{"id":71094,"date":"2021-03-28T11:45:23","date_gmt":"2021-03-28T09:45:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71094"},"modified":"2021-03-28T14:39:53","modified_gmt":"2021-03-28T12:39:53","slug":"fritz-glunks-schattenmaechte-ein-buch-passend-zur-aktuellen-diskussion-um-den-great-reset","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71094","title":{"rendered":"Fritz Glunks \u201eSchattenm\u00e4chte\u201c \u2013 ein Buch passend zur aktuellen Diskussion um den \u201eGreat Reset\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Unter Corona-Ma&szlig;nahmenkritikern wird seit einiger Zeit die These diskutiert, inwieweit mit der aktuellen Corona-Politik auch der &bdquo;Great Reset&ldquo; umgesetzt werden soll, eine Art gro&szlig;er gesellschaftlicher Neustart, hinter dem der Gr&uuml;nder des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, steckt. Wesentliche Bestandteile dieses &bdquo;Great Reset&ldquo; sind die Verlagerung von politischer Macht hin zu &uuml;berstaatlichen Institutionen (Global Governance), eine starke Einflussnahme von privaten Gro&szlig;konzernen auf die Gesetzgebung (Korporatismus) sowie die Digitalisierung aller Lebensbereiche (K&uuml;nstliche Intelligenz, Tracking, Digitale Identit&auml;ten, usw). Von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nTats&auml;chlich gab es diese Entwicklungen auch schon vor Corona. Den Aspekt des Global Governance etwa hat der Literaturwissenschaftler und Gr&uuml;ndungsherausgeber des politischen Magazins &bdquo;Die Gazette&ldquo;, Fritz Glunk, in seinem 2017 erschienenen Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher-mehr\/schattenmaechte.html?\">Schattenm&auml;chte &ndash; Wie transnationale Netzwerke die Regeln unserer Welt bestimmen<\/a>&ldquo; aufgegriffen. Was diese Schattenm&auml;chte ausmacht, beschreibt Glunk wie folgt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es gibt eine unbekannte, nirgendwo registrierte Anzahl formloser Gruppen (in internationalen Handelsvertr&auml;gen nur &acute;bodies&acute; genannt), in denen, jeweils f&uuml;r eine Branche, Wirtschaftsvertreter und staatliche Beh&ouml;rden zusammensitzen und globale Regeln und Normen (transnationale Regime) festlegen; die Gruppen sind ungreifbar und formlos, sehr oft nicht einmal eine rechtsf&auml;hige Organisation; ebenso informell sind auch ihre Beschl&uuml;sse oder Beinahe-Beschl&uuml;sse oder Vereinbarungen, die dann als &acute;soft law&acute; oder noch weicher als Empfehlung oder Meinungs&auml;u&szlig;erung auftreten, manchmal auch beides gleichzeitig; keine dieser Gruppen ist gew&auml;hlt oder abw&auml;hlbar oder einer demokratischen Kontrolle unterworfen; manche der so global verabredeten Normen werden, so wie sie sind, de facto oder de jure zu geltendem Weltwirtschaftsrecht.&ldquo; (S. 134)\n<\/p><\/blockquote><p>Einem britischen Handbuch zufolge soll es mehr als 2.000 solcher &bdquo;Schattenm&auml;chte&ldquo; geben. Die bekanntesten sind laut Glunk die G20, also die Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenl&auml;nder, sowie der Basler Ausschuss f&uuml;r Bankenaufsicht. Beide haben in der Aufarbeitung der Finanzkrise eine wesentliche Rolle gespielt. Laut Glunk handelt es sich bei der G20 jedoch um einen rein privaten Club von Regierungschefs ohne Organisation, Adresse, Weisungsrecht oder Mandat. Auch der Basler Ausschuss hat weder eine Telefonnummer noch eine eigene Adresse, ist aber die &bdquo;weltweit wichtigste normgebende Instanz f&uuml;r die Bankenregulierung&ldquo;. Der Ausschuss war verantwortlich f&uuml;r die Regelwerke Basel I bis Basel III, also f&uuml;r die Eigenkapital- und Liquidit&auml;tsvorschriften der Banken.<\/p><p>Interessant ist auch, dass viele dieser &bdquo;Schattenm&auml;chte&ldquo; aus dem Pharmasektor kommen. Besonders hervorzuheben ist hier die International Conference on Harmonisation of Technical Requirements for Pharmaceuticals for Human Use (ICH). Gegr&uuml;ndet wurde die ICH 1990 in Br&uuml;ssel, und zwar von den Zulassungsbeh&ouml;rden der Europ&auml;ischen Union (EU), Japans und den USA sowie den jeweiligen Spitzenverb&auml;nden der Pharmaindustrie. Ziel war es, die Zulassungsbedingungen f&uuml;r Medikamente weltweit zu harmonisieren. Damit war die ICH die erste Gruppe &uuml;berhaupt, in der die Exekutive sich mit der privaten Wirtschaft zusammengesetzt hat, um globale Standards zu setzen. &bdquo;Zum ersten Mal trat hier eine Wirtschaftsbranche, die Pharmaindustrie, als &acute;global player&acute; in Erscheinung&ldquo;, sagt Glunk.<\/p><p>Nach der ICH wurden weitere &auml;hnliche Organisationen gegr&uuml;ndet, f&uuml;r Medizinger&auml;te etwa die Global Harmonisation Task Force (GHTF) und f&uuml;r Kosmetika die International Cooperation on Cosmetics Regulation (ICCR). Ferner existiert seit 2013 das International Pharmaceuticals Regulators Forum (IPRF), quasi als eine Art Konkurrenz zur ICH. Und nicht zuletzt erw&auml;hnt Glunk noch die Innovative Medicines Initiative (IMI). Diese soll die Entwicklung neuer Medikamente beschleunigen. Sie wird je zur H&auml;lfte finanziert von der EU und der Pharmaindustrie, also aus &ouml;ffentlichen und privaten Mitteln gemeinsam. Letztlich kann die hohe Pr&auml;senz solcher Schattenm&auml;chte im Pharmasektor nicht wirklich &uuml;berraschen, denn die Pharmaindustrie z&auml;hlt neben dem Finanzsektor zu den am st&auml;rksten regulierten Branchen &uuml;berhaupt.<\/p><p>Drei Dinge sind nun charakteristisch f&uuml;r das Wirken dieser Schattenm&auml;chte: Erstens wird die parlamentarische Demokratie von diesen schlichtweg umgangen. Glunk spricht hier auch von &bdquo;Entparlamentarisierung&ldquo;. Zweitens tritt neben das &ouml;ffentliche und private Recht ein dritter Rechtsbereich, n&auml;mlich das Recht, das die Schattenm&auml;chte selbst geschaffen haben. Ein Beispiel daf&uuml;r sind die Schiedsgerichte in Freihandelsabkommen wie TTIP und CETA. Und drittens handelt es sich bei den Schattenm&auml;chten ausdr&uuml;cklich um keine internationalen, sondern um &bdquo;transnationale&ldquo; Gebilde. Glunk schreibt zu diesem Punkt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Was die genannten &acute;bodies&acute; jedoch aus sich herausst&uuml;lpen, ist &ndash; unter Beihilfe nationaler Exekutiven oder nicht &ndash; gerade kein internationales Abkommen, kein Abkommen zwischen Staaten, sondern f&uuml;r den jeweiligen Sachzusammenhang ein B&uuml;ndel von Regeln und Vorschriften, die sich ein Wirtschaftssektor selbst verleiht und die weltweit f&uuml;r alle Produzenten dieses Sektors Geltung beanspruchen. Aus diesen Gr&uuml;nden wird ein Rechtsbereich solcher Art &acute;transnational&acute; genannt.&ldquo; (S. 46)\n<\/p><\/blockquote><p>Eng verwandt mit dem Agieren dieser transnationalen Regime ist der Begriff &bdquo;Global Governance&ldquo;, der heute auch im Zusammenhang mit dem &bdquo;Great Reset&ldquo; &ouml;fter auftaucht. Laut Glunk ist der Begriff schon vor einigen Jahren auch in der deutschsprachigen Politikdiskussion heimisch geworden. Global Governance bezeichnet demnach &bdquo;Verfahren und Wirkungen eines neuartigen Regierens, das nicht mehr allein von (gew&auml;hlten) Regierungen ausgeht&ldquo;. Und weiter schreibt Glunk: &bdquo;In der zustimmenden Verwendung von &acute;Global Governance&acute; wird als selbstverst&auml;ndlich unterstellt, dass der traditionelle demokratische Staat unf&auml;hig ist zur Steuerung (auch &acute;Lenkung&acute;) einer Gesellschaft oder zur L&ouml;sung der Weltprobleme.&ldquo; (S.127)<\/p><p>Das Ph&auml;nomen des selbstgeschaffenen Rechts ist insofern nicht neu. Die Anf&auml;nge reichen sogar zur&uuml;ck bis zur r&ouml;mischen Republik. Im sp&auml;ten Mittelalter bezeichnete man dann die zahlreichen Regeln und Gebr&auml;uche im europ&auml;ischen Fernhandel als &bdquo;Lex mercatoria&ldquo; (Recht der Handelskaufleute). Und im Jahr 1929 schrieb der deutsche Rechtsgelehrte Gustav Radbruch: &bdquo;So erhofft der Kaufmann sich selber sein Recht, wo Gesetzesrecht schweigt oder seine Rechtss&auml;tze hinter abweichender Vereinbarung zur&uuml;cktreten l&auml;&szlig;t.&ldquo;<\/p><p>Doch mit der Globalisierung, also seit rund 20 bis 30 Jahren, hat die Macht jener &bdquo;informellen Gruppen&ldquo; weiter zu- und die der nationalen Parlamente abgenommen. Glunk schreibt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Rolle des Staates ist geschrumpft oder gar auf dem Weg in die Obsoleszenz. Einst bestimmte er die umfassende Rechtsordnung, ist nun aber bei den transnationalen Regimen, besonders deutlich in deren &acute;hybriden&acute; Formen, auf das Ausbalancieren, das faktisch gleichberechtigte Aushandeln von Wirtschaftsinteressen reduziert.&ldquo; (S.55)\n<\/p><\/blockquote><p><em><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher-mehr\/schattenmaechte.html\">Fritz R. Glunk, Schattenm&auml;chte &ndash; Wie transnationale Netzwerke die Regeln unserer Welt bestimmen<\/a>, dtv Verlagsgesellschaft, 2017, Softcover, 192 Seiten, 12,90 Euro<\/em><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/2d19a0b03e004433a766725a39fa42a3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter Corona-Ma&szlig;nahmenkritikern wird seit einiger Zeit die These diskutiert, inwieweit mit der aktuellen Corona-Politik auch der &bdquo;Great Reset&ldquo; umgesetzt werden soll, eine Art gro&szlig;er gesellschaftlicher Neustart, hinter dem der Gr&uuml;nder des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, steckt. 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