{"id":70517,"date":"2021-03-08T09:00:26","date_gmt":"2021-03-08T08:00:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70517"},"modified":"2021-03-08T16:31:53","modified_gmt":"2021-03-08T15:31:53","slug":"das-corona-jahr-ein-verlorenes-jahr-fuer-frauen-und-familien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70517","title":{"rendered":"Das Corona-Jahr \u2013 ein verlorenes Jahr f\u00fcr Frauen und Familien"},"content":{"rendered":"<p>Die Corona-Politik verlangt vor allem den M&uuml;ttern und den Frauen in Care-Berufen viel ab. Der erste Schritt in eine frauen- und familiengerechtere Zukunft w&auml;re, dass Kinder und ihre Bed&uuml;rfnisse aus dem &ouml;ffentlichen Diskurs nicht mehr wegorganisiert werden d&uuml;rfen. Von <strong>Sandra Reuse<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5365\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-70517-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210308_Das_Corona_Jahr_ein_verlorenes_Jahr_fuer_Frauen_und_Familien_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210308_Das_Corona_Jahr_ein_verlorenes_Jahr_fuer_Frauen_und_Familien_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210308_Das_Corona_Jahr_ein_verlorenes_Jahr_fuer_Frauen_und_Familien_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210308_Das_Corona_Jahr_ein_verlorenes_Jahr_fuer_Frauen_und_Familien_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=70517-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210308_Das_Corona_Jahr_ein_verlorenes_Jahr_fuer_Frauen_und_Familien_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210308_Das_Corona_Jahr_ein_verlorenes_Jahr_fuer_Frauen_und_Familien_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Das Deutsche Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung (DIW) ver&ouml;ffentlichte am 17. M&auml;rz 2020 eine Studie zum Lebenserwerbseinkommen nach Geschlecht. Demzufolge verdienen Frauen in Deutschland &uuml;ber das ganze Berufsleben hinweg gerade mal halb so viel wie M&auml;nner (in absoluten Zahlen und Preisen von 2015 ca. 830.000 &euro; gegen&uuml;ber rund 1,5 Mio. &euro; bei M&auml;nnern). Besonders wenig verdienen Frauen, wenn sie Kinder kriegen und fortan versuchen, sich auch noch um diese zu k&uuml;mmern. F&uuml;r M&auml;nner hingegen &auml;ndert sich durch Nachwuchs quasi nichts. Und auch erwerbst&auml;tige Frauen, die kinderlos bleiben, stehen im Lebensverlauf mehrheitlich finanziell gut da.<\/p><p>Am 16. M&auml;rz, also einen Tag zuvor, hatten Kitas und Schulen in Berlin das letzte Mal f&uuml;r lange Zeit ge&ouml;ffnet. Bundesweit startete der Lockdown zur Eind&auml;mmung oder gar Bek&auml;mpfung der Corona-Pandemie. Hinzu kamen umfassende Kontaktbeschr&auml;nkungen, die ein Treffen zwischen Erwachsenen mit Kindern, zwischen mehreren Kindern sowie praktisch alle bis dahin g&auml;ngigen Betreuungsarrangements strengstens untersagten. In der bis heute nicht belegten Bef&uuml;rchtung, Kinder w&uuml;rden das Virus stark verbreiten, wurden diese aus allen Bereichen des &ouml;ffentlichen Lebens eliminiert; sogar die Spielpl&auml;tze wurden abgeriegelt. Vorschl&auml;ge zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, zum Aufrechterhalten der kindlichen Psyche oder der elterlichen Contenance gab es wenig, bis auf: &bdquo;Geht ins Homeoffice.&ldquo; <\/p><p>Manche Medien priesen sogar die neue Zeit als Gewinn f&uuml;r Frauen und Familien: Endlich sei sie da, die geschlechtergerechte Sorge- und Erziehungsarbeit. Vielschreiber in Leserforen (dem Namen oder Duktus nach offensichtlich &uuml;berwiegend M&auml;nner) lobten Papis, die mit ihren Spr&ouml;sslingen im Park gesichtet wurden. Warum allerdings zus&auml;tzliche unbezahlte Arbeit f&uuml;r Eltern, auch wenn sie vollkommen gerecht aufgeteilt wird, eine Verbesserung f&uuml;r die M&uuml;tter darstellen soll, wurde nicht erkl&auml;rt. Genausowenig, welche Arbeitsteilung denn berufst&auml;tige Alleinerziehende w&auml;hlen sollten. <\/p><p>Um genauer zu sein, es wurde gar nicht gefragt, jedenfalls nicht im &ouml;ffentlichen, teilweise geb&uuml;hrenfinanzierten Mediendiskurs. &bdquo;Bleibt gesund! Ihr macht das schon!&ldquo;, schrieben die Journalistinnen und Journalisten: Eine familienpolitische Grabesstille legte sich &uuml;ber das Land. Kinder wurden zur Privatangelegenheit umdeklariert und das Private ist eben schon lange nicht mehr politisch. <\/p><p><strong>Stiller R&uuml;ckzug vom Arbeitsmarkt<\/strong><\/p><p>Es folgte zun&auml;chst einmal ein stiller R&uuml;ckzug in die stille Reserve derjenigen mit den prek&auml;rsten Jobs &ndash; und das sind nun mal &uuml;berwiegend Frauen. Zwischen M&auml;rz und Juni 2020 meldete sich eine <a href=\"https:\/\/www.iab-forum.de\/rueckzug-vom-arbeitsmarkt-das-angebot-an-arbeitskraeften-sinkt-seit-beginn-der-corona-krise-stark\/?x=nl\">halbe Million Menschen vom Arbeitsmarkt ab<\/a> oder machte einfach nicht mehr weiter, darunter viele geringf&uuml;gig Besch&auml;ftigte. Zum ersten Mal nach fast eineinhalb Jahrzehnten nahm das  Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland wieder ab. Ein wichtiger Grund f&uuml;r die lange und stetige Zunahme war der Anstieg der Frauenerwerbst&auml;tigkeit.<\/p><p>Jetzt erfuhren die Frauen, dass das Versprechen, ach was, das Recht auf Betreuung von Kindern unter zw&ouml;lf Jahren von heute auf morgen wieder zur&uuml;ckgenommen werden kann. Oder mal eben auf Pause gesetzt wird. Dabei war ja genau dieses Recht mit dem politischen Argument eingef&uuml;hrt worden, man m&uuml;sse die Chancen der Frauen auf Berufst&auml;tigkeit, idealerweise sogar existenzsichernde Arbeit, steigern. <\/p><p>Erst im zweiten Lockdown wurde genauer erfasst, wie sehr berufst&auml;tige M&uuml;tter und V&auml;ter aufgrund von Elternverpflichtungen eingeschr&auml;nkt wurden: 37,4 Millionen Arbeitstage betrug der Arbeitsausfall aufgrund von Kita- und Schulschlie&szlig;ungen von Oktober 2020 bis Mitte Februar 2021 laut einer Sch&auml;tzung des Instituts f&uuml;r Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Hier eingerechnet waren auch die Tage, die Eltern mit ihren Kindern gemeinsam in Quarant&auml;ne verbringen mussten und deswegen nicht arbeiten konnten. <\/p><p><strong>Scheinl&ouml;sung Homeoffice<\/strong><\/p><p>Einer der Gr&uuml;nde f&uuml;r die hohen Ausf&auml;lle d&uuml;rfte sein, dass Homeoffice eben doch nur f&uuml;r eine Minderheit der erwerbst&auml;tigen Eltern funktioniert &ndash; laut IAB ist das Arbeiten von zu Hause aus f&uuml;r gerade mal f&uuml;r 43&nbsp;Prozent der Besch&auml;ftigten in Deutschland &bdquo;prinzipiell&ldquo; m&ouml;glich. Darunter waren interessanterweise mit 57&nbsp;Prozent deutlich mehr V&auml;ter als M&uuml;tter (49 Prozent) &ndash; was unter anderem den hohen Anteil systemrelevanter M&uuml;tter, die in Care-Berufen arbeiten, widerspiegeln d&uuml;rfte.<\/p><p>Vor allem aber ist es ein bequemer, weltfremder Irrglaube, Homeoffice steigere die Vereinbarkeit von Familie und Beruf so sehr, dass sich alle betreuungs- oder gar erziehungsbedingten Probleme in Wohlgefallen aufl&ouml;sen. In Ruhe und konzentriert arbeiten, wenn die Kinder im Nachbarzimmer sind, bei einem Vollzeitjob? Das geht nur unter einer Bedingung: Man setzt die lieben Kleinen zwischendurch vor irgendwelche Medien. Und zwar allein, ohne Begleitung, und nicht zu kurz. <\/p><p>Es sei darauf verwiesen, dass diese <a href=\"https:\/\/www.bmfsfj.de\/resource\/blob\/137194\/49769d75c1c79a0106fbbce98f871544\/schau-hin-medienratgeber-digital-aufwachsen-data.pdf\">Brosch&uuml;re des Bundesfamilienministeriums<\/a> dringend von einem solchen Vorgehen abr&auml;t. Erschienen ist sie im Sommer 2020, also nach dem ersten Lockdown und zu einer Zeit, in der es hie&szlig;, einen zweiten werde es nicht geben. Bei Kindern im Homeschooling wiederum hing es stark von der Schule ab, wie oft im Verlauf eines Vor- oder Nachmittags der Nachwuchs etwas wissen, gedruckt oder hochgeladen haben will. <\/p><p>Eltern wurden zum Technik-Admin, Materialbeschaffer und Ersatzlehrer &ndash; nicht selten aber auch zum Tr&ouml;ster und Motivator, denn das Alleine-vorm-Bildschirm-Sitzen macht Kinder traurig, m&uuml;de oder w&uuml;tend. Zahlreiche Studien und &Auml;u&szlig;erungen von Fach&auml;rzten und Fachgesellschaften belegen das. Wer konnte, und das waren vermutlich mehrheitlich M&uuml;tter in Paarbeziehungen, hat deshalb seine bzw. ihre Erwerbst&auml;tigkeit reduziert.<\/p><p><strong>Exponentielles Wachstum unbezahlter Arbeit<\/strong><\/p><p>Und das ist das andere Problem, das im Corona-Jahr, nat&uuml;rlich aber auch bereits davor, nie wirklich gesellschaftlich verhandelt worden ist: Wer erledigt eigentlich all die unbezahlte Arbeit in den Haushalten, wenn beide Eltern erwerbst&auml;tig sind oder &uuml;berhaupt nur ein Elternteil da ist? Und wo soll eigentlich die- oder derjenige, der diese zus&auml;tzliche Arbeit erledigt, die Kraft, die Zeit und die Motivation daf&uuml;r hernehmen? Und wie geht es dabei den armen Kindern, wenn es zur dauerhaften &Uuml;berforderung eines oder beider Partner kommt, oder des alleinerziehenden Elternteils? <\/p><p>Verschiedenen Erhebungen zufolge stiegen die Belastungen berufst&auml;tiger Eltern w&auml;hrend des ersten Lockdowns deutlich an. Gleichzeitig wurde eine &bdquo;stark geminderte Lebenszufriedenheit in praktisch allen Bereichen&ldquo; festgestellt (IAB-Newsletter vom 22.08.20). Entgegen der oben beschriebenen Erwartung jedoch &auml;nderte sich an der tats&auml;chlichen Arbeitsaufteilung zwischen den Geschlechtern wenig: Zwar weiteten immerhin 30 Prozent der V&auml;ter (in Paarbeziehungen) die Zeit aus, die sie in ihre Kinder &bdquo;investierten&ldquo;, bei den M&uuml;ttern waren es jedoch mit 60 Prozent einfach mal doppelt so viele. Selbst da, wo infolge der Corona-Ma&szlig;nahmen pl&ouml;tzlich die Mutter zum Hauptverdiener wurde, &uuml;bernahmen sie h&auml;ufig den gr&ouml;&szlig;eren Teil der Mehrarbeit, so eine deutsch-italienische Studie.<\/p><p><strong>Das besondere Leid der systemrelevanten M&uuml;tter<\/strong><\/p><p>Noch unvereinbarer als Homeoffice und Homeschooling waren und sind freilich systemrelevante Sorge- und Pflegeberufe und Homeschooling. Wer in diesen Bereichen arbeitet(e), muss(te) seine Kinder einem Notbetreuungssystem &uuml;berlassen, das in vielen F&auml;llen diesem Begriff leider Ehre macht(e): Die Kinder waren (und sind) nicht unbedingt &uuml;berall willkommen, wurden (und werden) teilweise als Ansteckungsherde misstrauisch be&auml;ugt, unterliegen vor allem an den Schulen strengsten Hygieneregeln, die kein Erwachsener in diesem Umfang auch nur f&uuml;r einen Tag mitmachen w&uuml;rde. Eine kindgerechte Umgebung, Sport, sozialer Umgang mit Gleichaltrigen: Fehlanzeige. <\/p><p>Schon das m&ouml;chten viele Eltern ihren Kindern nicht antun, &bdquo;Systemrelevante&ldquo; aber haben keine Wahl. Noch dazu &ndash; und das wissen viele gar nicht &ndash; gibt es an den meisten Schulen bis heute gar keine wirkliche Unterst&uuml;tzung f&uuml;r notbetreute Sch&uuml;ler beim Unterricht &ndash; die Lehrer sind nicht vor Ort und Lerngruppen durften auch aufgrund der Hygieneregeln nicht gebildet werden. F&uuml;r die systemrelevanten M&uuml;tter\/Eltern mit Kindern im Homeschooling hie&szlig; und hei&szlig;t das, dass sie am Ende eines langen Tages mit ihren Kindern auch noch Schularbeiten machen m&uuml;ssen. Erholung oder Ausgleich: Fehlanzeige.<\/p><p>Zu diesen massiven Eingriffen in das Privat- und Familienleben von Erzieher\/innen, &Auml;rzt\/innen  und Pflegekr&auml;ften kommt hinzu, dass entweder sie selbst oder aber ihre Kinder, von jetzt auf gleich, in Quarant&auml;ne gesetzt werden k&ouml;nnen. Hunderttausende von Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern mussten allein im vergangenen Herbst f&uuml;r bis zu 14 Tage zu Hause bleiben, manche sogar mehrmals hintereinander, die allermeisten auf blo&szlig;en Verdacht der &uuml;berlasteten Gesundheits&auml;mter. Die &bdquo;Systemrelevanten&ldquo; aber sollten weiter arbeiten und ihre Kinder sich selbst &uuml;berlassen. Oder aber sie sollten, wenn sie selbst zum Beispiel in einer Kita arbeiten, allzeit bereit sein, f&uuml;r zehn bis vierzehn Tage in ihrer Wohnung zu verschwinden, nicht mehr einzukaufen, nicht mehr spazieren zu gehen, und nicht mal mehr einzelne Freunde zu treffen oder mit ihren Kindern drau&szlig;en zu spielen. In nicht wenigen Haushalten haben sich M&uuml;tter\/Eltern und Kinder mit Quarant&auml;nephasen abgewechselt. <\/p><p>Gerade den Kr&auml;ften, die dringend f&uuml;r die Kinderbetreuung und zum Schutz verletzlicher Gruppen gebraucht werden, wurde und wird das Leben so schwer gemacht, dass man sich fragen muss, wie diese Berufe k&uuml;nftig &uuml;berhaupt noch Zulauf finden sollen. <\/p><p>Und damit schlie&szlig;t sich der Kreis. Das Corona-Jahr &ndash; wann wird es jemals enden? &ndash; ist ein verlorenes Jahr f&uuml;r Frauen und Familien sowie f&uuml;r alle Hilfebed&uuml;rftigen. Wer Kinder hat, kann bei der Arbeit nicht funktionieren wie ein Roboter. Und wer sieht, dass es seinen Kindern schlecht geht, kann nicht auf Dauer guten Gewissens zur Arbeit gehen. Der erste Schritt in eine frauen- und familiengerechtere Zukunft w&auml;re, dass Kinder und ihre Bed&uuml;rfnisse aus dem &ouml;ffentlichen Diskurs nicht mehr wegorganisiert werden d&uuml;rfen.<\/p><p>Titelbild: Ahmet Misirligul \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Corona-Politik verlangt vor allem den M&uuml;ttern und den Frauen in Care-Berufen viel ab. Der erste Schritt in eine frauen- und familiengerechtere Zukunft w&auml;re, dass Kinder und ihre Bed&uuml;rfnisse aus dem &ouml;ffentlichen Diskurs nicht mehr wegorganisiert werden d&uuml;rfen. 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