{"id":70243,"date":"2021-02-27T11:45:34","date_gmt":"2021-02-27T10:45:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70243"},"modified":"2021-02-27T15:05:08","modified_gmt":"2021-02-27T14:05:08","slug":"mit-autoritaerer-solidaritaet-in-den-solidarischen-autoritarismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70243","title":{"rendered":"Mit autorit\u00e4rer Solidarit\u00e4t in den solidarischen Autoritarismus"},"content":{"rendered":"<p>Die Begriffe &bdquo;No Covid&ldquo; und &bdquo;Zero Covid&ldquo; erreichten in den letzten Wochen auch in Kreisen, die ansonsten die Regierungspolitik eher kritisch sehen, eine erstaunliche Beliebtheit. Offenbar sind vielen der Anh&auml;nger dieser Ans&auml;tze die vollen Implikationen daraus nicht wirklich bewusst. Unser Leser <strong>Bastian Friedrich<\/strong>, der zur Zeit P&auml;dagogik studiert, hat sich Gedanken zu diesem Thema gemacht und ein Essay verfasst, das im ersten Abschnitt eine d&uuml;stere Dystopie entwirft, wie ein Zero-Covid-Europa denn aussehen k&ouml;nnte.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n&ldquo;Es wird keine neuen Freiheiten geben&rdquo; Bundeskanzlerin<br>\nAngela Merkel, Februar 2021\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&ldquo;Polizei l&ouml;st illegalen Kindergeburtstag in<br>\nMittelbiberbach auf&rdquo; Redaktionsnetzwerk Deutschland, 04.02.2021\n<\/p><\/blockquote><p>Europa. Alle Grenzen nach au&szlig;en sind dicht. Abgeschottet vom Rest der Welt. Inmitten Europas die einzelnen Staaten, eingeteilt in Zonen. Rote und gr&uuml;ne. Ebenso eingeteilt sind Bundesstaaten, Provinzen, Landkreise und St&auml;dte innerhalb der Staaten. <\/p><p>Gr&uuml;n steht f&uuml;r: Sicherheit und Gesundheit. Hier l&auml;sst es sich momentan gut leben. Man genie&szlig;t sogar die ein oder andere individuelle Freiheit. So darf man sich hier ohne Gewissensbisse mit mehreren Freunden treffen oder ins Theater gehen oder ins Kino oder gar einen Kindergeburtstag mit mehr als zehn Personen feiern. Doch Masken, Abst&auml;nde zu <em>nicht notwendigen Kontakten<\/em>, Zugangsbeschr&auml;nkungen und andere Ma&szlig;nahmen zur Bek&auml;mpfung des Corona-Virus COVID-19 m&uuml;ssen nach wie vor eingehalten werden. Denn die Farbe gr&uuml;n bedeutet zwar, dass man in einem paradiesischen Gebiet lebt, in dem die 7-Tage-Inzidenz maximal 10 pro 100.000 Einwohner betr&auml;gt. Doch die h&ouml;llische Gefahr lauert nach wie vor an jeder Ecke. Sie droht den paradiesischen Zustand von einen auf den anderen Moment zu beenden. Nachbarstaaten, Nachbarl&auml;nder, Nachbarlandkreise oder Nachbarst&auml;dte, welche rot eingef&auml;rbt sind, bedrohen den Frieden und die Sicherheit der gr&uuml;nen Zonen. Wegen ihnen k&ouml;nnten alle kleinen, wiedererrungenen Freiheiten zunichte gemacht werden. Die Farbe gr&uuml;n k&ouml;nnte somit ganz schnell wieder auf rot wechseln: Katastrophenfall. <\/p><p>Rot. Das bedeutet gef&auml;hrlich, feindlich, unbedingt zu meiden. Wer in den roten Zonen Europas lebt, der hat versagt. Der war nicht diszipliniert genug. Der hat sich nicht exakt genug an die Anti-COVID-Ma&szlig;nahmen gehalten und hat daher Leben riskiert. Und get&ouml;tet. M&ouml;glicherweise haben Bewohner jener roten Zonen Feiern abgehalten, sich zu Hause mit mehr als f&uuml;nf Personen getroffen, die gef&auml;hrlichen Virenschleudern Kinder im Gep&auml;ck. Und dann haben sie wom&ouml;glich zusammen gefeiert, Spa&szlig; gehabt. Sie haben getrunken, sie haben laut geredet (!), gelacht (!!), gesungen (!!!) und sich vor emotionalem &Uuml;berschwang auch noch umarmt (!!!!), wenn nicht gar miteinander getanzt (!!!!!). Oder sie haben ihre Gesch&auml;fte und Lokale regelwidrig ge&ouml;ffnet, weil sie Geld verdienen wollten und mussten. Oder sie waren mit ihren psychisch an der Belastungsgrenze stehenden Kindern rodeln gegangen. Kurz: Sie haben undiszipliniert alle Regeln gebrochen und damit Menschenleben auf dem Gewissen. Ausnahmslos alle. Auch die Kinder. Das muss den kleinen M&ouml;rdern sofort klargemacht werden. Und das zeigt sich auch an den Infektionszahlen &ndash; nicht unbedingt an Todeszahlen. Der Bewohner roter Zonen lebt in Bereichen von &uuml;ber 10 Infektionen pro 100.000 Einwohnern in 7 Tagen. Und daher leben die Bewohner dieser Zonen nun hermetisch abgeriegelt. Polizei und Milit&auml;r bewachen Grenzen, egal, ob es sich dabei um Staatsgrenzen oder Stadtgrenzen handelt. Niemand darf von einer roten Zone in eine gr&uuml;ne Zone gelangen. Das w&auml;re der Super-GAU. Dann w&uuml;rden die verseuchten Bewohner der roten Zone ihre Viren, und noch schlimmer, ihre Mutanten der Viren in die gesunden Zonen &uuml;bertragen. Zu verhindern ist das eben nur durch knallharte Kontrollen aller Stra&szlig;en. Einkaufstourismus in gr&uuml;ne Zonen muss unterbunden werden. Lieferfahrzeuge und <em>notwendige Pendler<\/em> m&uuml;ssen sich vor Grenz&uuml;bertritt mit je zwei Schnelltests, zur Sicherheit, testen lassen. Erst dann d&uuml;rfen sie passieren und die Roten mit Nahrung und Klopapier versorgen.<\/p><p>F&uuml;r die Roten hei&szlig;t es nun: Disziplin. Zur Motivation sich wieder an die Ma&szlig;nahmen zu halten, dienen ihnen die Gr&uuml;nen mit all ihren kleinen Freiheiten. Wer so leben will wie die Gr&uuml;nen, der muss auch etwas daf&uuml;r tun. In den Medien wird den Roten daher jeden Abend in sch&ouml;nen Bildern das gl&uuml;ckliche und freie Leben der Gr&uuml;nen gezeigt. Zur Motivation. Andersherum sehen die Gr&uuml;nen jeden Abend erschreckende Bilder &uuml;ber das Leben der Roten. Zur Abschreckung.<\/p><p>Also hei&szlig;t es, der totale Lockdown bricht erneut &uuml;ber die Roten herein. Ausgangssperren, geschlossene Schulen, Gesch&auml;fte, Kontaktverbote. Nachbarn sind dazu aufgerufen, illegale Machenschaften ihrer Nachbarn anzuzeigen. Aus Solidarit&auml;t, sagen sie in den Medien. Es handle sich dabei nicht um denunzieren, sondern um motivieren. Illegale Kindergeburtstage, wie jener in Mittelbiberbach, werden gnadenlos aufgel&ouml;st; die T&auml;ter verhaftet und in psychologische Behandlung gegeben. Vielleicht verschanzt sich die ein oder andere Familie mit ihren Kindern im Haus. Dann kommt eben das SEK und l&ouml;st mit Tr&auml;nengas die Versammlung auf. Anw&auml;lte und Richter, welche die verhafteten T&auml;terfamilien verteidigen oder freisprechen wollen, werden ebenfalls in psychologische Behandlung &uuml;bergeben. Wer an den Ma&szlig;nahmen zweifelt, ist eine Gefahr. Zu begr&uuml;nden ist dieser Zweifel nur mit psychischen Problemen.<\/p><p>In manchen roten Staaten Europas hat die Polizei und das Milit&auml;r jedoch bereits die Kontrolle verloren. Das sind inoffiziell die dunkelroten Zonen, umbaut von Mauern und Stacheldraht. Diese Zonen haben n&auml;mlich keine Chance mehr, ihre Farbe jemals wieder zu wechseln. Warlords haben hier <em>die Macht an sich gerissen, kontrollieren<\/em> Lebensmittelverteilung und andere G&uuml;ter. Hier wird nicht mehr versucht, den Schein einer Demokratie zu wahren, wie in den meisten anderen Zonen. Die Menschen leben nur noch in Slums, pr&uuml;geln sich um das Essen und um einen Kr&uuml;mel Einfluss. Manche gr&uuml;nden Terrorgruppen, die es irgendwie doch schaffen, mit Hilfe d&uuml;sterer Machenschaften Anschl&auml;ge in roten und vor allem gr&uuml;nen Zonen zu ver&uuml;ben. Jene Anschl&auml;ge dienen dann auch regelm&auml;&szlig;ig dazu, die &Uuml;berwachungsma&szlig;nahmen in den anderen Zonen zu verst&auml;rken. Die Regierungen Europas verpflichteten jeden Haushalt, eine Amazon-Alexa in jedes Zimmer zu stellen. Kinder spielen mit Puppen, die sie abh&ouml;ren k&ouml;nnen. Drohnen fliegen &uuml;ber jede Stra&szlig;e. S&auml;mtliche technischen Ger&auml;te k&ouml;nnen von der Polizei abgeh&ouml;rt und geortet werden. Zur Sicherheit. Um Komplizen der Terroristen zu finden. Und Brecher von Corona-Ma&szlig;nahmen. Insgeheim haben die f&uuml;hrenden Warlords der Dunkelroten ein paar zwielichtige Abmachungen mit manch korrumpiertem Milit&auml;r und Politiker, der kein Interesse an der Aufl&ouml;sung dieser Zust&auml;nde hat. Immerhin dienen diese Bilder als tolle Abschreckung f&uuml;r jene, die noch nicht so tief in der Schei&szlig;e hocken. Sie sagen dann im Fernsehen: <em>Seht gut hin! Das was aus diesem Flecken Erde geworden ist, haben sich seine Bewohner selbst zu verdanken! Sie haben Regeln gebrochen und Ma&szlig;nahmen missachtet. Sie haben get&ouml;tet!<\/em><\/p><p>In allen Staaten Europas sehen Gr&uuml;ne wie Rote sodann jeden Abend ihren Pr&auml;sidenten oder ihre Staatschefin im Fernsehen. So wie die Deutschen die Kanzlerin im Fernsehen sahen, die ihnen sagte: &bdquo;Es wird keine neuen Freiheiten geben&ldquo;. Das sagte sie vor der Einteilung Europas in Zonen. Sie sagte es in einem ARD-Interview Anfang 2021 auf die Frage, wann man in Deutschland wieder mit der R&uuml;ckerhalt seiner gewohnten und liebgewonnenen Freiheitsrechte rechnen k&ouml;nne. Die Kanzlerin lehnte ab. Solche Freiheitsvorstellungen sind laut ihrer Aussage bereits &bdquo;neue Freiheiten&ldquo; &ndash; und die wird es nicht geben. Damals irritierte diese Aussage einer Staatschefin einer rechtsstaatlichen Demokratie kaum jemanden. Nun aber erinnern sich Rote wie Gr&uuml;ne. Vielleicht h&auml;tten sie bereits da schon skeptisch werden m&uuml;ssen. Vielleicht h&auml;tten sie da schon einen medialen Aufschrei organisieren m&uuml;ssen. Sie ahnten nicht, dass bald darauf eine Kommission von 14 deutschen Wissenschaftlern der Zero-COVID-Initiative der Kanzlerin vorschlagen w&uuml;rde, Europa und Deutschland in Zonen einzuteilen. Man m&uuml;sse die Schw&auml;che des F&ouml;deralismus zu einer St&auml;rke machen, sagten die Wissenschaftler. Und da dieses Zonenkonzept nur funktioniere, wenn auch Nachbarl&auml;nder ordentlich mitziehen, m&uuml;sse ganz Europa mitmachen. <\/p><p>Die Kanzlerin machte sich an die Arbeit. Die Zustimmung des Parlaments brauchte sie schon lange nicht mehr, denn das hatte alle Kompetenzen per Notverordnung an die Exekutive &uuml;bergeben. Immerhin kommentieren durften die Oppositionsparteien noch im Nachgang neuer Beschl&uuml;sse des Kanzleramtes. Bald brauchte aber auch dieses unw&uuml;rdige Schauspiel niemand mehr. <\/p><p>Die Kanzlerin &uuml;berzeugte und erpresste EU-Staaten mit Deutschlands wirtschaftlicher Macht. Darin war sie ja bereits ge&uuml;bt. Und gemeinsam f&uuml;hrte Europa das Zonen-Konzept ein. Nat&uuml;rlich nur vor&uuml;bergehend. Nur bis COVID ausgerottet sein w&uuml;rde. Dann w&uuml;rden die B&uuml;rger doch noch ihre neuen-alten Freiheiten zur&uuml;ckerlangen. <\/p><p>Dieses Versprechen liegt nun f&uuml;nf Jahre zur&uuml;ck. Die Kanzlerin ist schon lange keine Kanzlerin mehr, sondern lebt in einer kleinen, stets gr&uuml;nen Zone mitten in Berlin-Grunewald. 2026 ist COVID bereits unz&auml;hlige Male mutiert und streift noch immer durch die Welt. Es hat sich mittlerweile besser an seinen Wirt angepasst und t&ouml;tet daher wesentlich weniger. Aber es macht Menschen immer noch krank und es macht ihnen immer noch Angst. Und wer kann die Risiken von Krankheiten heute noch verantworten? Gesundheit ist das h&ouml;chste zu sch&uuml;tzende Gut. So wurde es in die neue gemeinsame Verfassung der EU-Staaten von 2023 aufgenommen. Alle Staaten verpflichteten sich, diesen Satz in ihre Grundgesetze zu schreiben. Gesundheit ist das h&ouml;chste Gut. Sicherheit das zweite. Im Fernsehen, da warnen Virologen und Politiker nach wie vor: <em>Wenn wir jetzt &ouml;ffnen und die Zonen aufgeben, dann verlieren wir die Kontrolle! Es mag ja sein, dass wir gerade alles im Griff haben, doch der Schein tr&uuml;gt! Denken Sie doch an den Sommer 2020, wo wir alle Kontrolle verloren haben. Nie wieder darf so etwas passieren. Vielleicht kommt eine Mutation, die viel schlimmer ist als alles, was wir je erlebt haben. Sie w&uuml;rde tausende Menschen in den Tod rei&szlig;en. Diesmal vielleicht sogar Kinder! In Kasachstan zum Beispiel. Da ist bereits eine neue Mutation entdeckt worden, die allem Anschein nach unglaublich t&ouml;dlich ist. Mindestens zehnmal so ansteckend ist sie! Wir werden noch etwas durchhalten m&uuml;ssen. Nur noch etwas. F&uuml;r die Sicherheit. F&uuml;r die Gesundheit. F&uuml;r das Leben!<\/em><\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210227_seperator.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Es gibt nur wenige historische Umbr&uuml;che, bei denen sich die beteiligten Akteure genau eines solchen auch bewusst sind. Meist rutscht eine Gesellschaft mehr oder weniger sanft in neue Verh&auml;ltnisse und erst in der nachgehenden Analyse erkennt man, was wie, wann und warum passierte. <\/p><p>Wozu die Corona-Krise zumindest in Deutschland z&auml;hlen wird, ist noch fraglich. Sicher, viele Menschen sp&uuml;ren irgendwie, dass die Zeiten nicht besser werden. Sie sp&uuml;ren: Das kann doch nicht gutgehen. Aber nur die wenigsten erkennen das Ausma&szlig; der Misere. Noch weniger davon teilen ihre Bef&uuml;rchtungen &ouml;ffentlichkeitswirksam mit und werden angeh&ouml;rt. Besonders die &ouml;ffentlichen Intellektuellen sind (wenig) erstaunlich schweigsam. Nat&uuml;rlich, man &uuml;bt moderate Kritik an den Corona-Ma&szlig;nahmen, auch mal an den Ministern oder der ungeduldigen Bev&ouml;lkerung. Selten an der Kanzlerin. &Uuml;ber die Rolle der Intellektuellen und der Philosophen in dieser Krise muss an anderer Stelle nachgedacht werden, doch so viel ist vorwegzunehmen: Glorreich ist sie nicht. <\/p><p>Die Einleitung zu diesem Essay ist eine dystopische Zukunftsvision. Leider basiert sie auf einer bitteren Realit&auml;t. Diese wurde nur literarisch-fiktiv angereichert und ins Schlimmste weitergedacht. Die gesamte Idee eines in gr&uuml;ne und rote Zonen eingeteilten Deutschlands &ndash; am besten Europas &ndash; wurde tats&auml;chlich von 14 deutschen Wissenschaftlern der No-Covid-Initiative vorgeschlagen. Dazu geh&ouml;ren die medial pr&auml;sente Virologin Melanie Brinkmann, der Soziologe Heinz Bude und der &Ouml;konom Clemens Fuest. Zero-Covid oder No-Covid geht davon aus, dass man COVID-19 in Deutschland komplett ausrotten k&ouml;nne. Daf&uuml;r m&uuml;ssten aber nat&uuml;rlich auch die Nachbarl&auml;nder coronafrei sein, damit von denen nicht das Virus wieder ins Land gelangt. So m&uuml;ssten nur die europ&auml;ischen Au&szlig;engrenzen schlie&szlig;en, nicht aber unbedingt die innereurop&auml;ischen. Daher ist ihr Zonen-Konzept nur auf europ&auml;ischer Ebene sinnvoll durchsetzbar. Gr&uuml;ne Zonen sollen laut diesem Konzept Bewohner roter Zonen motivieren, sich an Ma&szlig;nahmen zu halten, w&auml;hrend rote Zonen Bewohner gr&uuml;ner Zonen abschrecken sollen (auch wenn das mit der Abschreckung so offiziell nicht gesagt wird, so ist die Konsequenz nur logisch). Auch der niedrige Wert von gerade einmal 10 Infizierten pro 100.000 Einwohnern pro 7 Tage ist in diesem Konzept wirklich so vorgeschlagen. Umgerechnet ist das also nur etwas &uuml;ber ein Infizierter pro Tag. Diese Zahl gilt als Umschlagpunkt zwischen gr&uuml;n zu rot. Das Ziel: Alle motivieren sich so sehr, um ihre Freiheitsrechte wiederzuerlangen, dass &uuml;berall bald nur noch gr&uuml;ne Zonen existieren. Irgendwann dann soll eine Inzidenz von 0 angestrebt werden. Die totale Ausrottung des Virus. <\/p><p>Kaum f&uuml;nf Jahre ist es her, dass die Fl&uuml;chtlingskrise rechte Politiker zu der Idee veranlasste, eine Festung Europa zu errichten, die sich durch harte Grenzkontrollen vor den Fl&uuml;chtlingsstr&ouml;men retten soll. Und wenn keine Festung Europa, dann eben viele Nationalstaaten-Festungen. Scharf wurden die Rechten daf&uuml;r kritisiert. Aus ethischen Aspekten und aus Gr&uuml;nden der Solidarit&auml;t mit unseren Mitmenschen sei so etwas absolut unm&ouml;glich, lautete es. Heute in Corona-Zeiten sind es viele links Sozialisierte und manche (linke) Wissenschaftler, die sich f&uuml;r geschlossene Grenzen aussprechen. Als Grund f&uuml;hren sie die Solidarit&auml;t mit den Risikogruppen an. <\/p><p>Kaum 32 Jahre ist es her, dass die DDR und mit ihr der Rest des kommunistischen Blocks fiel. Die brutalen Ausw&uuml;chse kommunistischer und sozialistischer Ideen waren endg&uuml;ltig gescheitert. Das Experiment, was auf dem Papier nach einer guten Idee aussah, erwies sich in der Praxis als ein Regime, gepr&auml;gt von &bdquo;S&auml;uberungsaktionen&ldquo;, Unterdr&uuml;ckungen und &Uuml;berwachungen unvorstellbarer Gr&ouml;&szlig;enordnungen. Denunziantentum galt hier als edler Wert. Damals war ein Gro&szlig;teil der ehemaligen DDR-B&uuml;rger froh, nun endlich in den Genuss von Freiheitsrechten und Rechtsstaatlichkeit zu gelangen, die ihnen vorher verwehrt blieben. Heute gibt es Menschen, die diese Freiheiten nicht mehr zu sch&auml;tzen wissen. Sie glauben, dass wir uns den Luxus von all den Freiheitsrechten, die wir bisher im Westen genossen, nicht mehr leisten k&ouml;nnen. Nicht w&auml;hrend einer Pandemie. Sie haben vergessen, dass Grundrechte vor allem genau f&uuml;r solche Krisen geschaffen wurden. Sie wurden geschaffen, damit auch in Krisen keine Regierung ihrer Bev&ouml;lkerung grundlegende Rechte einfach f&uuml;r lange Zeit absprechen kann. Grundrechte sind nichts f&uuml;r Sch&ouml;nwetter-Zeiten, sondern sie bew&auml;hren sich vor allem in Krisenzeiten. <\/p><p>Unser historisches Ged&auml;chtnis scheint zu kurz zu sein. Deutsche Wissenschaftler haben vieles Gro&szlig;es in der Vergangenheit geleistet. Und sie haben ebenso oft eine sch&auml;ndliche Rolle gespielt. Deutsche Wissenschaftler waren es, die die Rassentheorie biologisch begr&uuml;ndeten und den Arier als &uuml;berlegenes Menschenwesen festlegten. Es waren deutsche Wissenschaftler, die eine Konstruktion wie die Gaskammer erm&ouml;glichten. Es waren deutsche Wissenschaftler, die der Atombombe den Weg ebneten. Alles im Namen der Wissenschaft, jede ethische Verantwortung ihrer Erfindungen von sich weisend. Sie seien eben Wissenschaftler und keine Politiker oder gar Ethiker. Die Geschichte der Wissenschaft ist aber ebenso wenig einseitig glorreich wie die politische Geschichte. Wissenschaft wurde schon f&uuml;r vieles missbraucht. Wissenschaft taugt per se nicht zur Heilslehre, auch wenn man heute den Eindruck gewinnt, dass sie genau das sei. Eine Religion. Wer Wissenschaft sagt, hat immer recht. <\/p><p>Nun haben wir es wieder mit einem wissenschaftlichen Konzept deutscher Wissenschaftler zu tun, welches g&auml;nzlich unkritisch medial angenommen wird, weil es ja Wissenschaft ist. Und die ist prinzipiell gut. Das Konzept dieser 14 Wissenschaftler schl&auml;gt im Grunde genommen vor, <em>aus Solidarit&auml;t<\/em> dem Gesundheitsschutz die oberste Priorit&auml;t des Staates einzur&auml;umen. Jeder andere Wert hat Nachrang. Daf&uuml;r werden Staaten in Zonen eingeteilt und die Gew&auml;hrung von Grundrechten h&auml;ngt von einer schlichtweg v&ouml;llig fiktiven, geradezu willk&uuml;rlichen Zahl ab, die sich ausschlie&szlig;lich an messbaren Infektionen orientiert. Sie orientiert sich nicht einmal an Todesf&auml;llen, sondern nur an Infektionsf&auml;llen &ndash; egal, wie schwer diese Infektionen auch verlaufen m&ouml;gen oder ob sie &uuml;berhaupt ausbrechen. Diese Zahl lautet 10 pro 100.000 Einwohner pro 7 Tage. Diese Zahl ist willk&uuml;rlich gesetzt. Sie k&ouml;nnte auch ganz woanders liegen; bei 20 oder 30 oder 100. Begr&uuml;nden kann man alles. Aber sie soll nun dar&uuml;ber entscheiden, wie viel Grundrechte den B&uuml;rgern in den Zonen gew&auml;hrt werden. B&uuml;rger sollen &bdquo;motiviert&ldquo; werden, sich an die Ma&szlig;nahmen zu halten, damit ihnen ihre Grundrechte wieder gew&auml;hrt werden. Grundrechte werden also pl&ouml;tzlich an Bedingungen gekn&uuml;pft und h&auml;ngen von willk&uuml;rlichen Zahlenwerten, Messungen und Konzepten ab. Und sie werden bei Fehlverhalten, ablesbar an Infektionszahlen, wieder entzogen. <\/p><p>Eine solche Idee ernsthaft als wissenschaftliches &bdquo;Konzept&ldquo; zu verbreiten, ist eine erneute Schande f&uuml;r die deutsche Wissenschaft und eine Schande f&uuml;r das deutsche Bildungssystem, was derartig autorit&auml;r-demokratiefeindliches Gedankengut bei zuk&uuml;nftigen Wissenschaftlern erzeugt hat. Die Idee, Grundrechte an Bedingungen zu kn&uuml;pfen und den Wert &bdquo;Gesundheitsschutz aus Solidarit&auml;t&ldquo; &uuml;ber alle anderen Werte zu stellen, ist zutiefst autorit&auml;r. Und wir kennen aus der Geschichte gen&uuml;gend Beispiele der Opferung von Freiheitswerten f&uuml;r ein &bdquo;h&ouml;heres Gut&ldquo;. Die 14 Wissenschaftler haben also entweder kein historisches Bewusstsein oder aber sie sind b&ouml;swillig. Was auch immer davon: Dieses Konzept muss als demokratiefeindliches und autorit&auml;r-extremistisches Pamphlet bezeichnet werden. Auf dem Papier mag es sogar f&uuml;r manche K&ouml;pfe gut aussehen. Viele Leitmedien lieb&auml;ugeln bereits jetzt mit dieser Idee. In der Praxis jedoch f&uuml;hrt es unmittelbar in die Barbarei. <\/p><p>Unsere Demokratien kennen keine absoluten Werte. Das einzig Absolute und Bedingungslose sind die Grundrechte. Rechtsstaatliche Demokratien kennen nur unterschiedliche Werte, die allesamt unaufwiegbar wichtig sind und die bereits im Alltag wie in schweren Krisen gegeneinander abgewogen werden m&uuml;ssen. Das ist zum einen ein ethisch-moralischer Diskurs. Es ist aber vor allem in einem Rechtsstaat ein rechtlich-juristischer. <\/p><p>Freiheit und Sicherheit sind lebensnotwendige Werte. Jeder Mensch, egal welcher Kultur er angeh&ouml;rt, hat das Bed&uuml;rfnis nach beiden. Bei manchen Menschen ist dabei das Freiheitsbed&uuml;rfnis, bei anderen wieder das Sicherheitsbed&uuml;rfnis st&auml;rker ausgepr&auml;gt. Doch jeder hat ein Bed&uuml;rfnis nach beidem, da wir es hier mit menschlichen Grundbed&uuml;rfnissen zu tun haben. Der demokratische Rechtsstaat w&auml;gt hier von Fall zu Fall juristisch st&auml;ndig ab. Bereits in Alltagsfragen kollidieren solche Werte miteinander. So ist es rechtlich und wohl sicher auch moralisch legitim, die menschliche Freiheit staatlich im Autoverkehr dadurch einzuschr&auml;nken, dass jeder Fahrer sich an die Verkehrsregeln zu halten hat. Gemeinschaftliche Sicherheit wiegt hier vor individueller Freiheit. Man kann auch sinnvoll argumentieren, dass es moralisch und rechtlich legitim ist, das Rauchen in &ouml;ffentlichen Geb&auml;uden staatlich zu verbieten, um andere Menschen zu sch&uuml;tzen. Auch hier wiegt gesundheitliche Sicherheit aus Solidarit&auml;t mehr als Freiheit. Niemals jedoch wird ein Wert absolut gesetzt. Es ist immer eine Aushandlung <em>von Fall zu Fall<\/em>. Und absolut <strong><em>jede<\/em><\/strong> Abw&auml;gung oder gar zeitweise Au&szlig;er-Kraft-Setzung von Grundrechten muss permanent neu begr&uuml;ndet und verhandelt werden. Das Abw&auml;gen von Werten im Rechtsstaat ist per se rechenschaftspflichtig gegen&uuml;ber dem Volk. Das unterscheidet den Rechtsstaat von autorit&auml;ren Regimen, die ihrem Volk gegen&uuml;ber keine Rechenschaft ablegen. Gesundheit und mit ihr Sicherheit bzw. Schutz vor Krankheiten sind besonders wichtige Werte, sie stehen jedoch nicht &uuml;ber Freiheit und anderen Werten wie dem Recht auf freie Berufsaus&uuml;bung, Versammlungsfreiheit usw. Die 14 deutschen Wissenschaftler nun hebeln diesen lange erk&auml;mpften Mechanismus des Rechtsstaates aus und setzen die Sicherheit und den Schutz vor Krankheiten an allererste Stelle. Eine Diskussion ist nicht mehr m&ouml;glich, die autokratische Herrschaft eines Wertes (Gesundheit) &uuml;ber die anderen beginnt. Die Wissenschaftler legen zwar Rechenschaft ab, denn sie begr&uuml;nden diese Entscheidung im Groben mit einem Begriff: der Solidarit&auml;t. Dieser Begriff jedoch taugt als Begr&uuml;ndung zun&auml;chst rein gar nichts. Er taugt schon allein deshalb nichts, weil auch Kritiker der Corona-Ma&szlig;nahmen ihre Kritik und Skepsis mit Solidarit&auml;t begr&uuml;nden. Wie geht das zusammen? Wir haben es mit ein und demselben Begriff zu tun, der jedoch jeweils unterschiedlich inhaltlich gef&uuml;llt ist. <\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210227_seperator.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Es haben sich im Jahr 2020 also zwei Solidarit&auml;tsbegriffe ausgebildet, die inhaltlich v&ouml;llig kontr&auml;r zueinander stehen. Verkn&uuml;pft werden beide eng mit dem Begriff des Mitgef&uuml;hls. Beide Parteien werfen der jeweils anderen unentwegt vor, es w&uuml;rde ihr jeweils an Mitgef&uuml;hl mangeln. Auf Seiten der Bef&uuml;rworter strikter Ma&szlig;nahmen ist es das fehlende Mitgef&uuml;hl f&uuml;r alle schwer an Corona Erkrankten und Gestorbenen, w&auml;hrend es f&uuml;r die Kritiker das fehlende Mitgef&uuml;hl f&uuml;r all die durch Corona arbeitslos Gewordenen oder zuk&uuml;nftig Werdenden ist sowie f&uuml;r all jene, die psychisch massiv unter den Ma&szlig;nahmen leiden und im schlimmsten Fall den Lebenswillen verlieren. Der Vorwurf fehlenden Mitgef&uuml;hls ist eine zutiefst moralisierende Floskel, die keinerlei Inhalt hat, au&szlig;er den Gegen&uuml;ber ohne eine sachliche Debatte im Voraus zu diskreditieren und sie sollte daher komplett verworfen werden. <\/p><p>Der Aufruf zu mehr Solidarit&auml;t mit den Benachteiligten und mit den Verlierern der Krise ist jedoch zun&auml;chst ein vollkommen richtiges Anliegen. Doch besteht scheinbar ein Dissens dar&uuml;ber, wer diese Benachteiligten sind. Rational betrachtet sind es nat&uuml;rlich sowohl jene, die schwer an COVID-19 erkranken oder sterben, als auch jene, die massiv unter den Kollateralsch&auml;den leiden oder in Zukunft voraussichtlich leiden werden. Eine wirkliche Solidarit&auml;t &ndash; sei sie aus Mitgef&uuml;hl oder nicht (Solidarit&auml;t ist nicht auf Mitgef&uuml;hl angewiesen) &ndash; m&uuml;sste daher diese beiden Gruppen im Blick haben. Genau das aber hat der verengte Solidarit&auml;tsbegriff der 14 Wissenschaftler, der Anh&auml;nger von Zero-COVID und No-Covid und all derer, die verst&auml;rkt Angst vor dem Virus haben und allen anderen fehlendes Mitgef&uuml;hl vorwerfen, eben nicht. Warum aber ist das so? Wieso wird ein Teil der Gesellschaft beim Solidarit&auml;tsbegriff der Fraktion der strikten-Ma&szlig;nahmen-Bef&uuml;rworter einfach ausgeschlossen? <\/p><p>Zum Verst&auml;ndnis dessen m&uuml;ssen wir begreifen, dass es in der Corona-Krise drei Grund&auml;ngste gibt, die eigentlich gleichberechtigt nebeneinander existieren, die jedoch aktuell unrechtm&auml;&szlig;ig gegeneinander aufgewogen werden bzw. aus Gr&uuml;nden des Machtungleichgewichts beim gesellschaftlichen Diskurs (siehe unten) automatisch nicht mehr gleichberechtigt nebeneinander existieren:<\/p><ol>\n<li>Die Angst vor dem Virus,<\/li>\n<li>die Angst vor Armut bzw. Existenzverlust sowie <\/li>\n<li>die Angst vor einer Diktatur bzw. dem dauerhaften Verlust von Freiheitsrechten auf Kosten erh&ouml;hter Sicherheitsvorkehrungen. <\/li>\n<\/ol><p>F&uuml;r jede dieser &Auml;ngste gibt es in der Corona-Pandemie sehr gute Gr&uuml;nde und keine davon ist irrational. Irrational ist nur eine Verabsolutierung einer dieser &Auml;ngste: Sowohl die Leugnung der Gef&auml;hrlichkeit von COVID-19 als auch die Panik vor einer Ansteckung damit sind irrational. <\/p><p>Bei jedem B&uuml;rger ist nun &ndash; sei es aus Veranlagung, aus Sozialisation oder anderen Ursachen &ndash; eine dieser &Auml;ngste besonders stark ausgepr&auml;gt, w&auml;hrend die jeweils anderen beiden sich dieser unterordnen. Das darf aber keineswegs dazu f&uuml;hren, dass wir nicht mehr in der Lage sind, die begr&uuml;ndeten &Auml;ngste unseres Gegen&uuml;bers als ebenfalls v&ouml;llig berechtigt zu akzeptieren. Momentan ist schwer zu leugnen, dass Menschen, deren gr&ouml;&szlig;te Angst die Angst vor dem Virus ist, Menschen mit den anderen beiden &Auml;ngsten oft nicht ernstnehmen oder ihnen gar fehlendes Mitgef&uuml;hl und fehlende Solidarit&auml;t vorwerfen. Der Diskurs um die Angst vor dem Virus und harte Gegenma&szlig;nahmen ist in der deutschen gesellschaftlichen &Ouml;ffentlichkeit momentan dominant. Er ist bereits deshalb aus einer Foucault&rsquo;schen Machtperspektive der dominante Diskurs, weil diesem Diskurs die Regierung anh&auml;ngt. Die Politik der Bundesregierung basiert auf einer besonders stark ausgepr&auml;gten Angst vor dem Virus bei gleichzeitiger Vernachl&auml;ssigung der anderen &Auml;ngste. Auch in den Leitmedien &uuml;berwiegt stark ein Diskurs, der von Angst vor dem Virus gekennzeichnet ist. Die Leitmedien unterst&uuml;tzen dabei den grundlegenden Kurs der Regierung. Es sind also zwei Gewalten des Staates (wenn man die Medien als vierte Gewalt neben Exekutive, Judikative und Legislative hinzuz&auml;hlen will) nahezu deckungsgleich in ihrer diskursiven Ausrichtung. Das bedeutet ein massives Machtgef&auml;lle gegen&uuml;ber den &Auml;ngsten 2) und 3). Menschen nun, deren gr&ouml;&szlig;te Angst ebenfalls das Virus ist, befinden sich daher auf Seiten des m&auml;chtigen und dominanten Diskurses, weil sie in ihrer Angst durch Politik und Medien unterst&uuml;tzt werden, w&auml;hrend Menschen mit der Angst 2) durch Medien und Politik beschwichtigt und vernachl&auml;ssigt sowie Menschen mit der Angst 3) sogar diffamiert und beleidigt werden . Diese erh&ouml;hte Diskursmacht auf Seiten der Angst 1) ist daher erst einmal dringend n&ouml;tig zu erkennen. <\/p><p>Es &uuml;berwiegen also medial und politisch die Stimmen derer, die gro&szlig;e Angst vor dem Virus haben, harte Ma&szlig;nahmen bef&uuml;rworten und vor vorzeitigen &Ouml;ffnungen warnen &ndash; unabh&auml;ngig davon, ob dies auch empirisch den Empfindungen der Mehrheit der Gesellschaft entspricht. Menschen, die Angst Nummer 2) oder 3) besonders stark f&uuml;hlen, werden entweder ignoriert, beschwichtigt oder im schlimmsten Fall diffamiert. <\/p><p>Mit Ignoranz begegnet man im &ouml;ffentlichen Diskurs und in der Politik eigentlich nur der Angst 3) gegen&uuml;ber, indem sie in ihrer Sinnhaftigkeit schlicht geleugnet oder als irrational abgetan wird. So gebe es doch gar keinen Grund, Angst davor zu haben, dass die Freiheitseinschr&auml;nkungen nicht wieder r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht werden. Dies sei doch schlichtweg l&auml;cherlich und fast schon eine Verschw&ouml;rungstheorie, h&ouml;rt man oft. <\/p><p>Beschwichtigung gegen&uuml;ber den &Auml;ngsten 2) und 3) zeigen sich darin, dass Menschen mit diesen &Auml;ngsten zwar wahrgenommen und auch angeh&ouml;rt werden, aber ihre &Auml;ngste als nicht wirklich relevant oder als zweitrangig abgetan werden. Hier h&ouml;rt man dann: Nat&uuml;rlich gebe es eine Gefahr des Missbrauchs von zu viel Macht in den H&auml;nden der Exekutive und nat&uuml;rlich treffe es die Restaurants, die Gesch&auml;fte, die Kultur, die Hotels, die Wirtschaft generell sehr hart. Diese Sorgen seien also teilweise berechtigt, aber sie seien nicht so relevant wie die Bek&auml;mpfung des Virus. Zur Eind&auml;mmung des Virus und zum Schutze der Gesundheit m&uuml;sse man diese &bdquo;Kollateralsch&auml;den&ldquo; in Kauf nehmen. Die Beschwichtigung (und teilweise Ignoranz) zeigt sich im &Uuml;brigen auch daran, dass die deutsche Bundesregierung nach mittlerweile einem Jahr Pandemie weder erfasst, welche &bdquo;Kollateralsch&auml;den&ldquo; es bislang gibt und wie hoch sie bereits ausfallen. Die deutsche Bundesregierung sammelt keine Daten dar&uuml;ber, wie die Zahl der h&auml;uslichen Gewalt, die Zahl der Suizidversuche, die Zahl psychischer Auff&auml;lligkeiten bei Kindern oder die Zahl an verkauften Psychopharmaka im Verh&auml;ltnis zur Zeit vor der Pandemie aussieht. Sie hat auch nach einem Jahr Pandemie noch immer keinerlei Daten dar&uuml;ber, an welchen Orten und unter welchen Bedingungen Infektionsherde entstehen und welche Orte als relativ sicher gelten. Sie hat auch keine Daten &uuml;ber die bereits aktuell insolventen oder kurz vor der Insolvenz stehenden Unternehmen. Die deutsche Bundesregierung scheint an all diesen Erhebungen keinerlei Interesse zu haben. Sie beschwichtigt all diese Sch&auml;den, wenn sie sie nicht gar ignoriert. Und weil die Bundesregierung all diese Daten nicht erhebt, verh&auml;ngt sie noch immer einen Lockdown, der v&ouml;llig undifferenziert alle Branchen gleicherma&szlig;en trifft &ndash; au&szlig;er ein paar unsystematische und komplett unnachvollziehbare Ausnahmen wie das &Ouml;ffnen von Friseuren. Warum Friseure im Lockdown &ouml;ffnen, welche allein dem Luxus der Sch&ouml;nheitsoptimierung dienen und in denen sehr k&ouml;rpernah gearbeitet wird, w&auml;hrend Fitnessstudios geschlossen bleiben m&uuml;ssen, obwohl deren &Ouml;ffnung immerhin mit einem gesundheitsf&ouml;rdernden Aspekt begr&uuml;ndet werden k&ouml;nnte, ist niemanden verst&auml;ndlich. Das Vertrauen der Bev&ouml;lkerung st&auml;rken solche Handlungen sicher nicht. Im &Uuml;brigen erhebt beispielsweise Frankreich seit kurzer Zeit all diese Daten: Das franz&ouml;sische Gesundheitsministerium sammelt nun auch Daten &uuml;ber die H&ouml;he von &bdquo;Kollateralsch&auml;den&ldquo;. So nehmen beispielsweise 50% der Studenten Frankreichs seit der Pandemie Psychopharmaka &ndash; die Verschreibungszahlen sind explodiert. Aus Japan wei&szlig; man, dass im Oktober 2020 mehr Suizidversuche stattfanden, als Japan das gesamte Jahr 2020 &uuml;ber Corona-Tote hatte! Die deutsche Bundesregierung wei&szlig; wahrscheinlich, warum sie solche Daten nicht erhebt. Ein Lockdown w&auml;re mit solch massiven psychischen Sch&auml;den bereits allein nicht mehr zu rechtfertigen &ndash; die wirtschaftlichen Sch&auml;den noch gar nicht eingerechnet. Wer die Daten nicht hat, kann sie schlie&szlig;lich auch nicht in seine Beratungen mit einbeziehen und ist am Ende auch nicht f&uuml;r Fehlentscheidungen verantwortlich zu machen, denkt sich die Bundesregierung wohl. Ganz nach dem Motto: Was ich nicht sehe, ist auch nicht da. So denken Babys und Hauskatzen, aber doch eigentlich keine Bundespolitiker. Die Universit&auml;tsklinik Hamburg-Eppendorf ver&ouml;ffentlichte Anfang 2021 eine Studie, in der bei 1\/3 der deutschen Schulkinder psychische Auff&auml;lligkeiten durch die Schulschlie&szlig;ungen und die Kontaktverbote angezeigt werden. Das bedeutet jedes dritte Schulkind! Die Bundesregierung hat diese Erkenntnis bisher nicht nur beschwichtigt, sondern schlicht ignoriert. <\/p><p>Diffamierungen finden zwar (Gott sei Dank) nicht direkt gegen&uuml;ber Menschen mit &Auml;ngsten vor Existenzverlust\/Arbeitslosigkeit statt, aber gegen&uuml;ber Menschen mit Angst vor Diktatur bzw. dem dauerhaften Verlust von Freiheitsrechten. Jedoch finden sich Menschen beider Kategorien zumeist gemischt auf Demonstrationen gegen die Ma&szlig;nahmen, sodass im &ouml;ffentlichen Diskurs indirekt und teilweise unbewusst auch Menschen mit starken &Auml;ngsten der Kategorie 2) diffamiert werden. Viele Menschen weltweit haben gegen die Ma&szlig;nahmen aufgrund einer gro&szlig;en Angst vor dauerhaften Verlusten von Freiheitsrechten demonstriert &ndash; so auch in Deutschland. Politik und Medien waren sofort zur Stelle: Es sei ja noch verst&auml;ndlich, dass Menschen aus Angst vor Existenzverlust demonstrieren gehen, aber doch nicht aus Angst vor einer Hygienediktatur, hie&szlig; und hei&szlig;t es nach wie vor laut und deutlich. Doch warum, sollte jeder sich fragen, ist diese Angst nicht verst&auml;ndlich? Warum sollte man, wenn man diese Angst hat, nicht demonstrieren gehen, um daf&uuml;r zu sorgen, dass sich die eigenen &Auml;ngste nicht realisieren? <\/p><p>Wir m&uuml;ssen nicht einmal einen Blick in die Weltgeschichte werfen, in der es reichlich Diktaturen gab. Wir m&uuml;ssen auch keinen Blick in die fiktive Literatur werfen, in der es reichlich dystopische Szenarien dieser Art gibt, man denke an Juli Zehs Corpus Delikti, in dem Menschen in einer Hygienediktatur leben. Es reicht der Blick in die Gegenwart: Es gibt zahlreiche Diktaturen auf der Welt, die ihre B&uuml;rger unterdr&uuml;cken. Viele Staaten davon tragen das Wort &bdquo;demokratisch&ldquo; in ihrem Namen, obwohl sie faktisch Diktaturen sind. Es ist also zun&auml;chst empirisch nicht zu leugnen, dass Diktaturen existieren, auch wenn sie nicht offiziell so hei&szlig;en oder gar den Schein demokratischer Strukturen besitzen, wie das Volksparlament in China und dem Iran. Es ist ebenso wenig zu leugnen, dass schon oft recht liberale Staaten zu autorit&auml;ren Regimen wurden. Zudem berichteten selbst die deutschen Leitmedien von der philippinischen &bdquo;Corona-Diktatur&ldquo; des Pr&auml;sidenten Duterte, der die Corona-Krise ausnutzte, um auf den Philippinen eine brutale Diktatur zu errichten. Er drohte seinem Volk offen damit, auf B&uuml;rger zu schie&szlig;en, sollten sie w&auml;hrend des Lockdowns das Haus verlassen. <\/p><p>Das hei&szlig;t: Die Angst des Missbrauchs der Corona-Krise, bei der aktuell in allen L&auml;ndern der Welt &ndash; bis auf Schweden, welches nach wie vor einen sehr liberalen Weg geht &ndash; Freiheitsrechte zum Schutz der Gesundheit eingeschr&auml;nkt werden, ist nicht irreal. Sie ist berechtigt. Auf den Philippinen ist es passiert, aber es ist eine Diktatur alten Stils, die so schon l&auml;ngst &uuml;berholt ist. Eine moderne (Hygiene-)Diktatur w&auml;re eine &bdquo;softe&ldquo; und smarte &Uuml;berwachungsdiktatur wie in China. Andere Diktaturen machen von der Krise ebenfalls Gebrauch, die &Uuml;berwachung ihrer Bev&ouml;lkerung auszuweiten. Eine Angst, die in einem langen historischen Kampf errungenen Freiheitsrechte zu verlieren, weil diese f&uuml;r ein &bdquo;h&ouml;heres Gut&ldquo; (nun der Gesundheit) geopfert werden, zeugt viel eher von einer gro&szlig;en Verbundenheit mit den Werten rechtsstaatlicher Demokratien. Es w&auml;re bedenklich, wenn B&uuml;rger einer Demokratie s&auml;mtliche Sensoren f&uuml;r gef&auml;hrliche Autoritarismen verloren h&auml;tten. Besonders in Deutschland w&auml;re es besch&auml;mend. <\/p><p>Zudem ist es eine naive Vorstellung, dass die Regierung eines Staates stets das Gute f&uuml;r die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung will. Ein kritischer B&uuml;rger sollte sinnvollerweise auch in einer Demokratie davon ausgehen, dass die Regierung genau das nicht m&ouml;chte. Ein naives, kindliches Vertrauen in die Gutherzigkeit der Regierung ist unverantwortlich und zeugt ebenso von wenig historischem Bewusstsein wie von wenig Bewusstsein gegenw&auml;rtiger Zust&auml;nde, in denen auch die Regierung in Deutschland seit Jahrzehnten eine Politik f&uuml;r die Interessen der Oberschicht und der Konzerne veranstaltet und den Sozialstaat der 70er und 80er Jahre kontinuierlich abgebaut hat. Man trifft heute oft die kindliche Vorstellung an: <em>Die Regierung wird schon das tun, was f&uuml;r uns am besten ist! Warum sollte sie uns denn schaden wollen? Wir leben doch in einer Demokratie, hier kann uns nichts passieren. Au&szlig;erdem ist Frau Merkel doch so liebensw&uuml;rdig!<\/em> Der B&uuml;rger einer Demokratie sollte aber generell eine kritische Grundhaltung der Regierung gegen&uuml;ber einnehmen. &bdquo;Kritisch&ldquo; ist hier wirklich w&ouml;rtlich zu nehmen im Sinne von &bdquo;untersuchen&ldquo;. Der demokratische B&uuml;rger hat seine Regierung zu untersuchen! Er hat sie zu kontrollieren und zu &uuml;berpr&uuml;fen, ob die Ma&szlig;nahmen, die sie beschlie&szlig;t und als gro&szlig;en Fortschritt verkauft, auch tats&auml;chlich so gro&szlig;artig sind oder nicht doch eher ein faules Ei. Tats&auml;chlich kann ein demokratisches Volk nicht apathisch und apolitisch sein. Es darf sich niemals zur&uuml;ckziehen und &bdquo;die da oben&ldquo; schon machen lassen. Ein Volk bekommt nur die Regierung, die es verdient! Und momentan ist aus Frustration und &Uuml;bers&auml;ttigung mit einer dauerhaften Corona-Beschallung die Tendenz zu betrachten, dass viele B&uuml;rger sich aus dem politischen Diskurs zur&uuml;ckziehen. Das Bed&uuml;rfnis ist zu verstehen, aber es ist t&ouml;dlich. Es ist eine Grunderkenntnis, dass die Exekutive immer das Bed&uuml;rfnis hat, ihre Kompetenzen auszuweiten. M&ouml;glicherweise haben diesen Willen auch die anderen Gewalten, wenn auch in vielleicht geringerem Ausma&szlig;. Genau aus diesem Grund wurde die Gewaltenteilung geschaffen, in der sich die drei Zentralgewalten gegenseitig in Schach halten. <\/p><p>In der gegenw&auml;rtigen Corona-Krise hat die Exekutive jedoch ihre Macht derartig erweitert, dass sie von den anderen Gewalten kaum noch in Schach gehalten werden kann. Die Gewalten sind schlicht faktisch nicht mehr gleichstark, die Balance ist nicht mehr gew&auml;hrleistet. In manchen L&auml;ndern geschah diese Kompetenzerweiterung per Ausnahmezustand oder Notstandsverordnungen der Verfassung, die der Regierung besondere Kompetenzen in Kriegsf&auml;llen oder &auml;hnlichem einr&auml;umen. Der Bundestag hat in Deutschland viele seiner Kompetenzen an die Exekutive abgegeben: Normalerweise m&uuml;sste zwingend die Legislative, sprich der Bundestag, dar&uuml;ber abstimmen, ob derartige Eingriffe in die Grundrechte der B&uuml;rger wie bei den Corona-Ma&szlig;nahmen, zul&auml;ssig sind. Die Judikative, also die Gerichte, w&uuml;rden sodann die Beschl&uuml;sse &uuml;berpr&uuml;fen und f&uuml;r verfassungskonform befinden oder im Zweifelsfall kippen und f&uuml;r verfassungsfeindlich erkl&auml;ren. Aus Gr&uuml;nden der &bdquo;effizienten Entscheidungsfindung&ldquo; wurden die Kompetenzen f&uuml;r die Aushandlung solcher Fragen an die Regierung &uuml;bergeben &ndash; das Parlament in Deutschland agiert maximal als eine Art Berater. Es ist jedoch ein Berater, auf den niemand h&ouml;rt. Der Bundestag kommentiert lediglich wie in einem schlechten Schauspiel erst im Nachgang der Beschl&uuml;sse diese Beschl&uuml;sse. Die Opposition kritisiert dann fr&ouml;hlich oder nicht &ndash; der Regierung ist das komplett gleichg&uuml;ltig. Sie ber&auml;t sich nicht mit dem Parlament, sie fragt auch dieses nicht nach einer Zusammenarbeit an neuen Konzepten. Die Regierung regiert an den Volksvertretern vorbei. Dies tut sie zusammen mit einer Kommission aller Ministerpr&auml;sidenten der Bundesl&auml;nder. B&ouml;se Zungen w&uuml;rden von einem Kriegsrat sprechen, denn dass die Regierung zusammen mit einem Rat von Ministerpr&auml;sidenten ohne Parlamentsgrundlage regiert (und das seit einem Jahr!) erinnert an Kriegszust&auml;nde. Wir sind aber nicht im Krieg! <\/p><p>Es sind momentan nur noch die Gerichte, die im Nachgang die Exekutive korrigieren und an Verfassungsbr&uuml;chen hindern k&ouml;nnen. Ein solcher Zustand mag f&uuml;r eine kurze Zeit gro&szlig;er Unsicherheit in gro&szlig;en Krisen notwendig sein und er war mit Sicherheit sogar Anfang 2020 noch gerechtfertigt, da niemand wusste, was mit COVID-19 auf uns zukommt. Wir wissen es nun besser. Wir wissen, COVId-19 ist eine gef&auml;hrliche Krankheit mit einer Todesrate von in etwa 0,2 &ndash; 0,3%. Die Grippe liegt bei etwa 0,1 &ndash; 0,2 % und damit ist COVID-19 tats&auml;chlich auch etwas gef&auml;hrlicher. Dennoch ist es kein Killervirus. Es ist lange nicht so gef&auml;hrlich wie Ebola oder AIDS (als dieses noch nicht medikament&ouml;s behandelt werden konnte, lag die Todesrate faktisch bei nahezu 100%). F&uuml;r Kinder ist es im Durchschnitt so gut wie bedeutungslos. F&uuml;r junge gesunde Leute ebenso. Gef&auml;hrlich und hochgradig t&ouml;dlich ist COVID-19 f&uuml;r Menschen &uuml;ber 80 Jahren. Diese haben ein 100.000-mal h&ouml;heres Risiko, an diesem Virus zu sterben, als 60-J&auml;hrige! 85% der COVID-19-Toten in Deutschland sind &uuml;ber 70 Jahre alt, die meisten davon stammen aus Pflegeheimen. Sie ben&ouml;tigen einen gesonderten Schutz statt einer Haft f&uuml;r die gesamte Gesellschaft. Aber auch daran zeigt die deutsche Regierung seit einem Jahr kein Interesse. Sie will keine Massentests in Pflegeheimen. Sie will keine Taxigutscheine und auch keine gesonderten Einkaufszeiten f&uuml;r Senioren. Die Bundesregierung hat keine Ideen, au&szlig;er dem kontrafaktischen Dauer-Lockdown f&uuml;r alle B&uuml;rger gleicherma&szlig;en. <\/p><p>Wir m&uuml;ssen uns als Gesellschaft dringend fragen, ob die Strategie eines Lockdowns unter Ber&uuml;cksichtigung aller Fakten &uuml;ber dieses Virus sowie aller Kollateralsch&auml;den nach einem Jahr immer noch angebracht ist. Wir m&uuml;ssen uns fragen, ob die Regierungsform der Ministerpr&auml;sidentenkonferenz, die nicht vom Volk eingesetzt ist, f&uuml;r eine so lange Zeit legitimierbar ist. Wie lange wollen wir so noch regiert werden? Wann sollen die Volksvertreter wieder am Prozess beteiligt sein? Doch zu welchem Ergebnis wir individuell kommen m&ouml;gen: Die Angst vor einer dauerhaften Einschr&auml;nkung der Freiheitsrechte ist gerechtfertigt und muss dringend ernstgenommen werden! Wir k&ouml;nnen nicht einen ganzen Teil der Gesellschaft mit ihren &Auml;ngsten vernachl&auml;ssigen. Wir k&ouml;nnen auch nicht all die Wissenschaftler &uuml;berh&ouml;ren, die vor einer Fortsetzung des Lockdowns strikt abraten und einen Strategiewechsel anmahnen. Wir k&ouml;nnen alle diese Menschen nicht als unsolidarisch und als Corona-Leugner verunglimpfen. Vielmehr sollten wir uns bei Wissenschaftlern, wie jenen 14 Wissenschaftlern der ZERO-Covid-Idee, fragen, ob derartige Konzepte &uuml;berhaupt verfassungskonform sind oder nicht den Weg in wahrhaft autorit&auml;re Zust&auml;nde bereiten &ndash; eben in eine Hygiene-Diktatur. Die Tatsache, dass Leitmedien und erste Politiker (so ist wie zu erwarten nat&uuml;rlich Markus S&ouml;der gro&szlig;er Freund dieser Idee) erneut in gro&szlig;er Einstimmigkeit dieses Konzept der gr&uuml;nen und roten Zonen unterst&uuml;tzen, muss uns an den demokratischen &Uuml;berzeugungen dieser Journalisten und Politiker zweifeln lassen. Es muss uns zutiefst skeptisch stimmen und es muss uns zu zivilem, friedlichem, aber bestimmtem Protest und Widerstand anregen! <\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210227_seperator.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Ich mache keinen Hehl daraus: ZERO-Covid und No-Covid sind extremistische Ideologien. COVID-19 wird niemals ausgerottet werden, au&szlig;er alle Menschen werden weltweit wochenlang eingesperrt. Der Glaube daran entbehrt jeder Realit&auml;t. Diese Ideologien geb&auml;ren gemeingef&auml;hrliche Ideen, wie das Konzept der gr&uuml;nen und roten Zonen. Es zeigt mehr von der Verachtung freiheitlich-demokratischer Werte, als es den Autoren lieb sein sollte. Es ist ein Konzept der Hygiene-Diktatur und in einem solchen Land, einer solchen Welt m&ouml;chte ich nicht leben. Es bedarf nicht viel Fantasie, dass eine solche Idee, einmal umgesetzt, nie wieder vollst&auml;ndig zur&uuml;ckgenommen werden w&uuml;rde. Wann denn auch? Erst wenn alle Landstriche, jeder noch so tote Winkel Europas eine gr&uuml;ne Zone ist? Aber selbst dann: Dann g&auml;be es das Virus immer noch, denn gr&uuml;n bedeutet ja eine 7-Tage-Inzidenz von maximal 10 pro 100.000 Einwohner. Es w&auml;ren also immer noch Infizierte da! Man h&auml;tte ja selbst bei gr&uuml;n nur einen Bruchteil aller Freiheiten wieder. Und das nach wie vor nur unter der Bedingung, dass die Infektionen nicht steigen! Dann w&uuml;rde es hei&szlig;en, dass man f&uuml;r den R&uuml;ckerhalt aller Freiheiten, und das auf Dauer, eine Inzidenz von Null br&auml;uchte. Etwas, das ZERO-Covid bereits jetzt fordert. Erst ab einer Null, &uuml;berall in Europa, w&auml;re damit zu rechnen, dass die Grundrechte dauerhaft wiederhergestellt w&auml;ren, oder nicht? Und wie kommen wir da hin? &Uuml;berwachen wir alle B&uuml;rger komplett zu Hause und in der &Ouml;ffentlichkeit? Technisch m&ouml;glich ist es heute. Google, Amazon und China liefern uns gerne die Technik dazu frei Haus. Denunzieren wir Regelbrecher? Sperren wir alle Demonstranten, Kritiker und sonstige Gef&auml;hrder dieses Planes ein, damit er gelingen kann? Wie bestrafen wir &Uuml;belt&auml;ter, die f&uuml;r einen erneuten Anstieg verantwortlich sind? F&uuml;hren wir wieder die Todesstrafe ein? Oder sperren wir sie in die Geschlossene? Was machen wir mit Schweden oder anderen L&auml;ndern, die sich weigern, diesem Plan zu folgen? Fallen wir dort milit&auml;risch ein? Bomben wir sie nieder? Vielleicht. Aber was ist dann mit dem Rest der Welt? Darf man Europa nie mehr verlassen oder besuchen? Geht die Welt um uns unter, w&auml;hrend wir auf einer Insel der Gl&uuml;ckseligen leben? Beenden wir den Waren-und G&uuml;teraustausch mit anderen Kontinenten aus Angst vor einer Inzidenz von Eins? Leben wir also doch den Rest des Lebens in dauerhafter Angst vor COVID-19? Und was ist, wenn dann nach Gelingen dieses absurden Planes ein neues Virus kommt? Ein schlimmeres vielleicht? Oder nur die Angst davor? Und es wird kommen. Dann bleiben wir besser doch gleich bei den Zonen, nicht wahr? Wenn sie einmal da sind, dann sch&uuml;tzen sie uns auch davor, oder? Lieber Vorsicht als Nachsicht! Oder nicht?! <\/p><p>Die Menschen werden bis dahin vor Angst zerfressen sein. Sie werden keine Freiheiten mehr wollen. <\/p><p>In was f&uuml;r einer realit&auml;tsfernen, ja, geradezu kranken Welt die Unterst&uuml;tzer dieser Initiative leben m&uuml;ssen, ist kaum auszumalen. Was in den K&ouml;pfen der Wissenschaftler vor sich geht, die sich all das ausdenken, m&ouml;chte ich gar nicht wissen. Sie haben alle diese Fragen nicht durchdacht, sonst w&uuml;rden sie es nicht wagen, dies vorzuschlagen. Oder sie sind zu naiv. Oder einfach b&ouml;se. <\/p><p>Ich sage: Ja, wir brauchen dringend mehr Solidarit&auml;t! Jedoch mangelt es momentan sicherlich nicht an Solidarit&auml;t mit schwer Erkrankten und Gestorbenen. Das zu behaupten, w&auml;re angesichts des diskursiven Machtgef&auml;lles kontrafaktisch. Es mangelt aber an Solidarit&auml;t und ja, auch an Mitgef&uuml;hl f&uuml;r all jene, die massiv unter dem Lockdown leiden, ihre Jobs verlieren und Angst vor einem Verlust ihrer Freiheit haben. Letztere werden sogar ausgelacht und in eine dunkle Ecke gestellt. Verschw&ouml;rungstheoretiker seien sie, Corona-Verharmloser oder gar -Leugner! Die Gesellschaft spaltet sich durch fehlendes Verst&auml;ndnis daher immer mehr. Warum die Sorge um Freiheitsrechte heute bereits im politisch rechten Spektrum zu verorten ist (&bdquo;rechte Querdenker&ldquo;), ist mir nicht verst&auml;ndlich. Dass ausgerechnet die Rechten heute K&auml;mpfer f&uuml;r die Freiheit sein sollen &ndash; dieses Narrativ sollten wir nicht zulassen, denn es ist gef&auml;hrlich und gibt den rechten Kr&auml;ften unn&ouml;tig auftrieb. <\/p><p>Ich verlange einen umfassenden Solidarit&auml;tsbegriff, der alle B&uuml;rger mit allen drei Angstkategorien einschlie&szlig;t! Der Solidarit&auml;tsbegriff, der sich nur auf die Angst vor dem Virus bezieht, ist autorit&auml;r. An der Hochschule f&uuml;r Musik und Theater Leipzig verlangt der (zweifellos extremistische) Politik-Club die Unterst&uuml;tzung f&uuml;r No-Covid. Dazu benutzt dieser Club den Hashtag #Fabrikenzu. Aus Solidarit&auml;t mit den Kranken und Armen selbstverst&auml;ndlich, schreiben sie dazu! Ob es die gr&ouml;&szlig;te Sorge der Armen ist, dass sie an einem Virus erkranken, der sie wahrscheinlich nicht t&ouml;ten wird, muss bezweifelt werden. Die Angst vor dem leeren Geldbeutel und dem Hungertod ist dort sicher unmittelbar bedrohlicher. Wie weltfremd muss man sein, um zu fordern, alle Fabriken zu schlie&szlig;en? Dieser Club besteht aus wei&szlig;en, verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig wohlhabenden Mittelklasse-Studenten, die scheinbar keine Ahnung haben, wo die Heizungsw&auml;rme, das warme Wasser und der Strom in ihrer Wohnung herkommt. Aus den Fabriken! All das muss erarbeitet werden und das meist f&uuml;r die dortigen Arbeiter unter keinen guten Bedingungen. Aber vorzuschlagen, dass diese schlecht bezahlten Arbeiter in der Corona-Krise nun ihren Job komplett durch #Fabrikenzu verlieren, ist schamlos, sch&auml;ndlich und ohne jede Solidarit&auml;t. <\/p><p>Solche Ideen sind null durchdacht, aber sie werden aus verk&uuml;rztem Aktivismus verbreitet. Gern von genau denen, die momentan nichts wirklich zu verlieren haben. Denn eines ist klar: Ein Online-Semester an der Uni ist insgesamt doch recht bequem im Vergleich zu einem Existenzverlust. Eine solche Solidarit&auml;t verlangt autorit&auml;re Ma&szlig;nahmen. Sie ruft auf zu einem solidarischen Marsch in den Autoritarismus. Stellen wir dem eine umfassende, eine inklusive Solidarit&auml;t gegen&uuml;ber. Versuchen wir, die Menschen um uns herum zu verstehen. Fragen wir sie doch im Gespr&auml;ch, welche der drei &Auml;ngst sie am meisten plagt. Vollziehen wir diese &Auml;ngste nach und erg&auml;nzen wir freundlich, dass es aber auch noch andere sinnvolle &Auml;ngste gibt, die zu ber&uuml;cksichtigen sind. <\/p><p>Lernen wir Kommunikation.<\/p><p>Titelbild: Hannes Hautaniemi\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Begriffe &bdquo;No Covid&ldquo; und &bdquo;Zero Covid&ldquo; erreichten in den letzten Wochen auch in Kreisen, die ansonsten die Regierungspolitik eher kritisch sehen, eine erstaunliche Beliebtheit. Offenbar sind vielen der Anh&auml;nger dieser Ans&auml;tze die vollen Implikationen daraus nicht wirklich bewusst. 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