{"id":71344,"date":"2021-04-06T10:30:29","date_gmt":"2021-04-06T08:30:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71344"},"modified":"2022-02-14T15:38:08","modified_gmt":"2022-02-14T14:38:08","slug":"mut-ganz-praktisch-betrachtet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71344","title":{"rendered":"Mut &#8211; ganz praktisch betrachtet"},"content":{"rendered":"<p><b>Die Sicht eines Philosophen: Matthias Burchardt im Gespr&auml;ch. <\/b>Nicht erst <i>seit,<\/i> aber besonders <i>in<\/i> Zeiten von Corona ist es gar nicht so leicht, einer g&auml;ngigen Meinung entgegenzutreten. Angefangen von heftigen Auseinandersetzungen und Trennungen innerhalb des Freundeskreises oder der Familie, &uuml;ber &Auml;rger beim Einkaufen, Reputationsverlust bis hin zu Verlust von Arbeitsplatz, Bankkonten, Wohnung und auch Hausdurchsuchungen: Wer die &bdquo;falsche&ldquo; Meinung hat, wer diese auch noch &ouml;ffentlich und offensiv vertritt, riskiert auch den Besuch eines SEKs morgens um sechs Uhr. Da wirkt dann das Prinzip &bdquo;Strafe einen, erziehe viele&ldquo; hervorragend, und es braucht geh&ouml;rigen Mut, weiter der eigenen &Uuml;berzeugung gem&auml;&szlig; zu handeln. Trotzdem gibt es mutige Menschen, und es stellt sich die Frage: Was macht diese Menschen aus? Wie werden Menschen mutig, und: Kann man etwas tun, damit mehr und mehr Menschen mutig werden? Im Gespr&auml;ch mit <b>Matthias Burchardt<\/b> ging <b>Andrea Drescher <\/b>f&uuml;r die NachDenkSeiten dieser Frage nach.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6812\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-71344-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210406_Mut_ganz_praktisch_betrachtet_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210406_Mut_ganz_praktisch_betrachtet_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210406_Mut_ganz_praktisch_betrachtet_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210406_Mut_ganz_praktisch_betrachtet_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=71344-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210406_Mut_ganz_praktisch_betrachtet_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210406_Mut_ganz_praktisch_betrachtet_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><b>Was verstehen Sie unter Mut?<\/b><\/p><p>Mut ist f&uuml;r mich eine bestimmte Entschlossenheit und auch eine Bereitschaft, f&uuml;r Werte, &Uuml;berzeugungen, f&uuml;r die Wahrheit, f&uuml;r die Menschenliebe Risiken in Kauf zu nehmen. Dadurch setzt man sich selbst aufs Spiel, verteidigt aber auch sich selbst und hat die Chance, eine bessere Welt zu gewinnen.<\/p><p>Ich w&uuml;rde das gerne ein bisschen erl&auml;utern: Der Beweis des Mutes geschieht nicht erst in der direkten Aktion, in einer &Auml;u&szlig;erung oder Tat. Mut ist viel fr&uuml;her schon erforderlich. Kant hat mal in etwa formuliert, dass man Mut haben muss, sich ohne die Anleitung eines anderen seines eigenen Verstandes zu bedienen. Ich w&uuml;rde sogar noch weiter gehen: Schon beim Wahrnehmen der Wirklichkeit brauche ich den Mut, meinem eigenen Verm&ouml;gen zu vertrauen, da ich immer das Risiko einer T&auml;uschung oder eines Irrtums auf mich nehme. Ich muss deshalb hinreichendes Zutrauen in meine Urteilskraft und Denkf&auml;higkeit gewonnen haben.<\/p><p>Das Risiko besteht also nicht erst, wenn ich in Konflikt mit anderen gerate, sondern beginnt schon bei der Ausbildung einer Haltung, einer eigenen Meinung, einer &Uuml;berzeugung. Habe ich dann dieses Zutrauen aufgebaut, komme ich in einen zweiten Konflikt, denn dann gilt es, das, wovon ich &uuml;berzeugt bin, vor anderen auch zur Geltung zu bringen. Das betrifft Sachfragen ebenso wie Wertfragen. Bei Sachfragen geht es um Themen wie zum Beispiel, ob die Erde eine Kugel ist. Bei Wertfragen, wo es um Gut und B&ouml;se geht, m&uuml;ndet es irgendwann in dem alten Luther-Satz &bdquo;hier stehe ich und kann nicht anders&ldquo;. Sobald ich etwas inakzeptabel finde, muss ich dasjenige zur Geltung bringen, wovon ich aus guten Gr&uuml;nden &uuml;berzeugt bin.<\/p><p>Das hei&szlig;t, Mut besteht in der Aufgabe, Zutrauen in die eigenen F&auml;higkeiten und die Integrit&auml;t meiner Person zu gewinnen, und weiterhin in den sozialen Aspekten der Artikulation und Verteidigung dessen, was ich f&uuml;r wahr und gut halte, auch gegen Widerst&auml;nde und unter Inkaufnahme von Nachteilen.<\/p><p><b>Mut ist anstrengend?<\/b><\/p><p>Kant sagte, dass Faulheit und Feigheit uns dazu bringen, uns gerne von anderen bevormunden zu lassen, und das sind genau die Aspekte, die Mut bed&uuml;rfen. Es ist anstrengend, das Wahre zu suchen und f&uuml;r das Gute einzustehen, und es ist m&ouml;glicherweise sozial gef&auml;hrlich. Und nat&uuml;rlich kann ich dieser Anstrengung und Gefahr sehr gut entgehen, wenn ich betreutes Handeln und betreutes Denken an die Stelle meiner eigenen &Uuml;berzeugung und meiner Verantwortung f&uuml;r das, was ich bin und was ich tue, setze.<\/p><p>Dabei hilft eine Unterscheidung aus der Antike, dass man Mut nicht mit Leichtsinn verwechseln darf. Mut ist eigentlich das richtige Wissen um die Gefahr. Wer die Gefahr &uuml;bersch&auml;tzt, ist feige, wer die Gefahr untersch&auml;tzt, ist leichtsinnig. Mut versucht die Mitte zwischen beidem zu suchen und bedarf einer gewissen Klugheit und Abw&auml;gung.<\/p><p><b>Sind Sie mutig?<\/b><\/p><p>Ich glaube, dass ich im Bereich Zutrauen in mein eigenes Wahrnehmen, Denken und Urteilen einige Schritte unternommen habe, mich von Bevormundungen freizumachen, und auch das Risiko des Irrtums und der sozialen Konfrontation nicht scheue.<\/p><p><b>Das sieht man ja an Ihren &ouml;ffentlichen Auftritten.<\/b><\/p><p>Wenn ich dann manchmal h&ouml;re, ich w&auml;re aber mutig, dann besch&auml;mt mich das immer so ein wenig, weil ich letztendlich gar keine Angst empfinde, die ich &uuml;berwunden h&auml;tte durch das, was ich tue. Gleichwohl versuche ich mir bei allem, was ich tue, &uuml;ber die m&ouml;glichen Folgen Rechenschaft abzulegen. Sofern ich das kalkulieren kann, bin ich bereit, Konsequenzen in Kauf zu nehmen.<\/p><p><b>Welche Konsequenzen sind Sie bereit zu ertragen?<\/b><\/p><p>Angriffe gegen meine Person, pers&ouml;nliche Diffamierungen, Reputationsverlust. Damit kann ich umgehen.<\/p><p><b>Was macht Ihrer Meinung nach Menschen mutig?<\/b><\/p><p>Das sind verschiedene Aspekte. Menschen sind mutig, wenn sie sich einer Sache oder einem Wert verschrieben haben, wenn sie ein tiefes Vertrauen in ihre eigenen F&auml;higkeiten haben und wenn sie wissen, dass es andere Menschen gibt, die sie st&uuml;tzen. Der Mut w&auml;chst mit der Gefahr.<\/p><p><b>Das w&auml;re die Frau von Daniele Ganser, die ihn gest&uuml;tzt hat, und seine &Uuml;berzeugungen, die ihn tragen?<\/b><\/p><p>Ja, genau. Das ist ein gutes Beispiel eines wirklich mutigen Wissenschaftlers. Viele erwecken ja nur den Eindruck, mutig zu sein.<\/p><p><b>Wie meinen Sie das?<\/b><\/p><p>Es gibt ja auch diesen peinlichen oder ideologisch missbrauchten Ausdruck der Zivilcourage, der ein &bdquo;gutes Gewissen to go&ldquo; vermittelt. Wer sich in einem gentrifizierten Szeneviertel das Plakat &bdquo;ich bin gegen Rassismus&ldquo; ans Fenster h&auml;ngt oder in Deutschland gegen die Missachtung der Schwarzen in den USA auf die Stra&szlig;e geht, ist nicht mutig. Das ist blo&szlig; eine Attrappe von Zivilcourage. Solange ich mich im sicheren Gehege der gesellschaftlichen Anerkennung einer Position anschlie&szlig;e, riskiere ich weniger, als wenn ich, obwohl ich mit der AfD nichts anfangen kann &ndash; etwa im Sinne des h&ouml;heren Gutes der Meinungsfreiheit &ndash; deren Recht auf Existenz und politische Partizipation verteidige.<\/p><p><b>Das ist der &bdquo;Mut der Mitl&auml;ufer&ldquo;, nicht wahr?<\/b><\/p><p>Das ist ja kein echter Mut. Ein Mut, der aus einer medial gesch&uuml;rten Massenhysterie erw&auml;chst, ist durchaus problematisch und zu unterscheiden von dem, der aus der besonnenen Entschlossenheit herr&uuml;hrt. Wir sollten grunds&auml;tzlich allen Demagogen misstrauen, auch und gerade, wenn es um die gute Sache geht.<\/p><p><b>Was sehen Sie f&uuml;r Impulse, um in der jetzigen Situation Menschen zu erreichen, mutig zu sein? Wie kann man anderen helfen, mutiger zu werden?<\/b><\/p><p>Ich glaube, dass die Erfahrung, sich in einer heiklen Situation bew&auml;hrt zu haben, sowohl f&uuml;r einen selbst als auch f&uuml;r die anderen als Rollenmodell, neue Kr&auml;fte freisetzt. Wir merken, dass eigentlich gar nicht viel passiert, wenn wir uns etwas Mutiges trauen, dass vielfach die Sanktionsangst gr&ouml;&szlig;er ist als die tats&auml;chliche Sanktionswirklichkeit. Vielleicht ist es auch ganz gut, den Blick des Anderen oder die &auml;u&szlig;eren Widerst&auml;nde nicht immer schon vorweg zu nehmen und aus Angst vor Repression mit Selbstzensur oder Selbstverleugnung zu reagieren. Wenn man im Sprechen und Tun aufrichtig Zeugnis ablegt, gibt dies auch anderen Mut und Hoffnung.<\/p><p><b>Zum Beispiel auch mit meinem Mut-Buch, oder?<\/b><\/p><p>Genau. Es ist wichtig zu wissen &bdquo;ich bin nicht allein&ldquo; &ndash; wenn man Beispiele findet, hilft das manch einem, &auml;hnliche Schritte zu setzen. Hilfreich ist auch, Unterst&uuml;tzung durch die Gemeinschaft zuzusichern, unabh&auml;ngig davon, was passiert: &bdquo;Wir fangen dich auf, wenn du mutig warst und dadurch Nachteile erleiden musstest.&ldquo;<\/p><p><b>Was sind Motive f&uuml;r Sie, mutig zu sein? Ich habe in einem Interview geh&ouml;rt, es ist der Gerechtigkeitssinn, der Sie treibt?<\/b><\/p><p>Ja, das stimmt. Nehmen wir die aktuelle Situation. Ich bin gl&uuml;cklicherweise noch &ouml;konomisch gesichert, habe ein liebendes Umfeld und k&ouml;nnte mich jetzt hinsetzen und meinen Interessen nachgehen. Mich tangiert Corona fast gar nicht. Und zugleich wird etwas verletzt, was gr&ouml;&szlig;er ist als meine eigenen Interessen, n&auml;mlich die Rahmenbedingungen f&uuml;r ein gedeihliches Gemeinwesen. Es werden Grundwerte verletzt, Menschenrechte, kulturelle Gepflogenheiten werden ausgesetzt, die Intelligenz der m&uuml;ndigen B&uuml;rger beleidigt. Das finde ich emp&ouml;rend, da sind wir dann bei St&eacute;phane Hessel.<\/p><p><b>Sie meinen &bdquo;Emp&ouml;rt euch!&ldquo;?<\/b><\/p><p>Genau.<\/p><p><b>Warum emp&ouml;ren sich so wenige Menschen?<\/b><\/p><p>Faulheit, Feigheit und mangelndes Zutrauen in die eigenen F&auml;higkeiten oder vielleicht auch ein unterentwickelter Gerechtigkeitssinn.<\/p><p><b>Mangelnde Werte?<\/b><\/p><p>Ja, das kann auch sein. Vielleicht auch fehlender Gemeinsinn.<\/p><p><b>Mangelnde Bildung?<\/b><\/p><p>Das k&ouml;nnte missverstanden werden. Leider sind gerade Akademiker mitunter ausgesprochen feige Menschen. Deshalb w&uuml;rde ich eher von mangelnder Charakterbildung reden. Die gute Tat wird nicht allein im Kopf geboren, sondern erw&auml;chst auch aus dem Mitgef&uuml;hl der Menschen zueinander, wie vielleicht Rousseau sagen w&uuml;rde. Es gibt eine Form von charakterlicher St&auml;rke, die nicht unbedingt korrespondiert mit dem Erwerb von Bildungszertifikaten.<\/p><p><b>Umgekehrt wird aber auch kein Schuh daraus?<\/b><\/p><p>Nein, es gibt bestimmt auch mutige Professoren an den Hochschulen, das ist keinesfalls ausgeschlossen. Aber man sieht sie kaum, sie kommen nicht aus der Deckung. Bei vielen waltet eine gewisse Herdenmentalit&auml;t oder die Sorge, durch politisches Engagement in Verbindung mit der Demokratiebewegung gebracht zu werden, hinzu kommen sicher Abh&auml;ngigkeiten. Ich kann es gut verstehen, wenn man sorgsam abw&auml;gt, was man bereit ist, auf&rsquo;s Spiel zu setzen. Es geht ja auch nicht darum, mit guten Taten Amok zu laufen und gleich alles zu riskieren. Wir brauchen kein sinnloses M&auml;rtyrertum, wichtig ist es, ein Spektrum von M&ouml;glichkeiten auszuloten und dann dasjenige zu tun, was man verantworten kann, auch im Hinblick auf die eigenen Abh&auml;ngigkeiten.<\/p><p><b>Schaffen es viele einfach nicht &ndash; angesichts der zunehmenden Sanktionen der Kritiker &ndash; &uuml;ber ihren Schatten zu springen? <\/b><\/p><p>Richtig ist: Ich kann gerade in unsicheren Zeiten nicht kalkulieren, welche Risiken ich bereit bin in Kauf zu nehmen und welche nicht, wenn ich nicht vollst&auml;ndig &uuml;bersehen kann, welche Folgen meine Handlungen nach sich ziehen werden. Aber unter diesen bedrohlichen Umst&auml;nden ist doch Unt&auml;tigkeit gerade nicht die Maxime der Stunde! Jetzt geht es doch genau darum, dass wir diese Gef&auml;hrdungen von Demokratie, Kultur und Rechtstaatlichkeit &uuml;berwinden. Konformit&auml;t und Mitl&auml;ufertum erwachsen letztlich ja aus der Identifikation mit dem Aggressor und man gibt von vornherein alles preis, wof&uuml;r es sich zu k&auml;mpfen lohnen w&uuml;rde. Und letzten Endes werden die Konformisten auch nicht belohnt.<\/p><p><b>Weil viele sich nicht trauen, Risiken einzugehen, muss man gerade dann handeln?<\/b><\/p><p>Genau, aber jeder in seinem Rahmen, nach seinen M&ouml;glichkeiten und an seinem Ort, das ist vielleicht nochmal ein ganz wichtiger Punkt. Ich habe Kollegen, die ganz mutig in der Mainstreampresse schreiben und dort zumindest kleinere Durchstiche erm&ouml;glichen. Sie w&uuml;rden sich niemals trauen, im Corona-Ausschuss auszusagen, aber das, was sie an ihrer Stelle tun, ist hilfreich. Mut bedeutet nicht unbedingt, gro&szlig;e Taten zu begehen, sondern auch die kleine Tat, ein Wort zum richtigen Zeitpunkt kann einen gewaltigen Unterschied ausmachen. Die &uuml;bertrieben gro&szlig;e heroische Geste ist manchmal eher Ausdruck von Narzissmus als von wirklichem Mut. So etwas kann f&uuml;r eine Bewegung sogar kontraproduktiv sein. Viele kleine Taten sind ebenso bedeutsam wie die weithin sichtbare Symbolgeste.<\/p><p><b>Muss man heute als Wissenschaftler besonders mutig sein, um frei zu denken und sprechen zu k&ouml;nnen?<\/b><\/p><p>Ja!<\/p><p><b>Hat sich das im letzten Jahr ver&auml;ndert oder war das schon immer so?<\/b><\/p><p>Nein, das hat sich ver&auml;ndert. Im akademischen Diskurs ist eine ziemlich starke Kontrolle und Steuerung von Meinungen zu beobachten. Das betrifft die Auswahl der Forschungsthemen ebenso wie die Wahl der Thematisierungshinsichten, also ob ich mich in einem eher ideologisch vorgepr&auml;gten Rahmen bewege, der die Perspektiven des &raquo;juste milieu&laquo;, der meinungskonformen scientific community abbildet oder ob ich mich an der Fachlichkeit unter Anspruch von Redlichkeit und Wahrhaftigkeit orientiere. Das betrifft bereits die Sprache, in der ich mich wissenschaftlich artikuliere.<\/p><p><b>Inwiefern ist die Sprache auch betroffen?<\/b><\/p><p>Es geht um Sprachkontrolle durch &bdquo;Political Correctness&ldquo;. Dadurch ist ein subtil repressives System entstanden, das die Wissenschaftsfreiheit systematisch untergr&auml;bt. Die Sanktionen bestehen nicht nur in sozialer, sondern auch materieller Exlusion. Etwa durch Entzug von Drittmitteln oder von Forschungsmitteln insgesamt. Marktdruck und Ideologisierung haben die Universit&auml;t in ihren Freiheitsspielr&auml;umen beschnitten. Wissenschaftsfreiheit wird dadurch zu einer Frage des pers&ouml;nlichen Mutes.<\/p><p><b>Womit wir wieder am Anfang w&auml;ren, denn Sie sind ja mutig. Darf man Sie einen Querdenker nennen?<\/b><\/p><p>Darf man gerne. Nehme ich die nackte Bedeutung des Wortes, kommt ja Anerkennung darin zum Ausdruck. Wenn ich den propagandistischen Diskurs ber&uuml;cksichtige, handelt es sich allerdings um einen systematisch aufbereiteten Diffamierungsbegriff. Das Interessante ist, dass und wie sich dieser Begriff ge&auml;ndert hat. Er war ja zun&auml;chst die Selbstbezeichnung einer Bewegung und wurde dann von den &bdquo;Qualit&auml;tsmedien&ldquo; vereinnahmt und zum Stigmatisierungsbegriff umgedeutet. Daher schlage ich vor, einfach von den emanzipatorischen Bem&uuml;hungen fr&uuml;herer Bewegungen lernen, z.B. als sich Menschen mit Behinderungen selbst als &bdquo;Kr&uuml;ppelbewegung&ldquo; bezeichnet haben. So konnten diese einen Begriff durch Selbstanwendung entsch&auml;rfen und damit ihre Gegner entwaffnen.<\/p><p><b>Als ich nach &Ouml;sterreich zog, habe ich immer gesagt: &bdquo;Seid mir nicht b&ouml;se, ich bin ein Piefke, ich sag&lsquo;s direkt.&ldquo; Da hatte ich die Lacher auf meiner Seite. Meinen Sie das in diesem Sinne?<\/b><\/p><p>Genau so war es gemeint. Aber noch lieber als &raquo;Querdenker&laquo; w&auml;re mir &raquo;Denker&laquo;, weil wesentliches Denken eigentlich immer quer ist.<\/p><p><b>Zu einem Philosophen passt der Begriff Denker auf jeden Fall. Danke f&uuml;r das mutige Denken und das spannende Gespr&auml;ch!<\/b><\/p><p>Interviews mit mutigen Menschen findet man im Buch &bdquo;Menschen mit Mut&ldquo;, das Ende Mai 2021 erscheinen wird und bereits heute unter <a href=\"http:\/\/www.menschen-mit-mut.eu\/\">menschen-mit-mut.eu<\/a> vorbestellt werden kann. Der komplette Ertrag aus diesem Buch kommt der Friedensbr&uuml;cke Kriegsopferhilfe e.V. <a href=\"http:\/\/www.fbko.org\/\">fbko.org<\/a> zugute.<\/p><p>Titelbild: Graphics Master\/shutterstock.com<\/p><p><i><strong>Zur Person:<\/strong> Dr. Matthias Burchardt, Jg. 1966, hat Germanistik, Philosophie, P&auml;dagogik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften studiert und mit dem Ersten Staatsexamen abgeschlossen. Promoviert hat er &uuml;ber die Anthropologie Eugen Finks, ist gegenw&auml;rtig Akademischer Rat und besch&auml;ftigt sich vornehmlich mit Bildungsphilosophie, Anthropologie und der Arch&auml;ologie des Zeitgen&ouml;ssischen. Er ist Mitbegr&uuml;nder und Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Gesellschaft f&uuml;r Bildung und Wissen, die in &Ouml;sterreich, Deutschland und der Schweiz kritisch Stellung zu bildungspolitischen Fragen bezieht. Als gefragter Referent und streitbarer Publizist vertritt er in Presse, Rundfunk und Fernsehen humorvoll und kontrovers Positionen zu PISA, Bologna und nicht zuletzt zum Digitalisierungshype. &Uuml;ber Jahre war er Radiophilosoph bei EINSLIVE, dem Jugendsender des Westdeutschen Rundfunks. Unter der Rubrik &raquo;Ja? Nein? Jein!&laquo; ging es dort um Gewissenskonflikte zwischen Tiefsinn und Alltagsfragen. Wenn ihm Beruf und Familie Zeit lassen, k&uuml;mmert er sich um den Nachlass seines Onkels Erwin Hapke, der ihm ein geheimes Museum voller Papierkunst vererbt hat. <\/i><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/ea33372167b749f98d6e683720fa32d0\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Die Sicht eines Philosophen: Matthias Burchardt im Gespr&auml;ch. <\/b>Nicht erst <i>seit,<\/i> aber besonders <i>in<\/i> Zeiten von Corona ist es gar nicht so leicht, einer g&auml;ngigen Meinung entgegenzutreten. Angefangen von heftigen Auseinandersetzungen und Trennungen innerhalb des Freundeskreises oder der Familie, &uuml;ber &Auml;rger beim Einkaufen, Reputationsverlust bis hin zu Verlust von Arbeitsplatz, Bankkonten, Wohnung und auch Hausdurchsuchungen:<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71344\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":71345,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,165,209,161],"tags":[3049,1865,1163,2155,2247,2999,968],"class_list":["post-71344","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-interviews","category-wertedebatte","tag-burchardt-matthias","tag-meinungsfreiheit","tag-meinungspluralismus","tag-opportunismus","tag-political-correctness","tag-querdenken","tag-wissenschaftsfreiheit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/shutterstock_723430327-Kopie.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71344","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=71344"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71344\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":80821,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71344\/revisions\/80821"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/71345"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=71344"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=71344"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=71344"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}