{"id":70034,"date":"2021-02-22T11:59:54","date_gmt":"2021-02-22T10:59:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70034"},"modified":"2021-02-22T15:03:52","modified_gmt":"2021-02-22T14:03:52","slug":"die-wut-in-myanmar-waechst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70034","title":{"rendered":"Die Wut in Myanmar w\u00e4chst"},"content":{"rendered":"<p>Die Protestbewegung in Burma nimmt nach dem Putsch am 1. Februar eine neue Dimension an. Die Milit&auml;rs waren &uuml;berrascht &uuml;ber den starken Widerstand der Bev&ouml;lkerung gegen ihre erneute totalit&auml;re Macht&uuml;bernahme und gegen die Verhaftung der gew&auml;hlten Regierungsmitglieder sowie der wichtigsten politischen F&uuml;hrer und F&uuml;hrerinnen, allen voran der bekannten Friedensnobelpreistr&auml;gerin Aung Suu Kyi. Aber nicht nur Politiker, auch K&uuml;nstler, Journalisten und andere Oppositionelle wurden verhaftet. Von <strong>Jinthana Sunthorn<\/strong>, Hongkong, aus dem Englischen von der <strong>Redaktion<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEs dauerte nur ein paar Tage, bis sich die burmesische Bev&ouml;lkerung von der anf&auml;nglichen Schockstarre erholt hatte und damit begann, sich zu organisieren. In Burma ist, wie in anderen L&auml;ndern auch, eine neue, aufgekl&auml;rte Jugend herangewachsen. Die Burmesen sind l&auml;ngst nicht mehr das Bauernvolk von fr&uuml;her. Die Jugend hat studiert und ist mit den sozialen Medien und dem Internet vertraut und aufgewachsen. Die Jugend ist international vernetzt und will nicht mehr unter der Knute des Milit&auml;rs leben, das ihnen keine Zukunft und Entfaltungsm&ouml;glichkeiten bieten kann. Aber auch die &auml;lteren Menschen, die ihr Leben lang unter der kleptokratischen Herrschaft des Milit&auml;rs gelebt haben, einer Milit&auml;rdiktatur, die sich ma&szlig;los bereicherte und den Menschen in Burma kaum mehr als das N&ouml;tigste zum &Uuml;berleben lie&szlig;, wollen, dass die zaghaften demokratischen Versuche und damit verbunden eine bessere Teilhabe an der Wertsch&ouml;pfung weitergehen. Sie wollen schlicht und ergreifend bessere L&ouml;hne und eine gesicherte Zukunft. <\/p><p>Ein f&uuml;nfj&auml;hriger vorsichtiger Weg zu einer demokratischen Zukunft ist am 1. Februar vom Milit&auml;r abrupt beendet worden. <\/p><p><strong>Aung Suu Kyi und die NLD<\/strong><\/p><p>Im Jahre 2015, bei den ersten freien Wahlen, wurde die NLD (National League for Democracy), deren Gr&uuml;nderin Aung San Suu Kyi war, mit &uuml;berw&auml;ltigender Mehrheit ins burmesische Parlament gew&auml;hlt und stellte die Regierung. Aber die Spielregeln waren schon zuvor vom Milit&auml;r bestimmt worden, das 2008 eine Verfassung geschrieben und durchgesetzt hatte, die ihm auch nach demokratischen Wahlen die Herrschaft sichern w&uuml;rde. Die eigene Verfassung des burmesischen Milit&auml;rs erlaubte es ihnen, in jedem sogenannten &bdquo;Notfall&rdquo; die totale Macht zu &uuml;bernehmen. Und das Milit&auml;r behielt viele Befugnisse, ein Monopol auf wichtige Ministerposten, zusammen mit einer Garantie von 25% der Sitze im Parlament. Unter diesen Bedingungen war das neu gew&auml;hlte Parlament von Anfang an nur ein Scheinparlament. <\/p><p>Aung San Suu Kyi bleibt eine popul&auml;re Figur im Lande, aber sie ist nicht die Art von F&uuml;hrer, die bereit ist, die Diktatur zu st&uuml;rzen. Sie hat in den letzten 5 Jahren ihrer Regierung mit dem Milit&auml;r unter dessen scheindemokratischem System zusammengearbeitet. Sie ist eine buddhistische burmesische Nationalistin. Innerhalb ihrer Partei hat sie sich zunehmend autorit&auml;r gezeigt. Auch w&auml;hrend Suu Kyis Amtszeit gab es zahlreiche politische Gefangene, doch ihre Regierung erlaubte weiterhin, dass die Gesetze der Junta die Rede- und Versammlungsfreiheit einschr&auml;nken.<\/p><p>Die &bdquo;burmesische Road Map zur Demokratie&rdquo;, die vom Westen beklatscht wurde, erlaubte lediglich eine Fassade der Demokratie, w&auml;hrend das Milit&auml;r immer die Macht behielt. Aung San Suu Kyi wurde aus ihrem Hausarrest entlassen und es wurde ihr erlaubt, an den Wahlen teilzunehmen, weil sie zu Kompromissen bereit war. Die Milit&auml;rs errichteten mit Hilfe von Suu Kyis internationalem Renomm&eacute;e eine Fassade der Demokratie, die vom Westen und den Mainstream-Kommentatoren beklatscht wurde, um zu erkl&auml;ren, dass Burma zur &bdquo;Demokratie&rdquo; zur&uuml;ckkehre. Das ist die eine Seite der Medaille. <\/p><p>Nat&uuml;rlich geht ein Milit&auml;rputsch gar nicht und wir m&uuml;ssen uns hinter die Inhaftierten und die NLD stellen und deren Freilassung fordern. Das ist die andere Seite.  Aber das bedeutet nicht die uneingeschr&auml;nkte Unterst&uuml;tzung von Suu Kyis F&uuml;hrung.<\/p><p><strong>Die aktuelle Lage<\/strong><\/p><p>Als im November die NLD einen noch gr&ouml;&szlig;eren Wahlerfolg als 2015 erzielen konnte, bef&uuml;rchteten die Gener&auml;le eine weitere f&uuml;nfj&auml;hrige Amtszeit der NLD und eine weitere Beschneidung ihrer Macht. Sie suchten die Flucht nach vorn. Gleichzeitig steht Burma damit politisch wieder auf Null.<\/p><p>Am letzten Wochenende fanden in ganz Myanmar gro&szlig;e Protestkundgebungen statt, trotz Versammlungsverbots. Dabei kam es zu ersten gr&ouml;&szlig;eren Auseinandersetzungen mit dem Milit&auml;r. Diese hatten sich bisher wohlweislich zur&uuml;ckgehalten und die Polizei vorgeschickt. Das Milit&auml;r blieb weiterhin im Hintergrund. Aber die Milit&auml;rregierung versuchte st&auml;ndig, die Kommunikation der Regierungsgegner &uuml;ber das Internet zu behindern. Da sie das Internet nicht ganz abschalten k&ouml;nnen, sie brauchen es ja selber f&uuml;r das weitere Funktionieren des Staates, gingen sie dazu &uuml;ber, n&auml;chtliche Internetsperren zu verordnen. Und nachts verhaften sie, wie die Nazis 1933 und Pinochet 1973, die Oppositionellen in ihren H&auml;usern. Sie holen sie ab. Deshalb haben sich bereits B&uuml;rgerwehren und Stra&szlig;enkomitees gebildet, um solche Verhaftungen zu unterbinden. Viele Oppositionelle sind in den Untergrund gegangen und schlafen nicht mehr als drei N&auml;chte im selben Bett.<\/p><p>Vor zwei Wochen wurde eine 20-j&auml;hrige Frau bei einer Demonstration in den Kopf geschossen. Woher der Schuss kam, ist unklar. Sie ist vor ein paar Tagen gestorben, was die Wut gegen das Milit&auml;r weiter angeheizt hat.<\/p><p>Am gestrigen Sonntag schoss das Milit&auml;r zu ersten Mal auf Befehl mit scharfer Munition auf Demonstranten. Zwei Demonstranten wurden erschossen.  Die Bewegung f&uuml;r zivilen Ungehorsam, eine lose organisierte Gruppe, die den Widerstand gegen die Macht&uuml;bernahme der Armee anf&uuml;hrt, hat daraufhin zum Generalstreik aufgerufen. Heute, am Montag, soll gleichzeitig die bisher gr&ouml;&szlig;te Kundgebung gegen den Milit&auml;rputsch stattfinden. Daraufhin hat die Milit&auml;rregierung als Reaktion vor einem Generalstreik gewarnt und damit gedroht, die Demonstranten zu erschie&szlig;en. Sie beschuldigte die Demonstranten, dass sich unter ihnen kriminelle Banden bef&auml;nden, die f&uuml;r Gewalt bei den Demonstrationen sorgten und dass &bdquo;die Mitglieder der Sicherheitskr&auml;fte zur&uuml;ckschie&szlig;en mussten&rdquo;.<\/p><p>Der Milit&auml;rputsch in Burma\/Myanmar wird von Zehntausenden von Aktivisten in St&auml;dten im ganzen Land bek&auml;mpft. Es wird erwartet, dass Gesch&auml;fte und Betriebe aus Solidarit&auml;t geschlossen bleiben, wobei der gr&ouml;&szlig;te Einzelh&auml;ndler des Landes ank&uuml;ndigte, dass er alle seine Filialen schlie&szlig;en wird. <\/p><p>Es gibt Berichte, dass Krankenhausmitarbeiter in bis zu 70 Krankenh&auml;usern gegen den Putsch vorgegangen sind. Lehrer, Akademiker, Eisenbahnarbeiter und Beamte haben sich dem Protest angeschlossen. Hunderte von Arbeitern in den in chinesischem Besitz befindlichen Kyisintaung-Kupferminen in der Region Sagaing haben sich der Bewegung des zivilen Ungehorsams angeschlossen. Dar&uuml;ber hinaus haben sich die Bewohner der Staaten Kachin, Kayah, Karen, Chin, Rakhine, Mon und Shan den landesweiten Kundgebungen gegen den Putsch angeschlossen und vor&uuml;bergehend ihre Differenzen mit burmesischen Politikern beiseite gelegt.<\/p><p>Es k&ouml;nnte also heute zu gr&ouml;&szlig;eren Zusammenst&ouml;&szlig;en und sogar zu einem Blutbad kommen. Demonstranten haben in den letzten Tagen immer wieder in Interviews wiederholt, dass es keine andere M&ouml;glichkeit g&auml;be, dass sie auch bereit w&auml;ren, bis zum Letzten zu gehen, um die Milit&auml;rregierung zu st&uuml;rzen, und dass es diesmal keinen (faulen) Kompromiss mehr geben k&ouml;nnte.  Die haupts&auml;chlich von jungen Menschen, unter ihnen genauso viele Frauen wie M&auml;nner, angef&uuml;hrte Bewegung hat drei Hauptforderungen gestellt: die Freilassung der zivilen F&uuml;hrer einschlie&szlig;lich Aung San Suu Kyi, die Anerkennung des Wahlergebnisses von 2020, aus dem ihre Partei als Sieger hervorging, und den R&uuml;ckzug des Milit&auml;rs aus der Politik.<\/p><p><strong>Opposition gegen den Putsch bedeutet auch Opposition gegen die Scheindemokratie<\/strong><\/p><p>In den vergangenen 30 Jahren hat Aung San Suu Kyi versucht, radikale Bewegungen in Richtung parlamentarische Politik zu lenken. Jedes Mal, wenn ein Aufstand stattfand, versuchte sie, sich selbst als Galionsfigur oder Personifizierung der burmesischen Demokratie zu profilieren, anstatt Massenaktionen von unten zu ermutigen. Dies hat nur die Macht des Milit&auml;rs bewahrt. W&auml;hrend sie sich einerseits gegen Milit&auml;rdiktatur stellte, unterst&uuml;tzte sie andererseits die Armee, die ihr Vater Aung San nach der Unabh&auml;ngigkeit aufgebaut hat.<\/p><p>Zudem k&ouml;nnen sich die Forderungen der demokratischen Bewegung nicht nur auf die Beendigung der Milit&auml;rherrschaft beschr&auml;nken. Das Selbstbestimmungsrecht f&uuml;r die verschiedenen ethnischen Nationen innerhalb Burmas ist seit der britischen Herrschaft ein Schl&uuml;sselthema. Aung Suu Kyi ist auch daran gescheitert, hier eine klare Stellung zu beziehen. Nicht zuletzt ihre Haltung in der Frage der Rohingya lie&szlig; sie bei der internationalen Gemeinschaft in Ungnade fallen, auch wenn das Thema, das sei hier nochmals deutlich gesagt, komplexer ist, als es die internationale Gemeinschaft und die Mainstreamjournalisten darstellen.<\/p><p>Die Zukunft f&uuml;r die Demokratie in Burma besteht darin, dass sich eine neue Generation junger Menschen unabh&auml;ngig von Aung San Suu Kyi erhebt, die Lehren auch aus Thailand zieht, aber auch Aktivisten dort inspiriert. Der Erfolg des Sturzes des Milit&auml;rs wird davon abh&auml;ngen, die Arbeiterklasse einzubeziehen, sowohl innerhalb des Landes als auch die Millionen von Migranten, die im benachbarten Thailand arbeiten. Und nicht zuletzt auch davon, ob es gelingt, die ethnischen Minderheiten in Burma in den Kampf mit einzubeziehen und sie davon zu &uuml;berzeugen, dass in einem neuen burmesischen Staat, der nach dem Sturz der Milit&auml;rs neu aufgebaut werden muss, auch ihre Rechte gewahrt bleiben. <\/p><p>Titelbild: Chaiwat Subprasom\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Protestbewegung in Burma nimmt nach dem Putsch am 1. Februar eine neue Dimension an. Die Milit&auml;rs waren &uuml;berrascht &uuml;ber den starken Widerstand der Bev&ouml;lkerung gegen ihre erneute totalit&auml;re Macht&uuml;bernahme und gegen die Verhaftung der gew&auml;hlten Regierungsmitglieder sowie der wichtigsten politischen F&uuml;hrer und F&uuml;hrerinnen, allen voran der bekannten Friedensnobelpreistr&auml;gerin Aung Suu Kyi. 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