{"id":70975,"date":"2021-03-23T10:00:27","date_gmt":"2021-03-23T09:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70975"},"modified":"2021-03-24T08:30:41","modified_gmt":"2021-03-24T07:30:41","slug":"von-wegen-ueberlastung-im-pandemiejahr-2020-herrschte-in-deutschlands-kliniken-historischer-leerstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70975","title":{"rendered":"Von wegen \u00dcberlastung. Im Pandemiejahr 2020 herrschte in Deutschlands Kliniken historischer Leerstand."},"content":{"rendered":"<p>Eine Analyse der TU Berlin offenbart Erstaunliches: Nie zuvor gab es in den Krankenh&auml;usern weniger Behandlungsf&auml;lle, nie zuvor waren weniger Betten belegt &ndash; trotz oder wegen Corona. Die Diskrepanz zwischen der Datenlage und der anhaltenden Panikkommunikation von Politik und Medien k&ouml;nnte kaum gr&ouml;&szlig;er sein. Die Studienautoren interessiert das nicht und sie wollen ihr Werk anders verstanden wissen: als Beweisst&uuml;ck f&uuml;r eine Flurbereinigung der Versorgungslandschaft. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7248\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-70975-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210223_Im_Pandemiejahr_2020_herrschte_in_Deutschlands_Kliniken_historischer_Leerstand_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210223_Im_Pandemiejahr_2020_herrschte_in_Deutschlands_Kliniken_historischer_Leerstand_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210223_Im_Pandemiejahr_2020_herrschte_in_Deutschlands_Kliniken_historischer_Leerstand_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210223_Im_Pandemiejahr_2020_herrschte_in_Deutschlands_Kliniken_historischer_Leerstand_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=70975-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210223_Im_Pandemiejahr_2020_herrschte_in_Deutschlands_Kliniken_historischer_Leerstand_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210223_Im_Pandemiejahr_2020_herrschte_in_Deutschlands_Kliniken_historischer_Leerstand_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Kliniken, die aus allen N&auml;hten platzen. Schwerstkranke, die sich vor Intensivstationen stauen und elendig auf ihren Tod warten. &Auml;rzte, die ausw&uuml;rfeln, welchem Patienten sie helfen und welchem nicht. Im Zuge der Corona-Krise haben sich Bilder wie diese tief im kollektiven Bewusstsein eingegraben. Seit &uuml;ber einem Jahr beschw&ouml;ren Politiker, Wissenschaftler und Medien das Szenario eines Gesundheitssystems vorm Kollaps: Steigende Infektionszahlen, steigende Krankenzahlen, steigende Todeszahlen &ndash; wird man des Virus nicht Herr, sind italienische Verh&auml;ltnisse programmiert. Selbst bei sinkenden Zahlen dr&auml;ut es aus allen Kan&auml;len: Lassen wir heute den Lockdown schleifen, erleben wir morgen unser Bergamo. <\/p><p>Warnungen nach diesem Muster sind unser t&auml;glicher Begleiter und mit wachsenden Inzidenzen ereilen sie uns mit noch gr&ouml;&szlig;erer H&auml;ufigkeit. &bdquo;Durch die Mutationen werden die Krankheitsverl&auml;ufe auch l&auml;nger und schwerer. Auch j&uuml;ngere Menschen sind davon st&auml;rker betroffen&ldquo;, mahnte zuletzt etwa <a href=\"https:\/\/presse-augsburg.de\/soeder-fuerchtet-ueberlastung-der-krankenhaeuser-csu-schwaben-im-gespraech-mit-dem-ministerpraesidenten\/706132\/\">Markus S&ouml;der<\/a> (CSU). Auch wenn viele &auml;ltere Menschen bereits geimpft w&auml;ren, gehe die Entwicklung erneut dahin, dass Intensivstationen bald wieder an ihre Grenzen sto&szlig;en w&uuml;rden, erkl&auml;rte Bayern Regierungschef. Ins selbe Horn sto&szlig;en dieser Tage das Robert Koch-Institut (RKI), Intensivmediziner, &Auml;rzteverb&auml;nde und die <a href=\"https:\/\/www.waz.de\/panorama\/corona-rki-dritte-welle-intensivstationen-krankenhaesuer-id231797869.html\">&bdquo;Westdeutsche Allgemeine Zeitung&ldquo;<\/a> titelte j&uuml;ngst treffsicher: &bdquo;Dritte Corona-Welle: den Kliniken droht wieder &Uuml;berlastung.&ldquo; <\/p><p><strong>2,4 Millionen F&auml;lle weniger<\/strong><\/p><p>Die Schlagzeile ist doppelt fragw&uuml;rdig. Sie spekuliert nicht blo&szlig; auf eine k&uuml;nftige &bdquo;&Uuml;berlastung&ldquo;, deren Eintreten l&auml;ngst nicht ausgemacht ist. &Uuml;berdies bezieht sie sich auf zur&uuml;ckliegende Erfahrungen, die es gar nicht gibt, und konstruiert so einen scheinbaren Wiederholungsfall. Denn eine &bdquo;&Uuml;berlastung&ldquo; in der Fl&auml;che der deutschen Krankenhauslandschaft war im Verlauf der Pandemie bisher zu keinem Zeitpunkt messbar. Punktuell stie&szlig;en Kliniken durchaus an ihre Grenzen, aber nicht in einer Weise, die sich von saisonalen Spitzen unterschieden h&auml;tte, wie sie auch fr&uuml;her immer wieder in den Herbst- und Wintermonaten vorgekommen waren. Auch hinsichtlich der Belegung von Intensivbetten wurde niemals der kritische Punkt erreicht, an dem &uuml;ber Triagema&szlig;nahmen h&auml;tte nachgedacht werden m&uuml;ssen. Die sogenannte Notfallreserve, die rund 10.000 Betten umfasst, musste in all den Monaten nicht ein einziges Mal beansprucht werden.  <\/p><p>Ein Gesamtbild der Lage liefert eine neue Studie zweier Wissenschaftler der Technischen Universit&auml;t Berlin, die sich auf die vom Institut f&uuml;r das Entgeltsystem im Krankenhaus GmbH (InEK) erhobenen Klinikdaten des Vorjahres st&uuml;tzt. Der Hauptbefund: Im ersten Pandiemiejahr brach die Zahl der bei den Krankenkassen abgerechneten Behandlungen gegen&uuml;ber 2019 um 13 Prozent ein. Statt damals 19,2 Millionen waren es 2020 nur mehr 16,8 Millionen F&auml;lle. Das erstaunliche Ergebnis passt so gar nicht zum Alarmismus, mit dem die Menschen im Land seit mehr als zw&ouml;lf Monaten unter Dauerstress gesetzt werden. Das beschworene Extrem eines Gesundheitswesens am oder &uuml;berm Limit erweist sich r&uuml;ckblickend als Schim&auml;re. Das Wirken und Treiben des deutschen Corona-Managements hat das genau gegenteilige Extrem gezeitigt: eine massive Minderauslastung des Klinikbetriebs. <\/p><p><strong>&bdquo;Allzeittief&ldquo;<\/strong> <\/p><p>Wie die NachDenkSeiten von Koautor Reinhard Busse erfuhren, liegt die Analyse noch nicht als &bdquo;fertiges, frei gegebenes Dokument&ldquo; vor. Allerdings hat das <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/218200\/COVID-19-Pandemie-Historisch-niedrige-Bettenauslastung\">&bdquo;Deutsche &Auml;rzteblatt&ldquo;<\/a> schon in der vorvergangenen Woche ausf&uuml;hrlich &uuml;ber die Inhalte berichtet. Die Zeitung konstatierte dabei eine &bdquo;historisch niedrige Bettenauslastung&ldquo;. Wurden 2019 noch 75,1 Prozent der Kapazit&auml;ten ausgesch&ouml;pft, sank der Wert 2020 auf ein &bdquo;Allzeittief&ldquo; von 67,3 Prozent. In kleinen H&auml;usern (bis 299 Betten) blieben sogar knapp 38 Prozent der Betten ungenutzt (minus 9,7 Prozent), bei mittleren Standorten betrug der Leerstand &uuml;ber 33 Prozent (minus 8,3 Prozent) und selbst in gro&szlig;en Kliniken (ab 600 Betten) wurden gerade einmal 71,2 Prozent in Anspruch genommen (minus 7 Prozent). Lediglich bei der mittleren Verweildauer pro Patient lie&szlig; sich eine leichte Zunahme um ein Prozent auf 6,02 Tage verzeichnen. Wegen der geringen Patientenzahl reduzierten sich die Verweildauertage in der Gesamtheit jedoch um zw&ouml;lf Prozent, wobei der Schwund bei gr&ouml;&szlig;eren Hospit&auml;lern abermals geringer ausfiel. <\/p><p>Auch in puncto Intensivmedizin, von der es auf dem H&ouml;hepunkt der zweiten Welle immer wieder hie&szlig;, man sto&szlig;e an die Grenzen, gab es zu jeder Zeit noch reichlich Reserven. Aufs Jahr betrachtet betrug die Belegung der vorhandenen Intensivbetten in kleinen Krankenh&auml;usern 63,6 Prozent. In gro&szlig;en Kliniken lag die Auslastung bei 71 Prozent, wobei sich auch nur dort ein geringf&uuml;giges Mehraufkommen bei der Verweildauer von Intensivpatienten von einem Prozent zeigte. F&uuml;r die kleinen und mittleren H&auml;user ergab sich ein R&uuml;ckgang um f&uuml;nf beziehungsweise zwei Prozent. Anhand dieser Gr&ouml;&szlig;en erkl&auml;rt sich auch der drastische &bdquo;Verlust&ldquo; an Intensivkapazit&auml;ten ab Jahresmitte 2020. Von August bis November gab die Zahl der von der Deutschen Interdisziplin&auml;ren Vereinigung f&uuml;r Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) erfassten Intensivbetten von knapp 33.000 auf unter 28.000 nach. Selbst in der Hochphase der Krise hat es schlicht nicht so viele Betten gebraucht. Mehr noch war die &bdquo;Korrektur&ldquo; aber personalpolitisch provoziert: Im Herbst hatte die DIVI gemahnt, nur noch freie Betten zu melden, f&uuml;r die auch ausreichend Personal zur Verf&uuml;gung steht. Das zwischenzeitliche &bdquo;&Uuml;berangebot&ldquo; war demnach eine reine Luftbuchung. <\/p><p><strong>Bettchen, versteck Dich<\/strong> <\/p><p>Also lie&szlig; man allerhand Luft ab, war damit immer noch auf der sicheren Seite und machte nebenbei ein gutes Gesch&auml;ft. Tats&auml;chlich hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sogar eine Aufstockung auf knapp 40.000 Betten versprochen und daf&uuml;r per &bdquo;Rettungsschirm&ldquo; eine halbe Milliarde Euro Steuergeld locker gemacht, pro Bett 50.000 Euro. Aber schon im Juli suchte der Minister vergebens nach den Fr&uuml;chten seines Schaffens. 7.000 Betten waren einfach verschwunden, beziehungsweise gar nicht erst aufgetaucht, weshalb Experten von <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/investigativ\/kontraste\/corona-intensivbetten-101.html\">&bdquo;Mitnahmeeffekten&ldquo;<\/a> ausgingen. Dass sp&auml;ter 5.000 weitere Betten aus der Statistik purzelten, fiel da kaum noch ins Gewicht, zumal auch der Restbestand den Erforderlichkeiten gen&uuml;gte. Aktuell weist das DIVI-Register rund 25.000 Intensivbetten aus, wovon etwa 3.500 nicht belegt sind.  <\/p><p>Das bewegt sich auf dem Niveau der Klinikdaten, die Busse und seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Ulrike Nimptsch ausgewertet haben. Danach wurden dem InEK im Jahr 2020 insgesamt 26.787 Intensivbetten gemeldet, wobei die gro&szlig;en Krankenh&auml;user den Bestand um f&uuml;nf Prozent aus- und die kleinen um sieben Prozent abbauten. Vielsagend ist jedoch der Saldo aus Gewinnen und Einbu&szlig;en: Alles in allem legten die Kapazit&auml;ten lediglich um 206 Betten zu &ndash; und dies in Zeiten der laut EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides &bdquo;gr&ouml;&szlig;ten Gesundheitskrise seit Menschengedenken&ldquo;. Die Ansage bei&szlig;t sich mit weiteren Erkenntnissen der Autoren. So belief sich die Belegungsquote durch Covid-19-Patienten im Vorjahr auf im Mittel &uuml;berschaubare 1,3 Prozent mit einem H&ouml;chstwert von knapp f&uuml;nf Prozent in der zweiten Dezemberh&auml;lfte. Bezogen auf alle Intensivpatienten schlugen die Verweildauertage von Corona-F&auml;llen auf den Intensivstationen mit 5,2 Prozent zu Buche. <\/p><p><strong>In der Mehrheit Corona-Verd&auml;chtige<\/strong> <\/p><p>In ihren Resultaten &auml;hnelt die Analyse denen der Jahresbilanz der <a href=\"https:\/\/www.initiative-qualitaetsmedizin.de\/covid-19-pandemie\">Initiative Qualit&auml;tsmedizin (IQM)<\/a>, der bundesweit rund 500 Mitgliedskliniken angeschlossen sind. Nach dem im Februar vorgelegten Report, der sich aus den sogenannten Routinedaten nach dem Krankenhausentgeltgesetz (KHEntgG) speist und rund ein Viertel aller Krankenh&auml;user in Deutschland ber&uuml;cksichtigt, z&auml;hlten die fraglichen Einrichtungen im Vorjahr rund 13,6 Prozent weniger Behandlungen als 2019. Bei den Intensivstationen ergab sich ein Minus um  4,7 Prozent. Bemerkenswert erscheint zudem der R&uuml;ckgang bei den sogenannten SARI-Erkrankungen (Schwere Akute Respiratorische Infektion) um &uuml;ber zehn Prozent. Darin sind auch die Covid-19-bedingten SARI-F&auml;lle inbegriffen. Eine Erkl&auml;rung daf&uuml;r k&ouml;nnte der &bdquo;Ausfall&ldquo; der klassischen Grippewelle sein, also die m&ouml;gliche Verdr&auml;ngung von Influenzaviren durch das neuartige Corona-Virus. Dass die saison&uuml;blichen Erreger durch die Wirkung der Abstands- und Hygieneregeln und das Tragen von Schutzmasken ausgemerzt wurden, erscheint wenig plausibel. F&uuml;r SARS-Cov-2 h&auml;tte sich dann ja derselbe Effekt einstellen m&uuml;ssen. Die Vorg&auml;nge geben der Wissenschaft allerdings noch R&auml;tsel auf. <\/p><p>Die IQM hatte im Jahresverlauf 2020 bereits drei Untersuchungen zur Klinikauslastung vorgelegt, wovon die zum ersten Halbjahr 2020 auch bei den NachDenkSeiten Thema war. Unter dem Titel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67419\">Corona-Verd&auml;chtige<\/a> wurde dabei insbesondere der Umstand beleuchtet, dass f&uuml;r einen gro&szlig;en Teil der in den Kliniken als Covid-19-F&auml;lle gef&uuml;hrten Patienten kein Labornachweis f&uuml;r eine SARS-Cov-2-Infektion vorliegt. In der Jahresendabrechnung betr&auml;gt das Verh&auml;ltnis der F&auml;lle mit positivem PCR-Befund zu jenen mit einer Verdachtsdiagnose 45 zu 55 Prozent. Die M&ouml;glichkeit falsch-negativer PCR-Tests kann dieses Ph&auml;nomen nur begrenzt erkl&auml;ren, wie auch die IQM-Experten konstatieren. Vielmehr legen die ermittelten Daten zu Sterblichkeiten und Behandlungsroutinen f&uuml;r sie den Schluss nahe, dass es sich &bdquo;bei diesen Patienten um eine andere Population als bei den nachgewiesenen Covid-19-F&auml;llen&ldquo; handele. <\/p><p><strong>Politik bedient Zerrbild<\/strong> <\/p><p>Bedenklich ist, dass diese Tatsache und die f&auml;lligen Folgerungen von Politik und Medien bis heute nicht kommuniziert werden. Statt dessen wird unabl&auml;ssig das Zerrbild von mit Corona-Schwerstkranken &uuml;berf&uuml;llten Kliniken gepflegt. H&auml;tten die Menschen Kenntnis, dass davon mehr als die H&auml;lfte gar keine echten Covid-19-Patienten sind, deutlich seltener schwer erkrankt sind und deutlich seltener zu Tode kommen, w&auml;re nicht nur &ouml;ffentlich einiges an Druck aus dem Kessel genommen. Auch was den Einsatz von Ressourcen angeht, lie&szlig;e sich manches in bessere Bahnen lenken. Denn Verdachtsf&auml;llen werden dieselben Sicherheitsma&szlig;nahmen zuteil wie den laborbest&auml;tigten F&auml;llen. Und dann stellt sich noch diese Frage: Wenn der PCR-Test der &bdquo;Goldstandard&ldquo; bei der Corona-Fahndung ist, warum gibt man dann im Klinikbetrieb so wenig auf seine Beweiskraft? <\/p><p>Zur&uuml;ck zu den InEK-Daten und den Grenzen ihrer Beweiskraft. Nat&uuml;rlich lassen sich die Jahre 2019 und 2020 nicht einfach gegeneinander aufrechnen. Das Minus bei den Fallzahlen geht schlie&szlig;lich selbst zum weit &uuml;berwiegenden Teil auf das Konto von Corona. Das System wurde ja ausdr&uuml;cklich zu dem Zweck heruntergeregelt, Reserven f&uuml;r die in Massen erwarteten Covid-19-Patienten freizuhalten &ndash; was sich indes als Fehleinsch&auml;tzung herausstellte. Daf&uuml;r hat man andere Behandlungen und Operationen in gro&szlig;em Stil abgesagt oder aufgeschoben. Zugleich dr&auml;ngten deutlich weniger Menschen von sich aus ins Versorgungssystem, im Wesentlichen wegen verbreiteter &Auml;ngste, sich beim Arzt oder im Krankenhaus mit SARS-Cov-2 anzustecken. <\/p><p>In der Folge gingen die Behandlungen allein zwischen 9. M&auml;rz und 24. Mai um 30 Prozent zur&uuml;ck, vom 25. Mai bis 13. Dezember um zehn Prozent. Laut Studie reduzierten sich die Notfallaufnahmen von Kindern im Vergleich zum vorangegangenen Jahr um 21 Prozent. Schlaganf&auml;lle wurden zu vier Prozent weniger behandelt, Herzinfarkte je nach Art um vier oder acht Prozent, Brustkrebsmammographien gingen um drei Prozent zur&uuml;ck. Deutlich gr&ouml;&szlig;er noch sind die Differenzen bei &bdquo;ambulant-sensitiven&ldquo; Krankenhausf&auml;llen, die nicht zwangsl&auml;ufig eine klinische Behandlung erfordern. Bei Asthma lie&szlig;en die Fallzahlen um 29 Prozent nach, bei Bluthochdruck um 18 Prozent, bei Diabetes um 17 Prozent und bei Herzinsuffizienz um zw&ouml;lf Prozent. <\/p><p><strong>Neoliberaler Klinikkahlschlag<\/strong> <\/p><p>Es ist m&uuml;&szlig;ig, dar&uuml;ber zu spekulieren, ob und wie viele dieser ausgelassenen, ausgefallenen oder aufgeschobenen Behandlungen sich sp&auml;ter als Kollateralsch&auml;den der Lockdown-Politik niederschlagen werden oder dies schon haben. Ebenso wenig wird sich die Behauptung der Lockdown-Strategen be- oder widerlegen lassen, allein durch das Herunterfahren der Versorgungsstrukturen w&auml;ren noch schlimmeres Leid und noch mehr Tote verhindert worden. Tats&auml;chlich wollen die Studienautoren einen solchen Diskussionsbeitrag auch gar nicht leisten. Sie sind auch weit davon entfernt, mit ihrer Auswertung die Irrungen und  Wirrungen der Corona-Panik-PR zu entlarven und f&uuml;r Versachlichung oder Entwarnung zu pl&auml;dieren. Ganz im Gegenteil bet&auml;tigen sie sich sogar selbst als Warner und zwar davor, dass die &bdquo;Krankenh&auml;user dauerhaft um staatliche Unterst&uuml;tzung f&uuml;r ihre nicht ben&ouml;tigten Kapazit&auml;ten betteln&ldquo;.<\/p><p>Die NachDenkSeiten hatten zu Jahresanfang &uuml;ber Bestrebungen von Lobbyisten nach fortgesetzten Klinikschlie&szlig;ungen zum Vorteil der gro&szlig;en Krankenhauskonzerne <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68858\">berichtet<\/a>. Allein im Vorjahr wurden 20 kleinere Einrichtungen dichtgemacht, wor&uuml;ber sich Gesundheitsminister Spahn bis heute in Schweigen h&uuml;llt. Konzeptpapiere der Bertelsmann Stiftung oder der Wissenschaftsakademie Leopoldina fordern eine umfassende Flurbereinigung zum Zweck von mehr Effizienz, Spezialisierung und Zentralisierung, an deren Ende nur noch wenige hundert der aktuell knapp 2.000 Standorte stehen sollen. Mit ihrer Studie wollen Busse und Nimptsch Argumentationsstoff liefern, indem sie Corona zum Kronzeugen f&uuml;r ein neoliberales Kahlschlagsprogramm machen. <\/p><p>&bdquo;Wenn in der schwersten Gesundheitskrise seit Jahrzehnten das wesentliche Problem der Krankenhauslandschaft durch den Leerstand von &uuml;berfl&uuml;ssigen Betten und H&auml;usern verursacht wird (und nicht durch &uuml;berf&uuml;llte Betten und H&auml;user), dann sollte endlich klar werden, dass eine echte Reform hin zu technisch und personell ad&auml;quat ausgestatteten Krankenh&auml;usern &uuml;berf&auml;llig ist&ldquo;, &auml;u&szlig;erte sich Busse in einer schriftlichen Stellungnahme gegen&uuml;ber den NachDenkSeiten. Nach seiner Darstellung sind die leerstehenden Kapazit&auml;ten &bdquo;nur zum geringsten Teil &sbquo;geschaffen&lsquo; worden &ndash; sie sind ja ganz &uuml;berwiegend das Resultat einer anderen Nutzen-Risiko-Wahrnehmung auf Seiten von Patienten (und einweisenden &Auml;rzten)&ldquo;. <\/p><p><strong>Weg mit Fehlanreizen<\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich stecken sehr viele Kliniken in existenziellen N&ouml;ten, gerade weil sie im Zuge der Krise hunderttausende Behandlungen nicht vornehmen und abrechnen konnten. Mit ihren bisher aufgelegten &bdquo;Rettungspaketen&ldquo; l&auml;sst die Bundesregierung aber gerade die Standorte am ausgestreckten Arm verhungern, die Hilfe am n&ouml;tigsten br&auml;uchten: kleinere und mittlere H&auml;user abseits der Ballungszentren. Nun trifft es fraglos zu, dass in deutschen Kliniken unn&ouml;tige Operationen durchgef&uuml;hrt werden und nicht alle Einweisungen medizinisch geboten sind. Deshalb w&auml;re es an der Zeit, die falschen Anreize im Rahmen des Fallpauschalensystems (Diagnosis Related Groups, DRGs) abzuschaffen. Denn an an diesen sto&szlig;en sich gerade hoch spezialisierte und rationalisierte Kliniken mit bester Ausstattung gesund und bei gro&szlig;fl&auml;chig wegbrechender Konkurrenz lie&szlig;en sich noch viel gr&ouml;&szlig;ere Profite erwirtschaften. Deshalb ist in der Wachstums- und Verwertungslogik von Krankenhauskonzernen wie Rh&ouml;n, Sana, Fresenius und Helios f&uuml;r staatliche &bdquo;Subventionsbetriebe&ldquo; selbstredend kein Platz. <\/p><p>Aber ausgerechnet eine Ausnahmesituation wie die einer Pandemie als Beleg daf&uuml;r heranzuziehen, dass das System &uuml;berbordende Strukturen der &Uuml;berversorgung birgt , was sich daran zeige, dass die Menschen &bdquo;freiwillig&ldquo; und aus quasi &bdquo;besserer Einsicht&ldquo; von einem Arztbesuch absehen, erscheint ziemlich perfide. &bdquo;Dass sich diese Entwicklung verstetigt, ist somit zumindest nicht unwahrscheinlich&ldquo;, vermuten die beiden Autoren und k&ouml;nnten bei anhaltender Krise recht behalten. Schon auf kurze Sicht d&uuml;rften nach Angaben des Vereins Gemeingut in B&uuml;rgerInnenhand (GiB) rund 30 weitere Kliniken von der Bildfl&auml;che verschwinden. Wohin das f&uuml;hrt, l&auml;sst sich vielleicht schon bei der n&auml;chsten Pandemie besichtigen &ndash; wenn die &Uuml;berlastung real wird. <\/p><p>Titelbild: venusvi\/shutterstock.com<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/d4d15699724b4df7b8160c5710fdcf48\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Analyse der TU Berlin offenbart Erstaunliches: Nie zuvor gab es in den Krankenh&auml;usern weniger Behandlungsf&auml;lle, nie zuvor waren weniger Betten belegt &ndash; trotz oder wegen Corona. Die Diskrepanz zwischen der Datenlage und der anhaltenden Panikkommunikation von Politik und Medien k&ouml;nnte kaum gr&ouml;&szlig;er sein. 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