{"id":71183,"date":"2021-03-30T10:00:31","date_gmt":"2021-03-30T08:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71183"},"modified":"2022-02-14T15:39:48","modified_gmt":"2022-02-14T14:39:48","slug":"die-nachhaltigkeit-der-wissenschaft-joerg-phil-friedrich-im-gespraech-mit-hans-von-storch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71183","title":{"rendered":"Die Nachhaltigkeit der Wissenschaft  &#8211; J\u00f6rg Phil Friedrich im Gespr\u00e4ch mit Hans von Storch"},"content":{"rendered":"<p>In der vorletzten Woche fand in Hamburg die 12. Deutsche Klimatagung der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft statt. Genauer gesagt fand sie nat&uuml;rlich online statt, auch die Klimaforschung ist im Griff der Pandemie. Aber auch im Programm der Tagung spielte die Pandemie eine Rolle, n&auml;mlich bei der Frage, wie sich das Verh&auml;ltnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft wandeln muss. <strong>Hans von Storch<\/strong>, fr&uuml;herer Institutsleiter des Helmholtz Zentrums Geesthacht und Professor an der Universit&auml;t Hamburg, ist der Meinung, die Klimaforschung k&ouml;nnte hier einiges von den Virologen lernen. Dar&uuml;ber sprach <strong>J&ouml;rg Phil Friedrich<\/strong> mit dem Klimaforscher.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5650\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-71183-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210330_Die_Nachhaltigkeit_der_Wissenschaft_Joerg_Phil_Friedrich_im_Gespraech_mit_Hans_von_Storch_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210330_Die_Nachhaltigkeit_der_Wissenschaft_Joerg_Phil_Friedrich_im_Gespraech_mit_Hans_von_Storch_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210330_Die_Nachhaltigkeit_der_Wissenschaft_Joerg_Phil_Friedrich_im_Gespraech_mit_Hans_von_Storch_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210330_Die_Nachhaltigkeit_der_Wissenschaft_Joerg_Phil_Friedrich_im_Gespraech_mit_Hans_von_Storch_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=71183-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210330_Die_Nachhaltigkeit_der_Wissenschaft_Joerg_Phil_Friedrich_im_Gespraech_mit_Hans_von_Storch_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210330_Die_Nachhaltigkeit_der_Wissenschaft_Joerg_Phil_Friedrich_im_Gespraech_mit_Hans_von_Storch_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Sie haben die These vertreten, dass die Kommunikation der Wissenschaft in der Pandemie eigentlich besser gelungen ist als in der Klimaforschung. Was k&ouml;nnte diese von der Virologie lernen?<\/strong><\/p><p>Wenn Wissenschaftler in der &Ouml;ffentlichkeit auftreten, muss der Grundsatz sein, dass sie nicht Wahrheit, sondern die beste Erkl&auml;rung im Rahmen des derzeitigen Wissens anbieten. Das ist der Epidemiologie nach meiner Wahrnehmung wesentlich besser gelungen als der Klimawissenschaft, weil wir in der Klimawissenschaft eben doch eine ganze Menge aktivistische Kollegen haben, die vor allem daran interessiert sind, dass eine motivationsstarke Deutung der Situation entsteht, auf der dann m&ouml;glichst ungehindert eine entsprechende Politik aufbaut. In der Epidemiologie, so ist in meine Wahrnehmung, wurde nicht damit hinter dem Berg gehalten, dass verschiedene Wissenschaftler verschiedene Meinungen haben. <\/p><p>Der zweite Punkt ist, dass sich die Virologen und Epidemiologen weniger direkt in die Politik einspannen lassen, so wie das in der Klimawissenschaft bei den aktivistisch eingestellten Kollegen oft ist. Da wird suggeriert, aus der Wissenschaft folge direkt politisches Tun. Das ist im Falle der Epidemiologie nicht so. Da wird immer deutlich, dass am Ende eine politische Entscheidung zu f&auml;llen ist, die eben die verschiedenen Aspekte einschlie&szlig;lich der epidemiologischen zu ber&uuml;cksichtigen hat. Das, fand ich, war sehr vern&uuml;nftig und es hat eben auch klargestellt, dass die Politik nicht so tun kann, als folge sie nur den Anweisungen der Wissenschaft. Tut sie auch nicht. Das w&auml;re furchtbar, wenn sie das t&auml;te. Politik hat den Auftrag, Interessen abzuw&auml;gen, verschiedene Aspekte abzuw&auml;gen, gesellschaftliche Verhandlungen zu f&uuml;hren. Das ist nat&uuml;rlich etwas ganz anderes als Wissenschaft. <\/p><p>Wissenschaftliche Wahrheit ist eben keine Wahrheit im Sinne von &bdquo;letzter Wahrheit&ldquo;. Es sind die aktuell besten Erkl&auml;rungen, die wir anbieten. Das w&auml;re schon gut, wenn das verstanden w&uuml;rde. Es w&auml;re gut, wenn wir deutlicher machen w&uuml;rden, dass Wissenschaft nicht Politik-Ersatz ist und dass wir die Sehnsucht nach Wahrheit, nach Reinheit, nach Eindeutigkeit nicht befriedigen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Sie sagen, dass Wissenschaft keine letzten Wahrheiten bietet und dass es durchaus auch unterschiedliche Ansichten gibt, unterschiedliche Perspektiven. Die Frage ist, soll man diese Unterschiedlichkeit wirklich &ouml;ffentlich kommunizieren? Man k&ouml;nnte doch auch sagen, dass die Wissenschaft sich erst mal zur&uuml;ckziehen sollte, um einen Konsens zu bilden, und dann diesen Konsens &ouml;ffentlich macht.<\/strong><\/p><p>Das ist nat&uuml;rlich ein paternalistischer Ansatz, dass man der &Ouml;ffentlichkeit nicht zutraut, mit divergenten Meinungen umzugehen, und das ist nat&uuml;rlich zutiefst antidemokratisch. Wie kommt denn ein Konsens zustande? In einer idealen Welt kommt er dadurch zustande, dass die klugen Menschen so lange miteinander argumentieren, bis sie zu einem Konsensus kommen. Es kann aber auch sein, dass es eben die M&auml;chtigen sind, die sich da einigen, die, die in den Komitees sitzen. Deshalb sitzen sie in den Komitees, weil sie dem Forschungsministerium und dem Umweltministerium besonders gut gefallen. Es ist ja nicht so, dass da eine vollst&auml;ndige Abbildung aller Ans&auml;tze stattfindet. <\/p><p>Die Politik bekommt die Wissenschaftler, die sie haben will. Und diese sind dann in den entsprechenden Komitees. Mit wem spricht Frau Merkel? Das sind doch nicht irgendwelche Leute, die verschiedene Meinungen haben. Da ist die Leopoldina z.B., die ja in dieser Hinsicht ein treuer Diener zu sein scheint. Politik schafft sich auch jene Wissenschaftlergruppen, die das sagen, was der eigenen Linie n&uuml;tzt. <\/p><p><strong>Woher kommt &uuml;berhaupt die Idee, dass die Wissenschaft unmittelbar politische Handlungsvorgaben machen k&ouml;nnte?<\/strong><\/p><p>Es ist eine Vorstellung, die ich immer wieder vor allem bei Physikern sehe, dass sie glauben, sie k&ouml;nnten der Gesellschaft sagen, wie es geht, weil die Gesellschaft im Grunde eben so &auml;hnlich berechenbar ist wie der Ozean. Man hat zwar viele Freiheitsgrade und da schwimmt dann einiges herum. Aber im gro&szlig;en Ganzen k&ouml;nnen wir das schon so berechnen. Das stimmt nat&uuml;rlich nur sehr eingeschr&auml;nkt. Und tats&auml;chlich spielt nat&uuml;rlich in der Gesellschaft die Wahrnehmung der Menschen als politische Treiber eine ganz erhebliche Rolle. <\/p><p>Als Wissenschaftler kann ich sagen, wenn die Politik dieses tut, dann muss sie damit rechnen, dass in dem Bereich, in dem ich kompetent bin, jenes geschieht. Ich muss auch gleichzeitig zugeben, dass ich nicht sagen kann, was in dem Nachbarbereich geschieht. Weil ich da eben genauso viel Kompetenz habe wie sie. Das hei&szlig;t, wir sind in dem Moment, wenn wir aus unserem Fachgebiet heraustreten, so kompetent wie jeder andere auch. Diese Bescheidenheit geht leider sehr vielen Wissenschaftlern ab, weil sie glauben, weil sie Professor sind oder &auml;hnliches, weil sie eine Menge in ihrem Fach verstehen, verstehen sie &uuml;berall sehr viel. <\/p><p><strong>Allerdings m&uuml;ssen Wissenschaftler in der Klimaforschung und in der Pandemie immer auch auf die Aussagen anderer Wissenschaftler aus anderen Disziplinen zur&uuml;ckgreifen.<\/strong><\/p><p>Ja, als Wissenschaftler vertraue ich den Aussagen anderer Wissenschaftler deshalb, weil sie nach der wissenschaftlichen Methode erarbeitet worden sind. Ich habe Vertrauen in die Aussagen, weil ich davon ausgehe, dass die Kollegen da tats&auml;chlich vorurteilsfrei herangehen, ohne die Absicht, dass eine bestimmte politische Agenda damit durchgezogen wird.<\/p><p>Tats&auml;chlich ist es ja so, dass wir Wissenschaftler mit einem Kapital arbeiten, n&auml;mlich dass man uns zutraut, dass wir Dinge einigerma&szlig;en richtig verstehen. Wissenschaft hat ein Vertrauens-Kapital. Wie gehen wir mit diesem Kapital um? Unsere aktivistischen Kollegen verbrauchen dieses Kapital. Das hei&szlig;t, sie gehen nicht nachhaltig mit unserem Kapital um. Irgendwann kommen dann verst&auml;rkt Zweifel auf, man meint, Wissenschaftler sagen nur das, was irgendwie jemandem n&uuml;tzt. Es ist nat&uuml;rlich interessant, dass insbesondere jene Leute, die ununterbrochen von Nachhaltigkeit reden, selbst nicht nachhaltig mit ihrem Kapital umgehen.<\/p><p><strong>Sie sprachen von Prozeduren und Verfahren, die Vertrauen schaffen. Gerade die Prozeduren des IPCC und auch die Berichte, die dort erstellt werden: Das ist doch eigentlich ein positives, ein gutes Beispiel daf&uuml;r, wie Wissenschaft die Informationen aufbereiten sollte, oder?<\/strong><\/p><p>Ja, also im gro&szlig;en Ganzen w&uuml;rde ich das auch sagen. Es gibt ja schon ein paar Probleme, die wir gerade in der Folge von Climategate gesehen haben, dass das IPCC nicht darauf vorbereitet war, dass sich Fehler herausstellen. Das &auml;ndert aber nichts daran, dass im gro&szlig;en Ganzen doch verl&auml;ssliche Erkenntnisse produziert werden. Andererseits sehen wir nat&uuml;rlich auch eine Konvergenz von Leuten, die eine bestimmte Richtung vertreten. Zudem haben Sie die Tatsache, dass es Leute von Greenpeace da im IPCC als Autoren und Mitarbeiter gibt, das finde ich schon ziemlich problematisch. Aber es ist nat&uuml;rlich so, dass jede Organisation verbesserungsf&auml;hig ist. Gerade was den Teil des IPCC-Sachstandsberichts angeht, in dem es um die naturwissenschaftlichen Grundlagen geht, da habe ich ein sehr gro&szlig;es Vertrauen, und das ist auch ein gutes Beispiel f&uuml;r die Kommunikation der Wissenschaft mit der &Ouml;ffentlichkeit.<\/p><p><strong>Was w&uuml;nschen Sie sich f&uuml;r die Kommunikation zwischen Wissenschaft, Politik und &Ouml;ffentlichkeit?<\/strong><\/p><p>Ich w&uuml;rde mir w&uuml;nschen, dass wir eine &ouml;ffentliche Diskussion haben &uuml;ber das, was Wissenschaft der Gesellschaft bieten sollte. Wozu soll Wissenschaft gut sein? Da kann man verschiedene Antworten geben. Man kann nat&uuml;rlich sagen, Wissenschaftler sollen die Hilfstruppen des Guten sein. Was, so glaube ich, viele Menschen meinen. Oder Wissenschaftler sollten vorgeben, was die Wahrheit ist. Das ist aber alles nicht das, was Wissenschaft leisten kann, sondern es ist eben ein besonderes Wissen, was hier erzeugt wird, mit besonderen Methoden, das auch seine Limits hat. Und es w&auml;re sch&ouml;n, wenn auch der &Ouml;ffentlichkeit gegen&uuml;ber klargemacht w&uuml;rde, wo diese Limits sind. Es muss aufh&ouml;ren, dass Wissenschaft weiter als Popanz durch die Stra&szlig;en getragen wird, dem man zu folgen habe. Es kommt darauf an, dass man auch unsere Grenzen akzeptiert und wir Wissenschaftler m&uuml;ssen das selbst auch. Dadurch werden wir auch leistungsst&auml;rker in den Aussagen, die belastbar sind.<\/p><p>Titelbild: ekapol sirachainan\/shutterstock.com und &copy; Raimond Spekking \/ CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der vorletzten Woche fand in Hamburg die 12. Deutsche Klimatagung der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft statt. 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