{"id":709,"date":"2005-07-22T17:21:57","date_gmt":"2005-07-22T15:21:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=709"},"modified":"2016-03-07T18:23:52","modified_gmt":"2016-03-07T17:23:52","slug":"bundesprasident-kohler-begreift-seine-rolle-nicht-dafur-ergreift-er-einseitig-partei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=709","title":{"rendered":"Bundespr\u00e4sident K\u00f6hler begreift seine Rolle nicht \u2013 daf\u00fcr ergreift er einseitig Partei"},"content":{"rendered":"<p>Statt seine Ermessensentscheidung zu begr&uuml;nden, warum er dem Vorschlag des Bundeskanzlers folgt, den Bundestag aufzul&ouml;sen und Neuwahlen anzusetzen, malt Bundespr&auml;sident Horst K&ouml;hler ein parteipolitisch gef&auml;rbtes Bild der Lage des Landes und f&auml;llt politische Urteile, die seinem Amt nicht zustehen und die mit der allein zu entscheidenden Frage, ob der Misstrauensantrag des Bundeskanzlers dem Wortlaut und dem Geist der Verfassung entspricht, kaum etwas zu tun haben.<br>\n<!--more--><br>\nNein, Horst K&ouml;hler spielt seine Rolle schlecht. Damit meine ich nicht, dass es ihm &ndash; stockend, wie er geredet hat &ndash; offenbar schwer f&auml;llt, vom Teleprompter abzulesen. Das w&auml;re nachsehbar. Nein, er begreift seine Rolle nicht, weil er sich als Bundespr&auml;sident bei seiner Ermessensentscheidung nach Artikel 68 Grundgesetz nicht darauf beschr&auml;nkt, was die Verfassung vom obersten Repr&auml;sentanten unseres Staates bei der Aufl&ouml;sung des Bundestags verlangt &ndash; n&auml;mlich abzuw&auml;gen, ob die Vertrauensfrage des Bundeskanzlers echt oder unecht war, ob die Vertrauensfrage etwa nur ein Trick war, ein in der Verfassung ausdr&uuml;cklich nicht vorgesehenes Selbstaufl&ouml;sungsrecht zu fingieren. <\/p><p>Zu dieser vom Bundespr&auml;sident einzig und allein zu entscheidenden Frage kommt von K&ouml;hler keine einzige Antwort. Er referiert nur, dass es das Grundgesetz dem Bundkanzler erm&ouml;glicht, eine parlamentarische Vertrauensfrage zu stellen und dass dies in der Geschichte der Bundesrepublik zweimal der Fall war. Er sagt, er habe die Beurteilung des Bundeskanzlers &bdquo;eingehend gepr&uuml;ft&ldquo;, n&auml;mlich dessen Behauptung, dass seine Handlungsf&auml;higkeit derart beeintr&auml;chtigt sei, dass er eine &bdquo;von einer stetigen Zustimmung der Mehrheit getragene Politik nicht (mehr) sinnvoll verfolgen kann&ldquo;. Wer jetzt erwartet h&auml;tte, an Hand welcher Kriterien der Bundespr&auml;sident gepr&uuml;ft hat oder welche sachlichen Indizien oder Argumente seine Pr&uuml;fungsentscheidung tragen, bleibt ratlos zur&uuml;ck. Man wagt gar nicht daran zu denken, dass K&ouml;hler bei seiner Pr&uuml;fung auch nur einen Gedanken daran verschwendet haben k&ouml;nnte, ob nicht der Bundeskanzler durch den Bruch von Wahlversprechen seiner SPD &uuml;berwiegend selbst dazu beigetragen hat, dass die Zustimmung zu seiner Agenda-Politik f&uuml;r die nach wie vor vorhandene Mehrheit von Rot-Gr&uuml;n nur noch m&uuml;hselig zustande kommt. <\/p><p>Dass der Bundespr&auml;sident bei seiner Pr&uuml;fung &bdquo;viele Gespr&auml;che mit den verantwortlichen Politikern und mit Rechtsexperten gef&uuml;hrt hat&ldquo;, dass will man ja gerne glauben, aber was h&auml;lt er denjenigen Politikern und eher der Mehrzahl der Staatsrechtler entgegen, die Art. 68 GG verletzt sehen? Fehlanzeige! <\/p><p>Dass er die Argumente der Zweifler &bdquo;geh&ouml;rt und ernsthaft gewogen&ldquo; hat, ist ja sch&ouml;n und gut, aber man h&auml;tte wenigstens einen einzigen Zweifel dar&uuml;ber ausger&auml;umt sehen wollen, warum er &bdquo;keine andere Lagebeurteilung&ldquo; sieht, &bdquo;die der Einsch&auml;tzung des Bundeskanzlers eindeutig vorzuziehen ist.&ldquo; Hat der Bundespr&auml;sident etwa gar nicht mitbekommen, dass noch wenige Tage vor seiner Entscheidung im Parlament noch mehrere Dutzend keineswegs unwichtige Gesetze mit Regierungsmehrheit verabschiedet wurden? Oder k&ouml;nnte der Bundeskanzler das SPD-Wahlmanifest etwa nicht mir einer rot-gr&uuml;nen Mehrheit durchsetzen? <\/p><p>Dass der Bundespr&auml;sident &bdquo;davon &uuml;berzeugt (ist), dass damit (womit eigentlich?) die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen f&uuml;r die Aufl&ouml;sung des Bundestags gegeben sind&ldquo;, das ergibt sich aus seiner Entscheidung, sonst h&auml;tte er sie ja anders getroffen. Aber was hat ihn zu der &Uuml;berzeugung gebracht, welche Tatsachen, welche rechtlichen und vielleicht auch welche politischen Argumente haben ihn &uuml;berzeugt und vor allem welche sollen uns &uuml;berzeugen &ndash; und zwar davon, dass er die Verfassung einh&auml;lt? Dar&uuml;ber schweigt sich der Bundespr&auml;sident aus. Oder will er gar, in dem er sich einfach der Beurteilung des Bundeskanzlers anschlie&szlig;t, bei einem anderslautenden Urteil des Bundesverfassungsgericht schon vorbeugend, die Verantwortung f&uuml;r einen Verfassungsversto&szlig; auf den Bundeskanzler abschieben? <\/p><p>Daf&uuml;r redet K&ouml;hler um so mehr &uuml;ber politische Sachverhalte, die erstens mit seiner Ermessensentscheidung, ob &uuml;ber den &bdquo;Antrag des Bundeskanzlers, ihm das Vertrauen auszusprechen&ldquo; (Art. 68 GG) eine echte oder nur eine manipulierte Abstimmung der Mitglieder des Bundestages stattgefunden hat, &uuml;berhaupt nichts zu tun haben. <\/p><p>Er malt zweitens das von allen Systemver&auml;nderern bem&uuml;hte Katastrophengem&auml;lde &uuml;ber die &bdquo;ernste Situation&ldquo; unseres Landes, wie es in den Wahlkampfpostillen des Konrad-Adenauer-Hauses oder den Bedrohungsszenarien aus dem &bdquo;Haus der Wirtschaft&ldquo; nicht bedrohlicher gemalt werden k&ouml;nnte. So wenn K&ouml;hler etwa davon spricht, dass &bdquo;unsere Zukunft und die unserer Kinder&hellip;auf dem Spiel&ldquo; stehe, wenn er beklagt, dass wir &bdquo;zu wenige Kinder&ldquo; h&auml;tten und wir &bdquo;immer &auml;lter&ldquo; w&uuml;rden, wenn er auf eine &bdquo;nie da gewesene kritische Lage&ldquo; der &ouml;ffentlichen Haushalte verweist (an der er nebenbei bemerkt als Finanzstaatsekret&auml;r durch die falsche Finanzierung der Einheit kr&auml;ftig mitgewirkt hat). Wieder einmal h&ouml;rt man nichts vom Deutschland als Exportweltmeister, nichts vom Zur&uuml;ckbleiben der Nettoreall&ouml;hne, nichts von der Raffkementalit&auml;t und der Korruption in den Vorstandsetagen, nichts vom Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich.<br>\nDas geh&ouml;rt wohl alles nicht zu den &bdquo;gewaltigen Aufgaben&ldquo; vor denen unser Land steht. <\/p><p>Dass man dieses einseitig negative Bild, das K&ouml;hler zeichnet, auch ganz anders sehen kann, beweist Bundeskanzler Schr&ouml;der wenige Minuten nach der spektakul&auml;r inszenierten Entscheidung des Bundespr&auml;sidenten in seiner R&uuml;ck&auml;u&szlig;erung: &bdquo;Deutschland ist auf einem guten Weg&ldquo; setzt das Verfassungsorgan Bundeskanzler dem Verfassungsorgan Bundespr&auml;sident als Urteil entgegen. Schon aus dieser unterschiedlichen Lagebeurteilung mag das dritte Verfassungsorgan Bundesverfassungsgericht erkennen, dass die politische Begr&uuml;ndung K&ouml;hlers f&uuml;r Neuwahlen jedenfalls keine Tatsachenbewertung, sondern ein parteiliches Urteil darstellt. Dass das vierte und letztlich den Souver&auml;n vertretende Verfassungsorgan, n&auml;mlich Bundestagspr&auml;sident Thierse, die vom Bundespr&auml;sidenten eben gerade nicht begr&uuml;ndete Entscheidung &uuml;ber seine eigene Abl&ouml;sung und die Aufl&ouml;sung des Bundestags ausdr&uuml;cklich als begr&uuml;ndet hinnimmt und sich nur noch als Postzustellungsbeh&ouml;rde f&uuml;r die Abgeordneten begreift, sei hier nur noch als Randepisode dieses Trauerspiels erw&auml;hnt. <\/p><p>Der Bundespr&auml;sident f&auml;llt drittens politische Urteile, f&uuml;r die er qua Amt nicht kompetent ist und f&uuml;r die seine pers&ouml;nliche politische Meinung allenfalls aufschlussreich f&uuml;r seinen politischen Standort aber f&uuml;r eine demokratische Entscheidung unma&szlig;geblich ist. &Uuml;ber die wirkliche Crux des Bundesstaates, n&auml;mlich, dass die Union den Bundesrat als parteipolitisches Blockadeinstrument missbraucht, verliert K&ouml;hler kein Wort, daf&uuml;r r&auml;umt er im Vorbeigehen das Grundgesetz ab und erkl&auml;rt als oberstes Staatsorgan die gesamte &bdquo;bestehende f&ouml;derale Ordnung&ldquo; f&uuml;r &bdquo;&uuml;berholt&ldquo;. Mit dem gleichen Recht h&auml;tte K&ouml;hler auch die Bestimmungen des Grundgesetzes &uuml;ber die Rechte und Pflichten des Bundespr&auml;sidenten als &bdquo;&uuml;berholt&ldquo; erkl&auml;ren k&ouml;nnen und eine &bdquo;Pr&auml;sidialdemokratie&ldquo; fordern k&ouml;nnen. Denn wo es mit Deutschland lang gehen muss, das meint unser Pr&auml;sident ohnehin am besten zu wissen, wie er uns in seinem Auftritt nach der Tagesschau einmal mehr aufgezeigt hat, n&auml;mlich die &bdquo;Freiheit zu sichern und einen modernen Sozialstaat zu gestalten&ldquo;. Was K&ouml;hler unter &bdquo;Freiheit&ldquo; und &bdquo;modernem Sozialstaat&ldquo; versteht, das hat er nicht zuletzt in seiner Rede vor dem Arbeitgeberforum am 15. M&auml;rz 2005 programmatisch ausgef&uuml;hrt, n&auml;mlich &bdquo;Privateigentum, Wettbewerb und offene M&auml;rkte, freie Preisbildung und ein stabiles Geldwesen, eine Sicherung vor den gro&szlig;en Lebensrisiken f&uuml;r jeden und Haftung aller f&uuml;r ihr Tun und Lassen (siehe <a href=\"?p=492\">NachDenkSeiten vom 16.3.2005<\/a> ).<\/p><p>Der Bundespr&auml;sident hat sich einmal mehr als Parteig&auml;nger der neoliberalen &bdquo;Reformer&ldquo; erwiesen &ndash; diese loben jetzt nat&uuml;rlich unisono die &bdquo;weise&ldquo; Entscheidung. Horst K&ouml;hler mag sich mit seiner Entscheidung in der Gunst dieser allgemeinen Zustimmung sonnen, das enthebt ihn allerdings noch lange nicht von seiner Pflicht die Verfahrensregeln der Verfassung ernst nehmen zu m&uuml;ssen. <\/p><p>Welche &bdquo;sorgsame&ldquo; Wahl er den &bdquo;lieben Mitb&uuml;rgerinnen und Mitb&uuml;rgern&ldquo; ans Herz legt, hat er kaum verh&uuml;llt auch schon kundgetan: N&auml;mlich eine Regierung zu w&auml;hlen &bdquo;die ihre Ziele mit Stetigkeit und mit Nachdruck verfolgen kann&ldquo;. Will sagen: Blo&szlig; keine knappen Mehrheiten mehr, die eine Regierung erneut durch einige wenige Abgeordnete politisch erpressbar machen k&ouml;nnte, sonst h&auml;tte man ja den gleichen Zustand wie jetzt, also dann doch besser eine gro&szlig;e Koalition. Oder noch besser gleich ein &bdquo;Durchregieren&ldquo; mit Angela Merkel, die dann (vielleicht) auch von der CDU-Mehrheit im Bundesrat nicht mehr blockiert werden w&uuml;rde.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Statt seine Ermessensentscheidung zu begr&uuml;nden, warum er dem Vorschlag des Bundeskanzlers folgt, den Bundestag aufzul&ouml;sen und Neuwahlen anzusetzen, malt Bundespr&auml;sident Horst K&ouml;hler ein parteipolitisch gef&auml;rbtes Bild der Lage des Landes und f&auml;llt politische Urteile, die seinem Amt nicht zustehen und die mit der allein zu entscheidenden Frage, ob der Misstrauensantrag des Bundeskanzlers dem Wortlaut und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=709\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[96,190],"tags":[418,531,312,411],"class_list":["post-709","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundespraesident","category-wahlen","tag-grundgesetz","tag-koehler-horst","tag-reformpolitik","tag-schroeder-gerhard"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/709","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=709"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/709\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31949,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/709\/revisions\/31949"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=709"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=709"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=709"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}