie der Historiker. Dass ausgerechnet ein Vertreter der Medien, der &bdquo;vierten Gewalt&ldquo; im Staat, ein Interesse daran h&auml;tte, die Demokratie zu untergraben, ist offenkundig die unsinnigste Behauptung, die man sich denken kann. Schlie&szlig;lich leben sie doch von der Pressefreiheit und halten allein schon aus Eigennutz gr&ouml;&szlig;te Distanz zu Politik, Wirtschaft und Gro&szlig;kapital. Wer anderes behauptet, liest vermutlich die falschen Medien.<\/p><p>Nicht einmal vor den heiligsten Institutionen der heutigen demokratischen Staatenwelt machen die notorischen Fake-News-Schleudern alias &bdquo;Historiker&ldquo; Halt: Die Montanunion, Keimzelle der heutigen EU, sei nicht prim&auml;r als Vehikel der V&ouml;lkerverst&auml;ndigung nach zwei verheerenden Weltkriegen ins Leben gesetzt worden, wie es der franz&ouml;sische Au&szlig;enminister Schuman doch in seiner Presseerkl&auml;rung allzu deutlich formulierte. Nein, in Wahrheit h&auml;tte der gerissene &Ouml;konom und Chef des informellen franz&ouml;sischen Planungsstabs, Jean Monnet, die F&auml;den gezogen. Nachdem sein urspr&uuml;nglicher Plan gescheitert war, die Kohleressourcen des Ruhrgebiets auf dem direkten Weg unter franz&ouml;sischen Einfluss zu stellen, h&auml;tte sich die ehemalige Gro&szlig;macht vollends in der Klemme befunden: Politischer und &ouml;konomischer Druck vonseiten der USA, Rohstoffmangel, dazu noch starke Gewerkschaften, die nach mehr Protektionismus und Sozialleistungen schrien, obwohl gar nichts zum Verteilen da war.<\/p><p>Nur eine marktradikale Rosskur k&ouml;nnte der Industrie wieder auf die Spr&uuml;nge helfen, so die angebliche Auffassung Monnets. Die Gr&uuml;ndung der EGKS w&auml;re der geniale Schachzug gewesen, das Trojanische Pferd, um eine in der Bev&ouml;lkerung ungeliebte Liberalisierung der Montanindustrie durch die Hintert&uuml;r durchzusetzen und gleichzeitig die immer noch als Gefahr betrachteten deutschen Nachbarn im Bereich der milit&auml;risch zentralen Eisenindustrie unter Dauerbewachung stellen zu k&ouml;nnen. Diese blasphemischen Unterstellungen freilich liest man zum Gl&uuml;ck nicht einmal in den ansonsten weitgehend verseuchten Geschichtslehrwerken, weil wenigstens hier der gesunde Menschenverstand der Redaktionen, Lehrplankommissionen und Ministerien einen Riegel vorschieben konnte.<\/p><p>Man merkt an allen Beispielen: Der Fisch stinkt vom Kopf her. Das Problem sind eigentlich weniger die gutwilligen Lehrkr&auml;fte an den Schulen, sondern allen voran eine in sich geschlossene Elfenbeinturm-Community, von Steuergeldern &uuml;ppig mit C4 oder W3 versorgt, aber ohne Anstand und Haltung. Statt sich f&uuml;r Solidarit&auml;t und Zusammenhalt einzusetzen, indem sie Vertrauen in Institutionen und politische Entscheidungstr&auml;ger aufbauen, streuen sie Zweifel und spalten somit die Gesellschaft. Von oben nach unten frisst sich dieses Gift in die Schulen hinein.<\/p><p>Noch fataler sieht es aus, wenn man einen Blick in einen weiteren, f&uuml;r unsere Frage zentralen Bereich des Geschichtsunterrichts wirft: Wie gehen die Historiker mit Verschw&ouml;rungserz&auml;hlungen um, oder anders gefragt: Was passiert, wenn Verschw&ouml;rungstheoretiker sich zu Verschw&ouml;rungstheorien &auml;u&szlig;ern? &Uuml;berspringen wir besser die &bdquo;Enth&uuml;llungen&ldquo; Ciceros, die im Lateinunterricht zu Unrecht immer noch gefeiert werden, wodurch ein bezeichnendes Licht auch auf dieses &uuml;berfl&uuml;ssige Fach geworfen ist. Aber das nur am Rande!<\/p><p>Erstes Beispiel sei die Dauerdiskussion um den Brand Roms zu Zeiten Neros. Folgt man den &bdquo;Fachleuten&ldquo;, h&auml;tte der Kaiser selbst die Geschichte in die Welt gesetzt, dass die als gef&auml;hrlich betrachtete Minderheit der Christen daf&uuml;r verantwortlich w&auml;re. So h&auml;tte er eine gute Grundlage f&uuml;r Christenverfolgungen gefunden und gleichzeitig von eigenen Fehlern und Vers&auml;umnissen abgelenkt. Mit zunehmender Christianisierung des Reichs, die in der Anerkennung als Staatsreligion im 4. Jahrhundert ihren Abschluss fand, &auml;nderte sich das Narrativ: Die christlichen Geschichtsschreiber machten pl&ouml;tzlich Nero selbst, den &bdquo;Antichristen&ldquo;, zum Brandstifter. Der Kaiser h&auml;tte die als altmodisch betrachtete Stadt niedergebrannt, um sie danach sch&ouml;ner und moderner wieder aufbauen zu k&ouml;nnen. Die verfolgten Christen w&auml;ren durch diese Umdeutung zu M&auml;rtyrern und damit zu moralischen Ankerpunkten der neuen herrschenden Ideologie in nachkonstantinischer Zeit geworden und somit ein stabilisierendes Element des Staates. So h&auml;tte eine Verschw&ouml;rungstheorie die andere nahtlos abgel&ouml;st, und zwar immer im Sinne der gerade herrschenden Kreise.<\/p><p>In der gro&szlig;en Pestzeit Mitte des 14. Jahrhunderts kam schnell der Verdacht auf, dass die Seuche nur dadurch k&auml;me, dass Juden gezielt Brunnen vergiftet h&auml;tten, eine Theorie, die schon damals jedem halbwegs klar denkenden Geist absurd h&auml;tte erscheinen m&uuml;ssen. Die gro&szlig;en Judenpogrome, so die Historiker, w&auml;ren aber erst ins Rollen geraten, nachdem sich F&uuml;rsten und Stadtb&uuml;rgermeister der Ideologie bem&auml;chtigt h&auml;tten und die Bev&ouml;lkerung gezielt aufgehetzt h&auml;tten. Die angestachelte Massenhysterie nutzten sie aus, um ihre Schulden bei j&uuml;dischen Geldleihern loszuwerden, die damals noch eine Art Monopol im regul&auml;ren Zinsgesch&auml;ft innehatten. Im els&auml;ssischen Benfeld w&auml;re eine solche Verschw&ouml;rung der Eliten aus Grafen, Baronen, Bisch&ouml;fen und B&uuml;rgermeistern quellenm&auml;&szlig;ig belegt und auch in Details nachweisbar, in anderen Regionen ebenfalls wahrscheinlich. Der damalige Kaiser, Karl IV., von Amts wegen Schutzherr der Juden in seinem Reich, h&auml;tte anfangs noch versucht, die fatale Bewegung zu stoppen. Bald aber h&auml;tte er einsehen m&uuml;ssen, dass er gegen die &Uuml;bermacht der Eliten seines Reichs chancenlos war. Er h&auml;tte sich folglich mit auf die Welle gesetzt, um wenigstens noch ein St&uuml;ck vom Kuchen abzubekommen.<\/p><p>Auch der Hexenwahn w&auml;re in der Fr&uuml;hen Neuzeit erst dadurch zu einem bestimmenden Ph&auml;nomen geworden, dass einflussreiche Gruppen gezielt Vorurteile und &Auml;ngste in der Bev&ouml;lkerung instrumentalisiert h&auml;tten. In vielerlei Hinsicht seien die Protagonisten sogar sehr modern gewesen. Dies g&auml;lte zum Beispiel in strafrechtlicher Hinsicht, wo der alte Grundsatz &bdquo;Wo kein Kl&auml;ger, da kein Richter&ldquo; zugunsten des Inquisitionsverfahrens aufgegeben wurde. Als modern w&auml;re auch der &bdquo;wissenschaftliche&ldquo; Eifer zu sehen, mit dem die Verfolgungsbeh&ouml;rden m&ouml;glichst objektive Ma&szlig;st&auml;be definierten, wer nun als Hexe oder Zauberer anzusehen sei und wer nicht. Jede Willk&uuml;r im Verfahren musste ausgeschlossen werden, ging es doch um Leben oder Tod, um Erl&ouml;sung oder Verdammnis. Gleichwohl wurde r&uuml;ckblickend immer wieder unterstellt, die eigentlichen Triebfedern der Inquisitionswellen seien vorwiegend machtpolitischer Natur. Zentrale Gewalten h&auml;tten mit diesem Instrument tief in Angelegenheiten und Rechte der Partikulargewalten eingreifen k&ouml;nnen. Territorialherren, die diese Gefahr sahen und die Inquisitoren in ihre Gebiete nicht hereinlassen wollten, w&auml;ren moralisch extrem unter Druck gesetzt worden, handelten sie doch gegen die Sicherheit und das Wohlergehen der eigenen Bev&ouml;lkerung, wenn sie nicht ausreichend gegen Hexen einschritten und die Zusammenarbeit mit den externen Fachleuten blockierten.<\/p><p>Im perfiden Denken der Historikerzunft sind die gro&szlig;en Verschw&ouml;rungsmythen der Geschichte also vorwiegend von oben induziert, sei es als Instrument der Herrschaftssicherung gegen&uuml;ber der Bev&ouml;lkerung, sei es im Machtkampf der Eliten untereinander. Nach diesem Muster funktioniert beispielsweise auch die Betrachtung von Bismarcks Kampagne gegen die Sozialdemokratie. Gewiss h&auml;tte es Anschl&auml;ge und Mordversuche aus diesem Lager tats&auml;chlich gegeben, aber der Versuch, die ganze sozialdemokratische Bewegung (und damit ganze Bev&ouml;lkerungsteile) zu &bdquo;Reichsfeinden&ldquo; zu erkl&auml;ren, w&auml;re prim&auml;r ein Schachzug gewesen, die Position des Obrigkeitsstaates auszubauen und die ohnehin unterentwickelten Grundrechte weiter einzuschr&auml;nken. Die Sozialdemokratie als gr&ouml;&szlig;te Gefahr des Obrigkeitsstaates zu diskreditieren und zu diffamieren, sollte v.a. beim noch halbwegs liberal eingestellten B&uuml;rgertum Bereitschaft f&uuml;r Einschr&auml;nkungen der Meinungs- und Pressefreiheit erzeugen.<\/p><p>Besonders schlecht weg kommen im Urteil der Historiker die Eliten des ausgehenden Kaiserreichs in der Endphase des 1. Weltkriegs. Die OHL (Oberste Heeresleitung) h&auml;tte lange schon die Niederlage vorausgesehen und versucht, einen passenden Absprung aus der Verantwortung zu finden. Die beste Gelegenheit h&auml;tte sich im Herbst 1918 geboten, als revolution&auml;re Unruhen losbrachen. Die Generalit&auml;t h&auml;tte daraufhin den Zusammenbruch der Westfront als Folge dieses sogenannten &bdquo;Dolchsto&szlig;es&ldquo; aus der eigenen Bev&ouml;lkerung zu erkl&auml;ren versucht. Wider besseres Wissen h&auml;tten sie an der Geschichte der &bdquo;unbesiegten Armee&ldquo; festgehalten. Heimt&uuml;ckisch und &bdquo;von hinten&ldquo; seien die deutschen Truppen von den eigenen Revolution&auml;ren, den &bdquo;Novemberverbrechern&ldquo;, und nicht vom Feind besiegt worden. Der pl&ouml;tzliche R&uuml;ckzug von Kaiser, OHL und Regierung aus der Verantwortung h&auml;tte die neue, demokratisch legitimierte Regierung mit einem Schlag ins Amt gesetzt. Als erstes h&auml;tte diese dann den Waffenstillstand und einige Monate darauf den als Schmach empfundenen Versailler Vertrag ratifizieren m&uuml;ssen. So blieb die Schande mit dem neuen System verkn&uuml;pft. Die alte Reichsf&uuml;hrung jedoch h&auml;tte sich mithilfe der Dolchsto&szlig;legende aus allem herausziehen k&ouml;nnen. Diese Erz&auml;hlweise h&auml;tte die Grundlage daf&uuml;r gelegt, dass sich weite Teile der Gesellschaft gegen&uuml;ber der neuen Verfassung und der neuen Politik skeptisch bis ablehnend verhielten. Sie bildeten einen Bodensatz, auf dem die Weimarer Republik schlie&szlig;lich demontiert worden sei.<\/p><p>Das Gef&auml;hrliche an dieser Version der Dolchsto&szlig;legende ist in erster Linie, dass es so erscheint, als w&auml;re die Verschw&ouml;rungstheorie gleichzeitig eine Verschw&ouml;rung, und zwar nicht von &uuml;berkritischen B&uuml;rgern, sondern von Eliten in Milit&auml;r, Politik und Verwaltung. Es wird so dargestellt, als w&auml;re die Verschw&ouml;rungstheorie gezielt gepuscht worden, h&auml;tte sich zur Mehrheitsmeinung, zum Mainstream gemausert und w&auml;re schlie&szlig;lich von 1933-45 zur offiziellen und einzig wahren Version erkl&auml;rt worden. Sie h&auml;tte letztlich die Grundlage f&uuml;r die Reichstagsbrandverordnung gebildet, die aufgrund einer vorgeblichen Gefahr f&uuml;r Volk und Vaterland Grundrechte au&szlig;er Kraft setzte. Selbst nach dem 2. Weltkrieg sollte es noch mehr als zwei Jahrzehnte dauern, bis die Dolchsto&szlig;legende auch in breiten Kreisen der Bev&ouml;lkerung als gezielte L&uuml;gengeschichte anerkannt wurde.<\/p><p>Unbemerkt bauen die Historiker mit solcherlei Theorien argumentative Zwickm&uuml;hlen auf, in denen sie das Publikum fangen. Wer nicht an die Verschw&ouml;rung von linken Kr&auml;ften gegen die eigene Nation glauben will, also an die Dolchsto&szlig;legende, muss an die Theorie der Verschw&ouml;rung von OHL und Reichsf&uuml;hrung glauben. So oder so: Man bleibt letztlich immer ein Verschw&ouml;rungstheoretiker. So k&ouml;nnte man es gar bis in die heutige Zeit weiterspinnen: Wer nicht an eine krude Verschw&ouml;rung des Westens zur Durchsetzung geostrategischer Interessen in Syrien glauben will, glaubt notgedrungen an die Verschw&ouml;rung Assads gegen sein eigenes Volk, der durch die internationale Wertegemeinschaft gestoppt werden muss. Manch einer wird gar zum Anh&auml;nger beider Verschw&ouml;rungstheorien gleichzeitig.<\/p><p>Unsere Kinder in den Schulen haben heute im Grunde keine argumentativen M&ouml;glichkeiten, die schlecht getarnten Mythen, die als wissenschaftliche Historikerthesen daherkommen, zu kontern, h&auml;ngen sie doch auf der Informationsebene ab von dem, was in Klassenzimmern hinter verschlossenen T&uuml;ren, in Schulb&uuml;chern oder auf Wikipedia verbreitet wird. Noch fataler sind die Denkmuster an sich, die durch stetige Repetition verinnerlicht werden. Ausgerechnet die staatlichen Autorit&auml;ten erscheinen nach immer demselben billigen Muster im Geschichtsunterricht in der Rolle der Verschw&ouml;rer. Als w&auml;ren ausgerechnet sie es, die gezielt Verschw&ouml;rungstheorien in Umlauf bringen, die einen S&uuml;ndenbock f&uuml;r eigenes Versagen suchen, die die &ouml;ffentliche Meinung in die Irre f&uuml;hren, die sich nicht kritisieren lassen wollen!<\/p><p>Wann k&ouml;nnen wir endlich zu einem Geschichtsunterricht kommen, der sich in den Dienst der Gesellschaft stellt, der Vertrauen schafft, der die Regierungen auch der Vergangenheit in ein rechtes Licht r&uuml;ckt? Da dies angesichts des derzeit vorherrschenden Personals in Schulen, Universit&auml;ten und Forschungsinstituten schwerlich vorstellbar ist, w&auml;re die einzige zielf&uuml;hrende L&ouml;sung, den Geschichtsunterricht so lange komplett auszusetzen, bis sich das Fach im Rahmen eines inneren Reinigungsprozesses selbst neu ausrichtet. Daf&uuml;r br&auml;uchte man einen klaren moralischen Kompass an den Hochschulen mit einem leistungsf&auml;higen Fr&uuml;hwarnsystem gegen Abweichler. Gelingt dies nicht, m&uuml;sste das Fach notfalls komplett abgeschafft werden. Langfristig erfolgreich ist nur ein neues, bejahendes und zukunftsfrohes Bildungsverst&auml;ndnis, das das veraltete Ideal vom &bdquo;kritischen Denken&ldquo; abl&ouml;sen kann, hinter dem meist nur N&ouml;rgeln, Sich-wichtig-Tun und skeptisches Hinterfragen stehen. Hoffen wir f&uuml;r die Zukunft das Beste!<\/p><p>Titelbild: Triff \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Text beschreibt <strong>Andreas Werner<\/strong>, warum das gesellschaftswissenschaftliche Fach demokratiezersetzend ist und gef&auml;hrliche Kritik f&ouml;rdert. Achtung: Satire! Von <strong>Redaktion<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":69977,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,34,17],"tags":[1331,682],"class_list":["post-69976","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-bildung","category-hochschulen-und-wissenschaft","tag-satire","tag-verschwoerungstheorie"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/shutterstock_1397061767.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/69976","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=69976"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/69976\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":69993,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/69976\/revisions\/69993"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/69977"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=69976"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=69976"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=69976"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}