{"id":71358,"date":"2021-04-06T13:13:40","date_gmt":"2021-04-06T11:13:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71358"},"modified":"2021-04-06T16:23:52","modified_gmt":"2021-04-06T14:23:52","slug":"die-abschiebeoase","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71358","title":{"rendered":"Die Abschiebeoase"},"content":{"rendered":"<p>Auch in Zeiten von Krieg und Pandemie werden Gefl&uuml;chtete weiterhin nach Afghanistan abgeschoben. Allein in den letzten Wochen fanden mehrere Abschiebungsfl&uuml;ge statt. Die Betroffenen stehen oftmals vor dem Nichts &ndash; und landen in einem fragw&uuml;rdigen Hotel in der Kabuler Innenstadt. Von <strong>Emran Feroz<\/strong> aus Kabul.<br>\n<!--more--><br>\nDas Hotel &bdquo;Spinzar&ldquo; liegt im Herzen Kabuls. Nahe der belebten Hauptstra&szlig;e befindet sich der alte Basar, die Baghe-Omumi-Br&uuml;cke sowie die bekannte &bdquo;Moschee des Zweischwertigen K&ouml;nigs&ldquo;. Viele Menschen spazieren am Hotel vorbei, ohne dem Geb&auml;ude Beachtung zu schenken. Es wirkt unauff&auml;llig und etwas heruntergekommen, so wie viele andere Bauten in der Gegend. Wortw&ouml;rtlich &uuml;bersetzt bedeutet &bdquo;Spinzar&ldquo; &bdquo;wei&szlig;es Gold&ldquo;, doch davon ist, zumindest heute, nichts zu sehen. Der Alltag im &bdquo;Spinzar&ldquo; erscheint etwas &ouml;de. Ein Wachmann sitzt gelangweilt vor dem Eingang. Besucher, die es selten gibt, filzt er kaum. Der Rezeptionist ist mit seinem Handy besch&auml;ftigt. Manchmal ruft er G&auml;ste auf, nach denen gefragt wird. Die Lobby mit den verstaubten M&ouml;beln ist meist leer. Der Essenssaal wirkt unbenutzt. <\/p><p>Ausgerechnet hier landen mehrmals in der Woche abgeschobene Gefl&uuml;chtete aus aller Herren L&auml;nder. Allein in den letzten Tagen checkten Abgeschobene aus Deutschland, &Ouml;sterreich und dem Iran im &bdquo;Spinzar&ldquo; ein &ndash; unfreiwillig. Das Hotel ist der erste Schritt in das neue, alte Leben der abgeschobenen Afghanen. Dass sie ausgerechnet hier landen, ist kein Zufall. Seit rund f&uuml;nf Jahren arbeitet das &bdquo;Spinzar&ldquo; mit IOM (&bdquo;Internationale Organisation f&uuml;r Migration&ldquo;) zusammen. Viele der &bdquo;G&auml;ste&ldquo; sind keine wirklichen Reisenden, sondern verzweifelte Menschen, die in Kabul keine Anlaufstelle haben. Nachdem die Gefl&uuml;chteten am Kabuler Flughafen landen, sind sie praktisch gezwungen, im Hotel zu &uuml;bernachten &ndash; oder auf der Stra&szlig;e. Dass dies meist unsch&ouml;n endet, ist mittlerweile bekannt. &bdquo;Vor einigen Jahren brachte sich im Hotel ein junger Mann nach seiner Abschiebung um. Da haben viele erst bemerkt, was hier vor sich geht&ldquo;, erz&auml;hlt ein Buchh&auml;ndler, dessen Stand sich neben dem &bdquo;Spinzar&ldquo; befindet. Er hat Mitleid mit jenen Afghanen, die abgeschoben werden. &bdquo;Am liebsten w&uuml;rde auch ich gemeinsam mit meiner Familie das Land verlassen. Wir k&ouml;nnen uns allerdings keine Flucht leisten&ldquo;, sagt er.<\/p><p>Das Hotel profitiert von der Zusammenarbeit mit IOM. Die Probleme der Abgeschobenen will es dennoch nicht herunterspielen. &bdquo;Wir unterst&uuml;tzen ihre Abschiebung nicht. Sie haben gro&szlig;e Risiken auf sich genommen, um vor dem Krieg zu fl&uuml;chten. Dass sie am Ende zur&uuml;ckgebracht werden, ist auch f&uuml;r uns schmerzhaft&ldquo;, meint Jawed Noori. Er ist seit elf Jahren als Rezeptionist im &bdquo;Spinzar&ldquo; t&auml;tig. Laut ihm kommen die meisten Gefl&uuml;chteten, die in den letzten Wochen und Monaten im Hotel gen&auml;chtigt haben, aus Deutschland und &Ouml;sterreich. Noori sagt, dass viele der Abgeschobenen psychische Probleme haben und  oftmals der Drogensucht verfallen. &bdquo;Sie kommen mit der Situation nicht klar und bet&auml;uben sich. Wir m&uuml;ssen sie dann ins Krankenhaus bringen oder sie von dort abholen. Die Verantwortung liegt bei uns. Meist gibt es sonst niemanden&ldquo;, sagt er. Eine weitere dramatische Szene erlebte Noori vor einigen Tagen, als ein blutverschmierter Abgeschobener weinend im Hotel auftauchte. Laut eigener Aussage wurde er am Flughafen von deutschen Beamten verpr&uuml;gelt. &bdquo;Der hatte Frau und Kind in Deutschland und wurde einfach gewaltsam in den Flieger gesteckt. Kurz darauf wurde klar, dass der Mann f&auml;lschlicherweise abgeschoben wurde. Er ist mittlerweile wieder in Deutschland. Das ist doch total verr&uuml;ckt und unmenschlich&ldquo;, res&uuml;miert Noori. <\/p><p>In den letzten Monaten und Jahren fanden auch nahe des Hotels Selbstmordanschl&auml;ge und andere Bombenattentate statt. Immerhin liegen unweit des &bdquo;Spinzar&ldquo; das afghanische Au&szlig;enministerium und andere Regierungsinstitutionen und Milit&auml;reinrichtungen, die regelm&auml;&szlig;ig zum Ziel militanter Gruppen werden. Bei derartigen Anschl&auml;gen wird meist ausschlie&szlig;lich zivile Infrastruktur in Mitleidenschaft gezogen. &bdquo;Es gab noch keinen Anschlag auf das Hotel, doch wir alle erleben den Terror tagt&auml;glich. Er ist Teil unseres Alltags geworden&ldquo;, erz&auml;hlt der Koch des Hotels. Ein weiteres Problem in Kabul ist die hohe Kriminalit&auml;tsrate. Mittlerweile gibt es Diebesbanden, die sich auf Abgeschobene spezialisiert haben. &bdquo;Man geht davon aus, dass die abgeschobenen Gefl&uuml;chteten zumindest ein teures Smartphone sowie Bargeld besitzen. Au&szlig;erdem erkennt man sie schnell anhand von Kleidung oder Frisur&ldquo;, erz&auml;hlt Zalmay*, der vor rund drei Jahren aus &Ouml;sterreich abgeschoben wurde und einige N&auml;chte im Spinzar verbrachte. Danach fand er Platz bei einigen Bekannten in der N&auml;he von Kabul und hat einen &bdquo;Neustart&ldquo; mit dem IOM-Geld &ndash; einigen hundert Euro &ndash; versucht. Doch er ist gescheitert und wird weiterhin vor jenen Menschen bedroht, vor denen er gefl&uuml;chtet ist. Mittlerweile plant Zalmay die n&auml;chste Flucht. Er will demn&auml;chst nach Pakistan reisen. &bdquo;Da mich Europa nicht will, bin ich gezwungen, vorerst dort ein neues Leben aufzubauen&ldquo;, sagt er. <\/p><p>Die Nacht im &bdquo;Spinzar&ldquo; mitsamt Verpflegung kostet 1.000 Afghani, etwas mehr als zehn Euro. Die Rechnung begleicht IOM, allerdings wird die Differenz von jenem Geld, einer Art &bdquo;Starthilfe&ldquo;, abgezogen, das die Abgeschobenen nach ihrer R&uuml;ckkehr von der Organisation erhalten. Als sogenannter &bdquo;freiwilliger R&uuml;ckkehrer&ldquo; bekommt man mehr Geld als jene, die vollkommen unfreiwillig zur&uuml;ckgebracht wurden. Im Gro&szlig;en und Ganzen geht es allerdings nur um wenige Hundert Euro &ndash; und mit denen kommt man ohnehin nicht weit. <\/p><p>&bdquo;Wir sind so hilfsbereit wie m&ouml;glich, doch auch unsere H&auml;nde sind gebunden&ldquo;, erz&auml;hlt Hotelchef Abdul Karim Rahimzai. Er hat das &bdquo;Spinzar&ldquo; vor rund drei Jahren &uuml;bernommen. Das Hotel hatte in den letzten Jahrzehnten viele Besitzer. Es wurde Mitte des 20. Jahrhunderts errichtet und geh&ouml;rte einst der Spinzar-Baumwoll-Gesellschaft, die in den 1930er-Jahren von der afghanischen Staatsbank gegr&uuml;ndet worden war. Damals war das &bdquo;Spinzar&ldquo; noch Staatseigentum. Rahimzai hat seit der &Uuml;bernahme viele Abgeschobene kennengelernt. Er unterst&uuml;tzt das Vorgehen der verantwortlichen Regierungen nicht. &bdquo;Nat&uuml;rlich herrscht hier Krieg. Afghanistan ist eines der t&ouml;dlichsten L&auml;nder weltweit. Denken Sie, ich bin hier aus freien St&uuml;cken?&ldquo;, fragt er sarkastisch.<\/p><p>Dann erz&auml;hlt er von einem Abschiebefall, den er wohl nie wieder vergessen wird. Im Sp&auml;tsommer 2019 traf ein junger Mann in seinem Hotel ein, der weder Persisch noch Paschto sprechen konnte und &bdquo;so gar nicht wie ein Afghane&ldquo; aussah. Er sprach Russisch und Deutsch und war laut dessen eigener Aussage Tschetschene. &bdquo;Dieser Mensch geh&ouml;rte nicht hierher. Jeder bemerkte das sofort. Doch aufgrund irgendwelcher b&uuml;rokratischer Fehler wurde er nach Afghanistan abgeschoben&ldquo;, sagt Rahimzai. Der Tschetschene, der Yusuf genannt wurde, verbrachte mehrere Wochen in Kabul. Als ihm nach einigen Tagen das IOM-Geld ausging, erlaubte ihm Rahimzai, weiterhin im &bdquo;Spinzar&ldquo; zu n&auml;chtigen. &bdquo;Wo sollte er auch sonst hin? Ich betrachtete ihn als gestrandeten Gast und half ihm, soweit ich konnte&ldquo;, erinnert er sich. Nachdem sich Yusufs mentaler Zustand verschlechterte und die Faktenlage eindeutig war, sahen die afghanischen Beh&ouml;rden sich gezwungen, ihn nach &Ouml;sterreich zur&uuml;ckzuschicken. Sein Fall ist bis heute nicht gel&ouml;st und macht die gro&szlig;en L&uuml;cken der europ&auml;ischen Gefl&uuml;chtetenpolitik deutlich. <\/p><p>Thomas Ruttig, Co-Direktor des Denkfabrik Afghanistan Analysts Network, kritisiert die Abschiebungen nach Afghanistan. &bdquo;Deutschland und &Ouml;sterreich behaupten, sie sch&ouml;ben Kriminelle ab. Medienrecherchen wie vom NDR oder von Fl&uuml;chtlingsr&auml;te in Einzelf&auml;llen zeigen aber, dass es sich h&auml;ufig h&ouml;chstens um Kleinkriminelle, manchmal auch mit abgeb&uuml;&szlig;ten Strafen, handelt. Abschiebungen als de facto strafversch&auml;rfende Ma&szlig;nahmen sind sowohl rechtlich als auch faktisch fadenscheinig&ldquo;, sagt er. Laut Ruttig sei die Informationspolitik der Bundesregierung sowie mitwirkender europ&auml;ischer Beh&ouml;rden sp&auml;rlich und l&uuml;ckenhaft. &bdquo;Das zeigt, dass sie etwas zu verbergen haben. Es werden stets nur die schlimmsten Beispiele hervorgehoben, etwa M&auml;nner, die wegen Sexualdelikten bestraft wurden. Im &ouml;ffentlichen Bewusstsein dehnt sich dies auf die ganze Gruppe aus&ldquo;, erg&auml;nzt er. <\/p><p>Die prek&auml;re Sicherheitslage in Kabul und in weiten Teilen Afghanistans ist eine Folge der ungewissen Zukunftsaussichten f&uuml;r Afghanistans Regierung. Vor knapp einem Jahr unterzeichneten die USA im Golfemirat Katar ein Abzugsabkommen mit den Taliban. Die Anzahl der Soldaten der verbleibenden US-Truppe ist seitdem auf rund 3.500 geschrumpft. Die Gewalt im Land eskaliert weiterhin. Laut der UN wurden 2020 mindestens 3.035 Afghanen get&ouml;tet sowie 5.785 weitere verletzt. Die meisten Opfer gingen auf das Konto der Taliban. In den letzten Wochen und Monaten nahmen gezielte Attentate auf Journalisten, Aktivisten, religi&ouml;se F&uuml;hrer und andere Personen der &Ouml;ffentlichkeit zu. Auch die Kabuler Regierung wird f&uuml;r die Eskalation mitverantwortlich gemacht. Abgeschoben wird w&auml;hrenddessen trotzdem. 2016 unterzeichnete die EU einen Abschiebedeal mit der afghanischen Regierung, der vor Kurzem erneuert wurde. <\/p><p>Titelbild: (C) Emran Feroz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch in Zeiten von Krieg und Pandemie werden Gefl&uuml;chtete weiterhin nach Afghanistan abgeschoben. Allein in den letzten Wochen fanden mehrere Abschiebungsfl&uuml;ge statt. Die Betroffenen stehen oftmals vor dem Nichts &ndash; und landen in einem fragw&uuml;rdigen Hotel in der Kabuler Innenstadt. 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