{"id":70418,"date":"2021-03-05T08:43:39","date_gmt":"2021-03-05T07:43:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70418"},"modified":"2021-03-12T09:12:58","modified_gmt":"2021-03-12T08:12:58","slug":"freiheit-ist-immer-die-freiheit-der-andersdenkenden-rosa-luxemburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70418","title":{"rendered":"\u201eFreiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.\u201c (Rosa Luxemburg)"},"content":{"rendered":"<p>Zum 150. Geburtstag einer gro&szlig;artigen Revolution&auml;rin. Dieser gerne und viel zitierte Satz stammt von Rosa Luxemburg. Publiziert wurde er im Jahr 1918. Ein Jahr sp&auml;ter wurde sie ermordet, von Freicorps, die aus ihrem reaktion&auml;ren bis faschistischen Weltbild keinen Hehl gemacht hatten. W&uuml;rde sie dennoch an ihm festhalten? Was w&uuml;rde Rosa Luxemburg zu all dem sagen, was heute in der Linken passiert, also nicht nur in der Partei, sondern auch au&szlig;erhalb von ihr? Von <strong>Wolf Wetzel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>&bdquo;Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden&ldquo;<\/em>, wird von vielen zitiert und zu sehr verschiedenen Anl&auml;ssen vorgetragen. Leicht dahingesagt ist ein solcher Ausruf, wenn man selbst in der Minderheit ist, die Macht gegen sich hat und jenen, die das Meinungsmonopol innehaben, ein bisschen (mehr) Freiheit abringen m&ouml;chte.<\/p><p>In diesen F&auml;llen appelliert man an den b&uuml;rgerlichen Staat und auch an sein Versprechen, die Rede- und Meinungsfreiheit auch denen zu gew&auml;hren, die den b&uuml;rgerlichen Staat ablehnen. In diesen F&auml;llen ist der Satz zwar immer noch richtig, aber nicht wirklich eine Herausforderung, die Rosa Luxemburg damals zu einer revolution&auml;ren Maxime erhoben hat. Denn die eigentliche Zumutung, die in diesem Satz steckt, bezieht sich nicht auf die Anderen, die einem das Wort verbieten, die unpassenden Meinungen zum Anlass politischer Verfolgung nehmen.<\/p><p>Der ber&uuml;hmte Satz ist einer Arbeit entnommen, die sich mit der russischen Revolution auseinandersetzt, als diese 1918 gesiegt hatte und die einst Verfolgten nun selbst Verfolger werden konnten, also nicht mehr um Freiheit betteln oder ringen mussten, sondern sich in der privilegierten Position befanden, sie (anderen) zu &bdquo;gew&auml;hren&ldquo;. Rosa Luxemburg richtet also diesen Satz vor allem an die eigenen Genoss*innen, die heftig darum stritten, wie es weitergeht, was die Revolution voranbringt, was ihr schadet, was der n&auml;chste Schritt sein muss, was in die Sackgasse f&uuml;hrt.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Freiheit nur f&uuml;r die Anh&auml;nger der Regierung, nur f&uuml;r Mitglieder einer Partei &ndash; m&ouml;gen sie noch so zahlreich sein &ndash; ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der &sbquo;Gerechtigkeit&lsquo;, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen h&auml;ngt und seine Wirkung versagt, wenn die &sbquo;Freiheit&lsquo; zum Privilegium wird.&ldquo;<br>\n(Rosa Luxemburg: Zur russischen Revolution, in: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 4, Berlin 1974, S. 359)\n<\/p><\/blockquote><p>Sie wollte damit einen Ma&szlig;stab setzen, f&uuml;r die Art und Weise, wie mit Widerspr&uuml;chen, gegens&auml;tzlichen Positionen in und au&szlig;erhalb der (kommunistischen) Partei umgegangen wird, umgegangen werden sollte. Ganz optimistisch und gro&szlig;artig k&ouml;nnten man den Satz so verstehen: Lasst uns zusammen diskutieren, lasst uns die Widerspr&uuml;che aushalten, indem wir das &bdquo;andere&ldquo; verstehen lernen, nicht in Feindschaft, sondern in dem Wissen, dass der &bdquo;richtige&ldquo; Weg erst entsteht, wenn man die anderen Wege abgelaufen hat. Und wenn wir uns dann f&uuml;r den &bdquo;richtigen&ldquo; Weg entscheiden, machen wir dies auf eine Art und Weise, die ber&uuml;cksichtigt, dass der nicht eingeschlagene Weg vielleicht doch der richtige gewesen sein k&ouml;nnte.<\/p><p>Das schlie&szlig;t das Ringen um die &bdquo;richtige&ldquo; Antwort nicht aus. Sie ber&uuml;cksichtigt lediglich, dass sich das Richtige nicht im Leugnen des anderen herauskristallisiert, sondern indem es sich an dem anderen beweist. Dieses revolution&auml;re Selbstverst&auml;ndnis, diese Selbstverpflichtung hat Rosi Wolfstein so ausformuliert:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Durch Fragen und immer erneutes Fragen und Forschen holte sie (Rosa Luxemburg, d.V.) aus der Klasse heraus, was nur an Erkenntnis &uuml;ber das, was es festzustellen galt, in ihr steckte. Durch Fragen beklopfte sie die Antwort und lie&szlig; uns selbst h&ouml;ren, wo und wie es hohl klang, durch Fragen tastete sie die Argumente ab und lie&szlig; uns selbst sehen, ob sie schief oder gerade waren, durch Fragen zwang sie &uuml;ber die Erkenntnis des eigenen Irrtums hin zum eigenen Finden einer hieb- und stichfesten L&ouml;sung.&ldquo;<br>\n(Rosi Wolfstein, 1920, zitiert in: J&ouml;rn Sch&uuml;trumpf (Hrsg.): Rosa Luxemburg oder: Der Preis der Freiheit, 3., &uuml;berarb. u. erg. Aufl., Berlin 2018, S. 102)\n<\/p><\/blockquote><p>All das kann man ehren, in Erinnerung rufen, zum politischen Verm&auml;chtnis einer politischen Bewegung machen, die ihre Ideale nicht aufgibt, wenn man (mit ihrer Hilfe) an die Macht gekommen ist, sondern zum selbstverst&auml;ndlichen Bestandteil einer neuen Gesellschaftlichkeit macht.<\/p><p>Aber was machen wir heute damit? Was w&uuml;rde Rosa Luxemburg zu all dem sagen, was heute in der Linken passiert, also nicht nur in der Partei, sondern auch au&szlig;erhalb von ihr? W&uuml;rde Rosa Luxemburg auch 150 Jahre sp&auml;ter mit der &bdquo;Freiheit der Andersdenkenden&ldquo; auch und gerade jene einschlie&szlig;en, die der Partei nicht genehm sind oder auch eine Linke st&ouml;ren, die sich im au&szlig;erparlamentarischen Raum bewegt?<\/p><p>Rosa Luxemburg w&auml;re heute 150 Jahre alt. Das ist wahrlich ein Grund, an sie, an ihre politischen Analysen, an ihre revolution&auml;ren K&auml;mpfe zu erinnern. Das tut, ziemlich naheliegend, die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die man der Partei DIE LINKE zuordnen kann, vor allem was ihre finanziellen Grundlagen angeht. <a href=\"https:\/\/rosaluxemburg.org\">Auf deren Homepage<\/a> findet man einen fein aufmachten Rundgang durch Rosa Luxemburgs Leben und Wirken.<\/p><p>Bedr&uuml;ckend wird diese Ehrung erst, wenn man vergeblich nach einem Gegenwartsbezug sucht! Die Linke, nicht nur als Partei, ist noch nie so schwach und bedeutungslos gewesen wie derzeit. Das hat viele Gr&uuml;nde, aber eben auch solche, die gar nicht in ihrer Hand liegen. Was sie jedoch ganz alleine zu verantworten hat, ist die Zerstrittenheit, die Unf&auml;higkeit, notwendige Konflikte und Divergenzen offen und achtungsvoll auszutragen. Sprachlosigkeit und ein immer gr&ouml;&szlig;er werdendes Repertoire an Diffamierungen und Denunziationen machen die Linke zu einem ziemlich unattraktiven, gemeinen Ort, den man sich auf Dauer nicht antuen will.<\/p><p><strong>Rosa Luxemburg reloaded<\/strong><\/p><p>Man stelle sich zum Genuss einmal vor, Rosa Luxemburg w&auml;re da, bei uns, und n&auml;hme sich die Zeit, die Linke in Corona-Zeiten zu analysieren. Sie w&uuml;rde sich die Parlamentsarbeit der LINKEN anschauen, sie w&uuml;rde die Querdenkerdemonstrationen besuchen und w&uuml;rde sich bei denen umh&ouml;ren, die diesen vorwerfen, &bdquo;Hand in Hand&ldquo; mit Nazis zu laufen. <\/p><p>Was w&uuml;rde sie zur Partei DIE LINKE sagen, die sich bei der Abstimmung &uuml;ber die Suspendierung von Schutz- und Grundrechten 2020 enthalten hat? W&uuml;rde sie zur Debatte mit denen auffordern, die als Querdenker*innen dagegen protestieren oder w&uuml;rde sie diese auch als &bdquo;Covidioten&ldquo;, &bdquo;Corona-Leugner&ldquo; und Nazi-Handlanger indiskutabel machen? W&auml;re sie 150 Jahre sp&auml;ter bereit, die Motive, Gedanken und &Uuml;berlegungen der Querdenker*innen als &bdquo;<em>all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit<\/em>&ldquo; zu begreifen?<\/p><p>Mit ziemlich gro&szlig;er Sicherheit w&uuml;rde Rosa Luxemburg einiges bis vieles aus den Reihen der Querdenker*innen nicht teilen. Das hatte sie mit der &bdquo;Freiheit der Andersdenkenden&ldquo; auch 1918 nicht so gemeint. Ihr ging es darum, dass die <em>Auseinandersetzung<\/em> damit die Bedingung daf&uuml;r ist, dass das Heilsame und Reinigende eines solchen Prozesses seine Wirkung entfalten kann.<\/p><p>Und noch etwas ist f&uuml;r das revolution&auml;re Denken von Rosa Luxemburg bemerkenswert: Sie gesteht sich und anderen auch zu, einen &bdquo;Irrtum&ldquo;, einen &bdquo;Fehltritt&ldquo; zu begehen. Sie wei&szlig;, dass die Wahrheit, das Richtige weder einer Partei noch seinen Kritiker*innen geh&ouml;rt. Sie hat diese selbst begangen bzw. nicht verhindern k&ouml;nnen.<\/p><p>Solche Irrt&uuml;mer oder Fehltritte sind in ihrem Verst&auml;ndnis nicht das Ende einer revolution&auml;ren Bewegung, sondern &bdquo;fruchtbar&ldquo; &ndash; unter einer Bedingung: Es gibt ein Bewusstsein &uuml;ber die M&ouml;glichkeit von Irrt&uuml;mern und die Notwendigkeit, Irrt&uuml;mer auch sich selbst gegen&uuml;ber einzur&auml;umen, ganz ohne irgendein Privilegium:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der k&uuml;hne Akrobat &uuml;bersieht (&hellip;), da&szlig; das einzige Subjekt, dem jetzt diese Rolle des Lenkers zugefallen, das Massen-Ich der Arbeiterklasse ist, das sich partout darauf versteift, eigene Fehler machen und selbst historische Dialektik lernen zu d&uuml;rfen. Und schlie&szlig;lich sagen wir doch unter uns offen heraus: Fehltritte, die eine wirklich revolution&auml;re Arbeiterbewegung begeht, sind geschichtlich unerme&szlig;lich fruchtbarer und wertvoller als die Unfehlbarkeit des allerbesten &sbquo;Zentralkomitees&lsquo;.&ldquo;<br>\n(Rosa Luxemburg: Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie, in: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 1\/2, Berlin 1970, S. 444)\n<\/p><\/blockquote><p>Es w&auml;re doch mehr als einen Versuch wert, dieses gro&szlig;artige Verm&auml;chtnis von Rosa Luxemburg f&uuml;r heute fruchtbar zu machen, in unsere Zeit zu &uuml;bersetzen. So k&ouml;nnten wir Punkt f&uuml;r Punkt durchgehen, wo die &bdquo;Freiheit der Andersdenkenden&ldquo; das Ma&szlig; der Dinge werden muss, damit uns die Art und Weise, wie wir mit Streitereien und Differenzen umgehen, attraktiv macht, anstatt das Fass zum &Uuml;berlaufen zu bringen. <\/p><p>Das w&uuml;rde Rosa Luxemburg &ndash; ohne wirklich in ihrem Namen zu sprechen &ndash; sicherlich mehr gefallen, als sie in dieser lang zur&uuml;ckliegenden Zeit ruhen zu lassen.<\/p><p>Titelbild: Everett Collection\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 150. Geburtstag einer gro&szlig;artigen Revolution&auml;rin. Dieser gerne und viel zitierte Satz stammt von Rosa Luxemburg. Publiziert wurde er im Jahr 1918. Ein Jahr sp&auml;ter wurde sie ermordet, von Freicorps, die aus ihrem reaktion&auml;ren bis faschistischen Weltbild keinen Hehl gemacht hatten. W&uuml;rde sie dennoch an ihm festhalten? Was w&uuml;rde Rosa Luxemburg zu all dem sagen,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70418\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":70419,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,198,212,161],"tags":[441,2533,1163,2999],"class_list":["post-70418","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-gedenktagejahrestage","category-wertedebatte","tag-freiheit","tag-luxemburg-rosa","tag-meinungspluralismus","tag-querdenken"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/210305_Luxemburg.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70418","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=70418"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70418\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":70428,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70418\/revisions\/70428"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/70419"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=70418"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=70418"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=70418"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}