{"id":71294,"date":"2021-04-03T14:00:21","date_gmt":"2021-04-03T12:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71294"},"modified":"2021-04-03T14:55:21","modified_gmt":"2021-04-03T12:55:21","slug":"das-geplante-desaster-der-deutschen-bahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71294","title":{"rendered":"Das geplante Desaster der Deutschen Bahn"},"content":{"rendered":"<p>Das Desaster der Deutschen Bahn ist kein Versehen. Es gibt T&auml;ter. Sie sitzen in der Bundesregierung, im Bundestag und seit Jahren im Tower der Deutschen Bahn. <strong>Arno Luik<\/strong>, langj&auml;hriger Stern-Autor und profilierter Bahn-Kenner, zeigt in seinem Buch &bdquo;Schaden in der Oberleitung&ldquo; das komplette Desaster detailliert auf. Nun ist das Buch als aktualisierte Taschenbuchausgabe erschienen &ndash; ein Auszug aus dem neuen Vorwort.<br>\n<!--more--><br>\nStarke Schiene, hei&szlig;t es jetzt: 60, 70, ja, 90, vielleicht sogar 150 Milliarden Euro Steuergeld sollen in den kommenden zehn Jahren in die Bahn flie&szlig;en, zw&ouml;lf Milliarden Euro will die Bahn jetzt sofort in neue Z&uuml;ge investieren. Es soll alles besser, zuverl&auml;ssiger, p&uuml;nktlicher werden. Und die Bahn AG m&ouml;chte daf&uuml;r gelobt werden, dass sie ihr Geld diesmal in Deutschland investiert&nbsp;&ndash; und nicht, sagen wir mal, in Kasachstan. Oder in Russland, wo Mehdorn seit 2018 als Aufsichtsratsmitglied der staatlichen Eisenbahngesellschaft unterwegs ist.<\/p><p>Zieht nun endlich Vernunft ein, darf ich mich als Bahnfahrer &uuml;ber diese wahrhaft astronomischen Summen freuen? Nein, ungl&uuml;cklicherweise nein.<\/p><p>Diese Unsummen, die nun investiert werden sollen (&raquo;sollen&laquo; hei&szlig;t noch lange nicht, dass sie auch tats&auml;chlich investiert werden), belegen, wie die Herren und Damen im Bundeskanzleramt und ihre Verkehrsminister und Bahnchefs in den vergangenen 25 Jahren&nbsp;&ndash; seit der Bahnreform 1994&nbsp;&ndash; gest&uuml;mpert haben, wie sie die Bahn systematisch haben verkommen lassen. Diese Unsummen offenbaren, wie volkswirtschaftlich desastr&ouml;s in den vergangenen 30 Jahren die Bahnchefs&nbsp;&ndash; also Heinz D&uuml;rr, vor allem aber Hartmut Mehdorn und nicht zuletzt R&uuml;diger Grube&nbsp;&ndash; in ihrer Unf&auml;higkeit gewirkt haben. Wie sie in ihrem Gr&ouml;&szlig;enwahn agiert und ohne R&uuml;cksicht auf Kosten, Sinn und Zweck und Verstand einen weltumfassenden Logistikkonzern geschaffen und dabei ein riesiges Volksverm&ouml;gen verschleudert haben. Im Grunde ein Fall f&uuml;r Gerichte. Aber, wie gesagt, nun soll es ja tats&auml;chlich besser werden mit dieser Deutschen Bahn. <\/p><p>Und so &uuml;berbieten sich Politiker und Bahnmanager derzeit in ihren Versprechungen: Eine Verdoppelung der Reisenden im Fernverkehr soll es geben, die G&uuml;terbahn soll 70&nbsp;Prozent mehr transportieren als heute, und es sollen demn&auml;chst wieder einige Nachtz&uuml;ge ins Ausland rollen, die die Bahn AG vor ein paar Jahren unsinnigerweise und gegen massiven Kundenprotest eingestellt hat. Aber vor allem setzen die Bahnmanager seit einiger Zeit auf ein Wunder, das nahezu alle Probleme l&ouml;sen werde: den &raquo;Deutschland-Takt&laquo;. Abgesehen davon, dass die Bahnbosse eine unselige Tradition von nie eingehaltenen Versprechungen haben, sind die meisten der aktuellen Verhei&szlig;ungen ohne Bezug zur Realit&auml;t. Sie sind grotesk. Denn der kaputtgesparten Bahn fehlt es an allem: an Gleisen, an Land f&uuml;r Gleise, an Lokomotiven, an Z&uuml;gen, an Personal, vor allem aber an Knowhow.<\/p><p>Wie hoffnungslos die Lage ist, zeigt sich an einer Zahl: Um auf den Standard der Schweiz zu kommen, was das Minimum f&uuml;r den so oft bejubelten Hochtechnologiestandort Deutschland w&auml;re, m&uuml;sste das Bahnnetz augenblicklich um 25&#8197;000 Kilometer erweitert werden&nbsp;&ndash; ein Ding der Unm&ouml;glichkeit. <\/p><p>Jenseits der offiziellen Propaganda, ein kurzer Blick auf die Fakten: Gerade mal knapp drei Kilometer zus&auml;tzlicher Bahnstrecken wurden 2020 in Betrieb genommen&nbsp;&ndash; in ganz Deutschland.<br>\nDass an der Spitze der Bahn weiter gewurstelt wird wie bisher, daf&uuml;r stehen&nbsp;&ndash; abgesehen von Bahnchef Richard Lutz selbst, abgesehen nat&uuml;rlich von Verkehrsminister Andreas Scheuer, abgesehen vor allem von Vorstandsmitglied Ronald Pofalla&nbsp;&ndash; seit gut einem Jahr beispielhaft zwei Personen: Sigrid Nikutta und Levin Holle.<\/p><p>Seit dem 1.&#8197;Januar 2020 ist die 52 Jahre alte Sigrid Nikutta verantwortlich f&uuml;r den neu geschaffenen Vorstandsposten G&uuml;terverkehr. Sie kam an diese so wichtige Position, weil der bisher daf&uuml;r zust&auml;ndige DB-Finanzchef Alexander Doll den Machtkampf gegen Pofalla und Lutz verloren hat. Weil auch er das Unm&ouml;gliche nicht geschafft hat: Arriva, die defizit&auml;re und damit unattraktive europ&auml;ische Auslandssparte der Bahn, gewinnbringend zu verkaufen. Am 31. Dezember 2020 musste Doll gehen. Der Bahn und vor allem der Gesellschaft hat sein Wirken nichts Gutes gebracht, au&szlig;er noch mehr Defizite im G&uuml;terverkehr. F&uuml;r ihn pers&ouml;nlich aber hat sich sein dreij&auml;hriger Kurzeinsatz durchaus rentiert: Er verl&auml;sst den Staatskonzern mit einer Abfindung von rund einer Million Euro.<\/p><p>Was qualifiziert nun Nikutta? Sie ist politisch gut vernetzt. Sie hat einen guten Draht zur Eisenbahngewerkschaft EVG&nbsp;&ndash; die in den vergangenen Jahren alle Zerst&ouml;rungsprogramme der jeweiligen Bahnchefs abgenickt hat. Und sonst? Nikutta war einige Jahre lang Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe, und da fiel sie vor allem durch flotte Spr&uuml;che auf, die die Werbeagentur Jung von Matt f&uuml;r sie klopfte. Ihre St&auml;rke: Sie ist gut in der &Ouml;ffentlichkeitsarbeit, eine Expertin im Fach Angewandte Selbstvermarktung und: Sie ist sehr machtbewusst. Sollte sie, was sehr zu hoffen, aber kaum zu erwarten ist, den G&uuml;terverkehr tats&auml;chlich voranbringen, droht den noch regierenden Herren im Berliner Bahntower sicherlich ein Gerangel um die Bahnspitze: Als promovierte Psychologin kennt Nikutta die Finessen des Nahkampfs.<\/p><p>Und dann ist da, seit dem 1. Februar 2020, Levin Holle, der neue Finanzvorstand, auch er kam in das Amt durch den Abgang von Alexander Doll. <\/p><p>Seine Qualifikation: Als ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) ist er politisch nicht nur gut, sondern sehr gut vernetzt: Er wird gest&uuml;tzt und gef&ouml;rdert von Verkehrsminister Andreas Scheuer und von Wolfgang Sch&auml;uble gelobt, in dessen Finanzministerium er gearbeitet hat. Au&szlig;erdem: 15 Jahre lang war Holle bei der Boston Consulting Group im Einsatz, der 54-J&auml;hrige kommt aus dem &raquo;Heuschrecken&laquo;-Milieu, um mal ein Wort des ehemaligen Verkehrsministers Franz M&uuml;ntefering zu benutzen. F&uuml;r die Bahnkunden, aber vor allem f&uuml;r die Bahnmitarbeiter sind das nicht unbedingt gute Nachrichten.<\/p><p>Und dann ist da noch &uuml;ber allen, noch immer ganz oben, der Maut- und Automann Andreas Scheuer, der Verkehrsminister. Dass er noch im Amt ist, verdankt Scheuer dem Coronavirus. Man hat derzeit in Berlin andere Sorgen, als einen unf&auml;higen Minister zu entsorgen. Und so wirkt dieser Minister auf Abruf, wie die meisten Verkehrsminister gewirkt haben: Vorfahrt f&uuml;r PKW und LKW. Er setzt sich f&uuml;r den ungehemmten Autobahnausbau ein, k&auml;mpft daf&uuml;r, dass die so defizit&auml;ren wie &uuml;berfl&uuml;ssigen Regionalflugh&auml;fen erhalten bleiben, plant nun ein 100-Millionen-Euro-Sofortprogramm, damit private Investoren auf Kosten der Steuerzahler noch mehr LKW-Stellpl&auml;tze entlang der Autobahnen bekommen. Landfra&szlig; statt M&auml;&szlig;igung, Beton statt Klugheit&nbsp;&ndash; das ist seine Devise. Es ist ein trotziges: &raquo;Weiter so!&laquo;<\/p><p>Arno Luik: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/schaden-in-der-oberleitung-2\/\">Schaden in der Oberleitung. Das geplante Desaster der Deutschen Bahn<\/a>&ldquo;, 304 Seiten, 12 Euro, Westend Verlag, 29.3.2021<\/p><p>Titelbild: Gaschwald\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Desaster der Deutschen Bahn ist kein Versehen. Es gibt T&auml;ter. Sie sitzen in der Bundesregierung, im Bundestag und seit Jahren im Tower der Deutschen Bahn. <strong>Arno Luik<\/strong>, langj&auml;hriger Stern-Autor und profilierter Bahn-Kenner, zeigt in seinem Buch &bdquo;Schaden in der Oberleitung&ldquo; das komplette Desaster detailliert auf. 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