{"id":70694,"date":"2021-03-14T14:00:25","date_gmt":"2021-03-14T13:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70694"},"modified":"2022-02-16T10:11:58","modified_gmt":"2022-02-16T09:11:58","slug":"die-neue-unheimeligkeit-wie-corona-den-menschen-das-wohnen-abgewoehnt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70694","title":{"rendered":"Die neue Unheimeligkeit. Wie Corona den Menschen das Wohnen abgew\u00f6hnt."},"content":{"rendered":"<p>Wohnst Du noch oder gehst Du schon die W&auml;nde hoch? Corona hat nicht wenigen das Daheimsein gr&uuml;ndlich verleidet. F&uuml;r andere wurde es zur Trutzburg gegen einen unsichtbaren Feind. Mit &bdquo;Sein und Wohnen&ldquo; liefert <strong>Florian R&ouml;tzer<\/strong> den passenden Lesestoff zur unp&auml;sslichen Zeit. Sein philosophischer Streifzug durch die Jahrtausende offenbart viel Wissenswertes und manche Kuriosit&auml;t zu einem bisher kaum beachteten Thema. Im Interview mit den NachDenkSeiten spricht er &uuml;ber Zufluchtsorte und Gef&auml;ngnisse vor, in und nach der Pandemie, Schmutz als Wohlf&uuml;hlfaktor und die neue Unbehaustheit im Zeichen von Cyber Cities und &Uuml;berwachung. Mit dem Journalisten und Publizisten sprach <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8271\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-70694-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210315_Wie_Corona_den_Menschen_das_Wohnen_abgewoehnt_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210315_Wie_Corona_den_Menschen_das_Wohnen_abgewoehnt_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210315_Wie_Corona_den_Menschen_das_Wohnen_abgewoehnt_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210315_Wie_Corona_den_Menschen_das_Wohnen_abgewoehnt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=70694-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210315_Wie_Corona_den_Menschen_das_Wohnen_abgewoehnt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210315_Wie_Corona_den_Menschen_das_Wohnen_abgewoehnt_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em><strong>Zur Person:<\/strong> <strong>Florian R&ouml;tzer<\/strong>, Jahrgang 1953, ist freier Autor und Publizist mit dem Schwerpunkt Medientheorie und -&auml;sthetik. Von 1996 bis bis 31. Dezember 2020 war er Chefredakteur des Online-Magazins Telepolis und Herausgeber der Telepolis-Buch- und -eBook-Reihe. Von ihm sind erschienen unter anderem &bdquo;Die Telepolis. Urbanit&auml;t im digitalen Zeitalter&ldquo; (1995), &bdquo;Smart Cities im Cyberwar&ldquo; (2015) und aktuell im Westend-Verlag &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/sein-und-wohnen\/\">Sein und Wohnen. Philosophische Streifz&uuml;ge zur Geschichte und Bedeutung des Wohnens<\/a>&ldquo;. <\/em><\/p><p><strong>Herr R&ouml;tzer, im eigenen Heim soll es ja nach M&ouml;glichkeit heimelig zugehen. Gilt das auch noch in Zeiten von Corona und inwieweit hat die Pandemie Ihr eigenes Gef&uuml;hl oder Empfinden f&uuml;rs &bdquo;zu Hause sein&ldquo; ver&auml;ndert? <\/strong><\/p><p>In Pandemiezeiten sollte das Heim eigentlich noch st&auml;rker zur Zuflucht werden. Aber wenn man gehalten ist, sich einzuschlie&szlig;en, G&auml;ste nicht mehr einzulassen und auch der Zugang zur &Ouml;ffentlichkeit vor der Haus- oder Wohnungst&uuml;re eingeschr&auml;nkt wird, ger&auml;t das Heim zur Falle. Zumal wenn nun alle T&auml;tigkeiten hier verrichtet werden m&uuml;ssen und alle fast immer da sind. Viele haben ihre Wohnungen neu wahrgenommen und erfahren, sie anders eingerichtet. Aber f&uuml;r viele wurde die Wohnung auch eng, vor allem f&uuml;r die vielen Singles, die sich oft nur in einem Raum eingesperrt sehen. Wir halten das vor allem deswegen aus, weil die Wohnungen und H&auml;user &uuml;ber die Medien direkt an die Welt&ouml;ffentlichkeit angeschlossen und mit anderen Wohnungen, H&auml;usern und auch den Menschen auf den Stra&szlig;en vernetzt sind, also zu Zellen eines auch globalen Systems werden. Wir erfahren daher, dass der private Raum sich zunehmend zu einem &ouml;ffentlichen verkehrt hat und wir auch mit Homeoffice, Teleunterricht in Schulen und Unis, Online-Shopping et cetera an das &bdquo;Drau&szlig;en&ldquo; angekoppelt sind.<\/p><p><strong>In Ihrem neuen Buch &bdquo;Sein und Wohnen&ldquo; schreiben Sie von der Ambivalenz zwischen der Wohnung als Schutzraum, als Ort der Geborgenheit und Intimit&auml;t einerseits sowie als Gef&auml;ngnis andererseits. Wo f&uuml;hlen Sie pers&ouml;nlich sich vor dem Virus sicherer aufgehoben? <\/strong><\/p><p>Ja, schon in der Wohnung &ndash; und dies auch jetzt noch. Aber ich habe auch das Privileg, mitten in M&uuml;nchen in einer ger&auml;umigen Altbauwohnung zu wohnen. In Deutschland waren die Ausgangsverbote ja auch nicht ganz so streng wie in anderen L&auml;ndern. Wenn man mehrmals am Tag raus kann, ist das auszuhalten. Wenn man &auml;ngstlich ist, werden Begegnungen au&szlig;erhalb der Wohnung wahrscheinlich als gef&auml;hrlicher f&uuml;r Infektionen erscheinen. In der Wohnung kann man kontrollieren, wer Zugang hat und sich auch technisch gegen &bdquo;Eindringlinge&ldquo; wappnen, etwa mit Luftfiltern. Im Verdacht stehen aber Innenr&auml;ume generell &ndash; und auch der Mitmensch. Das ist &uuml;brigens nicht neu. So sagte bereits 1866 der amerikanische Ingenieur und Hygieniker Louise Leeds: &bdquo;Der Atem des Menschen ist sein gr&ouml;&szlig;ter Feind.&ldquo; Im Hintergrund steht die durch Seuchen verst&auml;rkte Individualisierung durch soziale Distanzierung.<\/p><p><strong>War es f&uuml;r Sie eigentlich Fluch oder Segen, dass Ihr Buch ausgerechnet in einer Zeit erscheinen musste, in der vielen vor lauter Lockdown- und Quarant&auml;nema&szlig;nahmen die Decke auf den Kopf f&auml;llt? <\/strong><\/p><p>Es war schon ein &auml;lteres Projekt, an dem ich l&auml;nger nebenbei geschrieben habe. Wobei ich f&uuml;r mich entdeckte, was ja nicht unbekannt ist, wie stark Seuchen das Leben und das Wohnen mitsamt der Technik in der Geschichte der letzten Jahrhunderte beeinflusst haben. Wenn man so will, war es ein Segen, wobei es mir aber eher um Philosophisches ging und weniger um &bdquo;Sch&ouml;ner Wohnen&ldquo; und wie sich das konkret ver&auml;ndert hat.<\/p><p><strong>Ihr Buch sei der &bdquo;erste umfassende Versuch einer Philosophie des Wohnens&ldquo;, schreiben Sie und skizzieren auf 280 Seiten diverse Wohnformen, angefangen bei den Einzellern, &uuml;ber Affen, Fr&uuml;hmenschen, Nomaden bis zu den unterschiedlichsten Auspr&auml;gungen von Sesshaftigkeit. Dabei zeigen sich immer wieder epochale Z&auml;suren, abh&auml;ngig von politischen; &ouml;konomischen, kulturellen, technischen Entwicklungen oder auch Gesundheitskrisen, wie sie immer wieder von Seuchen ausgel&ouml;st wurden. Trauen Sie Corona ein &auml;hnlich umw&auml;lzendes Potenzial zu im Hinblick darauf, wie und wo Mensch k&uuml;nftig wohnen wird?<\/strong><\/p><p>Die Corona-Pandemie bringt nichts wesentlich Neues, auch wenn es das erste globale Geschehen ist, das so stark wie noch nie von den Wissenschaften in Echtzeit untersucht und auf den Rat von Wissenschaftlern hin gesteuert wurde, es also zu einem ersten globalen gesellschaftlichen Experiment wurde. Die Krise verst&auml;rkt allerdings Tendenzen, die schon vorher da waren: also den R&uuml;ckzug aus der Gesellschaft, die Hygienisierung der K&ouml;rper- und der Lebenswelt und die weitere Digitalisierung und Automatisierung vieler Lebens- und Arbeitsbereiche. <\/p><p><strong>Was sich auch auf die Art, wie wir wohnen, auswirkt?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich, wobei es diese Entwicklungen eben schon davor gab. Aber klar bringt die Pandemie die Utopie oder Dystopie, jedenfalls das Gesch&auml;ftsmodell von Cyber Cities und deren Zellen, den smart homes, weiter voran, also das Modell von St&auml;dten, in denen m&ouml;glichst alles und alle vernetzt und zum Zweck der Optimierung &uuml;berwacht sind. Das Haus wird gewisserma&szlig;en zu einem autonomen Fahrzeug, das sich dem Benutzer anpasst, ihm gehorcht und auf ihn reagiert, aber gleichzeitig alles registriert und ihn zum Teil eines sich selbst steuernden Systems macht. Der Nutzer sitzt, um im Bild zu bleiben, nicht mehr am Steuer und Gashebel, er wird auch im Wohnen zum Passagier. Das wird auch die St&auml;dte ver&auml;ndern. Indem etwa Innenst&auml;dte wieder ver&ouml;den, weil B&uuml;ros, Gesch&auml;fte oder auch Universit&auml;ten in den virtuellen Raum auswandern und das Homeoffice die auch r&auml;umliche Bindung des Wohnens an den Arbeitsplatz aufsprengt.<\/p><p><strong>Welche Rolle k&ouml;nnte bei all dem der unsichtbare Feind von &bdquo;drau&szlig;en&ldquo; spielen, also auch in Post-Corona-Zeiten? Ger&auml;t das Zuhause der Zukunft vielleicht mehr noch also heute zur aseptischen Trutzburg gegen Keime, Viren und Bakterien?<\/strong><\/p><p>Die Tendenz ist jedenfalls seit dem 19. Jahrhundert zu beobachten, als die Hygienebewegung und die staatliche Hygienepolitik sich durchzusetzen begannen und die gro&szlig;e Reinigung einsetzte. Dabei spielten die Bek&auml;mpfung der Ger&uuml;che und die Parf&uuml;mierung eine gro&szlig;e Rolle. Man hat dies auch als eine Geschichte der Zivilisation beschrieben, mit neuen Verhaltens- und Sauberkeitsregeln, was man darf und was nicht, wie man isst, schl&auml;ft, den K&ouml;rper und die Wohnung sauber h&auml;lt. Ein Beispiel: Bis Ende des 19. Jahrhunderts war es noch gang und g&auml;be, auf den Boden zu spucken. Erst allm&auml;hlich setzte sich zur Abwehr der Tuberkulose der Spucknapf in den Zimmern durch, der dann noch in den Hausg&auml;ngen blieb, bis die Menschen &ndash; abgesehen von Fu&szlig;ballern &ndash; den Zwang verloren, &uuml;berhaupt spucken zu m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Und dann trat irgendwann das Virus auf den Plan.<\/strong><\/p><p>Ja, und seit ihrer und der Entdeckung von Bakterien werden diese in den K&ouml;rpern und auf den Oberfl&auml;chen bek&auml;mpft. Nur Erw&uuml;nschtes soll noch in den R&auml;umen leben. Fr&uuml;here Mitbewohner wie M&auml;use, Kakerlaken, Wanzen, Fliegen, Spinnen bis hin zu Staubmilben und Mikroorganismen werden mit allen Mitteln und Werkzeugen ausgemerzt. Jetzt geht es darum, die Luft zu filtern, um Bakterien und Viren, aber auch Feinstaub und andere, auch riechende Partikel zu entfernen. Das geht so weit, dass nicht nur empfohlen wird, die CO2-Werte in den Innenr&auml;umen durch Sensoren zu messen, sondern auch zu sagen, man solle keinen Raum betreten, in dem der Wert &uuml;ber 800 ppm liegt. <\/p><p>Fenster und T&uuml;ren sind in neuen H&auml;usern luftdicht, in den R&auml;umen sind Saugroboter st&auml;ndig unterwegs, begleitet vielleicht von UV-Robotern, die alle Oberfl&auml;chen sterilisieren. Zunehmend wird die Bedienung von Ger&auml;ten kontaktlos durch Gesten-, Augen- oder Sprachsteuerung. Fernziel oder Endpunkt sind wom&ouml;glich die Bedingungen, unter denen die elementaren Bestandteile der digitalen Welt, die Chips, hergestellt werden: lebensfeindliche Reinr&auml;ume, in denen sich die Menschen nicht nur durch Schutzkleidung sch&uuml;tzen, sondern vermeiden, zu Spreadern von Haut- und Haarpartikeln zu werden. Das w&auml;re dann der Umschlag der Sauberkeit gegen den verk&ouml;rperten Menschen, &auml;hnlich wie das Immunsystem sich gegen den eigenen K&ouml;rper wenden kann. <\/p><p><strong>Das h&ouml;rt sich nicht nach einem sch&ouml;nen und gesunden Szenario an. K&ouml;nnte es nicht auch genau umgekehrt laufen: Zur&uuml;ck zu Mensch und Natur, weil man die so lange hat missen m&uuml;ssen?<\/strong><\/p><p>Nach der Corona-bedingten Abkapselung werden wir nat&uuml;rlich wieder die N&auml;he und das Eintauchen in Menschenmengen genie&szlig;en. Gleichzeitig wird sich aber die Distanzierung und Virtualisierung mit dem Zwang zur Sauberkeit und der Neigung zur Versingelung fortsetzen. Die Sterilisierung der Architektur gab es bereits vor der Pandemie. Die Tendenz, dass die Innenr&auml;ume wie Flugh&auml;fen sauber gl&auml;nzen, an deren Oberfl&auml;chen m&ouml;glichst keine Spuren des Lebens haftenbleiben sollen, hei&szlig;t ja letztlich auch, Abstand zu wahren und die Vermischung der Atemstr&ouml;me und K&ouml;rperfl&uuml;ssigkeiten zu reduzieren. Ich nehme auch an, dass im Zuge dessen die Asexualisierung weiter zunehmen wird. <\/p><p><strong>Erstaunlich ist, wie wenig man im westlichen Abendland &uuml;ber weite Strecken des Mittelalters bis hinein in die Neuzeit auf Hygiene und Reinlichkeit gab. Sie haben das in Ihrem Buch eindr&uuml;cklich beschrieben. Man umgab sich quasi aus &Uuml;berzeugung mit Schmutz, gerade auch die Angeh&ouml;rigen h&ouml;herer Schichten. Welchen Hintergrund hatte das?<\/strong><\/p><p>Es gab seit der Antike die Theorie, dass Krankheiten durch Miasmen, durch Ausd&uuml;nstungen aus dem Boden entstehen. Das hinderte die Menschen bis zum Untergang des R&ouml;misches Reichs und etwa auch die benachbarten Muslime nicht, den K&ouml;rper zu waschen und zu pflegen. Das diente nicht nur der Sauberkeit, sondern war einfach Teil der sozialen Kultur, der man etwa in B&auml;dern nachging. Im ausgehenden Mittelalter waren dann aber, vermutlich durch das den K&ouml;rper verachtende Christentum, Bade- und K&ouml;rperkultur verfallen und es entstand die Theorie &ndash; verbunden auch mit den beginnenden Pestepidemien &ndash; dass die gef&auml;hrlichen Ausd&uuml;nstungen durch die Poren in die K&ouml;rper eindringen, weswegen der Schutz vor Erkrankung in deren Verschlie&szlig;ung bestehe. Schmutz oder Nichtwaschen sch&uuml;tze daher vor Erkrankung. Gro&szlig;e Teile Europas versanken in Reaktion auf die Seuchen in Schmutz und in Abstinenz von Waschen. Das wirkte sich auch auf St&auml;dte und Wohnungen aus, die in Schmutz und Gestank versanken.<\/p><p><strong>Ein weiteres Thema Ihres Buches ist das Verh&auml;ltnis von &bdquo;Wohnung&ldquo; und &bdquo;Heimat&ldquo; im Sinne eines Verwurzeltseins mit dem &bdquo;Boden&ldquo;. F&uuml;r Martin Heidegger geh&ouml;rte beides zusammen und schon die Mondlandung begriff er als Entfremdung des Menschen von der Erde. Als Konterpart pr&auml;sentieren Sie die &bdquo;Philosophie des Unbehaustseins&ldquo; von Vil&eacute;m Flusser, der auch vor dem Hintergrund der gro&szlig;en Migrationsbewegungen im 20. Jahrhundert so etwas wie ein neues Nomadentum propagierte. Warum ist Ihnen dieser Ansatz sympathischer als der andere?<\/strong><\/p><p>Heideggers Philosophie ist r&uuml;ckw&auml;rtsgewandt und in schlechtem Sinne konservativ. Im Grunde verteidigt er die identit&auml;re Blut- und Boden-Ideologie, dass alles an seinen Platz geh&ouml;rt, dass Menschsein mit Sesshaftigkeit und einem nichturbanen Leben verbunden sei. Heimat wird dann zur Verteidigung des Ortes, an den man sich gebunden f&uuml;hlt, gegen Fremde. Zumal Heideggers Denken auch jeder Bezug zu einem sozialen Leben mit unterschiedlichen Perspektiven fehlt. <\/p><p>Flusser hingegen musste vor dem Morden und dem Rassismus der Deutschen fliehen und hat aus dem erzwungenen Erleben der Bodenlosigkeit heraus eine nach vorne gerichtete Philosophie entwickelt, die der Gegenwart von Globalisierung und Migration zugewandt ist und auch Technik konstruktiv einbegreift. Wir sind zwar darauf angewiesen, wohnen zu k&ouml;nnen, um uns zur&uuml;ckzuziehen und zu sch&uuml;tzen, aber wir finden Heimat dort, wo wir uns mit unseren Freunden und anderen Menschen treffen und verst&auml;ndigen k&ouml;nnen, was die digitalen Medien eben auch &uuml;ber die r&auml;umliche Distanz erm&ouml;glichen. <\/p><p>Deswegen hielt Flusser auch nichts vom Zionismus, also der R&uuml;ckkehr ins Vaterland Israel. Er wollte &uuml;berall auf der Welt zu Hause sein k&ouml;nnen. Daran kn&uuml;pft auch seine Kritik an den Fl&uuml;chtlingen selbst an, die nur nach einer neuen Heimat in der Fremde suchen wollen. F&uuml;r ihn sind Nomaden, Migranten und Fl&uuml;chtlinge die Zukunft, w&auml;hrend die Sesshaften, die Festungen aufbauen, auf der Verliererseite stehen. Aber sie m&uuml;ssten die Befreiung vom Ort als der Heimat anerkennen und den Freiheitsrausch der Bodenlosigkeit in der Zwischenmenschlichkeit erfahren. Entsprechend ist auch sein Menschenbild. F&uuml;r Flusser ist der Mensch kein Subjekt, sondern ein Projekt. Er entwirft sich in die Zukunft und spielt mit den M&ouml;glichkeiten, auch mit denen des Wohnens und Arbeitens. <\/p><p><strong>Aber ist das nicht doch ein zu emphatischer, wenn nicht gar naiver Ansatz? Flucht vor Hunger und Krieg f&uuml;hren heutzutage ja oft genug gerade nicht zu einer neuen &bdquo;Wohnung&ldquo;, sondern ins Fl&uuml;chtlingsheim, in Obdachlosigkeit oder zur Abschiebung zur&uuml;ck ins Elend. Wo wird das angesichts der weltweiten Krisen und der noch bevorstehenden Verteilungsk&auml;mpfe hinf&uuml;hren, wenn nicht zu einer massenhaften &bdquo;Wohnungslosigkeit&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Flusser hatte Gl&uuml;ck, er landete nicht auf der Stra&szlig;e oder in einer Fl&uuml;chtlingsunterkunft, sondern wurde von Familienangeh&ouml;rigen seiner Frau aufgenommen und fand sofort Arbeit. W&auml;hrend die digitalen Nomaden sich ihre Wohnorte aussuchen und zwischen L&auml;ndern reisen k&ouml;nnen, werden die politischen und Armutsfl&uuml;chtlinge abgewehrt und kommen bestenfalls erst einmal in Lagern und Heimen unter. Da Migrationswellen weiter wachsen werden, befinden wir uns jetzt in einer &Uuml;bergangszeit mit scharfen Konflikten und auch Kriegen zwischen den Sesshaften und den Entwurzelten, die auch um den knappen Wohnraum und mangelnde Ressourcen k&auml;mpfen. <\/p><p>Aber es wird den Gesellschaften nichts anderes bleiben, als zu Einwanderungs- und Gastgeberl&auml;ndern zu werden, um selbst wirtschaftlich zu &uuml;berleben. Lange Zeit waren ja die USA ein Modell daf&uuml;r, dass das gelingen kann, was freilich auf Kosten der indianischen Bev&ouml;lkerung geschah. Aber wenn man sich umschaut, leben wir l&auml;ngst in Gesellschaften, die melting pots sind und in denen die Verklammerung von Wohnen und Heimat sich aufl&ouml;st.<\/p><p>Titelbild: Montage NachDenkSeiten.de\/Westend Verlag<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/d88cb4b32b824975ba2172085fc49fbb\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wohnst Du noch oder gehst Du schon die W&auml;nde hoch? Corona hat nicht wenigen das Daheimsein gr&uuml;ndlich verleidet. F&uuml;r andere wurde es zur Trutzburg gegen einen unsichtbaren Feind. Mit &bdquo;Sein und Wohnen&ldquo; liefert <strong>Florian R&ouml;tzer<\/strong> den passenden Lesestoff zur unp&auml;sslichen Zeit. 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