{"id":7119,"date":"2010-10-18T09:30:17","date_gmt":"2010-10-18T07:30:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7119"},"modified":"2014-02-19T12:12:07","modified_gmt":"2014-02-19T11:12:07","slug":"merkel-wer-das-christliche-menschenbild-nicht-akzeptiert-ist-fehl-am-platze-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7119","title":{"rendered":"Merkel: Wer das christliche Menschenbild nicht akzeptiert, ist &#8220;fehl am Platze&#8221; in Deutschland."},"content":{"rendered":"<p>Die CDU-Vorsitzende erkl&auml;rte auf einer CDU-Regionalkonferenz in Berlin-Brandenburg: &ldquo;Wir f&uuml;hlen uns dem christlichen Menschenbild verbunden, das ist das, was uns ausmacht.&rdquo; Wer das nicht akzeptiere, &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,723466,00.html\">der ist bei uns fehl am Platz<\/a>&ldquo;.<br>\nNein, Frau Kanzlerin, ich f&uuml;hle mich dem Menschenbild des Humanismus verbunden und als &bdquo;Verfassungspatriot&ldquo; dem Menschenbild des Grundgesetzes und nicht dem christlichen Menschbild verpflichtet. Bin ich also &bdquo;bei uns fehl am Platze&ldquo;?  Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Zur Erinnerung Frau Merkel: das Menschbild des Grundgesetzes ergibt sich aus:<\/p><ul>\n<li>&bdquo;Die W&uuml;rde des Menschen ist unantastbar&ldquo; (Art. I Abs. 1, Satz 1 GG)<\/li>\n<li>&bdquo;Sie (die unantastbare W&uuml;rde des Menschen) zu achten und zu sch&uuml;tzen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt&ldquo; (I 1, 2 GG)<\/li>\n<li>&bdquo;Die Freiheit der Person ist unverletzlich&ldquo; (II 2, 2 GG)<\/li>\n<li>&bdquo;Jeder hat das Recht auf Leben und die k&ouml;rperliche Unversehrtheit&ldquo; (II 2, 1 GG)<\/li>\n<li> &bdquo;Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Pers&ouml;nlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsm&auml;&szlig;ige Ordnung oder das Sittengesetz verst&ouml;&szlig;t&ldquo; (II 1 GG)<\/li>\n<li>&bdquo;Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu den unverletzlichen und unver&auml;u&szlig;erlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt&ldquo; (I 2 GG).<\/li>\n<\/ul><p>Nach unserem Grundgesetz bekennt sich das Deutsche Volk also zu einem universalistischen Verst&auml;ndnis von Menschenrechten. Wenn das Grundgesetz von der Unantastbarkeit der W&uuml;rde &bdquo;des Menschen&ldquo; spricht, so gilt das nicht nur f&uuml;r die W&uuml;rde des Deutschen, sondern f&uuml;r die W&uuml;rde aller Menschen, die unter dem Grundgesetz leben.<\/p><p>In der <a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/dokumente\/rechtsgrundlagen\/grundgesetz\/gg_00.html\">Pr&auml;ambel<\/a> sprechen die Gr&uuml;ndungsv&auml;ter und eine Gr&uuml;ndungsmutter davon, dass sich das Deutsche Volk das Grundgesetz &bdquo;in seiner Verantwortung vor Gott&ldquo; gegeben habe, doch diese Anrufungsformel bezieht sich nicht auf den Gott des Christentums und schon gar nicht auf einen bestimmten konfessionellen Gottesbegriff. Sonst w&auml;ren etwa auch die Anh&auml;nger j&uuml;dischen Glaubens bei uns &bdquo;fehl am Platze&ldquo;. Im &Uuml;brigen haben Menschen islamischen Glaubens denselben Gott wie die Christen. Christen, Juden, Muslime reden von einem Gott, sie sehen ihn nur aus unterschiedlicher religi&ouml;ser Perspektive. <\/p><p>Das Grundgesetz kennt kein einheitliches Menschenbild. Gibt es &uuml;berhaupt ein einheitliches christliches Menschenbild? Wenn ja, ist es das alttestamentarische oder das neutestamentliche? Das christliche Menschenbild wird von unserer Verfassung wie auch anders begr&uuml;ndete Menschenbilder &ndash; wie das des Humanismus, der Aufkl&auml;rung, aber auch das Bild der vorchristlichen Antike bis hin zu materialistisch begr&uuml;ndeten Menschenbildern &ndash; aufgenommen und gesch&uuml;tzt, aber das Christliche bestimmt das Menschenbild des Grundgesetzes nicht und schon gar nicht grenzt es nichtchristliche Menschenbilder aus. Jedes Menschenbild, das sich mit den genannten Verfassungsbestimmungen in Einklang bringen l&auml;sst und diese respektiert, wird vom Grundgesetz anerkannt. Der freiheitliche Staat ist &ndash;  um es mit dem Pathos des Bundesverfassungsgerichts (BVerfGE 19, 206 (216) zu sagen &ndash; eine &bdquo;Heimstatt aller B&uuml;rger ohne Unterschied von Religion  und Weltanschauung&ldquo;. Seine B&uuml;rger haben sich dem Recht unterzuordnen, aber eben nicht einer bestimmten Wertordnung. Kurz: Moslems haben sich nach dem Grundgesetz nicht dem christlichen Menschenbild unterzuordnen, sondern der in Deutschland geltenden Rechtsordnung.<\/p><blockquote><p><em>&ldquo;Nach dem Grundgesetz gew&auml;hrleistet die Glaubensfreiheit dem Einzelnen einen von staatlicher Einflussnahme freien Rechtsraum, in dem er sich die Lebensform zu geben vermag, die seiner &Uuml;berzeugung entspricht; mag es sich dabei um ein religi&ouml;ses Bekenntnis oder eine irreligi&ouml;se &ndash; religionsfeindliche oder religionsfreie &ndash; Weltanschauung handeln&rdquo; (BVerfGE 12, 1\/3; 33, 23\/28; 44, 381).<\/em><\/p><\/blockquote><p>Soweit das Grundgesetz sich auf ein Menschenbild mit explizit christlichen Wurzeln ableiten l&auml;sst, so ist dieses Menschenbild ein durch die Aufkl&auml;rung s&auml;kularisiertes und rechtlich allgemein gefasstes Menschenbild, das &ndash; nach den schlimmen Erfahrungen mit der Nazi-Ideologie &ndash;  gerade dem Staat verbietet, eine wie auch immer begr&uuml;ndete philosophische oder religi&ouml;se Ausrichtung vorzugeben. Noch mehr: in Fragen des Glaubens ist dem Staat ein bewertendes oder gar abwertendes Urteil entzogen. Das Grundgesetz ist nicht &bdquo;getauft&ldquo; (<a href=\"http:\/\/jetzt.sueddeutsche.de\/texte\/anzeigen\/512648\">Friedrich Wilhelm Graf<\/a>)<\/p><p>Es wird von kaum jemand bestritten, dass sich die Bundesrepublik Deutschland zu religi&ouml;s-weltanschaulicher Neutralit&auml;t bekennt. Der moderne Verfassungsstaat ist sogar gegen die Kirchen durchgesetzt worden. Staat und Kirche sind getrennt und es besteht eine Offenheit gegen&uuml;ber allen Religionen und Konfessionen. In Artikel 4 des Grundgesetzes hei&szlig;t es: <\/p><ol>\n<li>Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religi&ouml;sen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.<\/li>\n<li>Die ungest&ouml;rte Religionsaus&uuml;bung wird gew&auml;hrleistet.<\/li>\n<\/ol><p>Zur Religionsfreiheit geh&ouml;rt unbestritten auch die negative Religionsfreiheit, d.h. die Freiheit keiner Religion anzugeh&ouml;ren, an keinen Gott zu glauben oder Religionen abzulehnen, ja sogar politisch zu bek&auml;mpfen. <\/p><p>W&auml;re es so, wie die Kanzlerin behauptet, dann w&auml;ren &uuml;ber ein Drittel der Deutschen (in der ostdeutschen Heimat der Kanzlerin sind es sogar drei Viertel) die keiner christlichen Kirche angeh&ouml;ren, auch &bdquo;fehl am Platze&ldquo;. <\/p><p>Der Anteil der Bev&ouml;lkerung, die sich als religi&ouml;s betrachtet, ist noch wesentlich geringer als die Zahl der Kirchenmitglieder.  &bdquo;47 Prozent der westdeutschen, aber 25 Prozent der ostdeutschen Bev&ouml;lkerung stufen sich als religi&ouml;s ein&hellip; Die Mehrheit der ostdeutschen Bev&ouml;lkerung bekennt sich offensiv zu ihrer Distanz zu Religion und Kirche. Das gilt besonders f&uuml;r diejenigen, die j&uuml;nger als drei&szlig;ig Jahre sind; von denen postuliert die Mehrheit &uuml;berzeugt, sie brauche keine Religion &ndash; eine Position, die nur eine Minderheit der gleichaltrigen Westdeutschen vertritt&ldquo;, schreibt Allensbach-Chefin Renate K&ouml;cher j&uuml;ngst in der <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub39FE5DC3DA3D4263B170073294990A3A\/Doc~E7BFAAB7AA2894826A655ADAB411A6DCD~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">FAZ<\/a>.<br>\nHaben also die &uuml;bergro&szlig;e Mehrheit der Ostdeutschen und besonders die dort lebenden J&uuml;ngeren keinen Platz in Deutschland?<\/p><p>Ist es nicht gerade so, dass die an den christlichen Glauben Gebundenen weniger Schwierigkeiten damit haben, dass es andere religi&ouml;se &Uuml;berzeugungen gibt als die christlichen?<br>\nK&ouml;cher formuliert sogar umgekehrt die These, dass gerade eine religi&ouml;s indifferente Gesellschaft irritiert und teilweise ver&auml;ngstigt reagiere, wenn &bdquo;religi&ouml;se Anschauungen das &ouml;ffentliche wie das private Leben durchdringen &ndash; umso mehr, wenn diese Anschauungen als Gegenentwurf zu den eigenen kulturellen Pr&auml;gungen empfunden werden.&ldquo; Dies gelte ganz ausgepr&auml;gt f&uuml;r den Islam.<\/p><p>Die Abwehrhaltung gegen&uuml;ber den gl&auml;ubigen Moslems, habe &ndash; so K&ouml;cher &ndash; aber gerade nicht zu einer st&auml;rkeren Identifikation mit den christlichen Wurzeln gef&uuml;hrt, &bdquo;sondern die &Uuml;berzeugung best&auml;rkt, dass jeder Fundamentalismus in der heutigen pluralistischen Welt einen Gefahrenherd darstellt.&ldquo; <\/p><p>Ich halte diese Thesen von Renate K&ouml;cher f&uuml;r plausibel. Diese Thesen weiter gedacht, hei&szlig;t aber, dass auch alle diejenigen, die andere, die sich nicht einem christlichen Menschenbild verbunden f&uuml;hlen, f&uuml;r &bdquo;fehl am Platze&ldquo; erkl&auml;ren, einem &bdquo;christlichen&ldquo; Fundamentalismus Vorschub leisten, der eine Gefahr f&uuml;r das Menschenbild des Grundgesetzes darstellt.<\/p><p>Dieser Fundamentalismus &ndash; egal ob christlich oder islamisch &ndash; ist also gerade ein Gefahrenherd f&uuml;r ein friedliches Zusammenleben der Menschen in unserer Gesellschaft.<br>\n&bdquo;Fehl am Platze&ldquo; ist also unsere Kanzlerin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die CDU-Vorsitzende erkl&auml;rte auf einer CDU-Regionalkonferenz in Berlin-Brandenburg: &ldquo;Wir f&uuml;hlen uns dem christlichen Menschenbild verbunden, das ist das, was uns ausmacht.&rdquo; Wer das nicht akzeptiere, &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,723466,00.html\">der ist bei uns fehl am Platz<\/a>&ldquo;.<br \/> Nein, Frau Kanzlerin, ich f&uuml;hle mich dem Menschenbild des Humanismus verbunden und als &bdquo;Verfassungspatriot&ldquo; dem Menschenbild des Grundgesetzes und nicht dem christlichen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7119\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[207,161],"tags":[418,305,315],"class_list":["post-7119","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anti-islamismus","category-wertedebatte","tag-grundgesetz","tag-menschenrechte","tag-merkel-angela"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7119","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7119"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7119\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20775,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7119\/revisions\/20775"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7119"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7119"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7119"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}