{"id":71428,"date":"2021-04-09T09:09:27","date_gmt":"2021-04-09T07:09:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71428"},"modified":"2021-04-09T10:29:53","modified_gmt":"2021-04-09T08:29:53","slug":"wie-robert-habeck-die-welt-sieht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71428","title":{"rendered":"Wie Robert Habeck die Welt sieht"},"content":{"rendered":"<p>Im September findet die n&auml;chste Bundestagswahl statt. Von heute aus betrachtet k&ouml;nnen wir damit rechnen, dass die Gr&uuml;nen in der neuen Regierung nicht nur vertreten sein werden, sondern diese wom&ouml;glich auch dominieren und vielleicht den n&auml;chsten Bundeskanzler stellen. Oder die n&auml;chste Bundeskanzlerin. Aus diesem Grund hat unser Autor <strong>Udo Brandes<\/strong> das neueste Buch von Robert Habeck (<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher-mehr\/von-hier-an-anders.html?\">&bdquo;Von hier an anders. Eine politische Skizze&ldquo;<\/a>) f&uuml;r die NachDenkSeiten gelesen.<br>\n<!--more--><br>\nIch will es gleich vorweg sagen: Ich habe Vorurteile gegen&uuml;ber den Gr&uuml;nen. Gr&uuml;ne Politiker repr&auml;sentieren f&uuml;r mich ein selbstgerechtes und scheinheiliges b&uuml;rgerliches Wohlstandsmilieu. Leute, die Wasser predigen und Wein trinken. Das nur vorweg, damit jeder Leser meine subjektive Wahrnehmung des Buches von Robert Habeck besser einsch&auml;tzen kann. <\/p><p>Eine wichtige Ursache f&uuml;r die Spaltung unserer Gesellschaft sieht Habeck im nicht gen&uuml;gend oder gar nicht befriedigten Anerkennungsbed&uuml;rfnis von immer mehr Menschen: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das Verlangen nach Anerkennung ist ein Ph&auml;nomen der Moderne. Es fu&szlig;t auf dem fundamentalen Bruch der Moderne mit dem Mittelalter. (Die Moderne bezeichnet den Umbruch in zahlreichen Lebensbereichen gegen&uuml;ber der mittelalterlichen Gesellschaft durch Aufkl&auml;rung, S&auml;kularisierung, Industriealisierung und die Aufl&ouml;sung traditioneller Produktionssweisen [z. B. dem Zunftwesen]. UB) Zuvor waren der Selbstwert und die Identit&auml;t des Menschen von ihrem Platz in der Gemeinschaft bestimmt. Die Gesellschaften waren streng geordnet nach St&auml;nden, nach Adel und Bauern und Handwerkern, nach geografischen Grenzen, nach einem festgef&uuml;gten religi&ouml;sen Weltbild. Seinen Wert als einzelner Mensch brauchte und konnte man weder erwerben noch beweisen&ldquo; (S. 266).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>In der Moderne muss der Mensch seinen Wert beweisen<\/strong><\/p><p>Dies &auml;nderte sich durch die Moderne und die damit einhergehenden Individualisierungsprozesse. Der einzelne Mensch musste fortan seinen Wert durch gesellschaftlich anerkannte Leistungen beweisen. Deshalb, so Habeck, k&ouml;nne man die Zerrissenheit der Gesellschaft nicht allein &ouml;konomisch erkl&auml;ren:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Kinder- und Altersarmut, ein Leben am Existenzminimum, eine nicht ausk&ouml;mmliche Rente trotz lebenslanger Arbeit, all das ist ungerecht und f&uuml;gt Menschen Schaden zu &ndash; am Leib, ja, aber eben auch an der Seele. Und mit der Seele meine ich hier Selbstbewusstsein, Selbstwertgef&uuml;hl, W&uuml;rde und Anerkennung. Sie sind nicht nur subjektive Gef&uuml;hle, sondern sie reflektieren und schaffen eine objektive Wirklichkeit&ldquo; (S. 254).\n<\/p><\/blockquote><p>In meinen Worten ausgedr&uuml;ckt: Wer arm ist, leidet nicht nur darunter, dass ihm Materielles fehlt und er zum Beispiel einen kaputten Herd nicht ersetzen kann. Gleichzeitig l&ouml;st diese Armut auch Scham- und Schuldgef&uuml;hle aus, weil sie in der modernen neoliberalen Wettbewerbsgesellschaft als pers&ouml;nliches Versagen bewertet und als pers&ouml;nlicher Makel erlebt wird. Eine Sichtweise, die einem mittelalterlichen Bauern niemals in den Sinn gekommen w&auml;re, weil seine gesellschaftliche Stellung au&szlig;erhalb seiner Macht lag. Er wurde in sie hineingeboren. In der Moderne aber ist jeder selbst seines Gl&uuml;ckes Schmied &ndash; so das neoliberale Dogma. <\/p><p>Der einzelne Mensch in der modernen Gesellschaft k&ouml;nne deshalb, so Habeck mit Bezug auf Hegel, nur Selbstbewusstsein entwickeln, wenn die Gesellschaft ihn in seinem Sein anerkenne. Die Schlussfolgerung daraus, so wie ich Habeck verstanden habe: Es m&uuml;ssen einerseits soziale Ungleichheiten und soziale Ungerechtigkeiten abgebaut werden. Damit aber sei es nicht getan: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Anerkennung und W&uuml;rde sind immaterielle Bed&uuml;rfnisse der Menschen, die zwar durch Materielles kompensiert werden k&ouml;nnen, aber nicht in ihnen aufgehen&ldquo; (S. 273).\n<\/p><\/blockquote><p>Anders ausgedr&uuml;ckt: Es geht nicht nur um Verteilungsgerechtigkeit. Auch ohne wirtschaftliche Probleme k&ouml;nnten Menschen sich benachteiligt und abgewertet f&uuml;hlen. Er kritisierte in diesem Zusammenhang den h&auml;ufig von Medien interviewten Historiker und Politologen Herfried M&uuml;nkler. Dieser habe 2017 vorgeschlagen, dass es einen Wissenstest vor Wahlen geben m&uuml;sse, und nur die Schlauen w&auml;hlen d&uuml;rften. Solche Haltungen, so Habeck, machten es Populisten leicht, die offene und freie Gesellschaft zu diskreditieren (S. 272). <\/p><p><strong>Habeck distanziert sich von Hartz IV<\/strong><\/p><p>Seiner Argumentation entsprechend distanziert Habeck sich vom &ndash; von den Gr&uuml;nen selbst mitgeschaffenen &ndash; Hartz-IV-System:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Um diese Abstiegs&auml;ngste, die seit der Agendapolitik und mit der Einf&uuml;hrung von Hartz IV massiv zugenommen haben, zu kontern und die soziale Spaltung nicht zu Desintegration werden zu lassen, m&uuml;ssen wir Hartz IV &uuml;berwinden und in ein neues Garantiesystem &uuml;berf&uuml;hren. Und damit meine ich nicht nur die Technik von Hartz IV, sondern das Denken hinter diesem System. Als die Agendapolitik durchgesetzt wurde, sagte Gerhard Schr&ouml;der, der damalige Bundeskanzler, dass es kein Recht auf Faulheit geben w&uuml;rde. Damit behauptete er implizit, dass diejenigen, die arbeitslos waren, selber schuld sind. Wenn man wei&szlig;, dass ein Drittel aller Alleinerziehenden im SGB-II-Bezug sind, wie Hartz IV formal korrekt hei&szlig;t (SGB II ist das zweite Sozialgesetzbuch), dann bleibt einem diese Aussage im Hals stecken. Und wenn man ernst nimmt, dass die neue digitale Arbeitswelt alle Berufe betreffen kann, niemand mehr sicher sein kann, wie sich sein Berufsweg entwickelt, und das Scheitern wohl eher der Alltag als die Ausnahme wird, verst&auml;rkt das die Fliehkr&auml;fte in der Gesellschaft. Arbeitslosigkeit ist eben nicht nur ein individuelles Problem, sondern auch ein gesellschaftliches. (&hellip;) Wir brauchen statt des Hartz-IV-Systems ein Garantieversprechen, das allen Menschen im Fall von Arbeitslosigkeit die W&uuml;rde l&auml;sst&ldquo; (S. 216).\n<\/p><\/blockquote><p>Als ich diese Zeilen las, dachte ich spontan: Wohl wahr, aber mir fehlt der Glaube. Ich denke, dass Robert Habeck dies wirklich ernst meint und in Bezug auf die soziale Absicherung von Arbeitslosigkeit ernsthaft ewas &auml;ndern will. Nur bin ich als ehemaliger W&auml;hler von Rot-Gr&uuml;n ein gebranntes Kind. Und wenn ich mir opportunistische Karrieristen unter den Gr&uuml;nen wie zum Beispiel Katrin G&ouml;ring-Eckardt vor Augen halte, die ganz ma&szlig;geblich Hartz IV gegen die Widerst&auml;nde in ihrer Partei durchgesetzt hat, dann kommen mir doch Zweifel. Sollten die Gr&uuml;nen eine Koalition mit der CDU\/CSU eingehen, worauf nach meinem Eindruck Annalena Baerbock hinarbeitet, dann w&uuml;rde es mich nicht im Geringsten wundern, wenn genau diese Forderung von Robert Habeck bei Koalitionsverhandlungen als allererstes wieder unter den Tisch f&auml;llt. Denn wenn es darum geht, an die Futtertr&ouml;ge der Macht zu kommen, dann sind gr&uuml;ne Funktion&auml;re sehr flexibel. <\/p><p><strong>Die blinden Flecke der Gr&uuml;nen<\/strong><\/p><p>Was mir an Habeck sympathisch ist, ist, dass er &uuml;ber die blinden Flecke seiner Partei und seines Milieus spricht und zum Beispiel den Begriff &bdquo;sozial Schwache&ldquo; v&ouml;llig zu recht kritisiert, denn er ist ein politischer Kampfbegriff, der Armen eine Charakterschw&auml;che unterstellt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Dass es nicht leicht ist, die eigenen blinden Flecken zu erkennen, merke ich andauernd in meinem Alltag. Beziehungsweise ich merke es nicht andauernd &ndash; das ist ja gerade das Problem. Aber ab und zu werden sie einem vor Augen gef&uuml;hrt. Ein guter Freund, der stolz darauf ist, Sozialdemokrat zu sein, korrigierte mich neulich, als ich von den &sbquo;sozial Schwachen&lsquo; sprach. Seine Eltern zum Beispiel seien arm, wirklich arm gewesen, sagte er, aber sozial seien sie ausgesprochen stark gewesen. Lange standen im Wahlprogramm meiner Partei Formulierungen, die sinngem&auml;&szlig; sagten, dass wir die &sbquo;schmutzige Arbeit&lsquo; in der Kohleindustrie beenden wollen. Geblendet vom Wortspiel erkannten wir nicht, wie das in den Ohren derjenigen, die im Bergbau arbeiten, geklungen haben muss&ldquo; (S. 33).\n<\/p><\/blockquote><p>Einiges an &Uuml;berzeugungsarbeit wird Robert Habeck wohl noch leisten m&uuml;ssen, um seine Sichtweise von Demokratie, die ich vollkommen teile, auch bei den Berliner Gr&uuml;nen popul&auml;r zu machen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die freiheitliche Demokratie lebt vom Zuh&ouml;ren und Hinterfragen. Davon, dass der andere recht haben k&ouml;nnte. Dass die Dinge auch anders sein k&ouml;nnen. Sie lebt vom Aushandeln, vom Verhandeln. Demokratie braucht die Zwischent&ouml;ne. Sie braucht die Debatte &ndash; kein Aussperren, kein Niederbr&uuml;llen und entsprechend auch andere R&auml;ume als nur Tweets und Posts. Fundamentalistisches Denken hingegen zerst&ouml;rt die Demokratie. Es will keine Aushandlungsprozesse, keine Kompromisse. Es hat einen Absolutheitsanspruch  &ndash; der demokratische Diskurs jedoch per Definition einen Relativit&auml;tsanspruch&ldquo; (S. 313).\n<\/p><\/blockquote><p>Ich musste beim Lesen dieses Passus an den Landesparteitag der Berliner Gr&uuml;nen denken, der vor kurzem stattfand. Die Spitzenkandidatin Bettina Jarasch wurde gefragt, was sie als Kind gerne geworden w&auml;re. &bdquo;Indianerh&auml;uptling&ldquo;, sagte Jarasch spontan, was zu einem Aufschrei unter den Delegierten f&uuml;hrte. Jarasch musste sich sofort einem stalinistischen Bu&szlig;- und Entschuldigungsritual unterziehen und sich f&uuml;r ihre Wortwahl entschuldigen. Wie kann man auch als Gr&uuml;ne blo&szlig; so ein b&ouml;ses I-Wort benutzen! Und dann noch nicht mal gegendert!<\/p><p><strong>Res&uuml;mee<\/strong><\/p><p>Habecks Buch enth&auml;lt interessante &Uuml;berlegungen und Gedankeng&auml;nge, und das durchaus auch f&uuml;r Leser, die keine Freunde der Gr&uuml;nen sind. Er geh&ouml;rt offenbar zu den Politikern, die das politische Gesch&auml;ft nicht nur wie ein Handwerk betreiben, sondern auch grundlegender dar&uuml;ber nachdenken, was mir grunds&auml;tzlich sympathisch ist. Nach der Lekt&uuml;re nehme ich ihm ab, dass er ein Politiker ist, der sich wirklich darum bem&uuml;ht, mit Menschen aus anderen Milieus und mit anderen Sichtweisen ins Gespr&auml;ch zu kommen und sie zu verstehen. Und er reflektiert durchaus auch seine eigene Partei kritisch.<\/p><p>Sein Buch allerdings ist mir zu verschwafelt und langatmig. Streckenweise kostete es mich deshalb M&uuml;he weiterzulesen. Hundert Seiten weniger und mehr klarere Aussagen h&auml;tten dem Buch gutgetan. Sein sprachlicher Stil hat bisweilen etwas B&uuml;rokratisch-Akademisches. Habeck neigt zu einer pedantischen &Uuml;bergenauigkeit. Das hat zur Folge, dass er seine Thesen an einigen Stellen nicht mit ein oder zwei Fallbeispielen veranschaulicht, sondern in einer ellenlangen Nebensatzeinf&uuml;gung wirklich jedes denkbare Beispiel auff&uuml;hrt. Das st&ouml;rt. Sein Text h&auml;tte gewonnen, wenn er sich mehr an die rhetorische Regel &bdquo;pars pro toto&ldquo; (der Teil f&uuml;r das Ganze) gehalten h&auml;tte. Und last but not least ist sein konsequent gegenderter Text ein gutes Beispiel daf&uuml;r, wie man einen Text &auml;sthetisch ruiniert. <\/p><p>Am st&auml;rksten fand ich sein Buch immer dann, wenn er seine Ideen auf Basis pers&ouml;nlicher Erlebnisse veranschaulichte. Was gefehlt hat, ist das Thema Au&szlig;enpolitik. Habeck &auml;u&szlig;ert sich dazu nur allgemein im Zusammenhang mit der Globalisierung und den deutschen Interessen an Europa. Russland und die USA kommen nur am Rande in Erw&auml;hnungen vor. Und das ist, glaube ich, kein Zufall. Habeck wei&szlig; vermutlich sehr genau, dass die gr&uuml;ne Partei mit ihrer extrem feindseligen Haltung gegen&uuml;ber Russland und ihrer unterw&uuml;rfigen Haltung gegen&uuml;ber den USA eine Achillesferse hat, die sie Ansehen und Stimmen kosten kann. Und hat deshalb dazu lieber geschwiegen. <\/p><p><strong>F&uuml;r wen ist dieses Buch etwas?<\/strong><\/p><p>Grunds&auml;tzlich f&uuml;r alle, die sich f&uuml;r den Politiker Robert Habeck und sein Denken interessieren. Auch Menschen, die sich politisch grundlegender orientieren wollen, werden bei Habeck mit vielen grunds&auml;tzlichen politischen und sozialphilosophischen &Uuml;berlegungen bedient. Aber wer bei der Lekt&uuml;re politischer B&uuml;cher auch ein gewisses stilistisches Lesevergn&uuml;gen erwartet, der wird wohl eher entt&auml;uscht sein. Das Buch enth&auml;lt interessante und denkw&uuml;rdige Passagen; insgesamt ist die Lekt&uuml;re aber mehr Arbeit als Vergn&uuml;gen. <\/p><p>Titelbild: Robert Habeck auf Instagram<\/p><p><strong>Robert Habeck: Von hier an anders. Eine politische Skizze, Kiepenheuer &amp; Witsch, K&ouml;ln 2021, 377 Seiten, 22 Euro.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im September findet die n&auml;chste Bundestagswahl statt. Von heute aus betrachtet k&ouml;nnen wir damit rechnen, dass die Gr&uuml;nen in der neuen Regierung nicht nur vertreten sein werden, sondern diese wom&ouml;glich auch dominieren und vielleicht den n&auml;chsten Bundeskanzler stellen. Oder die n&auml;chste Bundeskanzlerin. 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