{"id":71206,"date":"2021-03-31T09:00:04","date_gmt":"2021-03-31T07:00:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71206"},"modified":"2021-04-01T13:05:00","modified_gmt":"2021-04-01T11:05:00","slug":"toedlicher-beruf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71206","title":{"rendered":"T\u00f6dlicher Beruf"},"content":{"rendered":"<p>Fast zwei Jahrzehnte nach Beginn der NATO-Besatzung geh&ouml;rt Afghanistan zu den t&ouml;dlichsten L&auml;ndern f&uuml;r Journalisten und Medienschaffende. Verantwortlich hierf&uuml;r sind auch jene Akteure, die sich meist die Pressefreiheit auf die Fahne schreiben. Eine Reportage von <strong>Emran Feroz<\/strong> aus Kabul.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1342\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-71206-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210331-Toedlicher-Beruf-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210331-Toedlicher-Beruf-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210331-Toedlicher-Beruf-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210331-Toedlicher-Beruf-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=71206-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210331-Toedlicher-Beruf-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210331-Toedlicher-Beruf-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Fazelminallah Qazizais schwarzer Toyota ist verstaubt und abgenutzt. Der Wagen f&auml;hrt, doch einige leichte Sch&auml;den sind bemerkbar. &bdquo;Der muss mal dringend wieder gewartet werden&ldquo;, bemerkt der 34-j&auml;hrige Journalist, w&auml;hrend er sich durch den anstrengenden Kabuler Verkehr durchschl&auml;ngelt. Der Zustand des Autos ist nicht &uuml;berraschend. Immerhin handelt es sich hierbei quasi um Qazizais Dienstwagen, mit dem er &ndash; stets selbst am Steuer &ndash; fast ganz Afghanistan bereist hat. Der Toyota hat mehr gesehen als die meisten Afghanen selbst: Von den Bergen des n&ouml;rdlichen Badakhshans bis hin zur W&uuml;ste Kandahars. Er hat damit auch die verschiedensten Checkpoints durchquert. Afghanische Armee und Polizei, IS-Milizen und Taliban oder US-Soldaten und Drogenschmuggler &ndash; Qazizai hat sie alle erlebt. F&uuml;r den Journalisten, der haupts&auml;chlich f&uuml;r internationale Medien berichtet, ist die stetige Pr&auml;senz vor Ort wichtig &ndash; auch au&szlig;erhalb Kabuls w&auml;hrend der verschiedensten Gefahrensituationen. In Afghanistan ist dies alles andere als einfach. Mittlerweile geh&ouml;rt das Land zu den gef&auml;hrlichsten L&auml;ndern f&uuml;r Journalisten. Anfang M&auml;rz wurden drei Journalistinnen des Fernsehsenders <em>Enikass<\/em> in der &ouml;stlichen Stadt Dschalalabad von IS-Terroristen ermordet. Im vergangenen Jahr wurden mindestens acht Journalisten landesweit w&auml;hrend der Aus&uuml;bung ihrer Arbeit get&ouml;tet. <\/p><p>Viele Medienschaffende sind in den letzten Wochen und Monaten gefl&uuml;chtet. F&uuml;r Qazizai kommt dies nicht in Frage. &bdquo;Ich habe hier meine Familie. Wir waren schon immer hier und ich denke nicht, dass sich das &auml;ndern wird&ldquo;, meint er. Aufgrund seiner Erfahrung und seinen guten Verbindungen ist Qazizai ein gefragter Mann. W&auml;hrend viele seiner Kollegen Fluchtpl&auml;ne schmiedeten, kutschierte er vor wenigen Wochen New-Yorker-Legende Dexter Filkins durch Kabul und arrangierte f&uuml;r ihn Treffen mit Taliban-Offiziellen. Wie viele andere Afghanen war er anfangs als sogenannter Fixer f&uuml;r ausl&auml;ndische Korrespondenten t&auml;tig, bevor er in den Beruf des Journalisten wortw&ouml;rtlich hineinrutschte. 2019 erschien sein erstes Buch &uuml;ber den Afghanistan-Krieg bei einem renommierten Londoner Verlag. Trotz der Gefahrensituation hat sich der Arbeitsalltag f&uuml;r Qazizai kaum ver&auml;ndert. Dies habe allerdings auch damit zu tun, dass er im Vergleich zu anderen Gesichtern eher unbekannt sei. &bdquo;Bekannte Kollegen, die auch regelm&auml;&szlig;ig im Fernsehen pr&auml;sent sind, erleben eine andere Art der Bedrohung. Doch f&uuml;r die meisten von uns wird sich nichts &auml;ndern. Wir werden hier bleiben&ldquo;, prognostiziert Qazizai. <\/p><p>Auf sein Umfeld achtet der Familienvater dennoch. Fremden gegen&uuml;ber stellt sich Qazizai selten als Journalist vor. Seine Reise- und Recherchepl&auml;ne teilt er nur mit engen Vertrauenspersonen. Dennoch ist klar: Der Alltag des Journalisten ist mittlerweile selbst in Afghanistan eine Ausnahme. Die meisten seiner Kollegen verweilen n&auml;mlich in den St&auml;dten, allen voran in Kabul, und verlassen oftmals nur ungern ihre Redaktionsr&auml;ume. &bdquo;Ich gehe nur raus, wenn es sein muss. Aufgrund der aktuellen Umst&auml;nde geht es leider nicht anders&ldquo;, meint Murtaza Pazhwak, w&auml;hrend er an seinem Teeglas nippt. Pazhwak ist seit einigen Monaten f&uuml;r eine Kabuler Wochenzeitung t&auml;tig. Die Redaktionsr&auml;ume liegen nahe des bekannten Dar-ul-Aman-Palastes, der w&auml;hrend der vielen Kriegsjahre zerst&ouml;rt und 2019 renoviert und wiederer&ouml;ffnet wurde. Das Redaktionsgeb&auml;ude, in dem Pazhwak und seine Kollegen arbeiten, liegt hinter dicken Mauern. Gemeinsam mit anderen B&uuml;ros, die hier liegen, wird es von bewaffneten Soldaten &uuml;berwacht. Wer das Gel&auml;nde betreten will, muss sich ausweisen und wird gefilzt. <\/p><p>Nachdem Pazhwak sein Journalismus-Studium in der westlichen Stadt Herat abgeschlossen hatte, wurde ihm die Stelle in Kabul angeboten. Ein Schlafzimmer in der Redaktion war mit inbegriffen. &bdquo;Das kam mir nur recht&ldquo;, meint der 25-J&auml;hrige. Er wei&szlig;, dass Journalismus auf diese Art und Weise nicht auf Dauer funktionieren kann. Eigentlich muss man raus und mit den Menschen reden, doch die j&uuml;ngsten Entwicklungen bereiten auch Pazhwak Sorgen. Ihn besch&auml;ftigen gezielte Attentate auf Journalisten sowie Drohungen und Anfeindungen seitens der Taliban sowie der afghanischen Regierung. Zumindest Letztere h&auml;tte eigentlich die Aufgabe, die Pressefreiheit am Hindukusch zu besch&uuml;tzen, doch stattdessen findet Gegenteiliges statt. Der Zugang zu Informationen wird erschwert und Regierungsoffizielle greifen regelm&auml;&szlig;ig Medienvertreter an. Ein Beispiel hierf&uuml;r ist etwa Vizepr&auml;sident Amrullah Saleh, der vor geraumer Zeit via Twitter Journalisten, die &uuml;ber die zivilen Opfer eines Luftangriffs berichteten, als L&uuml;gner bezeichnete und indirekt bedrohte.<\/p><p>Au&szlig;erdem l&auml;sst sich ein unterschiedlicher Umgang zwischen ausl&auml;ndischen Reportern und Lokaljournalisten feststellen, und zwar von allen Seiten. W&auml;hrend etwa die Taliban zum Teil Journalisten der <em>New York Times<\/em> oder der <em>Washington Post<\/em> hofieren und ihnen &bdquo;exklusive Einblicke&ldquo; erm&ouml;glichen, sind unbekannte Gesichter wie Pazhwak und seine Kollegen den Drohungen extremistischer Gruppierungen hilflos ausgesetzt. &Auml;hnlich verh&auml;lt sich auch der Pr&auml;sidentenpalast, etwa wenn englischsprachige Statements vorsichtig verfasst werden, w&auml;hrend Anfragen lokaler Journalisten meist unkommentiert bleiben oder wenn Pr&auml;sident Ashraf Ghani der britischen BBC oder anderen ausl&auml;ndischen Medien Interviews gew&auml;hrt, w&auml;hrend afghanische Kollegen, die kritische Fragen stellen, als &bdquo;ausl&auml;ndische Agenten&ldquo; oder &Auml;hnliches diffamiert werden. &bdquo;Dies macht nur deutlich, dass Journalisten in Afghanistan von allen Seiten bedroht werden. Ich denke, dass die j&uuml;ngsten Angriffe nicht nur auf das Konto der Taliban gehen&ldquo;, sagt Pazhwak. Sein Res&uuml;mee: F&uuml;r das gegenw&auml;rtige Klima der Angst sind mittlerweile alle Beteiligten gleicherma&szlig;en verantwortlich. Dass westliche Staaten wie Deutschland oder die USA hier ebenso in der Verantwortung stehen, wird meist verdr&auml;ngt. Immerhin geht es hier auch um Akteure, die westliche Gelder akquirieren und ohne diese de facto nicht &uuml;berleben k&ouml;nnen. <\/p><p>Dass regierungsfreundliche Akteure ebenfalls Jagd auf Journalisten machen, ist kein Geheimnis. Involviert sind vor allem der Kabuler Sicherheitsapparat, allen voran Polizei und Geheimdienst, sowie afghanische CIA-Milizen wie die &bdquo;Khost Protection Force&ldquo; (KPF), die im S&uuml;dosten des Landes aktiv ist. Ein Beispiel hierf&uuml;r ist etwa der Fall des Radiojournalisten Rahim Sekander, der im vergangenen August in der Provinz Khost vom Geheimdienst NDS inhaftiert wurde. Der Grund: Sekander &auml;u&szlig;erte sich in Sozialen Medien kritisch gegen&uuml;ber der Regierung. &bdquo;Die schlimmsten Kriminellen dieses Landes sind auf freiem Fu&szlig;, doch mein Bruder wurde verhaftet, weil er auf Facebook die Regierung kritisierte&ldquo;, meint Siddiqullah, Sekanders Bruder. Vor Kurzem wurde der Journalist aus der Haft entlassen. <\/p><p>Wer meint, dass es sich hier einen Einzelfall handelt, geht in seiner Annahme fehl. &bdquo;Gegen die Sicherheitsorgane des Staates kann man kaum vorgehen. Sie attackieren die Pressefreiheit regelm&auml;&szlig;ig und genie&szlig;en Narrenfreiheit&ldquo;, meint Sayed Jalal, der f&uuml;r internationale Medien als freier Journalist t&auml;tig ist. Er geh&ouml;rt zu jenen Medienschaffenden, die die Gewalt des Staates am eigenen Leib zu sp&uuml;ren bekamen. 2019 wurde Jalal in Dschalalabad von Sicherheitskr&auml;ften verhaftet, nachdem er vor dem pakistanischen Konsulat Fotos mit seinem Smartphone schoss. Vor dem Geb&auml;ude hatte sich ein Chaos angebahnt, nachdem Hunderte von Menschen auf ihre Visa-Dokumente warteten. Jalal wollte ein Foto vom Geschehen auf Twitter teilen, doch dann schritt die Polizei ein. Er wurde verhaftet und verpr&uuml;gelt. &bdquo;Mir wurde vorgeworfen, ein Terrorist zu sein. Es hie&szlig;, dass ich mit dem IS zusammenarbeiten w&uuml;rde. Ich machte mehrfach deutlich, dass ich Journalist sei, doch das wurde ignoriert&ldquo;, erz&auml;hlt Jalal heute. Aus der Haft wurde er nur entlassen, nachdem der Provinzgouverneur &ndash; ein Freund von Jalals Bruder &ndash; einschritt. &bdquo;Wer wei&szlig;, was mit mir passiert w&auml;re, wenn ich diesen Kontakt nicht gehabt h&auml;tte?&ldquo;, fragt er sich. Die Pr&uuml;gelattacke der Sicherheitskr&auml;fte hat Jalal langfristig beeintr&auml;chtigt. Er musste mehrfach behandelt werden. Mittlerweile lebt auch Jalal im Ausland. Dies hat nicht nur mit seiner Arbeit zu tun, sondern hat auch private Gr&uuml;nde. Abermals vor Ort zu recherchieren, f&auml;llt ihm dennoch schwer. &bdquo;Ich w&uuml;rde mich nicht sicher f&uuml;hlen und mir die Frage stellen, ob es das wirklich wert ist. Journalisten werden von allen Seiten angefeindet &ndash; doch am Ende des Tages besch&uuml;tzt sie niemand, zumindest nicht in Afghanistan&ldquo;, sagt er. <\/p><p>Titelbild: (C) Emran Feroz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast zwei Jahrzehnte nach Beginn der NATO-Besatzung geh&ouml;rt Afghanistan zu den t&ouml;dlichsten L&auml;ndern f&uuml;r Journalisten und Medienschaffende. Verantwortlich hierf&uuml;r sind auch jene Akteure, die sich meist die Pressefreiheit auf die Fahne schreiben. 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