{"id":70983,"date":"2021-03-23T14:14:38","date_gmt":"2021-03-23T13:14:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70983"},"modified":"2021-03-25T10:40:30","modified_gmt":"2021-03-25T09:40:30","slug":"brasiliens-justizfarce-lavajato-ist-tot-die-aufhebung-der-urteile-gegen-ex-praesident-lula-und-die-anklage-gegen-ex-richter-sergio-moro","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70983","title":{"rendered":"Brasiliens Justizfarce \u201eLavajato\u201c ist tot \u2013 Die Aufhebung der Urteile gegen Ex-Pr\u00e4sident Lula und die Anklage gegen Ex-Richter S\u00e9rgio Moro"},"content":{"rendered":"<p>Am vergangenen 8. M&auml;rz &uuml;berraschte Richter Edson Fachin vom Obersten Gerichtshof Brasiliens (STF) die einheimische und internationale &Ouml;ffentlichkeit. Der Magistrat entschied, s&auml;mtliche Klagen und Urteile der Einsatzgruppe <em>Lavajato<\/em> (&bdquo;Unternehmen Autowaschanlage&ldquo;) gegen Ex-Pr&auml;sident Luis In&aacute;cio Lula da Silva seien wegen Nichtzust&auml;ndigkeit der 13. Kammer der Bundesjustiz in Curitiba, unter Vorsitz des ehemaligen Richters und Jair Bolsonaros Justizministers S&eacute;rgio Moro, mit sofortiger Wirkung aufgehoben. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2034\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-70983-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210324-Brasiliens-Justizfarce-Lavajato-ist-tot-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210324-Brasiliens-Justizfarce-Lavajato-ist-tot-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210324-Brasiliens-Justizfarce-Lavajato-ist-tot-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210324-Brasiliens-Justizfarce-Lavajato-ist-tot-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=70983-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210324-Brasiliens-Justizfarce-Lavajato-ist-tot-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210324-Brasiliens-Justizfarce-Lavajato-ist-tot-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Nachricht hatte am Internationalen Frauentag das Zeug f&uuml;r eine <a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/news\/articles\/2021-03-08\/brazil-top-court-judge-annuls-lula-s-carwash-convictions\">&bdquo;Bombe&ldquo; in den Schlagzeilen<\/a> der internationalen Medien. Die Sensation fand auch Niederschlag in den sogenannten deutschen Leitmedien wie der <em><a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/amerika\/brasilien-lula-korruption-103.html\">Tagesschau<\/a><\/em>. Allerdings, keiner der deutschen Kurzberichte signalisierte ein Angebot an gr&uuml;ndlicher Recherche oder R&uuml;ckblick auf die politischen Zusammenh&auml;nge. Zum Beispiel &uuml;ber den mehrfach von den NachDenkSeiten in den vergangenen Jahren beleuchteten, gesetzwidrigen bis kriminellen, als Lawfare bekannten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52456\">Justizkrieg der Einsatzgruppe <em>Lavajato<\/em><\/a>, der 2014 in Brasilien seinen Anfang hatte und sich bis 2020 auf Argentinien, Peru und Ecuador ausdehnte.<\/p><p>Mit dem Titel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48692\">&bdquo;Der Aufstieg des Karrieristen zum Geburtshelfer Bolsonaros&ldquo;<\/a> widmeten die NachDenkSeiten bereits im Januar 2019 dem vom internationalen Mainstream &ndash; darunter der <em><a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/richter-sergio-moro-aus-brasilien-spricht-im-interview-14582299.html\">Frankfurter Allgemeinen Zeitung<\/a><\/em> &ndash; als &bdquo;Held der Korruptionsbek&auml;mpfung&ldquo; gefeierten Ex-Richter Moro ein zweiteiliges Dossier. Mit zuverl&auml;ssigen Quellen dokumentierte der Zweiteiler, wie der brasilianische Jurist w&auml;hrend der Regierung Barack Obama\/Joe Biden vom Au&szlig;en- und Justizministerium der USA aufgebaut und zur Destabilisierung des Rechtsstaates und zur Zerst&ouml;rung der brasilianischen Schwerindustrie in Brasilien eingesetzt wurde. Hintergr&uuml;nde, die kaum von deutschen Leitmedien wahrgenommen wurden und deren verborgene Absichten der Urteils-Annullierung sie auch jetzt den deutschen Lesern schuldig bleiben; die weniger den Altpr&auml;sidenten Lula als vielmehr seinen Scharfrichter Moro rechtlich beg&uuml;nstigen sollen, der seit dem vergangenen 9. M&auml;rz nun <a href=\"https:\/\/brasil.elpais.com\/brasil\/2021-03-09\/suspeicao-de-moro-se-supremo-concluir-que-ex-juiz-foi-parcial-provas-de-processos-contra-lula-podem-ser-anuladas.html\">selbst am Pranger der Justiz<\/a> steht.<\/p><p><strong>Der &bdquo;Faktor Lula&ldquo;: Justizintrige und Milit&auml;rputsch-Androhung mit Wende in der Corona-Krise<\/strong><\/p><p>Dass die NachDenkSeiten erst knapp zwei Wochen nach der Urteilsannullierung den Fall aufgreifen, hat gewichtige Gr&uuml;nde. Zum einen lassen die Folge-Ereignisse eine beachtliche Justiz- und Milit&auml;rintrige hinter dem angeblichen &bdquo;Freispruch&ldquo; Lulas erkennen. Nicht nur wurde hinter den Kulissen eine Art <a href=\"https:\/\/www1.folha.uol.com.br\/colunas\/monicabergamo\/2021\/03\/decisao-de-fachin-beneficia-mais-moro-do-que-lula-diz-presidente-da-oab.shtml\">&bdquo;Unternehmen rettet Moro&ldquo;<\/a> aktiviert, sondern rechtsradikale Gener&auml;le drohten aus Protest gegen die Gerichtsentscheidung erneut mit einem Milit&auml;rputsch. Zum anderen erh&auml;rteten <a href=\"https:\/\/www.brasil247.com\/brasil\/lava-jato-elaborou-projeto-politico-com-a-transparencia-internacional-o-tempo-ate-as-eleicoes-e-curto-diz-deltan\">neue Leaks<\/a> &uuml;ber das &bdquo;Unternehmen Autowaschanlage&ldquo; die Annahme, dass die in Berlin ans&auml;ssige &ndash; von EU-Regierungen, dem CIA-nahen National Endowment for Democracy (NED) und der George-Soros-Stiftung Open Society finanzierte &ndash; Organisation Transparency International mit unzul&auml;ssigen Verhandlungen &uuml;ber milliardenschwere Betr&auml;ge und der parteipolitischen Beratung f&uuml;r die Pr&auml;sidentschaftswahlen von 2018 tief in den Justizskandal um das &bdquo;Unternehmen Autowaschanlage&ldquo; involviert ist und sich gesetzeswidrig in die inneren Angelegenheiten Brasiliens einmischte.<\/p><p>W&auml;hrenddessen haben sich internationale und alternative Medien in Brasilien auf den &bdquo;Kandidaten Lula&ldquo; eingeschossen. Mit der Urteils-Annullierung hat der Ex-Pr&auml;sident vorl&auml;ufig seine politischen Grundrechte zur&uuml;ckerobert, die gerichtlich bis zum Jahr 2035 au&szlig;er Kraft gesetzt waren. Mit einem mehr als <a href=\"https:\/\/www.poder360.com.br\/poderdata\/lula-e-ciro-venceriam-bolsonaro-no-2o-turno-diz-poderdata\/\">5-prozentigen Vorsprung<\/a> gegen&uuml;ber einem eventuell zur Wiederwahl antretenden Jair Bolsonaro wird der zweimalige Ex-Staatschef bereits als potenzieller Pr&auml;sidentschaftskandidat f&uuml;r die geplanten Wahlen vom Oktober 2022 gehandelt. Mit einer k&auml;mpferischen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=JcLFNYO_kQ4\">Mischung aus Pressekonferenz und Ansprache<\/a> schien Lula am vergangenen 10. M&auml;rz die politische B&uuml;hne wiederbetreten zu haben.<\/p><p>Ja, mit seiner scharfen Kritik an der katastrophalen Misswirtschaft und der schrecklichen Covid-Todesbilanz Bolsonaros (mehr als 290.000 Tote, Stand: 20.03.2021), seiner Forderung nach Covid-Impfstoffen &ndash; deren Lieferung er in den Folgetagen pers&ouml;nlich mit den Regierungen Chinas und Russlands aushandelte und sich Hilfeleistung der US-Regierung erbat &ndash; sowie seinem Wink nach einer &bdquo;breiten Allianz&ldquo;, unter Einschluss der politischen Mitte-Rechts-Kr&auml;fte, schien Lula pl&ouml;tzlich das Machtvakuum auszuf&uuml;llen und den eigentlichen Staatschef im Lande zu markieren. Der Auftritt hatte ungeahnte Folgen. Im Handumdrehen tauschte Bolsonaro seinen dritten durch einen <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/pt-br\/o-que-esperar-do-novo-ministro-da-sa%C3%BAde\/a-56907618\">vierten, allerdings zivilen Gesundheitsminister<\/a> aus, erschien in der &Ouml;ffentlichkeit ausnahmsweise mit Schutzmaske und &ndash; wie &uuml;blich eine freilich inszenierte Farce &ndash; als nicht wiedererkennbarer Bef&uuml;rworter der von ihm seit Monaten bek&auml;mpften Massenimpfung gegen Covid-19.<\/p><p>Seitdem wetteifern internationale Medien um ein Lula-Interview. &bdquo;EXCLUSIVE: Will @LulaOficial run for president of Brazil again?&ldquo;, twitterte die britische Journalistin iranischer Herkunft, Christiane Amanpour, und strahlte am 18. M&auml;rz ein 20 Minuten langes <a href=\"https:\/\/twitter.com\/camanpour\/status\/1372276364850696193\">Interview mit Lula auf dem US-Sender CNN<\/a> aus. In einem Ausschnitt davon erkl&auml;rt der legend&auml;re Politiker s&uuml;ffisant: &bdquo;Wenn meine Partei und die anderen verb&uuml;ndeten Parteien der Meinung sind, dass ich der Kandidat sein k&ouml;nnte, und wenn es mir gesundheitlich gut geht, &hellip; kann ich Ihnen versichern, dass ich diese Einladung nicht ablehnen werde&ldquo;. Sicherlich kann man sich fragen, hat denn Brasilien keine anderen, dringenderen Sorgen, ist es denn nicht ein bisschen zu fr&uuml;h, eine Pr&auml;sidentschafts-Kandidatur mehr als 1&frac12; Jahre vor dem geplanten Wahltermin ins Gespr&auml;ch zu bringen?<\/p><p>Es ist wahrhaftig zu fr&uuml;h, doch Brasilien wird von einem <em>Desgoverno<\/em>, also der &bdquo;Regierungslosigkeit&ldquo; beherrscht &ndash; eine Szenerie des Massentodes, der Entmenschlichung und sozialen Verw&uuml;stung, in der die gleicherma&szlig;en charismatische und pro-aktive Pers&ouml;nlichkeit Lulas f&uuml;r Millionen Menschen Trost ausstrahlt und Hoffnungen wiedererweckt. Doch trotz aller Erleichterungs-Seufzer und Erwartungen erheben sich &ndash; vom Oberkommando der Streitkr&auml;fte bis hinein in den rechtsradikal unterwanderten Justizapparat &ndash; bereits massive Widerst&auml;nde gegen die blo&szlig;e Hypothese einer erneuten Pr&auml;sidentschafts-Kandidatur Lulas. Darauf angesprochen, <a href=\"https:\/\/www.brasil247.com\/brasil\/irritado-bolsonaro-comenta-o-caso-lula-e-ameaca-com-ditadura\">drohte Bolsonaro<\/a> erneut mit einer Diktatur.<\/p><p><strong>Richter Fachins Doppelspiel<\/strong><\/p><p>Seit der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38162\">offiziellen Anklage gegen Lula im Mai 2017<\/a> dokumentierten und kommentierten die NachDenkSeiten in mehrfachen Ausgaben die verschiedenen Vorw&uuml;rfe gegen Lula und deren <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42048\">politisch motivierte Best&auml;tigung durch das Berufungsgericht TRF4<\/a> im s&uuml;dbrasilianischen Porto Alegre. Im Laufe der vergangenen drei Jahre wurde der Altpr&auml;sident allerdings von vier der insgesamt neun Anklagen &ndash; wovon vier kein Ermittlungsgegenstand der Einsatzgruppe Lavajato sind &ndash; freigesprochen. Mit dem <a href=\"https:\/\/g1.globo.com\/politica\/noticia\/2021\/03\/08\/leia-a-integra-da-nota-de-fachin-sobre-a-anulacao-das-condenacoes-do-ex-presidente-lula.ghtml\">Beschluss Richter Fachins<\/a>, dass die 13. Kammer der Bundesjustiz in Curitiba nicht das zust&auml;ndige Gericht gewesen sei, sind Anklageerhebung und Verurteilung Lulas zu 9,5 Jahren Haft &ndash; beziehungsweise zu 12 Jahren durch das Berufungsgericht TRF4 &ndash; aufgehoben. Sie betreffen die falsche Anklage, der Ex-Pr&auml;sident habe wegen Beg&uuml;nstigung des Baukonzerns OAS ein Penthouse im Strandort Guaruj&aacute; erhalten. In drei weiteren Kernvorw&uuml;rfen wird behauptet, Lula sei auch Eigent&uuml;mer eines Wochenend-Ressorts in Atibaia bei Sao Paulo, sein Institut Lula habe illegale Spenden und er selbst illegale Vortragshonorare erhalten.<\/p><p>Doch Richter Fachins Erkl&auml;rung, mit der Annullierung der Gerichtszust&auml;ndigkeit habe er einem Habeas-Corpus-Antrag von Lulas Verteidigern vom 3. November 2020 nachgegeben, entbehrt nicht nur der Aktualit&auml;t, sondern vor allem der Seriosit&auml;t. Der erste Rechtsakt gegen den Zust&auml;ndigkeitsanspruch von Richter S&eacute;rgio Moro wurde von Lulas Hauptverteidigern Cristiano Zanin und Valeska Teixeira bereits im Jahr 2016 an das STF gestellt, jedoch dort mehrfach <a href=\"https:\/\/www.redebrasilatual.com.br\/politica\/2021\/03\/decisao-afirma-incompetencia-da-justica-federal-de-curitiba-diz-defesa-lula\/\">von verschiedenen Richtern verworfen<\/a>. H&auml;tte der Richter in 1. Instanz, S&eacute;rgio Moro, die Causa Lula dem im STF daf&uuml;r zust&auml;ndigen Richter Teori Zavascki nicht streitig gemacht, h&auml;tte der Fall eine positive Wende genommen.<\/p><p>Doch Richter Zavascki kam bei einem <a href=\"https:\/\/www.publico.pt\/2017\/01\/19\/mundo\/noticia\/relator-do-lava-jato-estava-na-lista-de-passageiros-de-aviao-que-se-despenhou-1758987\">bis heute unaufgekl&auml;rten Flugzeugabsturz<\/a> im Januar 2017 ums Leben und der mit den Ermittlungen &uuml;ber den Absturz beauftragte Polizei-Kommissar Adriano Ant&ocirc;nio Soares wurde im September des gleichen Jahres w&auml;hrend eines angeblichen Kneipenstreits <a href=\"https:\/\/ultimosegundo.ig.com.br\/politica\/2017-05-31\/teori-zavascki.html\">von Kollegen erschossen<\/a>. Kausalzusammenh&auml;nge wurden bestritten, doch berechtigte Mutma&szlig;ungen &uuml;ber die beiden Todesf&auml;lle niemals ausger&auml;umt. Jedenfalls beruhte Moros Zust&auml;ndigkeitsanspruch auf der falschen Zuordnung, Lula sei in die Korruptionsaff&auml;re um den Erd&ouml;lkonzern Petrobras verwickelt, was niemals stimmte und von dem Richter selbst <a href=\"https:\/\/reinaldoazevedo.blogosfera.uol.com.br\/2017\/07\/19\/xiii-moro-escorrega-e-admite-que-a-sentenca-que-condenou-lula-nao-tem-como-base-a-denuncia-do-mpf\/\">bereits 2017 zugegeben<\/a> wurde. Mit anderen Worten: H&auml;tte das Hohe Gericht sich der Sache angenommen, w&auml;re der Altpr&auml;sident nicht mit mangelhaften Beweisen verurteilt und wahrscheinlich gar nicht hinter Gittern gebracht worden.<\/p><p><strong>&bdquo;Der gr&ouml;&szlig;te Justizskandal aller Zeiten&ldquo;: Richter Mendes und der Machtdisput im Hohen Gericht<\/strong><\/p><p>Edson Fachin ist einer der von demokratischen Juristen als katastrophal und deshalb emblematisch bezeichneten F&auml;lle von Richter-Fehlnominierungen durch die Regierungen Lula da Silva und Dilma Rousseff. Als ehemaliger Sympathisant der Bewegung der Landlosen (MST) entpuppte sich der s&uuml;dbrasilianische Jurist alsbald als Verb&uuml;ndeter S&eacute;rgio Moros und der Einsatzgruppe <em>Lavajato<\/em> im Hohen Gericht und schmetterte als Nachfolger des toten Kollegen Teori Zavascki seit Ende 2017 s&auml;mtliche Antr&auml;ge von Lulas Verteidigung ab. Mit seiner j&uuml;ngsten Amtshandlung &ndash; der Annullierung von Moros Zust&auml;ndigkeit &ndash; t&uuml;ftelte Fachin allerdings eine politische Falle aus. Sie sollte einem anderen Antrag der Verteidigung Lulas &ndash; n&auml;mlich der Untersuchung der Befangenheit Moros &ndash; den Wind aus den Segeln nehmen.<\/p><p>Doch damit griff Fachin in die Zust&auml;ndigkeit seines STF-Kollegen und in Heidelberg promovierten Richters Gilmar Mendes ein, dem als Vorsitzenden eines STF-Spruchk&ouml;rpers ebenso seit Dezember 2018 wiederholte Befangenheits-Antr&auml;ge von Lulas Verteidigung vorliegen, deren Abstimmungen jedoch seitdem sabotiert und vertagt wurden. Mendes erkannte sehr rasch das Doppelspiel Fachins und ordnete bereits einen Tag nach der Urteils-Annullierung eine Tagung des von ihm koordinierten Spruchk&ouml;rpers zum Vorgehen S&eacute;rgio Moros an. Minuten vor Beginn der Sitzung forderte Fachin den Pr&auml;sidenten des Gerichtshofs, Richter Luiz Fux, auf, die Abstimmung zu verschieben und dem STF-Plenum zu &uuml;bertragen. Fux wies den Antrag ab und gab Mendes gr&uuml;nes Licht. Dieser hielt eine nahezu zweist&uuml;ndige Begr&uuml;ndungsrede f&uuml;r seine Stimmenabgabe und <a href=\"https:\/\/www.poder360.com.br\/justica\/gilmar-mendes-diz-que-lava-jato-e-o-maior-escandalo-judicial-da-historia\/\">zog vom Leder<\/a>. &bdquo;Entweder haben wir es hier mit einem phantastischen Werk der Literatur zu tun, das den Nobelpreis verdient, oder &ndash; wie es die New York Times bezeichnete &ndash; es handelt sich in der Tat um den gr&ouml;&szlig;ten Justizskandal der Menschheitsgeschichte!&ldquo;.<\/p><p>Den hohen Richtern Mendes und Ricardo Lewandowski gelang gerade noch ihre Stimmenabgabe und die Erkl&auml;rung, Moro sei befangen und s&auml;mtliche Urteile null und nichtig, als Tagung und Abstimmung noch einmal unterbrochen und vertagt wurden; diesmal durch den k&uuml;rzlich von Jair Bolsonaro zum STF nominierten Richter Kassio Nunes, der Einsicht in die Prozessunterlagen verlangte. Wie lange Nunes&lsquo; Einsicht dauern wird, wei&szlig; kein Wahrsager, wissen nur die G&ouml;tter. Richter Fachin stimmte dagegen, Richterin Carmen L&uacute;cia will auf Nunes&lsquo; Reaktion warten und erst dann ihre Stimme abgeben. Also steht das vorl&auml;ufige Ergebnis 2:1. Zur gerichtlichen Feststellung von Moros Befangenheit braucht Richter Mendes jedoch mindestens drei der f&uuml;nf Stimmen. Nun richten sich alle Blicke auf Kassio Nunes und auf den Kalender.<\/p><p>Die Spannung w&auml;chst. Der rechtsextrem unterwanderte Justizapparat f&uuml;hlt sich gegen die Wand gedr&uuml;ckt und reagierte mit einer Unterschriftenliste von <a href=\"https:\/\/oglobo.globo.com\/brasil\/em-manifesto-mais-de-mil-integrantes-do-ministerio-publico-criticam-gilmar-lewandowski-apoiam-lava-jato-24924838\">1.000 mit Moro solidarischen Staatsanw&auml;lten<\/a>. Die Initiative war eine Reaktion auf den Offenen Brief von mehr als 300 brasilianischen Juristen, Politikern und weltbekannten K&uuml;nstlern wie Chico Buarque, die vom STF-Vorsitzenden die umgehende <a href=\"https:\/\/www.brasildefato.com.br\/2021\/03\/09\/carta-aberta-pressiona-stf-pelo-julgamento-da-suspeicao-de-moro\">Anklage und Verurteilung S&eacute;rgio Moros verlangten<\/a>, einer Forderung, der sich wenige Tage sp&auml;ter sieben ehemalige Justizminister <a href=\"https:\/\/www.brasildefato.com.br\/2021\/03\/11\/sete-ex-ministros-da-justica-assinam-manifesto-a-favor-da-suspeicao-de-moro-pelo-stf\">mit einem Manifest<\/a> anschlossen.<\/p><p>Sodann setzte Richter Juiz Luiz Antonio Bonat, Moros Nachfolger in der 13. Kammer der Bundesjustiz in Curitiba, die dort &uuml;blichen Vergeltungsakte fort. Protokollarisch &uuml;berreichte er zwar s&auml;mtliche Prozessunterlagen der Causa Lula einem Bundesgericht in Brasilia, blockierte aber weiterhin &ndash; illegal &ndash; Lulas beschlagnahmtes Verm&ouml;gen. In der aufgef&uuml;hrten Liste leistete sich Bonat <a href=\"https:\/\/www.poder360.com.br\/lava-jato\/juiz-da-lava-jato-manda-casos-de-lula-a-brasilia-e-mantem-bloqueio-de-bens\/\">eine l&auml;cherliche Provokation<\/a> mit der Auff&uuml;hrung des von Lula niemals besessenen Penthouses im Strandort Guaruj&aacute;, wof&uuml;r Moro den Ex-Pr&auml;sidenten zu 9,5 Jahren Haft verurteilt hatte und 580 Tage und N&auml;chte hinter Gittern schmoren lie&szlig;.<\/p><p><strong>Der Aufbau eines parallelen Staates durch S&eacute;rgio Moro und Einsatzgruppe Lavajato<\/strong><\/p><p>Ergebnislose Ermittlungen, sodann Unterstellungen, Einschaltung der Medien, Rufmord, nicht benachrichtigte Vorladung mit 300 schwerbewaffneten Polizisten, Hausdurchsuchung, illegale Abf&uuml;hrung, Abh&ouml;rung privater Familiengespr&auml;che, eine Kaskade haneb&uuml;chener Anschuldigungen, Schauprozess und Aburteilung mit der Zugabe, keine Beweise gefunden zu haben, dennoch Verhaftung und Einkerkerung. Davor, w&auml;hrenddessen und danach f&uuml;hren Richter und Staatsanwaltschaft tausende Gespr&auml;che auf der Text-App Telegram. Ein Teil der Gespr&auml;che dokumentiert einwandfrei, dass die Einsatzgruppe keine Beweise gegen den Ex-Staatspr&auml;sidenten besa&szlig;, danach lechzte, nichts fand, jedoch eine Menge <em>erfand<\/em>. Ein anderer Teil erschaudert jeden rechtsstaatlich orientierten Juristen mit der Erkenntnis, dass nicht etwa die Staatsanw&auml;lte &ndash; alles junge, maximal drei&szlig;igj&auml;hrige Aufsteiger oder Spr&ouml;sslinge der Oberschicht &ndash; sondern S&eacute;rgio Moro, das richterliche Unabh&auml;ngigkeitsmandat verletzend, die Einsatzgruppe kommandierte. Mit Hinweisen, Anordnungen und Koordination.<\/p><p>Doch es blieb nicht dabei. Richter und Staatsanw&auml;lte am&uuml;sierten sich &uuml;ber Lulas Verhaftung, w&uuml;nschten den Absturz der Maschine, die ihn nach Curitiba fliegt. Einsatzgruppenleiter Deltan Dallagnol <a href=\"https:\/\/www.conjur.com.br\/2021-fev-08\/deltan-disse-prisao-lula-presente-cia\">witzelt in einem Gespr&auml;ch<\/a>, die Verhaftung des Ex-Pr&auml;sidenten sei dem CIA zu verdanken. Sodann werden die Telegram-Schwatzer pers&ouml;nlich &ndash; und beleidigend. Sie machen sich lustig &uuml;ber den Tod von Lulas Ehefrau Marisa, seines Enkels und seines Bruders w&auml;hrend der Haftzeit. Sie kokettieren mit dem US Department of Justice, laden FBI-Beamte ohne Erlaubnis der Generalstaatsanwaltschaft und des STF <a href=\"https:\/\/apublica.org\/2020\/05\/no-ministerio-da-justica-sergio-moro-abriu-as-portas-para-o-fbi\/\">nach Curitiba ein<\/a>.<\/p><p>Die Verhaftung Lulas, so die Telegram-Gespr&auml;che, war ein &bdquo;muss sein&ldquo; S&eacute;rgio Moros. Doch auch Dutzende anderer Angeklagter erfuhren &auml;hnliche Dem&uuml;tigungen und an einen Polizeistaat grenzende Grundrechtsverletzungen. Sie wurden mehrfach verh&ouml;rt, unter Druck gesetzt, mit hohen Haftstrafen bedroht, in Isolierhaft gesteckt; es sei denn, sie verrieten ihren Schergen Namen Dritter, die diese h&ouml;ren wollten, die aber nichts bewiesen. So die Aussage Leo Pinheiros gegen Lula, der zwei vorherige Aussagen widerrief und somit seine Haftstrafe um 4\/5 herabgesetzt bekam. Schweres illegales Vorgehen gegen die Angeklagten, das Gesetz und den Rechtsstaat.<\/p><p><strong>Der neue &bdquo;Nationalheld&ldquo;: Hacker Walter Delgatti Neto<\/strong><\/p><p>Als Richter des STF &ndash; wie dessen ehemaliger Vorsitzender Dias Toffoli und Kollege Gilmar Mendes &ndash; vom kriminellen Vorgehen der angeblichen &bdquo;Korruptionsbek&auml;mpfer&rdquo; erfuhren und aufbegehrten, schwor die Gruppe um Moro und Staatsanwalt Dallagnol Rache und plante die Verhaftung beider Mitglieder des Hohen Gerichts mit dem erlogenen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=edjznNDHf74\">Vorwurf der &bdquo;Korruption&ldquo;<\/a>. Kriminell, aber immer noch nicht genug, bem&uuml;hten sich die Justizgangster um die Unterschlagung von 853 Millionen US-Dollar, auf die das Dept. of Justice in einer Mammutklage gegen Petrobras in den USA als Strafzahlung verzichten und der brasilianischen Justiz &uuml;bereignen wollte. Da schaltete sich Einsatzgruppenleiter Dallagnol ein, der saftige Batzen Geld solle f&uuml;r undurchsichtige &bdquo;Korruptionsbek&auml;mfungs-Programme&ldquo; bereitgestellt, also von den jungen Herren in Curitiba unbeaufsichtigt kontrolliert werden. Ein Versuch, den die Generalstaatsanwaltschaft im Handumdrehen vereitelt und das Geld angeblich <a href=\"https:\/\/www.conjur.com.br\/2021-mar-09\/deltan-dinheiro-petrobras-fosse-eua\">f&uuml;r Umweltschutzma&szlig;nahmen umdirigiert<\/a> hat.<\/p><p>Was weder Moro noch Dallagnol und die Schar der Telegram-Schwatzer ahnten, war, dass ihre chiffrierten Gespr&auml;che, oft als Audio, von einem Amateur-Hacker mitgeschnitten wurden, und bereits 2019 zum gro&szlig;en Teil <a href=\"https:\/\/theintercept.com\/series\/mensagens-lava-jato\/\">in der brasilianischen Ausgabe der Nachrichtenplattform <em>The Intercept<\/em><\/a> ohne Quellennennung erschienen und den gr&ouml;&szlig;ten Justizskandal aller Zeiten ausl&ouml;sten. Der nicht geladene &bdquo;Gast&ldquo; der Geheimgespr&auml;che hie&szlig; Walter Delgatti Neto, ein 31-j&auml;hriger, wegen angeblichem Drogenhandel mehrfach angeklagter Jura-Student aus der Provinzstadt Araraquara und neben Lula einer der zurzeit begehrtesten Interview-Stars, auch der Mainstream-Medien.<\/p><p>Delgatti <a href=\"https:\/\/veja.abril.com.br\/politica\/eu-era-fa-da-lava-jato-diz-hacker-que-vazou-mensagens-de-moro\/\">erkl&auml;rte indes &uuml;berzeugend<\/a>, er sei ein Bewunderer der Lavajato-Ermittlungen gewesen, habe das Telegram-Passwort Deltan Dallagnols herausgefunden und sei zun&auml;chst in seine Seite eingebrochen, um sich nach einem Vortrag an einer Universit&auml;t in Ribeir&atilde;o Preto zu &bdquo;erkundigen&ldquo;. Beim Einloggen habe er festgestellt, dass der Staatsanwalt seine Dateien nicht l&ouml;schte und hat sich in dessen Gespr&auml;che eingelesen. &bdquo;Ich war ein Fan. Aber sobald ich die Manipulation dieser Leute verstanden hatte, f&uuml;hlte ich mich betrogen. Ich habe gesehen, dass das Unternehmen Autowaschanlage alles andere als legal, also hochpolitisch ausgerichtet ist&ldquo;.<\/p><p>Als Folge der Intercept-Ver&ouml;ffentlichungen wurde Delgatti noch im Jahr 2019 auf Befehl S&eacute;rgio Moros w&auml;hrend einer &bdquo;Operation Spoofing&ldquo; verhaftet. Der Name sollte andeuten, Delgatti habe die Telegram-Gespr&auml;che zum Zweck der Diffamierung &bdquo;erfunden&ldquo;, also &bdquo;falsche Nachrichten&ldquo; (spoofing) in die Welt gesetzt. Nach rund 14 Monaten Untersuchungshaft veranlasste die Justiz im Oktober 2020 seine Freilassung, doch Delgatti darf weder ein Mobiltelefon besitzen noch das Internet benutzen; eine Isolierung, die durch die Covid-19-Ma&szlig;nahmen seinem bescheidenen Leben im Hause seiner Gro&szlig;mutter in der Kleinstadt Araraquara nahezu unertr&auml;gliche Grenzen setzte. Dies soll nun mit der Androhung seiner Wiederinhaftierung nach zahlreichen Interviews versch&auml;rft werden. Doch der junge Mann f&uuml;hlt sich nach wie vor von einer gewissen Euphorie angespornt, wenn er sich als &bdquo;Hauptfigur&ldquo; des Untergangs S&eacute;rgio Moros und der Bande der Staatsanw&auml;lte in den Titelgeschichten der Medien wiedererkennt.<\/p><p>So viel ist klar: Richter Moro verlor den Rest seines Ansehens als Justizminister des Faschisten Bolsonaro und Einsatzgruppenleiter Dallagnol verlor seinen Posten. Unternehmen Lavajato ist tot. Hacker Delgatti Neto versp&uuml;rte deshalb am vergangenen 9. M&auml;rz einen besonderen Grund zur Freude. Da sagte der Hohe Richter Gilmar Mendes: &bdquo;Wenn die (Telegram-)Dialoge erfunden sein sollten, m&uuml;sste der Hacker aus Araraquara ein bemerkenswerter Autor der Fiktion sein, der all dies geschrieben haben soll!&ldquo;<\/p><p>Richter Mendes stellte die These auf, Moro und die Einsatzgruppe Lavajato verfolgten ein unmissverst&auml;ndliches &bdquo;Machtprojekt&ldquo;, das ebenso von Lulas Hauptverteidiger Cristiano Zanin im <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/pt-br\/lava-jato-envolveu-projeto-de-poder-e-isso-est%C3%A1-documentado\/a-56938280\">Interview mit der Deutschen Welle<\/a> best&auml;tigt wurde. &bdquo;Es ist klar ersichtlich, dass der Richter (Sergio Moro) die Auswirkungen der (Anm.: negativen) Berichterstattung &uuml;ber die Angeklagten manipulierte und moderierte. Die M&ouml;glichkeit, zu provozieren und nicht darauf zu warten, Beweise in der Hand zu haben, stellte sicher, dass der Richter an der Spitze eines Narrativs stand, das in der Ausgeburt eines echten Machtprojekts gipfelte. Sein Ziel war die politische Delegitimierung der Arbeiterpartei, insbesondere des ehemaligen Pr&auml;sidenten Luis In&aacute;cio Lula da Silva, um seine Wahlabsichten zu sabotieren&ldquo;, betonte Mendes. Und wies darauf hin, er behaupte das &bdquo;mit gr&ouml;&szlig;ter Gelassenheit&ldquo;, weil er nicht von der PT zum STF nominiert und als &bdquo;eine Art Gegner einiger PT-Praktiken&ldquo; angesehen wurde. Seine Warnung: &bdquo;Demokratie erfordert Opposition, Widrigkeiten, aber sie &hellip; darf kein Feindbild tolerieren. Wer heute zur Opposition geh&ouml;rt, kann morgen an der Macht sein&ldquo;. Diesen Worten folgte Mendes&lsquo; mutiger Nekrolog zur Beerdigung von Unternehmen Lavajato: &bdquo;Diese falschen Helden werden die Friedh&ouml;fe f&uuml;llen. Das Leben geht weiter. Das R&eacute;sum&eacute; der Oper lautet: Sie bek&auml;mpfen Verbrechen nicht, indem Sie Verbrechen begehen&ldquo;.<\/p><p>Moro, &bdquo;seine&ldquo; Staatsanw&auml;lte und ihr <em>Lawfare<\/em> genannter Justiz-Feldzug gegen Lula und die Partei der Arbeiter (PT) h&auml;tte jedoch ohne mediale Propaganda nicht existiert. In der sogenannten &bdquo;hybriden Kriegsf&uuml;hrung&ldquo; spielt die &bdquo;mediale Front&ldquo; eine zentrale Rolle bei der Erzeugung des Rufmords, der Fake News und der psychologischen Zerm&uuml;rbung des &bdquo;Feindes&ldquo;. Diese Rolle &uuml;bernahm die Mediengruppe <em>O Globo<\/em> mit ihrer Hofierung der brasilianischen &bdquo;Korruptionsbek&auml;mpfer&ldquo;. Erstaunlich ist allerdings Richter Mendes&lsquo; Zivilcourage mit Kritik an den Medien, die bisher kein einziger seiner Kollegen im Hohen Gericht so deutlich vortrug. Bereits Ende 2019 nahm Gilmar Mendes Stellung zu dem Ph&auml;nomen, das er &bdquo;militanten Lavajatismus&ldquo; &ndash; also Propaganda f&uuml;r S&eacute;rgio Moro &ndash; nannte, und erkl&auml;rte <a href=\"https:\/\/brasil.elpais.com\/brasil\/2019\/10\/24\/politica\/1571944278_725688.html\">gegen&uuml;ber der spanischen Tageszeitung <em>El Pa&iacute;s<\/em><\/a>: &bdquo;Ich habe dem Globo Network gerade ein Interview gegeben und dort haben sie mich gefragt, &acute;Glauben Sie nicht, Sie haben Angriffe (Anm.: auf die Medien) verursacht, die Sie auf der Stra&szlig;e erlitten haben?&acute;. Ich antwortete, nein, ich habe sie nicht verursacht &ndash; Sie haben es getan, Sie sind die Urheber. Ich stehe seit letztem Jahr mit Globo im Dialog und sagte im scherzhaften Ton zu (Anm.: dem Globo-Kolumnisten) Ali Kamel: &acute;Wenn meine Frau Witwe wird, kann sie m&ouml;glicherweise eine Klage gegen Sie einreichen, weil Ihr diesen Kampagnen-Journalismus in die Welt gesetzt habt&acute;&ldquo;. &bdquo;Ihr habt falsche Helden erschaffen!&ldquo;, protestierte Mendes auch <a href=\"https:\/\/www.brasildefato.com.br\/2019\/10\/08\/gilmar-mendes-ataca-conluio-entre-imprensa-e-lava-jato-voces-criaram-falsos-herois\">in einer Fernsehdebatte<\/a> von Ende Oktober 2019 vor erstaunten und versch&auml;mten Journalisten.<\/p><p>Dr. Gilmar Mendes, ein in den Obersten Gerichtshof &bdquo;eingeschleuster Agent von Lulas PT&ldquo;? Eine lachhafte Verschw&ouml;rungstheorie, doch so wurde sie von Moro et al. oft gemutma&szlig;t. Aber mitnichten. Mendes war es, der mehr als einmal die Einw&auml;nde von Lulas Verteidigern an das Hohe Gericht an Moros 13. Kammer umleitete und der Nicht-Zust&auml;ndigkeit des Scharfrichters im US-Auftrag in die H&auml;nde spielte. Und Mendes war es, der genau vor f&uuml;nf Jahren im M&auml;rz 2016 in einer Nacht-und-Nebelaktion die Nominierung Lulas <a href=\"http:\/\/g1.globo.com\/politica\/noticia\/2016\/03\/gilmar-mendes-suspende-nomeacao-de-lula-como-ministro-da-casa-civil.html\">zum Kabinettschef von Pr&auml;sidentin Dilma Rousseff vereitelte<\/a>. Lange davor schon galt der Jurist im Talar allerdings als ausgemachter &bdquo;Feind der PT im Hohen Gericht&ldquo;.<\/p><p>Doch drei Jahre sp&auml;ter ereignete sich &bdquo;VazaJato&ldquo;, der Delgatti-The-Intercept-Mammutleak, der den Juristen &bdquo;umhaute&ldquo; und ihn zu einem der letzten &bdquo;Garanten&ldquo; oder Rechtsstaat-Legalisten im Brasilien Jair Bolsonaros mutieren lie&szlig;. Wortgewandt, belesen und von seltenem Richter-Mut angetrieben prangerte Mendes in den j&uuml;ngsten Jahren nicht allein die Rolle der Medien, sondern auch die Einflussnahme neoliberaler Think Tanks und NGOs wie der deutschen Transparency International an, die mit Moros Lawfare an einem regelrechten finanziellen und politischen Komplott gegen die Restbest&auml;nde der Demokratie in Brasilien gestrickt hat. Was Mendes zu der Warnung veranlasste, &bdquo;die OECD soll uns helfen, Korruption zu bek&auml;mpfen, anstatt Staatsfunktion&auml;re zu korrumpieren.&ldquo; Im Juli 2020 waren Mendes und Transparency &ouml;ffentlich aneinander geraten, als die umstrittene Berliner NGO die Weitergabe ihrer Geheimgespr&auml;che mit Staatsanwalt Dallagnol an den Generalstaatsanwalt <a href=\"https:\/\/www.poder360.com.br\/justica\/transparencia-internacional-critica-e-gilmar-defende-decisao-de-toffoli\/\">zu verhindern versuchte<\/a>.<\/p><p><strong>Berliner Transparency International ber&auml;t kriminelle Staatsanwaltschaft und interveniert in brasilianische Innenpolitik<\/strong><\/p><p>Gespr&auml;che in der Telegram-App, die zwischen Staatsanwalt Deltan Dallagnol und Bruno Brand&atilde;o &ndash; Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des brasilianischen B&uuml;ros von Transparency International &ndash; ausgetauscht, an Intercept Brasil &uuml;bermittelt und von der Justiz untersucht wurden, deuten gerade auf einen Mangel an Transparenz &uuml;ber die Beziehungen zwischen der NGO und Unternehmen Lavajato hin, war als Aufmacher einer umfangreichen Reportage des brasilianischen Investigativ-Portals <em>A P&uacute;blica<\/em> von Mitte September 2020 mit dem Titel <a href=\"https:\/\/apublica.org\/2020\/09\/a-alianca-da-lava-jato-com-a-transparencia-internacional\/\">&bdquo;Das B&uuml;ndnis von Lavajato mit Transparency International&ldquo;<\/a> zu lesen.<\/p><p>&bdquo;Mit weltweiter Glaubw&uuml;rdigkeit im Kampf gegen Korruption hat Transparency International, auch bekannt unter dem Akronym TI, in den letzten Jahren gehandelt, um Lavajato und seine Protagonisten innerhalb und au&szlig;erhalb Brasiliens durch Interviews, Kontakte mit der Presse und &ouml;ffentliche Unterst&uuml;tzung zu verteidigen&ldquo;, erinnerte das Portal. Die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36249\">NachDenkSeiten berichteten<\/a> im Dezember 2016 von einem dieser F&auml;lle, als S&eacute;rgio Moro an der Universit&auml;t Heidelberg einen Vortrag hielt, der von Transparency als Propaganda-Aktion eingef&auml;delt worden war.<\/p><p>Aus den geleakten Telegram-Notizen geht hervor, dass die NGO auf Ersuchen von Staatsanwalt und Lavajato-Einsatzgruppenleiter Dallagnol mehrmals in und au&szlig;erhalb Brasiliens f&uuml;r Lavajato aktiv wurde. Die Chats zeigen, dass Dallagnol eine enge Beziehung zu Bruno Brand&atilde;o pflegte und sich immer dann an ihn wandte, wenn das Image der Einsatzgruppe in Gefahr war oder er sie f&ouml;rdern wollte. Die Chats enth&uuml;llen au&szlig;erdem, dass die NGO Zugang zu einem Vertragsentwurf hatte, der zwischen der Task Force und Petrobras mit Bu&szlig;geldern zur Gr&uuml;ndung einer omin&ouml;sen &bdquo;Stiftung Lavajato&ldquo; unterzeichnet wurde. Transparency empfahl Dallagnol jedoch, dass es kl&uuml;ger w&auml;re, wenn die Staatsanwaltschaft nicht im Vorstand der zig-Dollar-Millionen-schweren Stiftung vertreten sei, um Verdacht abzuwenden; ein teurer Rat, den der eitle Dallagnol jedoch nicht befolgte und damit das Kartenhaus zum Einsturz brachte, als die ehemalige Generalstaatsanw&auml;ltin Raquel Dodge mit einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs (STF) den Deal verhinderte.<\/p><p>Von <em>A P&uacute;blica<\/em> zu einer Stellungnahme gebeten, <a href=\"https:\/\/apublica.org\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/resposta-ap-ago2020-a-alianca-da-lava-jato-com-a-transparencia-internacional.pdf\">erkl&auml;rte Transparency<\/a>, dass Partnerschaft und Zusammenarbeit mit der Lavajato Teile ihrer Arbeit und &bdquo;Mission&ldquo; seien. Die NGO erkl&auml;rte weiterhin, dass sie zur Erf&uuml;llung ihrer Mission &bdquo;systematisch Dialoge f&uuml;hrt und mit &ouml;ffentlichen Vertretern der Zivilgesellschaft, investigativen Journalisten usw. zusammenarbeitet&ldquo; und dass &bdquo;es selbstverst&auml;ndlich (sei), dass sie bei der Erf&uuml;llung ihrer institutionellen Mission eine institutionelle Partnerschaft mit der Staatsanwaltschaft und Zusammenarbeit mit Lavajato sowie mit Greenfield, Amazonia und anderen Task Forces&ldquo; pflege.<\/p><p>Die &bdquo;Stellungnahme&ldquo; verbarg indes die wahren Absichten des korrupten Duos Dallagnol\/ Brand&atilde;o. N&auml;mlich mit dem Know-how der staatlichen Wirtschaftsstiftung Get&uacute;lio Vargas und dem Ziel, eine internationale Compliance-Branche (f&uuml;r die erfolgreiche Vermeidung strafrechtlicher Verst&ouml;&szlig;e, horrender Bu&szlig;gelder und Schadensersatzanspr&uuml;che Dritter) zu gr&uuml;nden, ein Unternehmen namens &bdquo;Lava Jato Global&ldquo; aus der Taufe zu heben. Fast zur gleichen Zeit, als diese &bdquo;Dallagnol-Stiftung&ldquo; mit ihrem Budget von &uuml;ber 800 Millionen US-Dollar insgeheim in Curitiba und Brasilia ausgearbeitet wurde, bastelte Staatsanwalt und Dallagnol-Beauftragter Anselmo Lopes mit einem gewissen Falc&atilde;o und Transparency-B&uuml;rochef Brand&atilde;o bereits an einem anderen &bdquo;Konvertierungsweg&ldquo;, n&auml;mlich das Prestige von Lavajato in Bargeld zu verwandeln.<\/p><p>Titelbild: Titelbild: A.PAES\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am vergangenen 8. M&auml;rz &uuml;berraschte Richter Edson Fachin vom Obersten Gerichtshof Brasiliens (STF) die einheimische und internationale &Ouml;ffentlichkeit. Der Magistrat entschied, s&auml;mtliche Klagen und Urteile der Einsatzgruppe <em>Lavajato<\/em> (&bdquo;Unternehmen Autowaschanlage&ldquo;) gegen Ex-Pr&auml;sident Luis In&aacute;cio Lula da Silva seien wegen Nichtzust&auml;ndigkeit der 13. Kammer der Bundesjustiz in Curitiba, unter Vorsitz des ehemaligen Richters und Jair Bolsonaros<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70983\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":48698,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,123,20,127],"tags":[2454,1613,930,1544,1919,2056,2497,1222,309,650],"class_list":["post-70983","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-kampagnentarnworteneusprech","category-landerberichte","category-lobbyismus-und-politische-korruption","tag-bolsonaro-jair","tag-brasilien","tag-justiz","tag-kampagnenjournalismus","tag-lueckenpresse","tag-lula-da-silva-luiz-inacio","tag-moro-sergio","tag-pandemie","tag-repressionen","tag-transparency-international"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/190127_shutterstock_1218355114.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70983","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=70983"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70983\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":71044,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70983\/revisions\/71044"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/48698"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=70983"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=70983"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=70983"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}