{"id":7066,"date":"2010-10-14T09:45:34","date_gmt":"2010-10-14T07:45:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7066"},"modified":"2019-03-02T17:08:08","modified_gmt":"2019-03-02T16:08:08","slug":"wenn-sich-anbieter-und-nachfrager-suchen-nobelpreis-an-ein-arbeitsmarktforscher-trio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7066","title":{"rendered":"Wenn sich Anbieter und Nachfrager suchen: Nobelpreis an ein Arbeitsmarktforscher-Trio"},"content":{"rendered":"<p>In diesem Jahr ist das Komitee zur Vergabe des durch die Schwedische Reichsbank 1968 gestifteten Preises f&uuml;r &Ouml;konomik im Ged&auml;chtnis an Alfred Nobel seiner Linie in den letzten Jahren treu geblieben: Geehrt und damit gef&ouml;rdert wird die Grundlagenforschung zur Funktionsweise von M&auml;rkten unter allerdings realistischen Verhaltensannahmen und bei Ber&uuml;cksichtigung institutioneller Beziehungen. Die reine Marktlehre, die modellhaft auf die Preisbildung aus dem Zusammenspiel der von einander unabh&auml;ngigen Nachfrage gegen&uuml;ber dem Angebot setzt, ist nicht in der Lage, die Prozesse auf den heutigen M&auml;rkten zu erkl&auml;ren. Sind noch vor Jahren die Forschungsarbeiten zu ungleich verteilten Informationen (J.A. Stieglitz \/ George A. Ackerlof, geehrte 2001) belohnt worden, so geht es in diesem Jahr um Forscher mit dem Schwerpunkt: Akteure auf den M&auml;rkten befinden sich auf Suche nach der angemessenen Entscheidung und bringen daf&uuml;r Kosten und Zeit auf. Wegen dieser Kritik der reinen Marktlehre lassen sich diese Theorien auch nicht als neoliberal abtun. Allerdings steht bei der Suche nach der Arbeitslosigkeit das Verhalten der Arbeitslosen bei der Suche nach einem Job im Vordergrund. Fehlverhalten der Arbeitgeber beispielsweise wegen zu geringer Ausbildungsangebote wird zu wenig thematisiert. Ausgeblendet wird vor allem der Einfluss der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, die eine aktive Finanzpolitik und expansive Lohnpolitik fordert. Daf&uuml;r hatte Paul Krugman den Nobelpreis 2009 erhalten. Von Rudolf Hickel<br>\n<!--more--><br>\nPeter A. Diamond (70), der heute am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA lehrt, hat mit vielen Untersuchungen den Grundstein f&uuml;r die Ber&uuml;cksichtigung der Suchkosten auf unterschiedlichen M&auml;rkten gelegt. Mit dem nach ihm benannten Diamond- Modell konnte er zeigen, wie sich die Preisfindung selbst auf vollkommenen M&auml;rkten durch Suchkosten ver&auml;ndert. Neben der Forschung zur Innovations- und Wachstumstheorie hat er daraus auch Anforderungen an die Theorie der Sozialer Sicherungssysteme entwickelt. Als Berater f&uuml;r soziale Sicherheitssysteme war er in Chile und China im Einsatz. Demn&auml;chst erscheint sein zusammen mit A. Barro verfasstes Buch zu den Prinzipien der Rentenreform. Seine Anerkennung durch den US-Pr&auml;sidenten zeigt sich darin, dass dieser ihn f&uuml;r den Vorstand der Notenbank vorgeschlagen hat. <\/p><p>Die beiden Preistr&auml;ger Christopher A. Pissarides (in Zypern 1948 geboren und heute t&auml;tig an der London School of Economics) sowie Dale T. Mortensen (71) von der Northwestern University in den USA haben die durch Diamond vorgelegte Grundlagenforschung zur Erkl&auml;rung der Arbeitsm&auml;rkte weiterentwickelt. F&uuml;r ihre Arbeiten sind Beide bereits 2005 mit dem Preis f&uuml;r Arbeitsmarktforschung durch das &bdquo;Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) geehrt worden. Die beiden Forscher k&ouml;nnen unter Ber&uuml;cksichtigung der Suchkosten der Anbieter und Nachfrager auf den Arbeitsm&auml;rkten das Verhalten der Akteure auch unter dem Einfluss des technologischen Fortschritts sowie der Globalisierung besser erkl&auml;ren. Mit den Modellen lassen sich die Auswirkungen der Arbeitslosenversicherung, der Mindestl&ouml;hne sowie der aktiven Arbeitsmarktvermittlung auf die L&auml;nge des Suchprozesses nach einem Job ber&uuml;cksichtigen. Allerdings st&ouml;&szlig;t diese Theorie der &bdquo;Sucharbeitslosigkeit&ldquo; auf Grenzen: Wenn gegen&uuml;ber der Nachfrage zu wenig gute  Arbeitspl&auml;tze angeboten werden, dann scheitert trotz gr&ouml;&szlig;ter Anstrengung die Suche nach einem Job. Dies wird oftmals &uuml;bersehen. <\/p><p>Dass das Nobelpreiskomitee dieses Forscher-Trio ehrt, hat einen Grund. Denn in gemeinsamen Untersuchungen haben sie das Dale\/Mortens\/Pissarides-Arbeitsmarktmodell entwickelt. Mit dem DMP-Ansatz k&ouml;nnen sie eine scheinbare Paradoxie besser erkl&auml;ren:  Auch in Deutschland war der Arbeitsmarkt oftmals durch eine hohe (registrierte) Arbeitslosigkeit zusammen mit einer hohen Quote offener Stellen verbunden (Beveridge Curve). Offensichtlich passt hier die Art des Angebots und der Nachfrage auf den Arbeitsm&auml;rkten nicht zusammen (Mismatch). Ein Grund daf&uuml;r k&ouml;nnte auch der schnelle Strukturwandel bei den Unternehmen sein. <\/p><p>Mit diesem Trio der diesj&auml;hrigen Tr&auml;ger des Nobelpreises f&uuml;r &Ouml;konomik wird die hoch relevante Forschung allgemein &uuml;ber M&auml;rkte unter Ber&uuml;cksichtigung der zeit- und kostenaufwendigen Suche nach angemessen Entscheidungen sowie speziell auf den Arbeitsm&auml;rkten zu Recht geehrt. Es handelt sich um eine wenig spektakul&auml;re, jedoch wichtige Forschung auch zur Reform der Arbeitsm&auml;rkte. Allerdings wird viel zu stark das (Fehl-)Verhalten von Arbeitslosen bei der Suche nach einem Job betont. Wenn die Situation einer unzureichenden gesamtwirtschaftlichen Nachfrage vorliegt, dann n&uuml;tzt auch die Suche nach einem Job nichts. Dann droht die &bdquo;L&ouml;sung&ldquo; des Problems zu Lasten der Erwerbslosen &ndash; etwa durch Hartz IV &ndash; durchgesetzt zu werden. <\/p><p><em><strong>Anmerkung WL:<\/strong> Eine kollegial freundliche W&uuml;rdigung durch Rudolf Hickel. Man w&uuml;sste zu gerne, welche Ratschl&auml;ge Peter A. Diamond als Berater f&uuml;r soziale Sicherheitssysteme in Chile und China gegeben hat. Die chilenischen Arbeitnehmer wurden 1981 gezwungen, ihre solidarische Rentenversicherung aufzugeben und Privatversicherungen abzuschlie&szlig;en (Polizei und Milit&auml;r durften sinnigerweise beim Staat bleiben).<\/em><\/p><p><em>Das Privatvorsorge-System erwies sich als ausgesprochen schlecht, teuer und risikoreich. Im Jahre 2005 sagte der damalige chilenische Pr&auml;sident Lagos der Frankfurter Rundschau: Die H&auml;lfte der Rentner wird nicht das garantierte Mindestrentenniveau erhalten. Wir bringen ein Gesetz zur Verbesserung der Einkommenssituation alter Menschen ein, weil sich das individuelle Kapitaldeckungsverfahren als unzureichend erweist. Das ist die Lehre, die wir ziehen, und die auch in der deutschen Reformdebatte zu bedenken w&auml;re: Die Privatisierung der Alterssicherung bedeutet f&uuml;r den Staat <a href=\"?p=453\">enorme finanzielle Belastungen<\/a>.&rdquo; Auch auf das demn&auml;chst erscheinende Buch zu den Prinzipien der Rentenreform darf man gespannt sein.<\/em> <\/p><p><em>Auch dass die beiden anderen Nobelpreistr&auml;ger Christopher A. Pissarides  sowie Dale T. Mortensen f&uuml;r ihre Arbeiten 2005 mit dem Preis f&uuml;r Arbeitsmarktforschung durch das &bdquo;Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) geehrt worden sind, ist aus meiner Sicht auch nicht gerade ein Zeichen daf&uuml;r, dass die beiden Forscher dem &ouml;konomischen Mainstream, den dieses Institut vertritt, allzu sehr widersprechen w&uuml;rden. So will das IZA Arbeitszwang f&uuml;r erwerbslose Hartz IV-Bezieher (S&uuml;ddeutsche Zeitung v. 23.03.07); der IZA-Direktor f&uuml;r Arbeitsmarktpolitik, Dr. Hilmar Schneider, hatte im Fr&uuml;hjahr 2006 auf einer Veranstaltung der Hanns Martin Schleyer Stiftung eine Versteigerung der Arbeitskraft von Hartz-IV-Empf&auml;ngern vorgeschlagen. IZA-Pr&auml;sident Klaus Zimmermann unterzeichnete den Aufruf der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft &ldquo;Nein zum Reform-R&uuml;ckschritt!&rdquo;, in dem jede Korrektur der Hartz-&bdquo;Reformen&ldquo; zur&uuml;ckgewiesen wurde.<\/em> <\/p><p><em>Interessant w&auml;re auch zu erfahren, wie die Nobelpreistr&auml;ger mit dem Mindestlohn umgehen, der immerhin eine Mindestbedingung auf dem &bdquo;Suchmarkt&ldquo; Arbeitsmarkt klarstellen w&uuml;rde.<\/em> <\/p><p><em>Der Kern von Hickels kritischen Anmerkungen trifft zu: Das Modell der Preistr&auml;ger ist mikro&ouml;konomisch und f&uuml;hrt Arbeitslosigkeit auf das Fehlverhalten individueller Akteure zur&uuml;ck. Arbeitslosigkeit etwa durch Konjunktureinbr&uuml;che gibt es in dieser Modellwelt nicht. Immerhin solch sich Diamond f&uuml;r die USA f&uuml;r ein weiteres Konjunkturprogramm ausgesprochen haben, aber diese Einsicht kann er wohl nicht von seinem Modell gewonnen haben.<\/em><\/p><p><em>Warum hat sich die Jury eigentlich wieder einmal f&uuml;r ein begrenztes und eigentlich schon seit Jahrzehnten behandeltes Thema gest&uuml;rzt und sich beim Wirtschaftsnobelpreis nicht auf &Ouml;konomen besonnen, die vern&uuml;nftige Analysen zum gravierendsten Versagen der Wirtschaftswissenschaften, n&auml;mlich gegen&uuml;ber der Finanzkrise geliefert h&auml;tte? Also etwa Robert Shiller oder Kenneth Rogoff oder andere.<\/em><\/p><p><em>Aber entweder traute sich die Jury nicht oder es gibt keine &Ouml;konomen, die daf&uuml;r einen Preis verdient h&auml;tten. Dann k&ouml;nnte man den Nobelpreis f&uuml;r Wirtschaftswissenschaften aber auch gleich abschaffen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Jahr ist das Komitee zur Vergabe des durch die Schwedische Reichsbank 1968 gestifteten Preises f&uuml;r &Ouml;konomik im Ged&auml;chtnis an Alfred Nobel seiner Linie in den letzten Jahren treu geblieben: Geehrt und damit gef&ouml;rdert wird die Grundlagenforschung zur Funktionsweise von M&auml;rkten unter allerdings realistischen Verhaltensannahmen und bei Ber&uuml;cksichtigung institutioneller Beziehungen. Die reine Marktlehre, die<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7066\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,141,17],"tags":[750,317,367],"class_list":["post-7066","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-hochschulen-und-wissenschaft","tag-iza","tag-mindestlohn","tag-nobelpreis"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7066","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7066"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7066\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49781,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7066\/revisions\/49781"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7066"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7066"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7066"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}