{"id":7110,"date":"2010-10-18T08:37:47","date_gmt":"2010-10-18T06:37:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7110"},"modified":"2020-02-20T10:27:13","modified_gmt":"2020-02-20T09:27:13","slug":"bundesregierung-beschoenigt-die-lage-auf-dem-ostdeutschen-arbeitsmarkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7110","title":{"rendered":"Bundesregierung besch\u00f6nigt die Lage auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt"},"content":{"rendered":"<p>Vom 30.9. datiert die <a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/030\/1703093.pdf\">Antwort der Bundesregierung zur &bdquo;Lage auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt 20 Jahre nach der Einheit&ldquo; [PDF &ndash; 182 KB]<\/a> auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag mit insgesamt ern&uuml;chternden Angaben und den zu erwartenden Besch&ouml;nigungen. (Drucksache 17\/3093). Hierzu ein kurzer Kommentar von Karl Mai<br>\n<!--more--><\/p><p>Nach bereits zuvor bekannten Daten erh&ouml;hte sich die Zahl der Erwerbst&auml;tigen in <em>Westdeutschland<\/em> zwischen 1989 und 2009 um 4.359 Tsd. Personen, w&auml;hrend sie in den <em>NBL<\/em> um -3.142 Tsd. und in Berlin um -230 Tsd. Personen sank. Seit 1989 fand ein enormer Verlust\/Abgang der Arbeitspotenziale von Ost nach West statt, der Westdeutschland einen hohen Zuwachs an volkswirtschaftlichem Leistungsverm&ouml;gen im Vergleich zu den  ostdeutschen Bundesl&auml;ndern einbrachte. Den Ansto&szlig; zu dieser dramatischen &bdquo;Entleerung&ldquo; im Osten gab zun&auml;chst die Wirkung der  Mauer&ouml;ffnung, die zwischen 1989 und 1991 schlagartig zum Abgang von ca. 2,3 Mio. Erwerbst&auml;tigen im Osten (einschl. Berlin) f&uuml;hrte, danach die durch die Treuhand forcierte <em>Deindustrialisierung in Verbindung mit der Eroberung des ostdeutschen Marktes durch die westdeutschen Konzerne, erg&auml;nzt um durchgreifende personelle &bdquo;Sparma&szlig;nahmen&ldquo; im Osten.<\/em><br>\nTrotz des gewaltigen Abstroms liegt auch zwanzig Jahre nach der Vereinigung der Anteil der Erwerbst&auml;tigen je 100 Erwerbsf&auml;hige noch 5 Prozentpunkte unter dem westdeutschen Niveau, wenn man von arbeitsmarktpolitischen Sonderma&szlig;nahmen absieht, die ca. 2 Prozentpunkte davon abdecken. (IWH, &bdquo;Wirtschaft im Wandel&ldquo;, Heft 2\/2010, S. 87) Dies zeugt davon, dass die Chancen auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt vergleichsweise schlechter als im Westen sind.<\/p><p>Nach Tabelle 8 der Drucksache 17\/3093 sind 2009 unter den 6.889 Tsd. ostdeutschen Erwerbst&auml;tigen Personen  719 Tsd. oder 10,4% nur &bdquo;befristet Besch&auml;ftigte&ldquo;.<br>\nIn Westdeutschland betr&auml;gt der Anteil der &bdquo;befristet Besch&auml;ftigten&ldquo; an den Erwerbst&auml;tigen 6,9%. Dies spiegelt u. a. die generell h&ouml;here Besch&auml;ftigungsunsicherheit auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt wider. <\/p><p><a href=\"\/upload\/bilder\/101018_tabelle_8.png\"><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/101018_tabelle_8_small.png\" alt=\"Drucksache 17\/3093\"><\/a><\/p><p>Nach Tabelle 10 nahm die Zahl der Vollzeitjobs in Ostdeutschland in der Zeit des Aufschwungs ab 2005 bis ins Krisenjahr 2009 nur um 17,7 Tsd. Vollzeitjobs zu, w&auml;hrend die Zahl der sozialverschicherungspflichtigen <strong>Teilzeitjobs<\/strong> um 224,5 Tsd. (+28,5%) anwuchs. <\/p><p><a href=\"\/upload\/bilder\/101018_tabelle_10.png\"><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/101018_tabelle_10_small.png\" alt=\"Tabelle 10\"><\/a><\/p><p>Der j&uuml;ngste Verlust an Vollzeitjobs mag hiernach gering erscheinen, betrug aber zwischen 1992 und 2001 bereits 944,7 Tsd. und zwischen 2001 und dem Tiefpunkt im Jahre 2005 weitere 578 Tsd., so dass sich der Verlust an Vollzeitjobs zwischen 1992 und 2009 auf 1.515,4 Tsd. summiert &ndash; ein gravierender Schwund an Vollzeitarbeitspl&auml;tzen.<\/p><p>Von den verlustigen Arbeitspl&auml;tzen entfielen nach Tabelle 9 seit 1991  874 Tsd. auf den <em>&ouml;ffentlichen<\/em> Bereich, der folglich den &uuml;berwiegenden Anteil der Verluste in Ostdeutschland zu tragen hat, indem er sich kontinuierlich verringerte und zuletzt halbierte.<\/p><p><a href=\"\/upload\/bilder\/101018_tabelle_9.png\"><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/101018_tabelle_9_small.png\" alt=\"Tabelle 9\"><\/a><\/p><p>Der zwischen 2005 und 2009 gesunkene Bestand an &bdquo;<em>Arbeitslosen<\/em>&ldquo; um ca. 500.000 Personen ist   statistisch z. T. auf den demographischen Effekt der Verminderung der arbeitsf&auml;higen Altersgruppen (ca. 186 Tsd.) und noch st&auml;rker auf den Ost-West-Abwanderungseffekt (ca. 250 Tsd.) sowie auf das Anwachsen der Ost-West-Pendler (ca. 34 Tsd.) zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Dies zeugt keineswegs von einem urs&auml;chlichen Aufschwung der Besch&auml;ftigung auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt. Diese Verdrehung der Sachlage  w&uuml;rde eine gravierende <em>Besch&ouml;nigung<\/em> suggerieren.<\/p><p>Die atypischen Arbeitsverh&auml;ltnisse haben zugenommen, wobei die &bdquo;geringf&uuml;gig Besch&auml;ftigten&ldquo; 2009 ca. 450 Tsd. Personen sowie die &bdquo;Zeitarbeitnehmer&ldquo; 133 Tsd. Personen erreichten. Auch ein Teil der Teilzeitbesch&auml;ftigten von ca. 600 Tsd. Personen strebt nach existenzsichernden Vollzeitjobs, die der Arbeitsmarkt in den NBL und Berlin nicht anbieten kann. Die ca. 720 Tsd. &bdquo;befristet Besch&auml;ftigten&ldquo; jedoch lassen klar erkennen, welcher Mangel an unbefristeten Normalarbeitspl&auml;tzen inzwischen besteht.<\/p><p>Unter diesem Aspekt ist es obendrein zynisch von der Bundesregierung, die ostdeutschen Arbeitsmarktverh&auml;ltnisse als &bdquo;insgesamt positiv&ldquo; zu werten, vor allem sofern man sie mit der Lage in der DDR-Zeit vergleicht. Doch um die gegenw&auml;rtige Lage zu besch&ouml;nigen muss nach 20 Jahren immer noch der &bdquo;desolate Zustand&ldquo; der DDR im Jahre 1990 herhalten. &bdquo;Der offiziell hohe Besch&auml;ftigungsstand in der DDR Ende der 80er-Jahre resultierte nicht zuletzt aus einem hohen Ausma&szlig; versteckter Arbeitslosigkeit&ldquo;, hei&szlig;t es in der Antwort der Bundesregierung. Man m&uuml;sste ehrlicherweise hinzuf&uuml;gen, dass die &bdquo;versteckte Arbeitslosigkeit&ldquo; heute zur offenen Arbeitslosigkeit bzw. zur (&uuml;berwiegend erzwungenen) Teilzeitbesch&auml;ftigung geworden ist und dass Millionen von Menschen, die nach der Wiedervereinigung in Ostdeutschland keine Arbeit mehr fanden, in den Westen (oder sonst wohin) abgewandert sind. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom 30.9. datiert die <a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/030\/1703093.pdf\">Antwort der Bundesregierung zur &bdquo;Lage auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt 20 Jahre nach der Einheit&ldquo; [PDF &ndash; 182 KB]<\/a> auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag mit insgesamt ern&uuml;chternden Angaben und den zu erwartenden Besch&ouml;nigungen. (Drucksache 17\/3093). 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