{"id":70355,"date":"2021-03-03T08:35:07","date_gmt":"2021-03-03T07:35:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70355"},"modified":"2021-03-03T09:55:04","modified_gmt":"2021-03-03T08:55:04","slug":"soziale-nachhaltigkeit-bleibt-ein-offenes-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70355","title":{"rendered":"Soziale Nachhaltigkeit bleibt ein offenes Problem"},"content":{"rendered":"<p>Es sind vor allem unsere eigenen Verhaltens- und Denkmuster, die nachhaltiges Neudenken und Handeln verhindern. Der grassierende Klimawandel, die steigende Armut und der Ressourcenverzehr &ndash; um nur drei der gr&ouml;&szlig;ten Probleme des Planeten zu benennen &ndash; werden aber au&szlig;erdem zunehmend durch die systemischen Eigenschaften der globalen &Ouml;konomie und Politik vorangetrieben. Dieses nicht trennbare Zusammenspiel verursacht Nachhaltigkeitsfallen, die am Ende der dringend notwendigen Wende entschieden im Wege stehen. Der Lernforscher und Kulturtheoretiker <strong>Kersten Reich<\/strong> legt in seinem zweib&auml;ndigen Werk &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A41120950&amp;listtype=search&amp;searchparam=kersten%20reich\">Der entgrenzte Mensch und die Grenzen der Erde<\/a>&ldquo; diese scheinbar &auml;u&szlig;eren Nachhaltigkeitsfallen offen und klagt an, weist dabei aber zugleich auf unsere eigene Verantwortung und zeigt so die Chancen zur Ver&auml;nderung auf. Ein Auszug.<br>\n<!--more--><br>\nDer Kampf um soziale Gerechtigkeit existiert in der Menschheitsgeschichte schon sehr lange. Sofern die demokratische Gesellschaft verspricht, allen Menschen gleiche Chancen geben zu wollen, erscheint dieser Kampf <em>de jure<\/em> dann gewonnen, wenn es eine demokratische Verfassung gibt, aber <em>de facto<\/em> nicht erreicht, wenn die Spaltung zwischen Arm und Reich immer weiter zunimmt. Mehr Gerechtigkeit gibt es nur durch aktive K&auml;mpfe in der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums:<\/p><p>(1) Das Bek&auml;mpfen der Verelendung, die Sicherung eigener Rechte, einer Teilnahme an der gesamtgesellschaftlichen Demokratisierung besch&auml;ftigt die Mehrheit der Menschen seit langem, um eine Ausbeutung und Ausnutzung zu &uuml;berwinden, die zu wenig Mittel f&uuml;r das eigene Leben erm&ouml;glicht. Die soziale Nachhaltigkeitskrise liegt in der &Uuml;berwindung einer Verarmung und Nichtbeachtung von Rechten, die Gesundheit, soziale Sicherung und eine angemessene Altersversorgung umfassen. Dies alles sind deshalb Faktoren der Nachhaltigkeit, weil sie &uuml;ber die Zukunft der nachfolgenden Generationen mitentscheiden, weil sie Lebensbedingungen einer Zukunft definieren. Die Ausbeutungsverh&auml;ltnisse wandeln sich &uuml;ber die Zeitalter. Klassisch ist nach wie vor das Verh&auml;ltnis von Lohnarbeit und Kapital, indem Mehrwerte aus der Arbeit gezogen werden. Aber dieser Weg ist immer begleitet durch Angebot und Nachfrage. Gewinne sind auch durch Derivate, Leerverk&auml;ufe, betr&uuml;gerische Wetten ohne Produktion, durch Vermietung und Verpachtung und unz&auml;hlige Strategien der Finanzm&auml;rkte zu erzielen. Zudem haben sich Berufe entwickelt, die im Management, Verkauf und in den Medien hohe Einkommen erzielen, die in eine neue Form der Ungerechtigkeit &uuml;ber die Verteilungen von Gewinnen aus der Lohnarbeit und anderen Mehrwerten f&uuml;hren. Diese Mehrwerte sind unterschiedlich erzeugbar und so schwer zu &uuml;berblicken. Die Un&uuml;bersichtlichkeit der Vorg&auml;nge macht es f&uuml;r die Menschen schwer, diese &uuml;berhaupt hinreichend zu erfassen. Der Kampf um soziale Gerechtigkeit wird so fragmentiert und zu einer Angelegenheit spezifischer Orte und Unternehmen, von scheinbarem Zufall und individuellem Gl&uuml;ck. Die Verarmung breiter Massen dr&uuml;ckt sich in den reichen L&auml;ndern in einer Existenzsicherung f&uuml;r prek&auml;r lebende Menschen aus, die in armen L&auml;ndern bereits als reiche Menschen erscheinen. <\/p><p>(2) Die Durchsetzung der Menschenrechte, die seit 1948 bestehen, zeigen einen weiteren wesentlichen Aspekt. Dazu geh&ouml;rt als Grundlage eine wachsende Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand, obwohl der Abstand, der zwischen diesem Wohlstand und den gro&szlig;en Nutznie&szlig;ern des kapitalistischen Systems liegt, immer gr&ouml;&szlig;er wird. So steigt zwar f&uuml;r viele der Wohlstand, aber wenige erhalten im Vergleich unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig mehr davon. Diese Ungerechtigkeit wirkt heute in mehrfacher Hinsicht: Als ungerechte Verteilung jeweils auf nationaler Ebene, als ungerechte Verteilung zwischen L&auml;ndern und L&auml;ndergruppen, als Verteilungswettkampf weltweit. Die reichen L&auml;nder beschreiben Armut dabei als relativ zum Durchschnitt der Einkommen in ihnen, die armen L&auml;nder als absolut im Hinblick auf die t&auml;glichen Mittel zum &Uuml;berleben. Wer f&uuml;r mehr soziale Gerechtigkeit k&auml;mpft, der muss jetzt immer sagen, in welchem Umfeld mit welcher Berechnungsgrundlage dies geschieht und was es konkret bedeutet. Dies zersplittert den Kampf in un&uuml;bersichtliche Einzelma&szlig;nahmen, also das, was in sozialen Reformen regional, temporal und auf soziale Gruppen verteilt erlebt wird. Es verst&auml;rkt die Tendenz, dass viele soziale Gruppen im gegenseitigen Wettkampf stehen, die soziale Frage wird gespalten, partikularisiert, auf einzelne Ph&auml;nomene reduziert, einer ganzheitlichen Vision beraubt. <\/p><p>(3) F&uuml;r Menschen aus benachteiligten Milieus gibt es fast immer nur eine Chance, um gesellschaftlich aufzusteigen und die eigenen Verteilungschancen zu erh&ouml;hen: Erziehung und Bildung und dann Nutzung von Aufr&uuml;ckungschancen. Aber die jeweiligen Erziehungsbedingungen hinken, so zeigen die Erfahrungen seit Beginn der Moderne, nicht nur den pers&ouml;nlichen F&ouml;rderungschancen bei schlechten Ausgangsbedingungen, sondern auch dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt und seinen Erfordernissen an die Qualifizierung hinterher. Und die vor allem in den reichen L&auml;ndern zu beobachtende Bildungsexpansion f&uuml;hrt dazu, dass das jeweilige Niveau des Verteilungskampfes um soziale Gruppenvorteile und Aufstieg blo&szlig; nach oben verschoben werden, aber nicht grunds&auml;tzlich aufstrebenden Milieus gleiche Chancen selbst bei gleichen Leistungen geben. <\/p><p>Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass soziale Gerechtigkeit zu den wesentlichen Fragen von Nachhaltigkeit z&auml;hlt. Allerdings ist dies keine &ouml;kologische, sondern eine soziale Nachhaltigkeit. Und diese ist, so zeigen etliche sozialwissenschaftliche Untersuchungen, durch die Ungleichverteilung von Armut und Reichtum sowohl in den reichen L&auml;ndern als auch insbesondere zwischen reichen und armen L&auml;ndern stark gef&auml;hrdet.<\/p><p>Der Kampf um mehr soziale Gerechtigkeit dauert schon deutlich l&auml;nger an als der Kampf f&uuml;r mehr &ouml;kologische Nachhaltigkeit. Gemessen an den materiell ungleichen Verteilungen hat die Menschheit schon den Kampf um Verteilungsgerechtigkeit bisher verloren, sie hat keine hinreichend soziale Gerechtigkeit im Vergleich der Menschen untereinander erreicht, sondern sogar die Spaltung immer weiter vergr&ouml;&szlig;ert. Im Wohlstandsvergleich der Generationen haben jedoch zumindest die reichen L&auml;nder ein Niveau erreicht, das gegen&uuml;ber fr&uuml;heren Zeiten eine &Uuml;berflussgesellschaft f&uuml;r fast alle erm&ouml;glicht hat. Aber genau dieser massenhafte Wohlstand ist auch zu einem treibenden Faktor der Nachhaltigkeitskrise der Umwelt geraten, die eine Krise eines zu gro&szlig;en und massenhaften Konsums in alle Richtungen geworden ist. <\/p><p>Wie soll soziale Gerechtigkeit als Faktor der Nachhaltigkeit &uuml;berhaupt gemessen werden? Eine negative Bestimmungsgr&ouml;&szlig;e misst die Ungleichheit, die sich in Bezug auf Einkommen und Verm&ouml;gen ver&auml;ndert. In den letzten Jahrzehnten zeigt die Ungleichheitsforschung, dass die Spaltung sowohl in den verf&uuml;gbaren Verm&ouml;gen einschlie&szlig;lich Immobilien als auch im monatlichen Einkommen st&auml;ndig gestiegen ist (vgl. etwa Piketty 2015, Atkinson 2015, Stiglitz 2012 und 2015, Milanovic 2011 und 2016, Bourguignon 2015, Reich 2018 a). <\/p><p>Die soziale Ungleichheit, die sich materiell ausdr&uuml;ckt, findet ihre Entsprechung in politischer Ungleichheit. Wenn etwa f&uuml;r Deutschland untersucht wird, welche sozialen Gruppen am meisten von der Gesetzgebung profitieren, dann zeigen Studien wie die von Els&auml;sser, Hense&#8197;&amp;&#8197;Sch&auml;fer (2017), dass einkommensstarke Bev&ouml;lkerungsgruppen in der Gesetzgebung tendenziell bevorzugt werden. Im Grunde ben&ouml;tigen wir dazu gar keine Untersuchungen, denn schon der Umstand der Steuergesetzgebung, die bei h&ouml;heren Einkommen nicht dynamisch ansteigt, signalisiert, dass es um den Erhalt von Besitzst&auml;nden geht, die vermeintlich der Gesamtwirtschaft zugutekommen und Arbeitspl&auml;tze schaffen, aber letztlich reiche Menschen immer reicher machen. Die kapitalistischen L&auml;nder zeigen zudem im Vergleich, dass in den L&auml;ndern mit steigender Steuerprogression und materiell st&auml;rkerer Absicherung breiter Bev&ouml;lkerungsschichten das Arbeitsplatzrisiko keineswegs steigen muss. Mehreinnahmen lie&szlig;en sich f&uuml;r Innovation, Bildung und Infrastrukturen nachhaltig ausgeben. Aber die einkommensstarken Milieus befeuern immer die M&auml;r, dass ihr Gewinnstreben f&uuml;r alle f&ouml;rderlich sei. <\/p><p>Mehr soziale Gerechtigkeit begrenzt sich im Verteilungskampf nach unten fast immer auf eine Grundsicherung, wie die langanhaltenden Debatten &uuml;ber eine Grundrente in Deutschland zeigen. Von einer Umverteilung im Sinne sozialer Gerechtigkeit kann hier kaum gesprochen werden. Es geht vielmehr darum, ein Minimum der Existenzsicherung durchzusetzen oder einen gewissen Wohlstand vieler zu erhalten. Bei den gr&ouml;&szlig;eren Gewinnen ist offensichtlich, dass die Wahrscheinlichkeit einer &Uuml;bereinstimmung politischer Entscheidungen mit den W&uuml;nschen und Einstellungen h&ouml;herer Einkommensschichten sehr hoch ist. Was Menschen mit niedrigem Verm&ouml;gen oder Einkommen wollen, das hat politisch nicht den gleichen Einfluss wie das, was sehr reiche Menschen wollen. Und dies gilt, obwohl die &auml;rmeren Schichten gegen&uuml;ber den reicheren zahlenm&auml;&szlig;ig deutlich gr&ouml;&szlig;er sind.<br>\nInteressant ist es, dies in ein Verh&auml;ltnis mit dem Engagement f&uuml;r Nachhaltigkeit zu setzen. Arme Menschen oder von Abstiegsangst bedrohte breite Bev&ouml;lkerungsschichten entwickeln seltener ein &ouml;kologisches Bewusstsein als eine reichere Mittelschicht, die bessere materielle, zeitliche und bildungsbezogene Ressourcen besitzt. Die sehr reichen Menschen hingegen haben einen Lebensstil, der ohnehin wenig nachhaltig ist und nur von geringem &ouml;kologischem Nachdenken gepr&auml;gt ist. Ihre CO2-Bilanz ist in der Regel sehr schlecht, weil sie auf so gro&szlig;em Fu&szlig; leben, dass ihr &ouml;kologischer Abdruck &auml;u&szlig;erst negativ ausf&auml;llt.<\/p><p><em>Kersten Reich: &bdquo;Der entgrenzte Mensch und die Grenzen der Erde&ldquo;; Band 1: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/der-entgrenzte-mensch-und-die-grenzen-der-erde-band-1\/\">Wie Erziehung und Verhalten die Nachhaltigkeit erschweren<\/a>&ldquo;, 448 Seiten; Band 2: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/der-entgrenzte-mensch-und-die-grenzen-der-erde-band-2\/\">Wie &Ouml;konomie und Politik die Nachhaltigkeit verhindern<\/a>&ldquo;, 400 Seiten, Westend Verlag, 1.3.2021<\/em><\/p><p>Titelbild: Brian A Jackson\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind vor allem unsere eigenen Verhaltens- und Denkmuster, die nachhaltiges Neudenken und Handeln verhindern. 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