{"id":70300,"date":"2021-03-01T10:24:27","date_gmt":"2021-03-01T09:24:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70300"},"modified":"2021-06-18T10:25:00","modified_gmt":"2021-06-18T08:25:00","slug":"sigmund-jaehns-name-verschwindet-aus-politischen-gruenden-oder-was-hat-taeve-schur-mit-tiger-woods-zu-tun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70300","title":{"rendered":"Sigmund J\u00e4hns Name verschwindet &#8211; aus politischen Gr\u00fcnden. Oder: Was hat T\u00e4ve Schur mit Tiger Woods zu tun?"},"content":{"rendered":"<p>K&uuml;rzlich hat Frank Blenz <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69678\">in diesem Artikel<\/a> &uuml;ber den Namens-Streit um das neue Planetarium in Halle berichtet : Aus politischer Motivation sollte eine weitere Benennung nach dem DDR-Kosmonauten Sigmund J&auml;hn, dem ersten Deutschen im All, verhindert werden. Ein Vorgang, der gro&szlig;es Kopfsch&uuml;tteln hervorrief. Nun aber hatte das Ansinnen Erfolg. Das neue Planetarium wird nicht wie das alte nach J&auml;hn benannt. Von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNun wurde es doch wahr. Nach einer einst&uuml;ndigen Debatte im Stadtrat Halle wurde am vergangenen Mittwoch die Entscheidung gef&auml;llt: gegen den Namen Sigmund J&auml;hn f&uuml;r das Planetarium in Halle. Der ARD-Regionalsender MDR meldete:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das neue Planetarium in Halle wird nicht nach dem DDR-Kosmonauten Sigmund J&auml;hn benannt. Das hat der Stadtrat am Mittwoch beschlossen. Die Mehrheit stimmte dem Vorschlag zu, dass der Neubau &ldquo;Planetarium Halle&rdquo; hei&szlig;en soll. 28 Stadtr&auml;te stimmten f&uuml;r den Vorschlag der Gr&uuml;nen-Fraktion, 18 waren dagegen, drei Stadtr&auml;te enthielten sich. Vor der Entscheidung war erneut eine Debatte um den Namenszusatz &ldquo;Sigmund J&auml;hn&rdquo;, dem ersten Deutschen im All, entbrannt. Die Fraktion der Linken hatte diesen Vorschlag gemeinsam mit weiteren Fraktionen eingebracht. Die Gegner einer solchen Benennung f&uuml;hrten an, dass J&auml;hn ein Repr&auml;sentant des DDR-Regimes gewesen sei. Die Linke: &ldquo;Mutloser Kompromiss&rdquo;. Die Linke im Stadtrat bezeichnete den neuen Namen als &ldquo;mutlosen Kompromiss&rdquo;. Andere Fraktionen brachten vor dem Beschluss weitere Namenszus&auml;tze ins Spiel. Die Fraktion des Vereins &ldquo;Hauptsache Halle&rdquo; schlug beispielsweise den Namen des US-Astronauten Neil Armstrong vor. Auch der Name des 44-j&auml;hrigen deutschen Astronauten Alexander Gerst fiel in der Diskussion, die fast eine Stunde dauerte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Und die Zeitung &bdquo;Neues Deutschland&ldquo; f&uuml;hrte aus:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Im All geehrt, in Halle nicht. Die Mehrheit im Stadtrat von Halle will das neue Planetarium nicht nach Sigmund J&auml;hn benennen. Im Weltall gilt Sigmund J&auml;hn als w&uuml;rdiger Namensgeber. 2001 wurde nach dem DDR-Kosmonauten, der im September 2019 verstorben ist, der Asteroid 17 737 benannt &ndash; ein Steinbrocken von f&uuml;nf Kilometern Durchmesser, der in 3,8 Jahren einmal um die Sonne fliegt. Auf die Ehrung verwies die Deutsche Gesellschaft f&uuml;r Luft- und Raumfahrt (DGLR) in einem Brief an den Stadtrat von Halle (Saale). Dort wurde zuletzt gestritten, ob J&auml;hn als Namensgeber f&uuml;r das Planetarium taugt, das Ende 2021 im fr&uuml;heren Gasometer er&ouml;ffnet werden soll. Ein Vorschlag von Linksfraktion, SPD und Mitb&uuml;rgern\/Die Partei pl&auml;dierte f&uuml;r die Namenswahl. Allerdings stie&szlig; die F&uuml;rsprache der DGLR bei der Ratsmehrheit nicht auf offene Ohren. Mit 28 zu 18 Stimmen nahm der Stadtrat am Mittwoch den Antrag an, die Einrichtung k&uuml;nftig schlicht &raquo;Planetarium Halle (Saale)&laquo; zu nennen.<br>\nIn Halle gab es fast 40 Jahre lang ein Planetarium mit dem Namen &raquo;Sigmund J&auml;hn&laquo;. Der damals sehr moderne Bau mit einer Kuppel aus Betonschalen wurde 1978 er&ouml;ffnet. Am 26. August jenes Jahres war J&auml;hn gemeinsam mit dem sowjetischen Raumfahrer Waleri Bykowski im Raumschiff Sojus 31 zur Raumstation Salut 6 geflogen und hatte binnen acht Tagen 125 Erdumrundungen absolviert. Er war damit der erste Deutsche im All und ein &raquo;wichtiger Teil der gesamtdeutschen Geschichte&laquo;, schrieb die DGLR. Sie w&uuml;rdigte auch J&auml;hns Engagement in der Europ&auml;ischen Raumfahrtagentur ESA nach 1989 und appellierte, ihn mit der Taufe als &raquo;Botschafter der deutschen Raumfahrt&laquo; zu w&uuml;rdigen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Mich macht es sprachlos. Ich kann nur eine Wortmeldung aus den sozialen Medien (Facebook) zitieren, die zum Neuen-Deutschland-Artikel formuliert wurde, die sich mit meiner Ansicht zu dieser Entwicklung deckt. Ein Leser schreibt:<\/p><blockquote><p>\n&ldquo;Ich habe einmal in meinem Leben erlebt, wie die Schilder mit meinem Namen &uuml;ber Nacht abgeh&auml;ngt wurden, ich muss mir nun am Ende meines Lebens nicht noch einmal anschauen, wie sie wieder aufgeh&auml;ngt werden.&rdquo; &ndash; Sigmund J&auml;hn<\/p>\n<p>Das, was wir heute mit dem Anglizismus &lsquo;cancel culture&rsquo; betiteln (wohl, weil die deutschen Begriffe Geschichtsrevisionismus und Geschichtsklitterung zu scharf klingen), haben 17 Millionen DDR-B&uuml;rger vor 30 Jahren schon einmal erlebt. Da wurde quasi &uuml;ber Nacht vom westdeutschen Eroberer beschlossen, dass alles, was die Menschen in der DDR geleistet haben, aus den Geschichtsb&uuml;chern zu verschwinden hatte oder &ldquo;nicht traditionsw&uuml;rdig&rdquo; sei. Und genau aus diesem Grunde war es auch keine Wiedervereinigung, sondern eine Angliederung (aka Annexion).Wenn man also beklagt, dass die B&uuml;rger in Ostdeutschland sich &ldquo;bis heute als Deutsche zweiter Klasse&rdquo; f&uuml;hlen oder sich mit dem System der BRD schwer anfreunden k&ouml;nnen, dann hat das direkt damit zu tun, dass z.B. ein Stadtrat in Halle (B&uuml;rgermeister ist &ndash; wie so oft &ndash; geb&uuml;rtiger Wessi) wegen einer vermeintlichen &ldquo;Systemn&auml;he&rdquo; einem gesamtdeutschen Vorbild die ihm zustehende Ehre verweigert, nur weil er den &ldquo;falschen&rdquo; deutschen Pass hatte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Und so schreibe ich doch noch ein paar Bemerkungen: Sigmund J&auml;hn bleibt in unseren ostdeutschen Herzen &ndash; ich denke, hoffe, w&uuml;nsche mir auch in vielen Herzen mit westlicher Sozialisation (das schreibe ich mit einem L&auml;cheln). Wir Deutsche haben uns doch 1990 auf einen Weg begeben, um als Menschen aus zwei Teilen eines Landes zusammenzukommen. Das ist bisher in Teilen gelungen, in G&auml;nze indes nicht wirklich gegl&uuml;ckt. Es hat etwas damit zu tun, dass nicht anerkannt wird, dass zwei Teile nur gleichwertig behandelt eine Einheit ergeben. Doch es ist kein Naturgesetz, da die Teilung noch irgendwie besteht, also sollten wir nicht aufgeben. Dass es schwer ist mit dieser Einheit, mit Gl&uuml;ck und Herz und Verstand, und dass es bisher nicht voll klappte, das hat auch etwas mit Macht, mit Deutungshoheit, mit &Uuml;berlegenheit und mit Arroganz zu tun. Und mit Dummheit und fehlendem Gesp&uuml;r. Ich w&uuml;nschte mir sehr, dass gerade im Bereich der Feinsinnigkeit, also dabei, charmant und r&uuml;cksichtsvoll miteinander umzugehen, eine Schippe draufgelegt wird. Das n&uuml;tzt nix mehr bei Sigmund. So hat Halle halt nur ein Planetarium.<\/p><p>Ach so. Noch etwas zum Thema Wertsch&auml;tzung von Pers&ouml;nlichkeiten ostdeutscher Sozialisation. Stichwort: Tiger Woods. Jeder Golf-Freund kennt diesen Namen. Golf ist ja Volkssport in Deutschland. Und vor allem Tiger Woods ein Held. Ein US-amerikanischer. Okay. Die Frage kommt jetzt sicher auf, warum ich den Golfer Woods erw&auml;hne, der ist ja kein Ostdeutscher. Es geht mir um die permanente Nichtw&uuml;rdigung von Menschen aus dem Osten innerhalb der Deutschen Einheit.  <\/p><p>Woods nenne ich, weil dieser Mann j&uuml;ngst in Los Angeles einen Autounfall hatte. Das Ungl&uuml;ck (er verletzte sich schwer) war allen GEZ-Sendern eine Hauptnachrichtenmeldung wert und nachfolgende Boulevard-Magazine brachten umfassende Beitr&auml;ge, um Woods Unfall &bdquo;aufzukochen&ldquo;. Am selben Tag hatte T&auml;ve Schur, der ber&uuml;hmteste Sportler aus der DDR, Geburtstag: 90 Jahre wurde der erfolgreiche Radsportler. Es gibt nun einen Unterschied zwischen Tiger Woods und T&auml;ve Schur. Der Golfer mit Verkehrsunfall in den USA war ARD, ZDF und Co etwas wert, bei T&auml;ve Schur musste der Regionalsender MDR reichen.  <\/p><p>Und was hat das mit Sigmund J&auml;hn zu tun? J&auml;hn und Schur sind eine Generation, sie sind Stars der DDR gewesen. Beiden wird im vereinigten Land die Wertsch&auml;tzung verwehrt, die sie verdienen, und zwar deshalb, weil sie aus der DDR stammen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K&uuml;rzlich hat Frank Blenz <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69678\">in diesem Artikel<\/a> &uuml;ber den Namens-Streit um das neue Planetarium in Halle berichtet : Aus politischer Motivation sollte eine weitere Benennung nach dem DDR-Kosmonauten Sigmund J&auml;hn, dem ersten Deutschen im All, verhindert werden. Ein Vorgang, der gro&szlig;es Kopfsch&uuml;tteln hervorrief. Nun aber hatte das Ansinnen Erfolg. 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