{"id":7106,"date":"2010-10-15T16:50:43","date_gmt":"2010-10-15T14:50:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7106"},"modified":"2019-03-02T12:43:16","modified_gmt":"2019-03-02T11:43:16","slug":"ergaenzung-von-heiner-flassbeck-zum-wahnsinn-der-institute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7106","title":{"rendered":"Erg\u00e4nzung von Heiner Flassbeck zum Wahnsinn der Institute"},"content":{"rendered":"<p>In Erg&auml;nzung zu dem, was Wolfgang Lieb in den &bdquo;Nachdenkseiten&ldquo; zur <a href=\"\/?p=7093\">Gemeinschaftsdiagnose der &bdquo;f&uuml;hrenden Wirtschaftsforschungsinstitute&ldquo;<\/a> bereits gesagt hat, hier noch eine kleine Nachkritik, schreibt Flassbeck. Beachten Sie auch <a href=\"\/?p=7069\">die Einladung<\/a> von gestern. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><p>Die Institute schaffen es tats&auml;chlich, sich auf mehreren Seiten mit der &bdquo;Dynamik der Binnennachfrage in Deutschland&ldquo; auseinanderzusetzen. Das ist l&ouml;blich. Doch was dann kommt, ist ein akademischer Eiertanz, bei dem so viele Eier zertrampelt werden, dass die Autoren heute noch mit gelben F&uuml;&szlig;en herumlaufen m&uuml;ssen.<\/p><p>Zun&auml;chst ist der Sprung von einer richtigen Diagnose zu einer dubiosen Investitionstheorie beachtlich und l&auml;sst das Eigelb nur so spritzen. Die Institute stellen richtigerweise fest, dass der Wachstumsbeitrag der Binnennachfrage in Deutschland wesentlich geringer als in anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern war, folglich also der Beitrag des Au&szlig;enhandelssaldos (oder Leistungsbilanz&uuml;berschusses) besonders hoch. Ein normaler Mensch h&auml;tte an der Stelle gefragt, was denn der wichtigste Bestandteil der Binnennachfrage ist und was dessen wichtigste Determinanten sind. <\/p><p>Man w&auml;re dann zwanglos auf den privaten Konsum gekommen, der mit Abstand die wichtigste Gr&ouml;&szlig;e in der Binnennachfrage ist (lt. Tabelle der Institute 59 %). Um diesen Gottseibeiuns zu umgehen, springen die Institute aber in bester Sinnscher Manier und &uuml;ber jede Logik hinweg vom &Uuml;berschuss der Leistungsbilanz, dem &bdquo;definitionsgem&auml;&szlig;&ldquo; ein Defizit in der Kapitalbilanz gegen&uuml;bersteht&ldquo; (S. 57), auf die Investitionen (knapp 20 %). Die Eierbr&uuml;he rinnt in Str&ouml;men, aber die Institute haben es mit dieser artistischen Leistung geschafft, sich nun bis fast zum Ende des ganzen Abschnitts mit ihrem Lieblingsthema, der Investitionsschw&auml;che befassen zu k&ouml;nnen, statt &uuml;ber die ungeliebten Determinanten des Konsums zu sprechen. <\/p><p>Was folgt sind mehrere Seiten virtuosesten Eiertanzes, bei dem wir lernen, dass die schwachen L&auml;nder in S&uuml;deuropa zu viel investierten, die starken wie Deutschland aber zu wenig, weil sie ihr eigenes Kapital nicht wollten, sondern es lieber den S&uuml;deurop&auml;ern vor die F&uuml;&szlig;e warfen, die wegen niedriger Zinsen auf Teufel komm raus investierten und so ihre Zukunft verspielten. Lieber Leser, wenn sie an dieser Stelle nichts mehr verstehen, ist ihr Verstand in Ordnung &ndash; man kann so etwas n&auml;mlich nur verstehen, wenn einem an einer deutschen Universit&auml;t oder einem deutschen Institut &uuml;ber Jahre der Verstand zersinnt wurde. <\/p><p>Aber am Ende dann, im allerletzten von sage und schreibe 20 Abs&auml;tzen, l&auml;sst sich der Gottseibeiuns nicht mehr vermeiden. Der private Verbrauch! Und siehe da, er hat etwas mit den L&ouml;hnen zu tun. Wer aber glaubt, er w&uuml;rde erfahren, dass geringe Lohnzuw&auml;chse und stagnierendes Realeinkommen der Arbeitnehmer etwas mit stagnierendem privaten Verbrauch zu tun h&auml;tten, hat die Kunst der Eiert&auml;nzer untersch&auml;tzt. Mit einem einzigen langen Satz, der geeignet w&auml;re, eine neue Theorie der Logik zu begr&uuml;nden, wird die absurde Idee vom Tisch gewischt, die Menschen w&uuml;rden weniger kaufen, wenn sie weniger Geld in der Tasche h&auml;tten. Bravo, so ist der Wissenschaft Recht getan, man widerlege den dummen gesunden Menschenverstand und verhelfe der Wahrheit der Wirtschaft zum Durchbruch.<\/p><p>&Uuml;brigens: Nach der Prognose der Institute werden im n&auml;chsten Jahr die Masseneinkommen &ndash; das sind die Einkommen der Massen, die in einer &bdquo;richtig organisierten Marktwirtschaft&ldquo; eigentlich nicht mehr gebraucht werden &ndash; um 1,4 % steigen. Dummerweise steigen nach der Prognose auch die Preise um 1,4 %, so dass den Massen real kein Zuwachs bleibt. Dennoch steigen die realen Konsumausgaben selbst bei konstanter Sparquote aller Haushalte um 1,4 %. Auch dieses Wunder ist ein Wirtschaftswunder: Die Einkommen der Unternehmen und der Verm&ouml;genden steigen in diesem Jahr um 14 % und n&auml;chstes um 3,6, womit sie nicht nur die Verluste des Vorjahres leicht ausgleichen, sondern auch den Zuwachs des privaten Verbrauchs bestreiten. Man sieht, in der sch&ouml;nen neuen Welt der Wirtschafts&ouml;konomen braucht man die Massen in der Tat nicht mehr, die Unternehmen machen alles, konsumieren, investieren und exportieren. Wenn das in Europa die anderen L&auml;nder auch noch kapieren, m&uuml;ssen wir nur noch die Wesen vom Mars davon &uuml;berzeugen, dass wir von nun an alles produzieren, was sie brauchen, und schon ist die Sache geritzt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Erg&auml;nzung zu dem, was Wolfgang Lieb in den &bdquo;Nachdenkseiten&ldquo; zur <a href=\"\/?p=7093\">Gemeinschaftsdiagnose der &bdquo;f&uuml;hrenden Wirtschaftsforschungsinstitute&ldquo;<\/a> bereits gesagt hat, hier noch eine kleine Nachkritik, schreibt Flassbeck. Beachten Sie auch <a href=\"\/?p=7069\">die Einladung<\/a> von gestern. 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