{"id":70429,"date":"2021-03-05T10:41:43","date_gmt":"2021-03-05T09:41:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70429"},"modified":"2021-03-08T07:37:25","modified_gmt":"2021-03-08T06:37:25","slug":"identitaetspolitik-thierse-und-die-verrenkungen-der-spd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70429","title":{"rendered":"Identit\u00e4tspolitik: Thierse und die Verrenkungen der SPD"},"content":{"rendered":"<p>Die Reaktionen prominenter Sozialdemokraten auf einen Meinungsbeitrag zur Identit&auml;tspolitik erscheinen fragw&uuml;rdig. Selbst wenn man Wolfgang Thierse inhaltlich nicht zustimmt, ist der (Nicht-)Umgang mit seinen Argumenten ein Armutszeugnis. Von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5584\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-70429-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210305_Identitaetspolitik_Thierse_und_die_Verrenkungen_der_SPD_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210305_Identitaetspolitik_Thierse_und_die_Verrenkungen_der_SPD_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210305_Identitaetspolitik_Thierse_und_die_Verrenkungen_der_SPD_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210305_Identitaetspolitik_Thierse_und_die_Verrenkungen_der_SPD_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=70429-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210305_Identitaetspolitik_Thierse_und_die_Verrenkungen_der_SPD_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210305_Identitaetspolitik_Thierse_und_die_Verrenkungen_der_SPD_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der sozialdemokratische ehemalige Bundestagspr&auml;sident Wolfgang Thierse hat einen <a href=\"https:\/\/www.thierse.de\/startseite-meldungen\/22-februar-2021\/\">Meinungsbeitrag zur Identit&auml;tspolitik in der FAZ<\/a> verfasst (Bezahlschranke). Dieser stie&szlig; erwartungsgem&auml;&szlig; auf Kritik bei indirekt vom Artikel angesprochenen Gruppen, etwa beim Berliner Landeschef von SPDqueer oder den verbal zuspitzenden <a href=\"https:\/\/www.queer.de\/detail.php?article_id=38204\">Autoren des Portals queer.de<\/a>. Das Wort &bdquo;Queer&ldquo; wird <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Queer\">laut Wikipedia<\/a> als ins Positive gewendete Selbstbezeichnung nicht-heterosexueller Menschen gebraucht. So weit, so normal also: Ein Meinungsbeitrag ruft Kritik hervor, es k&ouml;nnte der Beginn einer sinnvollen Debatte sein.<\/p><p><strong>Gnadenlose Reaktion der SPD-Chefin<\/strong><\/p><p>Doch dazu kam es nicht. Die Gr&uuml;nde f&uuml;r diesen missgl&uuml;ckten Verlauf liegen aber nicht zuerst bei Thierse oder den Autoren von queer.de. Diese Gr&uuml;nde f&uuml;r die folgende Sprachlosigkeit sind ein Zeichen der Zeit:  Das Problem war die unterw&uuml;rfige sowie (gegen&uuml;ber Thierse) gnadenlose <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/thierse-und-der-streit-ueber-identitaetspolitik-so-schafft-die-sozialdemokratie-sich-selbst-ab\/26969166.html\">Reaktion von prominenten Sozialdemokraten<\/a> auf das Thema.  Diese Reaktion hat einen Mechanismus in Gang gesetzt, der die inhaltliche Diskussion beendete, bevor sie beginnen konnte. Statt dessen m&uuml;ndete die Episode in ein nachvollziehbares <a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/politik\/streit-mit-spd-spitze-wolfgang-thierse-droht-mit-rucktritt-NPZM22XVY6OUDFVH6R4756P4H4.html\">Partei-Austrittsangebot<\/a> Thierses: Wer m&ouml;chte schon h&ouml;ren, dass er Parteimitglieder &bdquo;verst&ouml;rt&ldquo;, nur weil er eine Debatte ansto&szlig;en m&ouml;chte. <\/p><p>Denn Saskia Esken und Kevin K&uuml;hnert <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/streit-um-identitaetspolitik-in-der-spd-esken-sucht-gespraech-mit-thierse-wir-schaemen-uns-nicht-fuer-dich\/26971518.html\">hatten sich &bdquo;verst&ouml;rt&ldquo; gezeigt<\/a> &uuml;ber SPD-Vertreter, die ein &bdquo;r&uuml;ckw&auml;rtsgewandtes Bild der SPD&ldquo; zeichneten: &bdquo;Aussagen einzelner Vertreter*innen der SPD zur sogenannten Identit&auml;tspolitik, die in den Medien, auf Plattformen und parteiintern getroffen wurden&ldquo;, zeichneten &bdquo;insbesondere im Lichte der j&uuml;ngsten Debatte ein r&uuml;ckw&auml;rtsgewandtes Bild der SPD&ldquo;, das &bdquo;verst&ouml;re&ldquo;. Von anderen Vorg&auml;ngen zum Thema f&uuml;hlten sich Esken und K&uuml;hnert &bdquo;zutiefst besch&auml;mt&ldquo;. Diese harten Abwehr-Reflexe gegen &bdquo;umstrittene&ldquo; &Auml;u&szlig;erungen von &bdquo;Parteifreunden&ldquo; erinnern indirekt an das Verhalten von Teilen der LINKEN gegen&uuml;ber Sahra Wagenknecht. Durch diese harte Reaktion, die eine weitere inhaltliche Diskussion mit Thierse praktisch unm&ouml;glich gemacht hat, haben Esken und K&uuml;hnert auch einige Thesen Thierses indirekt selber best&auml;tigt: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Aber es wird nicht ohne die M&uuml;hsal von Diskussionen gehen. Diese zu verweigern, das ist genau das, was als Cancel Culture sich zu verbreiten beginnt. Menschen, die andere, abweichende Ansichten haben und die eine andere als die verordnete Sprache benutzen, aus dem offenen Diskurs in den Medien oder aus der Universit&auml;t auszuschlie&szlig;en, das kann ich weder f&uuml;r links noch f&uuml;r demokratische politische Kultur halten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Kulturelle Zugeh&ouml;rigkeit wichtiger als Verteilungs-Gerechtigkeit<\/strong><\/p><p>Thierse soll hier nicht &uuml;ber Geb&uuml;hr oder pauschal in Schutz genommen werden, ich bin oft ganz anderer Meinung als der Politiker. Auch m&ouml;chte ich seinen Text hier inhaltlich nicht im Detail analysieren &ndash; ich neige trotz Teil-Kritik zu Ralf Stegners Urteil, der Text sei &ldquo;ein sozialdemokratischer Beitrag &uuml;ber gesellschaftlichen Zusammenhalt und keine Aufforderung, Minderheiten zu missachten&ldquo;. Und einiges in Thierses Text w&auml;re auch f&uuml;r die Zukunft der SPD sehr bedenkenswert, etwa dieser zentrale Satz:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Themen kultureller Zugeh&ouml;rigkeit scheinen jedenfalls unsere westlichen Gesellschaften mittlerweile mehr zu erregen und zu spalten als verteilungspolitische Gerechtigkeitsthemen.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>In diesem Artikel soll aber statt des konkreten Thierse-Textes vor allem ein Prinzip verteidigt werden: Das Prinzip, dass zuerst die Inhalte diskutiert werden m&uuml;ssen, und dass diese Diskussion nicht mit allgemeinen Herabw&uuml;rdigungen der Person oder &bdquo;umstrittenen&ldquo; Kontakten in der Vergangenheit verhindert werden darf &ndash; oder eben mit der diffamierenden Strategie, die Argumente des Anderen seien pauschal &bdquo;verst&ouml;rend&ldquo; oder besch&auml;mend. Denn das ist mutma&szlig;lich oft das Ziel dieser Art der extremen Diskussionsf&uuml;hrung: Eine generelle Diffamierung des Gegen&uuml;bers, damit dessen m&ouml;glicherweise gute Argumente gar nicht weiter diskutiert werden m&uuml;ssen &ndash; schlie&szlig;lich sind sie nichts wert, sie sind gar &bdquo;verst&ouml;rend&ldquo;. Ein Verzicht auf diese Diffamierung bedeutet ja noch lange keine inhaltliche &Uuml;bereinkunft. <\/p><p><strong>Hysterie gegen &bdquo;Unsagbares&ldquo; ins Leere laufen lassen<\/strong><\/p><p>Die &bdquo;Cancel Culture&ldquo; w&uuml;rde nicht funktionieren, wenn nicht oft vorauseilend auf Versuche reagiert w&uuml;rde, durch pers&ouml;nliche Diffamierung inhaltliche Debatten zu verhindern. K&ouml;nnte man die Hysterie gegen &bdquo;Unsagbares&ldquo; als Veranstalter, Redakteur oder Politiker nicht auch manchmal achselzuckend ins Leere laufen lassen? Und h&auml;tten K&uuml;hnert und Esken die Rollen der zur&uuml;ckhaltenden Moderatoren zwischen Thierse und queer.de nicht erheblich besser gestanden? W&uuml;rde diese moderierende Rolle und also eine Zur&uuml;ckhaltung bei der allzu schnellen und allzu umfassenden &Uuml;bernahme von Partikular-Interessen nicht auch die Wahlchancen der SPD verbessern, weil sich wieder mehr Menschen angesprochen f&uuml;hlten?<\/p><p>Es gibt keinen Grund, von Meinungsbeitr&auml;gen &bdquo;besch&auml;mt&ldquo; zu sein. Solange sie nicht den Tatbestand der Beleidigung oder &Auml;hnliches erf&uuml;llen, muss man sie aushalten. Man muss ihnen ja nicht zustimmen, man kann ihnen inhaltlich scharf entgegentreten. Aber der laut Ralf Stegner praktizierte &bdquo;Rigorismus&ldquo; in der &ouml;ffentlichen Ablehnung Thierses durch einige Sozialdemokraten erscheint &uuml;bertrieben und auch opportunistisch.<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema <\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62972\">&bdquo;Cancel Culture&ldquo; &ndash; Intoleranz im Namen der Toleranz<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63631\">Der Fall Lisa Eckhart &ndash; Cancel Culture in Deutschland<\/a><\/p>\n<\/div><p>Titelbild: Markus Wissmann \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Reaktionen prominenter Sozialdemokraten auf einen Meinungsbeitrag zur Identit&auml;tspolitik erscheinen fragw&uuml;rdig. Selbst wenn man Wolfgang Thierse inhaltlich nicht zustimmt, ist der (Nicht-)Umgang mit seinen Argumenten ein Armutszeugnis. 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