{"id":70657,"date":"2021-03-12T08:50:05","date_gmt":"2021-03-12T07:50:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70657"},"modified":"2021-03-12T09:41:18","modified_gmt":"2021-03-12T08:41:18","slug":"ibm-der-digitale-impfnachweis-und-die-dunkle-vergangenheit-dazu-ein-aelterer-artikel-von-werner-ruegemer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70657","title":{"rendered":"IBM, der digitale Impfnachweis und die dunkle Vergangenheit. Dazu ein \u00e4lterer Artikel von Werner R\u00fcgemer"},"content":{"rendered":"<p>Der US-Computerkonzern IBM wurde von der Bundesregierung <a href=\"https:\/\/www.golem.de\/news\/corona-impfuing-ibm-erhaelt-zuschlag-fuer-digitalen-impfnachweis-2103-154774.html\">beauftragt<\/a>, einen digitalen Impfnachweis zu entwickeln. Diese Entscheidung zeugt nicht gerade von geschichtlicher Sensibilit&auml;t, hat IBM doch im Dritten Reich die Datenverarbeitung f&uuml;r den Holocaust geliefert. Unsere Leserin Jacqueline K&uuml;hner machte uns auf einen Artikel von <strong>Werner R&uuml;gemer<\/strong> zu diesem Thema aufmerksam, den er im Jahr 2001 verfasst hatte. Mit freundlicher Erlaubnis von Herrn R&uuml;gemer m&ouml;chten wir unseren Lesern diesen Artikel vorstellen. Er behandelt ein dunkles Kapitel deutsch-amerikanischer Zusammenarbeit, &uuml;ber das heute nicht mehr gerne gesprochen wird.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&raquo;Wir sezieren f&uuml;r den Arzt Hitler&laquo;<\/strong><\/p><p><em>Von Werner R&uuml;gemer.<\/em><\/p><p>Welche scheinbar magischen Vorg&auml;nge im Hintergrund machten es m&ouml;glich, dass Millionen von NS-Opfern in Deutschland und 19 anderen von den Nationalsozialisten besetzten L&auml;ndern in Z&uuml;ge stiegen, zwei oder drei Tage quer durch Europa transportiert wurden, an einer Rampe in Auschwitz wieder ausstiegen &ndash; und binnen einer Stunde in Gaskammern ermordet wurden? Im Stundentakt, t&auml;glich, nach einem perfekten Zeitplan?&raquo; Edwin Black antwortet auf diese &laquo;bisher nie gestellte Frage&raquo;: IBM hat mit seinen Hollerith-Maschinen die Datenverarbeitung f&uuml;r den V&ouml;lkermord geliefert. Mit 100 Mitarbeitern durchforstete Black weltweit Archive, um die bisher tabuisierte Geschichte von International Business Machines w&auml;hrend des Nazi-Zeit offenzulegen.<\/p><p>IBM, 1922 in New York mit Firmenhymne und F&uuml;hrerprinzip gegr&uuml;ndet, ist seitdem ein Vorreiter des internationalen, aggressiven Kapitalismus. IBM-Chef Watson bewunderte autorit&auml;re Politiker wie Mussolini und Hitler, womit er freilich weder in den USA (Henry Ford) noch in Europa alleinstand. Die Dehomag (Deutsche Hollerith-Maschinen-Aktien-Gesellschaft), von fanatischen Nazis geleitet, zu 90 Prozent in IBM-Besitz, wurde bis Kriegsende die erfolgreichste IBM-Tochter. Von der ersten NS-Volksz&auml;hlung 1933 bis zum letzten Judentransport 1945: IBM war immer dabei. Tausende Hollerith-Maschinen wurden bei Reichsbahn, Statistik und Finanz&auml;mtern, Polizei und Post eingesetzt, nicht zuletzt in den KZ. Ahnenforschung und Rassenkunde wurden automatisiert. Mit ebensolcher Geschwindigkeit automatisierten Gro&szlig;unternehmen ihre Produktion, Buchhaltung und Lagerhaltung mit der neuen Datenverarbeitung aus den USA.<\/p><p>1934 wurde die erste deutsche Fabrik f&uuml;r Hollerith-Maschinen er&ouml;ffnet, in Berlin. IBM-USA lieferte j&auml;hrlich 1,5 Milliarden Lochkarten nach Deutschland. Gerade IBM hatte &ndash; etwa im Vergleich zum Unternehmen Ford, das dem NS-Regime Motoren f&uuml;r Wehrmachts-LKWs lieferte &ndash; besonders guten Einblick in die Verwendung ihrer Produkte. Denn IBM verkaufte seine Maschinen nicht, sondern vermietete sie. Also kamen IBM-Beauftragte alle zwei Monate, um die anf&auml;lligen Maschinen in KZ, Ministerien und R&uuml;stungsbetriebe zu warten und um vor Ort Bedienungspersonal auszubilden. Black belegt, wie IBM selbst neue Anwendungsbereiche erkundete und mit NS-Hilfe erschloss. &laquo;Wir sezieren den deutschen Volksk&ouml;rper f&uuml;r den Arzt Adolf Hitler&raquo;, t&ouml;nte der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer von IBM Deutschland.<\/p><p>Watson umwarb Hitler, Hitler umwarb Watson. IBM er&ouml;ffnete Filialen in den besetzten L&auml;ndern. IBM hatte weltweit 70 Filialen, aber das Hauptgesch&auml;ft lief mit den Nazis. Die US-Regierung verbot zwar im Krieg Lieferungen von US-Unternehmen an Deutschland. Doch IBM zeigte schon damals, wie man die Politik unterl&auml;uft. Die Europa-Zentrale wurde in die &laquo;neutrale&raquo; Schweiz verlegt. Lochkarten-Lieferungen gingen &uuml;ber andere &laquo;neutrale&raquo; Staaten wie Schweden und Spanien. Dokumente wurden gef&auml;lscht, Liefervertr&auml;ge wurden geheim abgeschlossen. Die Regierungen selbst halfen beim Betrug: Wichtige IBM-Korrespondenz zwischen Berlin und New York lief &uuml;ber Diplomatenpost. Watson war Berater von US-Pr&auml;sident Roosevelt, der ihn gern zum Handelsminister gemacht h&auml;tte. Ob Hitler verlor oder gewann: Im IBM-Kalk&uuml;l waren beiden Varianten enthalten. Es kam auf den gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glichen Profit an.<\/p><p>Blacks minuti&ouml;se Nachweise &uuml;ber die Verwendung der IBM-Technologie beim V&ouml;lkermord k&ouml;nnen gelegentlich &uuml;bertrieben erscheinen, denn die Erfassung der Juden w&auml;re auch mit anderen Mitteln m&ouml;glich gewesen, wenn auch sicherlich nicht so effektiv. Hier spielt wohl eine Rolle, dass mit Blacks Material gleichzeitig Klagen gegen IBM begr&uuml;ndet werden.<\/p><p>Doch wenn man die Ergebnisse Blacks mit der ma&szlig;geblichen Untersuchung von Charles Higham &uuml;ber den Handel der westlichen Alliierten mit den Nazis vergleicht (&laquo;Trading with the enemy. The Nazi-American Money Plot&raquo;, 1983), so ist der Erkenntnisfortschritt deutlich: Higham hatte IBM nicht einmal erw&auml;hnt.<\/p><p>Das Neue bei Black ist zudem, dass er die Geistesverwandtschaft von IBM und NS im Einzelnen nachweist: es handelt sich um denselben Wirtschafts- und Techniktyp. &laquo;Die Verstrickung des Weltkonzerns in die Verbrechen der Nazis&raquo; &ndash; so der Untertitel der deutschen Ausgabe. Dies ist eine rituelle Besch&ouml;nigung. Black zeigt dagegen, dass der Multi IBM die Verbrechen mitbegangen hat und weltweit dazu beitrug, einzelbetriebliche Profitrationalit&auml;t und Technikfetischismus auch als Prinzipien der Politik durchzusetzen. Autorit&auml;re, antihumanistische Politik wurde gef&ouml;rdert, Demokratie wurde ausgeschaltet. IBM machte alles zu Ware und Zahl, auch die Menschen; der NS-Staat ging ebenso vor.<\/p><p>Es d&uuml;rfte kein Zufall sein, dass der bisherige BDI-Pr&auml;sident Hans-Olaf Henkel seinen betriebswirtschaftlichen Fundamentalismus bei IBM gelernt hat. &laquo;Wenn wir nicht begreifen, wie die Nazis an die Namen ihrer Opfer gelangten, werden weitere Listen im Geiste der Inhumanit&auml;t erstellt werden&raquo;, so Black. Die Frage ist heute so aktuell wie damals.<\/p><p>Titelbild: Wlad74\/shutterstock.com<\/p><p>Dazu: Edwin Black &ndash; IBM und der Holocaust. Die Verstrickung des Weltkonzerns in die Verbrechen der Nazis. Propyl&auml;en Verlag, Berlin 2001. 704 S., geb., 59,90 DM.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der US-Computerkonzern IBM wurde von der Bundesregierung <a href=\"https:\/\/www.golem.de\/news\/corona-impfuing-ibm-erhaelt-zuschlag-fuer-digitalen-impfnachweis-2103-154774.html\">beauftragt<\/a>, einen digitalen Impfnachweis zu entwickeln. Diese Entscheidung zeugt nicht gerade von geschichtlicher Sensibilit&auml;t, hat IBM doch im Dritten Reich die Datenverarbeitung f&uuml;r den Holocaust geliefert. 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