{"id":70876,"date":"2021-03-19T08:20:57","date_gmt":"2021-03-19T07:20:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70876"},"modified":"2021-03-22T07:29:51","modified_gmt":"2021-03-22T06:29:51","slug":"corona-macht-arme-aermer-und-kraenker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70876","title":{"rendered":"Corona macht Arme \u00e4rmer und kr\u00e4nker"},"content":{"rendered":"<p>Arme tragen in der Coronakrise das gr&ouml;&szlig;ere Risiko und die gr&ouml;&szlig;eren Lasten, bekommen aber die geringsten Hilfen. Nirgends wird das so deutlich wie beim Blick auf den Globus. W&auml;hrend die riskanten Impfversuche fast durchweg in den armen L&auml;ndern stattfanden und die Menschen dort die Versuchskaninchen f&uuml;r uns Reiche spielten, bekommen sie jetzt am wenigsten vom erprobten Impfstoff. Doch auch innerhalb unseres reichen Landes funktioniert dieser Mechanismus bestens, was in den folgenden f&uuml;nf Aspekten dargestellt werden soll. Von <strong>Frieder Claus<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70876#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8592\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-70876-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210319_Corona_macht_Arme_aermer_und_kraenker_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210319_Corona_macht_Arme_aermer_und_kraenker_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210319_Corona_macht_Arme_aermer_und_kraenker_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210319_Corona_macht_Arme_aermer_und_kraenker_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=70876-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210319_Corona_macht_Arme_aermer_und_kraenker_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210319_Corona_macht_Arme_aermer_und_kraenker_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Dabei muss vorangestellt werden, dass wir bereits viele medizinische Daten zu Covid-19 haben, aber nur sehr wenige mit Verkn&uuml;pfungen zum Sozialstatus, also welche Lebens- und Arbeitsbedingungen abtr&auml;glich f&uuml;r Erkrankung und Verlauf sind samt den sozialen Folgen f&uuml;r Betroffene, ihre Familien und Kinder. Die Infektiologin Muge Cevik ber&auml;t die britische Regierung in der Pandemie. Sie sagt: &ldquo;Viel wichtiger als die Ausbreitung von Mutanten zu stoppen, ist es, die Menschen in den sozial benachteiligten Gegenden besser zu sch&uuml;tzen.&rdquo; Ohne Bezug auf soziale Daten wird die Impfreihenfolge aber auf Alter und berufliche Erfordernis fokussiert. 14 von 16 Bundesl&auml;ndern haben nach Recherchen von <em>NDR<\/em>, <em>WDR<\/em> und <em>SZ<\/em> keine Erkenntnisse dar&uuml;ber, welche Menschen sich besonders h&auml;ufig mit Corona infizieren. Die Landesregierung Sachsen teilte etwa auf Anfrage mit: &ldquo;Zur sozialen Herkunft liegen uns keine Daten vor&rdquo;.  Ein Schelm, der B&ouml;ses dabei denkt&hellip;<\/p><ol>\n<li><strong>Arme tragen das gr&ouml;&szlig;ere Risiko<\/strong>\n<p>Die schlecht bezahlten Jobs liegen h&auml;ufig im Risikobereich der Pandemie und\/oder sind schlecht gesch&uuml;tzt. Das betrifft nicht nur die Pflege im Altenheim oder Krankenhaus, sondern geht &uuml;ber Erzieherinnen, Kassiererinnen, Arzthelferinnen, Friseusen, Post- und Paketzusteller bis hin zu den Hotspots der Schlachtbetriebe mit schlechten Massenunterk&uuml;nften. Die Besch&auml;ftigten k&ouml;nnen kaum im Homeoffice arbeiten und sind zumeist zur Benutzung &ouml;ffentlicher Verkehrsmittel gezwungen. Doch auch Erwerbslose tragen ein erh&ouml;htes Risiko. Deutlich sichtbar etwa bei Obdachlosen ohne Schutz einer eigenen H&auml;uslichkeit. Sie m&uuml;ssen schon durch ihr blo&szlig;es Da-Sein gegen Ausgangsverbote versto&szlig;en  und k&ouml;nnen im Lockdown Hygienegebote gar nicht einhalten.<\/p>\n<p>Nach einer Untersuchung der AOK Rheinland \/ Hamburg haben Hartz-IV-Bezieher ein um 84 Prozent erh&ouml;htes Risiko f&uuml;r einen schwereren Verlauf der Krankheit. Ein wesentlicher Faktor dabei d&uuml;rften die unges&uuml;nderen Lebens- und Wohnverh&auml;ltnisse sein. Erste vereinzelte Daten aus Hamburg, Berlin, Bremen, Bochum oder Duisburg zeigen signifikante Abweichungen in den Infektionszahlen armer und reicher Stadtteile. So ist das Infektionsrisiko in Berlin-Neuk&ouml;lln etwa fast doppelt so hoch wie im benachbarten Treptow-K&ouml;penick mit gehobener Sozialstruktur. &bdquo;In Stadtteilen mit hoher Wohnraumdichte, niedrigem Durchschnittseinkommen und h&ouml;heren Armutsquoten haben wir h&ouml;here Neuinfektionsquoten gehabt&rdquo;, sagt der Sprecher der Bremer Gesundheitssenatorin. <\/p>\n<p>Die englische Health-Foundation-Studie kommt zu diesem Ergebnis: &Uuml;berlastete Wohnsituation f&uuml;hrte zur raschen Corona-Ausbreitung und einer Vielzahl an Todesf&auml;llen im Vereinigten K&ouml;nigreich. Das Virus hatte sich vor allem in beschr&auml;nkten Wohnformen und kleinen Wohnr&auml;umen erfolgreicher ausgebreitet.&nbsp;Darum seien auch &auml;rmere Menschen und ethnische Minderheiten in einem h&ouml;heren Ausma&szlig; von der Virus-Pandemie betroffen.&nbsp;Menschen, die in H&auml;usern mit viel Lebensraum wohnen, h&auml;tten hingegen ein weit geringeres Infektionsrisiko. Erst am 16.3.2021 hat das Robert Koch-Institut Quartiere von sozial Benachteiligten als m&ouml;gliche Hotspots von Infektionen identifiziert.<\/p>\n<p>In der Unabh&auml;ngigen Hartz-IV-Beratung im Landkreis Esslingen hatten wir Infizierte, die mit ihrer 5-k&ouml;pfigen Familie in 2 Zimmern hausen und keine Chance hatten, den erforderlichen Abstand zur Familie einzuhalten. Mit einem schwierig durchf&uuml;hrbaren Homeschooling wurden gerade auch Kinder zu besonderen Opfern beengter Wohnverh&auml;ltnisse. Nach der Statistik des Jobcenters Esslingen gibt es &uuml;ber 100 vierk&ouml;pfige Familien, die in Wohnungen zwischen 40 und 60 qm hausen. Und immerhin noch 22 Familien mit f&uuml;nf K&ouml;pfen, die sich dort hineinzw&auml;ngen. Nach Abzug von 15-20 qm f&uuml;r K&uuml;che, Bad, WC und Flur bleibt da nicht mehr viel f&uuml;r die Zimmer. Bundesweit leben aber ca. 8% der deutschen Bev&ouml;lkerung in &uuml;berbelegten Wohnungen. <\/p>\n<p>Gesundheitliche Risiken in der Pandemie d&uuml;rfen nicht nur auf die Infektion begrenzt werden. Die Gesundheit von armen Kindern ist auch in weiterem Sinn besonders gef&auml;hrdet. Nach einer Studie des Uni-Klinikums Hamburg-Eppendorf war jedes dritte Kind in der Pandemie psychisch auff&auml;llig, zuvor nur jedes f&uuml;nfte Kind. Dabei sind die psychischen Probleme bei armen Kindern nach einer Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts doppelt so h&auml;ufig wie bei finanziell Bessergestellten. Der soziale Zusammenhang zwischen Krankheit und Armut beginnt fr&uuml;h.<\/p><\/li>\n<li><strong>Arme tragen die gr&ouml;&szlig;eren Lasten<\/strong>\n<p>Nach einer Untersuchung der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung im Oktober 2020 gab es bei Einkommen bis 900 &euro; Verluste von 49 Prozent, bei Einkommen von &uuml;ber 4.500 &euro; lagen diese nur bei 26 Prozent. Einkommen unter 1.500 &euro; monatlich netto waren zu 40 Prozent von Kurzarbeit betroffen, bei &uuml;ber 4.500 &euro; nur von 11 Prozent. Die stark Betroffenen zeigten sich deutlich empf&auml;nglicher f&uuml;r Verschw&ouml;rungsmythen zu Corona.<\/p>\n<p>Je prek&auml;rer Arbeitsverh&auml;ltnisse sind, umso d&uuml;nner wird der soziale Schutz. Ein gro&szlig;er Teil der Alleinerziehenden in unserem Esslinger Beratungsnetzwerk hat nur einen Minijob. F&uuml;r diese Jobs gibt es aber kein Kurzarbeitergeld, K&uuml;ndigungen in diesem Bereich werden h&auml;ufig rigoros umgesetzt &ndash; ex und hopp.<\/p>\n<p>Auch die kleineren Einkommen, die bei Familien h&auml;ufig zus&auml;tzliche Hartz-IV-Leistungen erfordern, haben bei Kurzarbeitergeld von 60 Prozent ohne bzw. 67 Prozent mit Kindern noch weitere und unvermutete Einbu&szlig;en. Behalten werden darf im Hartz-IV-Bezug nur ein Freibetrag mit h&ouml;chstens 330 &euro;. Der wird normalerweise aus dem Brutto berechnet. Er reduziert sich beim Kurzarbeitergeld von nur noch 60\/67 Prozent schon mal deutlich. Da es hier aber kein Brutto gibt, rechnet sich der Freibetrag dann &uuml;berraschenderweise auch nur noch aus dem viel niedrigeren Nettobetrag. Ergebnis: Der Freibetrag sinkt gleich zwei Mal. Einmal durch das reduzierte Kurzarbeitergeld und dann noch einmal durch die Errechnung aus dem niedrigeren Nettobetrag. Je geringer das vorherige Einkommen ist, um so &uuml;berproportionaler sind die Einbu&szlig;en beim Freibetrag in Hartz IV, da k&ouml;nnen ganz unvermutet gleich nochmal 100 &euro; von einem kargen Einkommen wegfallen. F&uuml;r die Betroffenen sind das enorme Betr&auml;ge.<\/p>\n<p>In unserer Beratung gibt es viele Familien, die ihre vom Jobcenter auf die Mietobergrenzen abgesenkte Miete mit diesem Freibetrag ins Lot bringen. Das Erschrecken ist gro&szlig;, wenn bei Kurzarbeit dieser Freibetrag geschrumpft ist und nicht mehr f&uuml;r die volle Miete reicht &ndash; oder im Fall des Arbeitsplatzverlustes ganz weggebrochen ist. Auch Beratung kann da nicht vor Verarmung und drohendem Wohnungsverlust sch&uuml;tzen.<\/p>\n<p>Generell l&auml;sst die dauerhafte Geldnot in Hartz IV keinen Spielraum f&uuml;r Zusatzbelastungen wie Wegfall von Tafeln, Mittagstischen, Sozialkaufh&auml;usern, Second-Hand-L&auml;den, Schulessen f&uuml;r die Kinder, Masken, Hygiene u.a.m.. Ausgleichende Hilfen gab es daf&uuml;r &uuml;ber ein Jahr lang nicht. Zur d&uuml;rftigen Einmalzahlung im Mai 2021 dann im n&auml;chsten Punkt.<\/p><\/li>\n<li><strong>Arme erhalten geringere Hilfen<\/strong>\n<p>W&auml;hrend f&uuml;r Unternehmen und Selbstst&auml;ndige &ndash; bei allen Stolpersteinen &ndash; milliardenschwere Hilfspakete geschn&uuml;rt wurden, warteten Sozialleistungsempf&auml;nger ein Jahr vergeblich auf Hilfen, die ihre Zusatzbelastungen bei dauerhafter Geldnot ertr&auml;glicher machen. Ein noch nie dagewesenes B&uuml;ndnis von 41 Verb&auml;nden und Gewerkschaften hatte im Februar 2021 die Erh&ouml;hung des trickreich kleingerechneten Regelsatzes von 446 &euro; auf 600 &euro; gefordert, um f&uuml;r die Betroffenen endlich einen minimalen haush&auml;lterischen Spielraum zu verschaffen. Zus&auml;tzlich &uuml;ber die Zeit der Pandemie einen monatlichen Bonus von 100 &euro; f&uuml;r die besonderen Belastungen. Die Antwort der Regierung war &ndash; nicht zum ersten Mal &ndash; erb&auml;rmlich: eine Einmalzahlung im Mai 2021 mit 150 &euro;. Nach 15 Monaten Pandemie gerade mal 10 &euro; pro Monat &ndash; erb&auml;rmlich eben.<\/p>\n<p>Der Fairness halber sei erw&auml;hnt, dass im M&auml;rz 2020 im Rahmen eines erleichterten Zugangs zu sozialer Sicherung die Verm&ouml;genspr&uuml;fung f&uuml;r Hartz-IV-Leistungen &uuml;bergangsweise au&szlig;er Kraft gesetzt wurde. Damit wurde verhindert, dass Bessergestellte nach Arbeitsplatzverlust in der Pandemie gleich um ihr Erspartes f&uuml;rchten mussten, soweit dies nicht erheblich war. Allerdings k&ouml;nnen Jobcenter diesen Schutz mit kreativer Gestaltung der Bewilligungszeitr&auml;ume schon nach 6 Monaten au&szlig;er Kraft setzen. <\/p>\n<p>Auch die Absenkung der Mietkosten auf die marktfremden &bdquo;Mietobergrenzen&ldquo;, mit denen die Jobcenter die zul&auml;ssigen Mieten von Hartz-IV-Empf&auml;ngern deckeln, wurde um ein halbes Jahr aufgeschoben. Das &Uuml;berleben mit dem unzul&auml;nglichen Regelsatz &ndash; bei Paaren gerade mal 401 &euro; pro Person f&uuml;r den Monat &ndash; wurde damit aber nicht leichter.  Und wer etwa im April 2020 nach coronabedingtem Arbeitsplatzverlust in die Hartz-IV-M&uuml;hle geriet, erhielt schon im Oktober die Aufforderung zum Wohnungswechsel, wenn die Mietkosten &uuml;ber den sch&auml;bigen &ouml;rtlichen Mietobergrenzen lagen.<\/p>\n<p>Enorm schwer haben es Menschen mit Sprachproblemen, deren Beratungsbedarf in der monstr&ouml;sen B&uuml;rokratie weder digital noch telefonisch umgesetzt werden kann. Dabei ergeben sich Sprachprobleme in der Hartz-IV-Welt auch f&uuml;r viele deutsche Muttersprachler, die ihre Not nicht in Bedarfe und Anspr&uuml;che &uuml;bersetzen k&ouml;nnen. Die Jobcenter sind im Lockdown, &bdquo;Notfallsprechstunden&ldquo; werden formal nicht angeboten, Durchwahlnummern der Sachbearbeiter sind geheim und die &bdquo;Hotline&ldquo; f&uuml;hrt zu Callcentern unbekannten Ortes, die statt Abhilfe einen R&uuml;ckruf versprechen. Nach dem Eindruck von Beratungsdiensten scheitert ein Gro&szlig;teil der Ratsuchenden an diesen H&uuml;rden. Makabres Beispiel: &bdquo;Sie werden zur&uuml;ckgerufen.&ldquo; &bdquo;Aber ich hab doch gar kein Telefon.&ldquo; &bdquo;Jetzt seien Sie nicht so ungeduldig, wir rufen Sie zur&uuml;ck.&ldquo; &bdquo;Urx.&ldquo; Aufgelegt. Dazu die Rechtslage nach &sect; 17 SGB I: &sbquo;Leistungstr&auml;ger sind verpflichtet, dass ihre Verwaltungs- und Dienstgeb&auml;ude frei von Zugangs- und Kommunikationsbarrieren sind&hellip;&lsquo;. &ldquo;Urx.&ldquo;<\/p><\/li>\n<li><strong>Digitales Lernen versch&auml;rft Ungleichheit<\/strong>\n<p>Viele Kinder aus armen Familien m&uuml;ssen mit dem kleinen Handybildschirm lernen, in manchen Familien teilen sich mehrere Personen ein Handy. Laut Institut der deutschen Wirtschaft besitzt nicht einmal jeder siebte 12-J&auml;hrige aus Hartz-IV-Haushalten einen eigenen Rechner, gerade mal die H&auml;lfte des deutschen Durchschnittswerts. Stabiles W-Lan und Drucker gibt es in vielen armen Haushalten auch nicht. In beengten Wohnungen fehlt es oft an einem geeigneten Arbeitsplatz f&uuml;r die Kinder und an einer ungest&ouml;rten Lernatmosph&auml;re. Das soziale Bildungsgef&auml;lle versch&auml;rft sich.<\/p>\n<p>Anfang Februar hat sich die Bundesagentur endlich dem Druck zahlreicher Gerichte gebeugt und gr&uuml;nes Licht f&uuml;r insgesamt 350 &euro; f&uuml;r Laptop, Drucker und weiteres Zubeh&ouml;r gegeben, soweit f&uuml;r Onlineunterricht an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen notwendig und von der Schule kein Ger&auml;t gestellt wird.<\/p>\n<p>Schwierig ist f&uuml;r viele Kinder zun&auml;chst die Frage, wer ihnen die Bedienung des Rechners zeigt, wenn Eltern nicht helfen k&ouml;nnen oder &auml;ltere Geschwister fehlen. Probleme macht auch die Engf&uuml;hrung auf zwei Schultypen, f&uuml;r Studierende etwa gibt es gar keinen Anspruch. Auch Empf&auml;nger von Wohngeld, Kinderzuschlag oder Asylbewerberleistungen sind ausgeschlossen. Kein durchdachtes Konzept, um Ungleichheit in der Bildung f&uuml;r Arme zu beseitigen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die &Auml;rmsten der Armen: kriminalisiert und nicht besonders schutzw&uuml;rdig<\/strong>\n<p>Menschen, die ganz ohne Obdach auf der Stra&szlig;e leben, wurden in den Lockdown-Regelungen einfach vergessen. Es wurde nicht bedacht, dass sie viele Einschr&auml;nkungen gar nicht umsetzen k&ouml;nnen. Zuhause bleiben geht eben nicht, wenn man kein Zuhause hat. Fast zwangsl&auml;ufig kommt es deshalb zu Verst&ouml;&szlig;en gegen das Ausgangsverbot, dem Verbot von Zusammenk&uuml;nften von mehreren Personen und dem Alkoholverbot in der &Ouml;ffentlichkeit. Bei Ausgangssperren m&uuml;ssen Obdachlose einfach aufgrund ihres &bdquo;Da-Seins&ldquo; eine Ordnungswidrigkeit begehen, sie k&ouml;nnen sich nicht ab 20 Uhr in Luft aufl&ouml;sen.<\/p>\n<p>Betroffene Obdachlose fanden in vorliegenden F&auml;llen kaum geeignete Beratung. Wenn nach der Corona-Verordnung Verst&ouml;&szlig;e gegen das Alkoholverbot mit einem Bu&szlig;geld von 200 &euro; sanktioniert werden, konnten ihnen die Berater i.d.R. nicht sagen, dass das h&ouml;herstehende Ordnungswidrigkeitsgesetz im Einzelfall auch eine Bu&szlig;e von 5 &euro; oder eine Einstellung wegen Geringf&uuml;gigkeit zul&auml;sst. Einspr&uuml;che f&uuml;hrten beim Amtsgericht dagegen zwingend zu einem Strafbefehl zzgl. Gerichtskosten, weil dem Amtsrichter eine gesetzliche Handhabe zur Ber&uuml;cksichtigung der Obdachlosigkeit fehlt. <\/p>\n<p>Last not least: Man stelle sich vor, dass den Bundesb&uuml;rgern neben den Kontaktbeschr&auml;nkungen zuhause auch noch ein monatelanges Alkoholverbot auferlegt worden w&auml;re &ndash; wohl der Beginn einer Revolution.<\/p>\n<p>Am 26.2.2021 hat das Sozialministerium BW die Impfberechtigung f&uuml;r Wohnungslose auf Kategorie 2 hochgestuft, was grunds&auml;tzlich zu begr&uuml;&szlig;en ist. Dabei kam es jedoch zu sinnwidrigen Regelungsl&uuml;cken, die ausgerechnet die vulnerabelste Gruppe von der Impfung ausschlie&szlig;en.<\/p>\n<p>Es ist die besonders gef&auml;hrdete Gruppe der Menschen ohne jegliche Unterkunft, die in K&auml;lte, Dreck und Regen und damit ohne den Schutz eigener H&auml;uslichkeit leben. Impfberechtigt sind n&auml;mlich nur Personen, die in der Einrichtung einer Wohnungslosenhilfe &bdquo;untergebracht oder t&auml;tig&ldquo; sind. Beides ist bei Menschen g&auml;nzlich ohne Unterkunft nicht der Fall. Dabei sind sie viel ungesch&uuml;tzter als die gro&szlig;e Masse der &bdquo;Untergebrachten&ldquo; in gesicherten Wohnformen.<\/p><\/li>\n<\/ol><p>Insgesamt hat die Pandemie die Kluft zwischen Arm und Reich vergr&ouml;&szlig;ert. Einen ganz wesentlichen Teil dazu hat die armutspolitische Ignoranz der ma&szlig;geblichen Akteure beigesteuert. Die Pandemie hat die soziale Spaltung als chronische Erkrankung unserer Gesellschaft offengelegt, die nicht durch Virologen gel&ouml;st werden kann.<\/p><p>Titelbild: Valeriya Popova 22\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] * <strong>Frieder Claus<\/strong> arbeitete bis zu seinem Ruhestand mit wohnungslosen Menschen, zuletzt als Referent f&uuml;r Wohnungslosenhilfe und Armut im Diakonischen Werk W&uuml;rttemberg. 1987 hatte er den Verein Heimstatt Esslingen mitbegr&uuml;ndet, der auf vielerlei Weise Wohnraum f&uuml;r Wohnungslose schafft.<br>\nAuf dieser Basis initiierte er 2013 die Unabh&auml;ngige Hartz-IV-Beratung im Landkreis Esslingen als Netzwerk von 13 Beratungsstellen, deren Sprecher und Koordinator er seitdem ist. Das Thema Armut hat er auch mit seiner Bettlers Oper in musikalische Formen gebracht. Mit ihr reiste er 10 Jahre durch die Lande.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arme tragen in der Coronakrise das gr&ouml;&szlig;ere Risiko und die gr&ouml;&szlig;eren Lasten, bekommen aber die geringsten Hilfen. Nirgends wird das so deutlich wie beim Blick auf den Globus. W&auml;hrend die riskanten Impfversuche fast durchweg in den armen L&auml;ndern stattfanden und die Menschen dort die Versuchskaninchen f&uuml;r uns Reiche spielten, bekommen sie jetzt am wenigsten vom<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70876\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":70879,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,149,140,132],"tags":[409,2880,289,2857,2855,1141,288,214,692,408,2834],"class_list":["post-70876","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-gesundheitspolitik","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-bildungschancen","tag-impfungen","tag-kurzarbeit","tag-lockdown","tag-morbiditaet","tag-obdachlosigkeit","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-regelsatz","tag-rettungspaket","tag-soziale-herkunft","tag-virenerkrankung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/shutterstock_1793148427.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70876","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=70876"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70876\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":70938,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70876\/revisions\/70938"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/70879"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=70876"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=70876"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=70876"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}