{"id":70257,"date":"2021-02-27T10:00:19","date_gmt":"2021-02-27T09:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70257"},"modified":"2021-02-27T11:19:35","modified_gmt":"2021-02-27T10:19:35","slug":"scrollen-sie-einfach-mal-zurueck-wenn-sie-ein-bisschen-zeit-haben-es-lohnt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70257","title":{"rendered":"Scrollen Sie einfach mal zur\u00fcck, wenn Sie ein bisschen Zeit haben. Es lohnt"},"content":{"rendered":"<p>Binnen 17 Jahren und 3 Monaten wurde auf den NachDenkSeiten ein unglaublich reicher Fundus an Informationen und Daten angesammelt. Gestern habe ich f&uuml;r Recherchen zum Thema Altersvorsorge nach Artikeln zum &bdquo;Spiegel&ldquo; gesucht und bin auf <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1980\">diesen Beitrag vom 4. Januar 2007 gesto&szlig;en<\/a>: &bdquo;60 Jahre &bdquo;Spiegel&ldquo;: Vom Aufkl&auml;rungsauftrag zum ideologischen Kampforgan.&ldquo; Vor 14 Jahren, 60 Jahre nach dem Start des Spiegel, stand es offensichtlich nicht besser als heute. Es bleibt uns also nichts anderes &uuml;brig, als dieses erstaunlicherweise immer noch oft gelesene Organ der Meinungsbildung in Deutschland weiter kritisch zu begleiten. Vielleicht haben Sie Lust, diesen Artikel an Freunde und Bekannte weiterzuleiten, die den Spiegel abonniert haben. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>60 Jahre &bdquo;Spiegel&ldquo;: Vom Aufkl&auml;rungsauftrag zum ideologischen Kampforgan.<\/strong><\/p><p>Tun Sie etwas f&uuml;r ihre kritische Meinungsbildung. Verzichten Sie so lange auf den Spiegel, bis er wieder der Spiegel ist. In einem Monat NachDenkSeiten finden Sie mehr aufkl&auml;rende Impulse als in 10 Spiegel-Ausgaben.<\/p><p>&bdquo;Der Spiegel&ldquo; wurde vor 60 Jahren auf der Basis einer Lizenz der Briten gegr&uuml;ndet. Das Blatt sollte und wollte ein St&uuml;ck demokratische Aufkl&auml;rungsarbeit im Nachkriegsdeutschland leisten. Trotz berechtigter (sp&auml;terer) Kritik an der Rolle ehemaliger Nazis unter den damaligen journalistischen Machern bleibt zu w&uuml;rdigen, dass der &bdquo;Spiegel&ldquo; vor allem in der restaurativen Adenauer-Strau&szlig;-&Auml;ra immer wieder mit investigativen Beitr&auml;ge Skandale aufgedeckt hat. Heute allerdings f&auml;llt er (und sein elektronisches Organ SpiegelOnline) als kritisches Organ in der Innen-, Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik weitgehend aus, im Gegenteil: &bdquo;Der Spiegel&ldquo; ist neben Bild-Zeitung und FAZ, Focus und inzwischen auch dem Stern und einer Vielzahl anderer Medien zu einem konsequenten Kampfblatt der neoliberalen und von der Wirtschaft gepr&auml;gten Ideologie geworden &ndash; ausgestattet mit allen Finessen der subtilen Manipulation und raffinierten Indoktrination. Dass so viele Menschen dennoch und immer noch glauben, der &bdquo;Spiegel&ldquo; sei ein kritisches oder gar linkes Medium, ist erstaunlich. <\/p><p>&bdquo;Der Spiegel&ldquo; war nie ein wirklich linkes Blatt. Aber er war in fr&uuml;heren Zeiten eine Institution, die keinen Respekt vor Autorit&auml;ten kannte, den Mief der 60er und 70er Jahre ausl&uuml;ftete und sich mit konservativen oder revanchistischen Politikern anlegte. Zum Beispiel: Der Spiegel hat mitgeholfen, die Doktrinen aus den Zeiten des kalten Krieges aufzubrechen und damit der Entspannungs- und Ostpolitik der Regierung Brandt den Weg erleichtert; der Spiegel hat mit seinen Recherchen etwa &uuml;ber die dunklen Machenschaften des Franz Joseph Strau&szlig; oder die Flick-Aff&auml;re Beachtliches zur Aufdeckung von Korruption beigetragen.<\/p><p>Wie sehr sich der Spiegel heutzutage von damals unterscheidet, habe ich an einem konkreten Fall miterlebt: Schon in den siebziger Jahren gab es in Deutschland eine Debatte um Demographie und das angeblich sterbende Volk, damals hat sich der Spiegel noch nicht f&uuml;r eine pronatale Bev&ouml;lkerungspolitik hergegeben; damals druckte das Blatt noch mehrseitige Essays etwa auch von mir &uuml;ber das v&ouml;lkische Denken in dieser Debatte. Heute werden wir mit Spiegel-Titeln und Geschichten wie &bdquo;Der letzte Deutsche&ldquo; oder &bdquo;Raum ohne Volk&ldquo; bel&auml;stigt. &bdquo;Der letzte Deutsche&ldquo; zierte das Titelblatt zu einer Geschichte &uuml;ber eine Modellrechnung, nach deren mittlerer Variante in Deutschland im Jahr 2050 75 Millionen Menschen leben sollten &ndash; die letzten Deutschen sozusagen.<\/p><p>&bdquo;Der Spiegel&ldquo; ist heute fest eingebaut in die interessengeleitete Kampagne zum Thema Demographie. Er vertritt dabei ohne Hemmungen die Behauptungen von der demografischen &Uuml;berlastung der Sozialsysteme und ziemlich unverbl&uuml;mt die Interessen der Versicherungswirtschaft und der interessierten Banken. Symptomatisch: Einer der Lobbyisten der Finanzwirtschaft, der ehemalige CDU-Abteilungsleiter Meinhard Miegel, ist regelm&auml;&szlig;iger Interviewpartner und Zitatgeber des Blattes und wird dabei selbstverst&auml;ndlich nicht in seiner Lobbyfunktion, sondern als unabh&auml;ngiger Experte vorgestellt.<\/p><p>Wie sehr sich das Blatt dem Stil der Bild-Zeitung angen&auml;hert hat, kann man an einigen Titeln der letzten Zeit festmachen:<\/p><ul>\n<li>&bdquo;Die Deutschen m&uuml;ssen das T&ouml;ten lernen. Wie Afghanistan zum Ernstfall wird.&ldquo; (20.11.2006)<\/li>\n<li>&bdquo;Angriff aus Fern-Ost. Weltkrieg um Wohlstand.&ldquo; (11.9.2006)<\/li>\n<li>&bdquo;Ansturm der Armen. Die neue V&ouml;lkerwanderung.&ldquo; (26.6.2006)<\/li>\n<li>&bdquo;Der neue kalte Krieg. Kampf um die Rohstoffe.&ldquo; (27.3.2006)<\/li>\n<li>&bdquo;Jeder f&uuml;r sich. Wie der Kindermangel eine Gesellschaft von Egoisten schafft.&ldquo; (6.3.2006)<\/li>\n<li>&bdquo;Ein Gespenst kehrt zur&uuml;ck. Die neue Macht der Linken&ldquo; (mit Foto von Karl Marx) (22.8.2005)<\/li>\n<li>&bdquo;Die veruntreute Zukunft. Wie der Staat Milliarden verschwendet und sich immer weiter verschuldet &ndash; mit 1834 &euro; pro Sekunde.&ldquo; (27.6.2005)<\/li>\n<\/ul><p>(Im Buch &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; hatte ich schon neun &auml;hnliche Titel abgebildet.)<\/p><p>Diese und viele andere Titel strotzen nur so von &Uuml;bertreibung und Angstmache. Sie bauen auf dumpfen und reaktion&auml;ren Vorurteilen auf und verst&auml;rken sie. Was in Worten nicht wiederzugeben ist: die visuelle Gestaltung ist zum Teil erschreckend; martialische Gestalten zieren zum Beispiel die Titel zum kalten Krieg und zum Angriff aus Fern-Ost. Aus meiner pers&ouml;nlichen Sicht haben manche dieser Bilder schon die denunziatorische Qualit&auml;t mancher St&uuml;rmer-Karikaturen. Wer meint, dies sei &uuml;bertrieben, sollte sich bitte diese Titelseiten anschauen.<\/p><p>Der Spiegel macht heute mobil gegen die Schwachen &ndash; gegen die Arbeitslosen, Arbeitnehmer und sozial Schwache. Er ist ein Blatt der Gutverdiener, wozu ohne Zweifel ein Gro&szlig;teil vor allem seiner Redakteure der Generation nach dem Spiegel-Herausgeber Augstein geh&ouml;rt. Auch der fr&uuml;here Chefredakteur des Spiegel G&uuml;nter Gaus hat sicher gut verdient. Aber er hat sich &ndash; zum Beispiel &ndash; bis zum Schluss seines Lebens den Luxus geleistet, sich den Kopf &uuml;ber die Sorgen der sozial Schw&auml;cheren zu zerbrechen und jedenfalls nicht gegen sie mobil zu machen. Der Spiegel tut das heute ziemlich schamlos. Heute macht sich das Blatt lustig &uuml;ber die so genannten &bdquo;Gutmenschen&ldquo;. Insofern ist es ein getreuer Abklatsch unserer abgehobenen herrschenden Elite: Getrieben vom zeitgeistigen Egoismus, obwohl sich seine Angestellten aus dem sicheren Port Unabh&auml;ngigkeit und Gro&szlig;z&uuml;gigkeit eigentlich leisten k&ouml;nnten.<\/p><p>Der Spiegel hat sich voll in die Kampagne gegen den Sozialstaat, wie er sich in unserem Land entwickelt hat, einbauen lassen und wirbt seit Jahren f&uuml;r (&bdquo;Struktur&ldquo;-)Reformen. Dabei gehen der Chefredakteur Aust und seine leitenden Redakteure jede journalistische Freiheit in der Redaktion geradezu mit F&uuml;&szlig;en tretend vor. Mehr und mehr wurde so der Spiegel von einem Unterst&uuml;tzer demokratischer Willensbildung zu einem ideologischen Kampfblatt der neoliberalen Reformitis. So wird zur Zeit im Spiegel und bei SpiegelOnline mit Penetranz verk&uuml;ndet, erstens wir h&auml;tten einen Aufschwung und zweitens dieser sei den &bdquo;Reformen&ldquo; zu verdanken und drittens wehe, wir reformieren nicht weiter. Siehe dazu das Interview mit Horst K&ouml;hler im Blatt und die in den letzten Tagen wiederkehrenden Erfolgsmeldungen zur Wirtschaft. So meldete SpiegelOnline zum Beispiel am 2. Januar: &bdquo;Kleines deutsches Wirtschaftswunder. 39 Millionen Erwerbst&auml;tige &ndash; und 2007 kommen Zehntausende Jobs dazu.&ldquo; Im Einf&uuml;hrungstext ist dann von einer Umfrage der Bild-Zeitung unter verschiedenen Wirtschaftszweigen die Rede, die ergeben habe, es w&uuml;rden im Jahr 2007 83.000 neue Arbeitspl&auml;tze entstehen. Das sieht toll aus. SpiegelOnline hat leider vers&auml;umt auszurechnen, wie viel Prozent die 83.000 an der Zahl der Erwerbspersonen ausmachen: gerade mal 0,21%, also knapp &uuml;ber ein Promille. Gemessen am Erwerbspotential von &uuml;ber 50 Millionen noch weniger. &ndash; Dies ist ein harmloses aber typisches Beispiel f&uuml;r den Niedergang des Spiegel als informierendem Organ. Dabei br&auml;uchten wir heute kritische Medien mehr denn je.<\/p><p>Sie sollten, falls Sie noch Spiegelleser sind, den im Spiegel auch heute noch vorhandenen wachen Journalisten ein Geburtstagsgeschenk machen: den Spiegel so lange meiden, wie er nur noch die Bild-Zeitung der Besserverdienenden und der abgehobenen politischen Elite (und derjenigen, die meinen dazuzugeh&ouml;ren) darstellt. Hinter dem Schreibtisch des Spiegel-Chefredakteurs Stefan Aust h&auml;ngt eine riesige Statistik &uuml;ber die Auflagen der einzelnen Spiegel-Nummern.<\/p><p>Austs journalistisches Weltbild endet an der verkauften Auflage. Nur eine Absage durch die Leser k&ouml;nnte ihn vielleicht veranlassen, &uuml;ber die Linie seines Blattes nachzudenken und sich an den kritischen und aufkl&auml;renden Auftrag eines &bdquo;Nachrichtenmagazins&ldquo; zu erinnern.<\/p><p>Machen Sie bitte auch andere Spiegel-Leser darauf aufmerksam.<\/p><p>&Uuml;brigens: Es sind eine Reihe von Artikeln zum 60. des Spiegel erschienen. Besonders am&uuml;sant zu lesen: <a href=\"https:\/\/www.taz.de\/pt\/2006\/12\/30\/a0317.1\/textdruck\">Tom Schimmeck in der taz vom 31.12.2006<\/a>.<\/p><p>Zur&uuml;ck zum Heute: Wenn Sie die Berichte und Artikel der NachDenkSeiten f&uuml;r eine bestimmte Zeitepoche lesen wollen, dann k&ouml;nnen Sie einfach auf der rechten Spalte nach unten bis zur Rubrik Archiv gehen und dort einen Monat aussuchen, der sie interessiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Binnen 17 Jahren und 3 Monaten wurde auf den NachDenkSeiten ein unglaublich reicher Fundus an Informationen und Daten angesammelt. 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