{"id":70454,"date":"2021-03-07T11:45:20","date_gmt":"2021-03-07T10:45:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70454"},"modified":"2021-04-09T11:09:59","modified_gmt":"2021-04-09T09:09:59","slug":"mythos-geldknappheit-maurice-hoefgens-neues-buch-ueber-die-modern-monetary-theory-mmt-ein-werk-zwischen-oekonomischen-mythen-progressiver-reformpolitik-und-oekonomischem-wahnsinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70454","title":{"rendered":"\u201eMythos Geldknappheit\u201c &#8211; Maurice H\u00f6fgens neues Buch \u00fcber die Modern Monetary Theory (MMT) , ein Werk zwischen \u00f6konomischen Mythen, progressiver Reformpolitik und \u201e\u00f6konomischem Wahnsinn\u201c"},"content":{"rendered":"<p>US-Pr&auml;sident Joe Biden glaubt, dass Geld &auml;hnlich &bdquo;wie Saatkorn&ldquo; ein knappes Gut ist, und Wolfgang Sch&auml;uble erkl&auml;rte noch als Finanzminister, dass Banken nur als Vermittler zwischen Sparern und Kreditnehmern agieren. Beide irren sich, meint der &Ouml;konom und Betriebswirt Maurice H&ouml;fgen, denn beide haben eine falsche Vorstellung von der Funktionsweise des Geldsystems. Geld sch&ouml;pften die Banken vielmehr aus dem Nichts, und Geld sei auch keine knappe Naturressource, sondern eine menschliche Erfindung, die keiner nat&uuml;rlichen Beschr&auml;nkung unterliegt. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNachlesen kann man all dies in H&ouml;fgens neuem Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A39797676\">&bdquo;Mythos Geldknappheit&ldquo;<\/a>, mit dem der Autor diesen und anderen &ouml;konomischen Mythen zu Leibe r&uuml;cken will. Denn, so schreibt H&ouml;fgen, selbst &bdquo;ein Gro&szlig;teil der politischen Linken ist in den &ouml;konomischen Mythen des Mainstreams gefangen und folgt den &acute;Sachzw&auml;ngen&acute; der globalisierten Weltwirtschaft, die in den Medien und selbst an Universit&auml;ten t&auml;glich reproduziert werden&ldquo;. (S.18)<\/p><p>H&ouml;fgen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im B&uuml;ro des linken Bundestagsabgeordneten Fabio de Masi und zudem einer der wenigen deutschen Vertreter der Modern Monetary Theory (MMT). Dabei handelt es sich um eine moderne Variante des Postkeynesianismus, die wegen ihrer spektakul&auml;ren Aussagen mittlerweile eine Art Freak-Status innerhalb der Wirtschaftswissenschaften erlangt hat. Microsoft-Gr&uuml;nder Bill Gates bezeichnete die MMT einmal als &bdquo;Crazy Talk&ldquo; und eine Autorin der Kapitalmarkt-Postille &bdquo;Smart Investor&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.gb24fonds.com\/media\/files\/smartinvestor_0120.pdf\">sprach letztens sogar<\/a> von einer &bdquo;Theorie der flachen Erde&ldquo; und &bdquo;&ouml;konomischem Wahnsinn&ldquo;.<\/p><p><strong>Dunkles Zeitalter der Makro&ouml;konomie<\/strong><\/p><p>Die Vertreter der MMT hingegen sehen ihrerseits die &ouml;konomische Wissenschaft in einem &bdquo;dunklen Zeitalter&ldquo; gefangen &ndash; &bdquo;insbesondere in der Makro&ouml;konomie&ldquo;, wie H&ouml;fgen unterstreicht. Dies liege vor allem daran, dass die Mainstream-&Ouml;konomie die Funktionsweise des Geldsystems nicht richtig darstellt. Fragen nach dem Aufbau des Geldwesens oder der Herkunft des Geldes w&uuml;rden falsch beantwortet oder erst gar nicht gestellt. Deswegen steht am Anfang der MMT zun&auml;chst einmal die korrekte Beschreibung des Geldsystems.<\/p><p>Ein weiterer zentraler Baustein ist die Erkenntnis, dass L&auml;nder, die ihre eigene W&auml;hrung herausgeben, nicht pleitegehen k&ouml;nnen. Dazu schreibt H&ouml;fgen: &bdquo;Ein Staat, der seine eigene W&auml;hrung ausgibt, ist in seiner F&auml;higkeit, sein eigenes Geld zu erzeugen, nicht begrenzt. Ein solcher Staat kann zu jeder Zeit alle f&auml;lligen Zahlungen t&auml;tigen, alles kaufen, was in seiner W&auml;hrung zum Verkauf steht und kann niemals in eigener W&auml;hrung bankrottgehen.&ldquo; (S.74)<\/p><p><strong>Alles ist finanzierbar<\/strong><\/p><p>Diese Einsicht stellt wiederum vieles, was ein &Ouml;konom in seinem Studium lernt, regelrecht auf den Kopf. So braucht die MMT weder Steuern noch Anleihen, um die Staatsausgaben zu finanzieren. &bdquo;Die Frage der Finanzierbarkeit stellt sich schlicht nicht &ndash; zumindest solange die Computertastatur in der Zentralbank funktioniert&ldquo;, sagt H&ouml;fgen. Die eigentliche Aufgabe der Politik sieht er vielmehr darin, die Ressourcen voll auszulasten und die Inflation in Schach zu halten. &bdquo;Das Mobilisieren von Ressourcen und das Verhindern von signifikanten Inflationseffekten sind folglich die eigentlichen H&uuml;rden, die mit der Umsetzung politischer Priorit&auml;ten und den damit zusammenh&auml;ngenden Staatsausgaben einhergehen&ldquo;, schreibt H&ouml;fgen. (S.75)<\/p><p>Ihre Wurzeln hat die MMT im Chartalismus, einer Denkrichtung, die auf den deutschen &Ouml;konomen Georg Friedrich Knapp zur&uuml;ckgeht. Dieser formulierte bereits 1918: &bdquo;Das Geld ist ein Gesch&ouml;pf der Rechtsordnung&ldquo;. Demnach beruht die Akzeptanz der W&auml;hrung nicht auf physischen Werten wie Gold, sondern auf der Macht des Staates, Steuern zu erheben und Gesetze zu erlassen. Popul&auml;r ist die MMT vor allem in den USA. Die zurzeit prominenteste Vertreterin ist die &Ouml;konomin Stephanie Kelton, eine Beraterin des fr&uuml;heren Pr&auml;sidentschaftskandidatenanw&auml;rters Bernie Sanders. Angesto&szlig;en wurde die MMT Anfang der neunziger Jahre von dem Fondsmanager Warren Mosler, den damals die Frage umtrieb, ob die Regierungen der T&uuml;rkei und Italiens pleitegehen k&ouml;nnen. Seine Antwort lautete: Nein, solange die Staaten monet&auml;r souver&auml;n sind.<\/p><p><strong>Das &bdquo;fatale Design&ldquo; der Eurozone<\/strong><\/p><p>Heute jedoch wird Italien unter dem Euro &bdquo;die Luft zum Atmen genommen&ldquo;, denn die Euro-Staaten sind &ndash; neben der afrikanischen CFA-Franc-Zone &ndash; weltweit die einzigen, die keine eigene W&auml;hrung herausgeben. H&ouml;fgen nennt dies das &bdquo;fatale Design der Eurozone&ldquo;. Er schreibt: &bdquo;Die Mitgliedsstaaten genie&szlig;en keine Souver&auml;nit&auml;t und sind blo&szlig;e W&auml;hrungsnutzer. Gleichzeitig gibt es f&uuml;r die Einschr&auml;nkungen der Mitgliedsstaaten keine ad&auml;quate Kompensation auf Eurozonenlevel. Kombiniert mit zu strengen Defizitregeln und einer verfehlten Koordination von Inflationsraten wurde daraus ein toxischer Mix, der zu der heutigen sozio&ouml;konomischen Krise gef&uuml;hrt hat.&ldquo; (S.101)<\/p><p>Zwar betonen Vertreter der MMT immer wieder, dass die Theorie weder links noch rechts ist, sondern rein deskriptiv &ndash; was im Prinzip auch richtig ist, denn die Gestaltungsspielr&auml;ume, die die MMT der Politik er&ouml;ffnet, k&ouml;nnen prinzipiell dazu genutzt werden, den Ausbau erneuerbarer Energien zu finanzieren oder aber die R&uuml;stungsausgaben zu erh&ouml;hen. Tats&auml;chlich nutzen aber vor allem progressive Kr&auml;fte die MMT, um darauf aufbauend ihre Reformpolitik zu formulieren.<\/p><p><strong>Jobgarantie im Zentrum der Reformagenda<\/strong><\/p><p>F&uuml;r H&ouml;fgen wie auch f&uuml;r die MMT insgesamt ist das Ausbuchstabieren einer Jobgarantie der zentrale Baustein eben jener Reformagenda. Getreu dem MMT-Motto, &bdquo;alles, was technisch m&ouml;glich ist, ist finanziell umsetzbar&ldquo;, ist der Staat jederzeit in der Lage, Vollbesch&auml;ftigung herzustellen. Er muss nur die Ausgaben entsprechend erh&ouml;hen. &bdquo;Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist eine politische Entscheidung des Staates&ldquo;, sagt H&ouml;fgen. Die Jobgarantie kann somit auch als die progressive Antwort auf die neoliberale Arbeitsmarktstrategie verstanden werden, die sich ein Reserveheer an Arbeitslosen leistet, um die Inflation niedrig zu halten. Und nicht zuletzt w&uuml;rde eine Jobgarantie auch die Diskussion &uuml;ber das bedingungslose Grundeinkommen &uuml;berfl&uuml;ssig machen.<\/p><p>Weitere Anwendungsm&ouml;glichkeiten der MMT sieht H&ouml;fgen in der &ouml;ffentlichen Daseinsvorsorge, also in Bereichen wie Bildung, Forschung, Wohnen, Gesundheit oder Infrastruktur, in der Etablierung eines gemeinwohlorientierten Steuersystems, in der Reform des Bankensystems (&bdquo;Banking muss wieder langweilig werden&ldquo;) oder aber in der Formulierung eines Green New Deal.<\/p><p><strong>Kritik auch am eigenen Lager<\/strong><\/p><p>&Uuml;berraschend ist allerdings, dass H&ouml;fgen im Rahmen seiner Reformdiskussion nicht nur den &ouml;konomischen Mainstream attackiert, sondern auch nicht mit Kritik am eigenen Lager spart. So w&uuml;rden Politiker des progressiven Spektrums regelm&auml;&szlig;ig in eine Falle hineintappen, wenn sie den Ausbau des Sozialstaats mit Steuererh&ouml;hungen f&uuml;r Reiche finanzieren wollen. Dies w&uuml;rde n&auml;mlich nur die Realisierung der Reformen erschweren und zugleich makro&ouml;konomische Irrt&uuml;mer verfestigen. &bdquo;Ein Verst&auml;ndnis des Geldsystems macht das Robin-Hood-Framing &ndash; &acute;Nehmet den Reichen und gebet den Armen&acute; &ndash; &uuml;berfl&uuml;ssig&ldquo;, schreibt H&ouml;fgen. (S.142)<\/p><p><strong>Fazit:<\/strong><\/p><p>Maurice H&ouml;fgen hat mit &bdquo;Mythos Geldknappheit&ldquo; ein lesenswertes und wichtiges Buch geschrieben. Letzteres allein schon deswegen, weil es im deutschsprachigen Raum nur wenige Autoren gibt, die sich dem Thema MMT verschrieben haben. In der Wissenschaft etwa ist es einzig der in Chemnitz lehrende Dirk Ehnts. Dar&uuml;ber hinaus ist &bdquo;Mythos Geldknappheit&ldquo; all jenen zu empfehlen, die sich f&uuml;r die Themen Geld und W&auml;hrung interessieren. Insbesondere in den Kapiteln &bdquo;Was ist Geld und woher kommt es?&ldquo; und &bdquo;Der Staat ist kein Haushalt: die Bedeutung des W&auml;hrungsmonopols&ldquo; vermittelt H&ouml;fgen gut und verst&auml;ndlich wichtiges Grundlagenwissen. <\/p><p>Etwas sehr optimistisch erscheint hingegen die Vorstellung, die Inflationsgefahren, die der MMT innewohnen, mittels Steuererh&ouml;hungen und\/oder Ausgabensenkungen dauerhaft in Schach halten zu k&ouml;nnen. In jedem Fall aber macht H&ouml;fgen deutlich: Mit der MMT kann man nicht nur viel frischen Wind in der &ouml;konomischen Reformdebatte entfachen, sondern zugleich auch noch all den ganzen Muff vertreiben, der sich im Laufe der Jahre in der Volkswirtschaftslehre angesammelt hat.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/b5f8549e354c4588987d96ed81b5156e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>US-Pr&auml;sident Joe Biden glaubt, dass Geld &auml;hnlich &bdquo;wie Saatkorn&ldquo; ein knappes Gut ist, und Wolfgang Sch&auml;uble erkl&auml;rte noch als Finanzminister, dass Banken nur als Vermittler zwischen Sparern und Kreditnehmern agieren. Beide irren sich, meint der &Ouml;konom und Betriebswirt Maurice H&ouml;fgen, denn beide haben eine falsche Vorstellung von der Funktionsweise des Geldsystems. Geld sch&ouml;pften die Banken<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70454\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":70455,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[134,135,208],"tags":[1302,1854,3051,365,2660,479,510],"class_list":["post-70454","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-finanzen-und-waehrung","category-finanzpolitik","category-rezensionen","tag-daseinsvorsorge","tag-geldschoepfung","tag-hoefgen-maurice","tag-inflation","tag-modern-monetary-theory","tag-reservearmee","tag-vollbeschaeftigung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/210307_ho\u0308ffgen.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70454","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=70454"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70454\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":70506,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70454\/revisions\/70506"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/70455"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=70454"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=70454"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=70454"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}