{"id":70568,"date":"2021-03-09T10:11:40","date_gmt":"2021-03-09T09:11:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70568"},"modified":"2021-03-09T12:07:15","modified_gmt":"2021-03-09T11:07:15","slug":"kommentar-zu-der-fall-nawalny-und-deutschland-ob-die-geschichte-sich-wiederholt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70568","title":{"rendered":"Kommentar zu: Der Fall Nawalny und Deutschland. &#8211; Ob die Geschichte sich wiederholt?"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70542\">den Beitrag&nbsp;von Frau Dr. Hadinger gelesen<\/a>; er ist in der Tat interessant und in weiten Teilen auch richtig &ndash; was Nawalny betrifft. Den Vergleich der beiden Vorg&auml;nge Lenin und Nawalny finde ich allerdings h&ouml;chst unpassend und weit hergeholt. Er setzt Lenin und seine Person in ein falsches Licht und suggeriert, dass er ein bezahlter Agent der deutschen Obersten Heeresleitung gewesen sei. Davon kann jedoch keine Rede sein. Von <strong>Marco Wenzel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Beendigung des Krieges und die R&uuml;ckkehr der Truppen nach Hause war das gro&szlig;e Thema in den russischen Sch&uuml;tzengr&auml;ben, lange bevor Lenin im April 1917 in Petrograd eintraf. Die Beendigung des Krieges war stets eine der wichtigsten Forderungen der Bolschewiki. Die russischen Truppen in den Sch&uuml;tzengr&auml;ben f&uuml;hrten ein armseliges Leben in K&auml;lte und N&auml;sse, unzureichender Kleidung und unzureichenden Essensrationen. Sie hatten schon lange keine Lust mehr, ihr Leben f&uuml;r die Kriegsziele des Zaren und der Entente zu geben, f&uuml;r einen Zar, der das Land in die Verarmung getrieben hatte und ihnen und ihren Familien kaum noch das &Uuml;berleben sichern konnte. Sie wollten schnellstm&ouml;glich wieder nach Hause, zu ihren Familien und ihre Felder bestellen, denn die meisten von ihnen waren arme Bauern. Mit den Kriegszielen des Zaren hatten sie nichts zu tun.<\/p><p>Der Krieg verlief indes nicht so, wie Deutschland es sich erhofft hatte. Der Krieg an zwei Fronten war nicht mehr lange auszuhalten. Die Oberste Heeresleitung (OHL) unter Hindenburg und Ludendorff suchte sp&auml;testens seit 1916 eine M&ouml;glichkeit, die Ostfront zu entlasten, um Truppen zur Unterst&uuml;tzung an die Westfront verlegen zu k&ouml;nnen. Nach dem Sturz des Zaren im Februar 1917 f&uuml;hrte, zur gro&szlig;en Entt&auml;uschung der OHL, aber auch der russischen Soldaten, die provisorische Regierung den Krieg weiter fort. Die bereits gegr&uuml;ndeten Sowjets standen unter der F&uuml;hrung der Menschewiki und der Sozialrevolution&auml;re und unterst&uuml;tzten den Kurs der Regierung. <\/p><p>Der bolschewistische Fl&uuml;gel der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, die von Lenin gegr&uuml;ndet und auch gef&uuml;hrt wurde, hatte seit Kriegsbeginn gegen den Krieg polemisiert und mobilisiert. Nach dem Sturz des Zaren wollte Lenin, der gerade in der Schweiz im Exil weilte, schnellstm&ouml;glichst nach Petrograd, um dort Einfluss auf die Ereignisse in Russland nehmen zu k&ouml;nnen. Aber das war inmitten der Kriegswirren ein schwieriges Unterfangen. Lenin und seine Begleiter waren ja alle Russen und damit zugleich Feinde Deutschlands. Und auch die Reise quer durch Russland bis nach Petrograd, sollten sie es denn bis an die russische Grenze schaffen, war ein schwieriges Unterfangen. Lenin war zumindest in Russland einigerma&szlig;en bekannt. Eine russische Reisegesellschaft w&auml;re sowohl in Deutschland als auch in Russland unvermeidlich aufgefallen und wahrscheinlich verhaftet worden. Daher die Idee mit dem Sonderzug unter deutscher Bewachung bis zur finnischen Grenze. Die OHL brachte Lenin nach Russland in der Hoffnung auf einen Separatfrieden. Und sollte das nicht gelingen, so w&uuml;rde Lenin doch zumindest, so hofften sie, Propaganda gegen den Krieg machen und damit den Kampfeswillen der russischen Truppen schw&auml;chen. Insofern, und auch nur insofern, deckten sich die Interessen Lenins auf der Suche nach einer M&ouml;glichkeit, nach Petrograd zu reisen, mit den Hoffnungen der OHL auf eine Entlastung der Ostfront. <\/p><p>Es ist wahrscheinlich, dass die OHL den Zug auch bezahlt hat. Anders wollten sie Lenin, auch schon aus Geheimhaltungsgr&uuml;nden, nicht reisen lassen. Der &bdquo;plombierte Zug&ldquo; war nicht plombiert, sondern stand unter dem Schutz und der Bewachung der OHL. Aber nicht, weil diese bef&uuml;rchteten, Lenin und seine Genossen w&uuml;rden unterwegs abhauen, sondern weil zu bef&uuml;rchten stand, dass eine nicht in die Pl&auml;ne eingeweihte Polizei sie unterwegs verhaften w&uuml;rde. Nun ist ein Sonderzug vielleicht f&uuml;r den Einzelnen kostspielig, im Vergleich zu den Kriegskosten ist es aber gar nichts. Es ging der OHL ja darum, die Kampfkraft des Gegners zu schw&auml;chen. Nach der Oktoberrevolution kam es im Dezember 1917 zu einem Waffenstillstand und im M&auml;rz 1918 wurde der Friedensvertrag von Brest-Litowsk unterzeichnet. Wenn man so will, ist der Plan der OHL sogar aufgegangen.<\/p><p>Was die Russische Revolution anbelangt, so hatte die Oberste Heeresleitung (OHL) sich die Sache anders vorgestellt. Sie hatte keinen Augenblick auch nur gedacht, dass Lenin eine proletarische Revolution in Russland gelingen w&uuml;rde, ja sie hatte nicht einmal gedacht, dass er das beabsichtigen w&uuml;rde. Es galt in jenen Tagen selbst in sozialistischen Kreisen die Theorie, dass eine sozialistische Revolution nur in einem kapitalistisch hochentwickelten Land gelingen k&ouml;nnte. Erst m&uuml;sse die Macht an die einheimische Bourgeoisie &uuml;bergeben werden, damit diese die Produktivkr&auml;fte entwickele und damit den Grundstein f&uuml;r den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft lege. Die Revolution w&uuml;rde demnach in Etappen stattfinden. Auf Russland &uuml;bertragen hie&szlig; das, dass nach dem Zarismus zuerst eine russische Bourgeoisie die Macht &uuml;bernehmen m&uuml;sse. Man stellte sich also die Sache so vor, dass die Bolschewiki eine Regierungsbeteiligung anstreben und lediglich als linker Fl&uuml;gel einer b&uuml;rgerlichen Regierung fungieren w&uuml;rde. <\/p><p>Die These, dass in einer unterentwickelten Gesellschaft die &bdquo;kapitalistische Phase&ldquo; &uuml;bersprungen werden m&uuml;sse, da die Bourgeoisie dort teilweise inexistent war und nicht die F&auml;higkeiten habe, aus eigener Kraft die Produktionsmittel in erforderlichem Ma&szlig;e zu entwickeln, und auch nicht bereit sei, eine b&uuml;rgerliche Gesellschaft aufzubauen, ist schon bei Marx zu finden. Es war aber erst Trotzki, der sie wieder aufgriff und weiterentwickelte. Die nationale Bourgeoisie habe ihre fortschrittliche Rolle verloren und w&uuml;rde in einem r&uuml;ckst&auml;ndigen Land wie Russland die notwendigen demokratischen Reformen nicht vornehmen. Hierin waren Lenin und Trotzki durchaus lange Zeit unterschiedlicher Meinung. Als Lenin aber nach seiner Ankunft in Petrograd, durchaus auch zur &Uuml;berraschung der anwesenden Bolschewiki, darunter nicht zuletzt auch Stalin, der zu dieser Zeit noch die Ann&auml;herung an die provisorische Regierung und an die Menschewiki betrieb, seine ber&uuml;hmten Aprilthesen verk&uuml;ndete, war klar, dass auch Lenin inzwischen die sofortige Macht&uuml;bernahme durch die Arbeiterklasse und die Errichtung eines Arbeiterstaates anstrebte. <\/p><p>Aber Lenin forderte auch die sofortige Beendigung des Krieges, was bei der kriegsm&uuml;den Bev&ouml;lkerung auf gro&szlig;e Begeisterung stie&szlig;. In diesem Sinn, und nur in diesem Sinn, hat Frau Hadinger recht, wenn sie schreibt:  &ldquo;&ldquo;Er arbeitet v&ouml;llig nach Wunsch&rdquo; &ndash; freuten sich unsere Diplomaten.&ldquo; <\/p><p>Ebenso abstrus ist die Aussage: &bdquo;Lenin erhielt seinerzeit schriftliches Propagandamaterial aus Berlin.&ldquo; Lenin war ein marxistischer Theoretiker und Revolution&auml;r, seine theoretischen Schriften umfassen 24 B&auml;nde. Lenin hatte seine eigenen Vorstellungen dar&uuml;ber, was er in Petrograd tun m&uuml;sse, er brauchte mit Sicherheit keine Instruktionen aus Berlin.<\/p><p>Lenin war auch kein &ldquo;deutsches Projekt&rdquo;, wer die Schriften Lenins seit seiner Jugend liest, wei&szlig;, dass er den Sturz des Zaren und die proletarische Revolution bereits mit der Gr&uuml;ndung der Bolschewiki im Jahre 1903 beharrlich verfolgte. Lenins Bruder war Anarchist und wurde vom Zarenregime hingerichtet. Lenin brauchte von den Mittelm&auml;chten nur freies Geleit nach Russland und er nahm von ihnen auch nichts anderes an, schon gar keine Bezahlung. Dass die OHL auf einen Separatfrieden hoffte oder dass er zumindest Unruhe in Russland stiften w&uuml;rde, den russischen milit&auml;rischen Widerstand schw&auml;chen und damit die Ostfront entlasten, das d&uuml;rfte klar sein. Aber das war ihre Sache. In diesem Sinne war die OHL der Russischen Revolution sogar dienlich. Die siegreiche Sowjetunion wurde zum gr&ouml;&szlig;ten Gegner der Mittelm&auml;chte und nicht zu derem Verb&uuml;ndeten.<\/p><p>Gegner der Bolschewiki haben sp&auml;ter regelm&auml;&szlig;ig versucht, die Geschichte mit dem Zug auszuschlachten, und behauptet, Lenin sei ein deutscher Agent gewesen und er habe sogar noch obendrein 40 Millionen Goldmark von der OHL erhalten. Eine Behauptung, die haltlos ist und f&uuml;r die nie irgendein Beweis erbracht wurde.<\/p><p>Der russische Zar Nikolaus II. war w&auml;hrend der Februarrevolution gest&uuml;rzt und seine Familie entmachtet worden. Er wurde nicht gleich nach Lenins Ankunft hingerichtet, wie Frau Hadinger schreibt, sondern erst am 17. Juli 1918 und zwar in Jekaterinburg, bei der Evakuierung der Stadt nach einem Angriff der Wei&szlig;en Armee. Und auch das ohne Wissen der bolschewistischen Regierung und schon gar nicht auf deren Befehl hin, denn diese hatte die Absicht, ihn vor ein revolution&auml;res Volksgericht zu stellen. Der Ankl&auml;ger sollte &uuml;brigens Leo Trotzki sein, der erste Au&szlig;enminister der Sowjetunion und Gr&uuml;nder der Roten Armee.<\/p><p>Die Macht&uuml;bernahme der Bolschewiki geschah auch nicht im Chaos, das zu veranstalten, Lenin angeblich beauftragt worden war. Es war gerade das Chaos, das die Bolschewiki unter Lenins F&uuml;hrung meisterhaft vermieden, denn im Chaos kann man keine Revolution erfolgreich durchf&uuml;hren. Die Macht&uuml;bernahme der Bolschewiki war im Gegenteil ein geordnetes Vorgehen in den Monaten von Februar bis Oktober 1917, ein st&auml;ndiges und geduldiges Abw&auml;gen und Suche nach dem richtigen Zeitpunkt f&uuml;r die Macht&uuml;bernahme mit m&ouml;glichst geringem Blutvergie&szlig;en und Verlusten. Ruhe und Disziplin zu bewahren, geh&ouml;rte zu den Tugenden der Bolschewiki. Die Revolution ist gerade deshalb erstaunlich unblutig verlaufen. Ich empfehle dazu die Lekt&uuml;re von John Reed, einem amerikanischen Reporter, der zu der Zeit in Petrograd anwesend war und ein legend&auml;res Buch mit dem Titel &ldquo;Zehn Tage, die die Welt ersch&uuml;tterten&rdquo; dar&uuml;ber geschrieben hat. <\/p><p>Frau Hadinger schreibt: &bdquo;Er hat sie (die Macht) &uuml;bernommen und als Folge fegte das gro&szlig;e Morden &uuml;ber das Land. Und es riss ganz Europa mit.&ldquo; Die siegreichen Bolschewiki haben kein Blutbad unter ihren Gegnern angerichtet, wie Frau Hadinger vielleicht meint, im Gegenteil, sie haben sie geschont. Die Blutb&auml;der im anschlie&szlig;enden B&uuml;rgerkrieg haben stets die wei&szlig;en Truppen veranstaltet, und diese sind auch von den Mittelm&auml;chten daf&uuml;r unterst&uuml;tzt worden.<\/p><p>Die Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetunion und die Ermordung der politischen Gegner begannen erst nach Lenins Tod (1924) und nach der Macht&uuml;bernahme von Stalin. Sie gipfelten in den Moskauer Prozessen im Jahre 1933, da war der erste Weltkrieg l&auml;ngst zu Ende.<\/p><p>Lenin stand auf der anderen Seite von Nawalny, Lenin war ein marxistischer Theoretiker und Revolution&auml;r, Nawalny ist ein Faschist im Dienste des Kapitals. Nawalny wird vom Kapital bezahlt, Lenin hat das Kapital zeit seines Lebens bek&auml;mpft. Genau so gut k&ouml;nnte man Fidel Castro als CIA-Agenten verd&auml;chtigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70542\">den Beitrag&nbsp;von Frau Dr. Hadinger gelesen<\/a>; er ist in der Tat interessant und in weiten Teilen auch richtig &ndash; was Nawalny betrifft. Den Vergleich der beiden Vorg&auml;nge Lenin und Nawalny finde ich allerdings h&ouml;chst unpassend und weit hergeholt. 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