{"id":71443,"date":"2021-04-09T10:56:50","date_gmt":"2021-04-09T08:56:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71443"},"modified":"2022-02-14T15:37:23","modified_gmt":"2022-02-14T14:37:23","slug":"der-staat-braucht-das-geld-der-reichen-nicht-interview-mit-maurice-hoefgen-ueber-progressive-reformpolitik-und-die-mmt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71443","title":{"rendered":"\u201eDer Staat braucht das Geld der Reichen nicht\u201c \u2013 Interview mit Maurice H\u00f6fgen \u00fcber progressive Reformpolitik und die MMT"},"content":{"rendered":"<p>Von ihren Anh&auml;ngern wird die Modern Monetary Theory (MMT) gerne als das neue wirtschaftspolitische Wundermittel angepriesen. Man m&uuml;sse nur die Staatsausgaben richtig justieren und schon sind alle Probleme gel&ouml;st, von der Vollbesch&auml;ftigung bis zur Preisniveaustabilit&auml;t. Der &Ouml;konom und Betriebswirt <strong>Maurice H&ouml;fgen<\/strong> hat in seinem Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A39797676\">&bdquo;Mythos Geldknappheit&ldquo;<\/a> eine progressive Reformagenda auf Basis ebenjener MMT skizziert. H&ouml;fgen ist zwar wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Partei Die Linke im Bundestag, doch mit vielen Vorschl&auml;gen liegt er kontr&auml;r zu linken Positionen. Dazu haben ihn die &bdquo;NachDenkSeiten&ldquo; befragt. Die dazugeh&ouml;rige Buchrezension finden Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70454\">hier<\/a>. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr H&ouml;fgen, k&ouml;nnen Sie einmal kurz erkl&auml;ren, was ist denn das Besondere an der MMT?<\/strong><\/p><p>Die MMT ist die Denkschule, die unser heutiges Geldsystem am besten beschreibt und darauf eine makro&ouml;konomische Theorie aufbaut. Sie liefert quasi ein Handbuch zum Umgang mit dem Geldsystem. Ohne die MMT sind wir wie ein Autofahrer, der mit seiner Gangschaltung nicht umgehen kann und sein Auto st&auml;ndig abw&uuml;rgt. Die Folge: Wir leben &ouml;konomisch gesehen unter unseren Verh&auml;ltnissen. Arbeitslosigkeit, Armut und marode Infrastruktur sind Ausdruck falscher Wirtschaftspolitik. Das Kernproblem: Wir richten unsere Wirtschaftspolitik danach aus, Staatsdefizite und Schulden zu vermeiden. Aus MMT-Sicht ist das Quatsch. Es muss genau andersherum sein. Die Wirtschaftspolitik muss an den zuvor genannten Problemen ausgerichtet werden. Das Staatsdefizit und der Schuldenstand sind zweitrangig.<\/p><p><strong>Offenbar haben dies aber auch im politisch linken Lager nicht alle verstanden. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass sich auch Linke, sozialdemokratische, aber auch gr&uuml;ne Parteien zu h&auml;ufig an die Mythen des &ouml;konomischen Mainstreams klammern und\/oder sich neoliberaler Sprache bedienen.<\/strong><\/p><p>Ja, leider. Zu oft bedient man sich konservativer, gar neoliberaler Begriffe und Denkmuster. Nehmen wir mal den Begriff &bdquo;Steuergeld&ldquo;, der auch von linker Seite inflation&auml;r benutzt wird. Die Realit&auml;t ist: Steuergeld gibt es nicht. Der Staat hat sein eigenes Geld, das seine Zentralbank f&uuml;r ihn theoretisch unbegrenzt erzeugen kann. Der Begriff &bdquo;Steuergeld&ldquo; verschleiert das. Die Botschaft: Geld ist knapp und wenn der Staat Geld ausgeben will, muss er es woanders, z.B. beim Steuerzahler, wegnehmen. Damit st&auml;rkt man die Erz&auml;hlungen konservativer Parteien, die sich f&uuml;r die Schwarze Null und Generationengerechtigkeit v&ouml;llig zu unrecht auf die Schulter klopfen.<\/p><p><strong>Bleiben wir mal beim Thema Staatshaushalt. Hier vertreten Sie ja einerseits traditionell linke Positionen wie die Abschaffung der Schuldenbremse, andererseits liegen Sie auch h&auml;ufig kontr&auml;r. Eine Abgabe f&uuml;r Superreiche zur Finanzierung der pandemiebedingt steigenden Staatsschulden etwa halten Sie nicht f&uuml;r zielf&uuml;hrend. Warum nicht?<\/strong><\/p><p>Hier muss ich etwas differenzieren. Ja, ich kritisiere die klassische linke Robin-Hood-Mentalit&auml;t. Wir m&uuml;ssen nicht erst den Reichen das Geld vom Konto r&auml;umen, damit der Staat genug Geld f&uuml;r seine Ausgaben hat. Der Staat braucht das Geld der Reichen nicht. Wir k&ouml;nnten etwa heute schon in moderne Infrastruktur investieren! Allerdings haben wir in Deutschland ja die Schuldenbremse im Grundgesetz. Sie ist pandemiebedingt zwar ausgesetzt, soll aber 2022 wiederkommen. Dann muss der G&uuml;rtel enger geschnallt werden, dann droht der K&uuml;rzungshammer f&uuml;r Investitionen und den Sozialstaat. Um das &ndash; unter Einhaltung der irrsinnigen Schuldenbremse &ndash; zu verhindern, ist die Forderung nach einer Verm&ouml;gensabgabe sinnvoll. Hier hat die LINKE neulich einen guten Vorschlag gemacht. F&uuml;r mich ist der wichtigste Grund f&uuml;r die Besteuerung von Verm&ouml;gen aber die Reduzierung von Ungleichheit und der Schutz der Demokratie vor zu viel politischer Macht der Verm&ouml;genden.<\/p><p><strong>Kommen wir zur Altersvorsorge. Hier spricht sich die Linke ja f&uuml;r eine St&auml;rkung der gesetzlichen Rente aus. Sie sagen aber, dass sowohl die kapitalgedeckte, aber auch die umlagefinanzierte Rente am Kern der Sache vorbeigehen. Stattdessen fordern Sie ein staatliches, universelles Single-Payer-System. Was genau soll das denn sein?<\/strong><\/p><p>Der Staat garantiert jedem eine Rente, die seinen individuellen Lebensstandard im Alter absichert &ndash; ohne Versicherungsbeitr&auml;ge einzuziehen. Falls zur Konjunktursteuerung notwendig, wird die Einkommensteuer angepasst. Das w&auml;re ein deutlich einfacheres System, was den Menschen auch mehr Sicherheit br&auml;chte, weil dann eben niemand sich &uuml;ber leere T&ouml;pfe beklagen k&ouml;nnte. Mein Vorschlag aus dem Buch bezog sich allerdings nicht konkret auf unser deutsches System. Hier w&uuml;rde ich im engen realpolitischen Rahmen auch erst einmal die gesetzliche, umlagefinanzierte Rente st&auml;rken.<\/p><p>Aber wir diskutieren auch bei der Zukunft der Rente zu h&auml;ufig &uuml;ber die falsche Frage. Alle sorgen sich wegen der alternden Gesellschaft und ob blo&szlig; genug Leute in den Rententopf einzahlen, damit sp&auml;ter genug Geld zum Aussch&uuml;tten da ist. Die wesentliche Frage, ob wir auch mit alternder Gesellschaft den Lebensstandard erhalten oder verbessern k&ouml;nnen, ist die nach der Produktivit&auml;t und Auslastung der Wirtschaft. Geld k&ouml;nnen wir immer erzeugen und verteilen, G&uuml;ter und Dienstleistungen aber nicht. Wer sich also Sorgen um die Rente macht, der sollte f&uuml;r eine Investitionsoffensive und Vollbesch&auml;ftigungspolitik eintreten.<\/p><p><strong>Auch beim Euro vertreten Sie kontr&auml;re Ansichten. Insbesondere schlie&szlig;en Sie ein Aufl&ouml;sen der W&auml;hrungsunion nicht aus. In Ihrem Buch schreiben Sie beispielsweise, dass sich die europ&auml;ische Linke auch mit der Einsicht, dass die Eurozone nicht zeitgerecht und tiefgreifend genug zu reformieren ist, auseinandersetzen muss.<\/strong><\/p><p>Das Eurokonstrukt ist seit seiner Geburt dysfunktional. Es produziert Massenarbeitslosigkeit, soziale H&auml;rten und marode Infrastruktur. Damit ist es auch ein Konjunkturprogramm f&uuml;r rechte Parteien. Ich sage immer: Wer sieht, was das Eurokonstrukt, seine Institutionen und politischen Akteure zum Beispiel mit Griechenland angestellt haben, der kann der Eurozone aus linker Sicht keinen idealistischen Blankoscheck ausstellen.<\/p><p>Wir haben zwei L&ouml;sungswege: Das dysfunktionale Konstrukt korrigieren oder das Projekt W&auml;hrungsunion beenden. Beides w&auml;re technisch m&ouml;glich und auch unabh&auml;ngig von der Frage, ob man die politische Union und Kooperation fortsetzt. Ich bin skeptisch, ob man zeitgerechte Korrekturen hinbekommen kann. Und ich bin realistisch, dass ein Austritt oder Ende nicht unbedingt zu besserer Wirtschaftspolitik in den L&auml;ndern f&uuml;hrt. Aber, ja, ich finde, man sollte beides in Betracht ziehen.<\/p><p><strong>Nun zum Kernst&uuml;ck der MMT-Reformagenda, der Jobgarantie. Das klingt ja zun&auml;chst einmal sehr sinnvoll. Kritiker verweisen jedoch darauf, dass es diese Jobgarantie schon einmal in der UdSSR, DDR und anderen realsozialistischen Staaten gab. Zudem wird bezweifelt, ob der Staat &uuml;berhaupt in der Lage ist, sinnvolle und erf&uuml;llende Jobs zu kreieren.<\/strong><\/p><p>Ein universelles Jobangebot zu einem sozialvertr&auml;glichen Mindestlohn als letztes Puzzlest&uuml;ck einer progressiven Vollbesch&auml;ftigungspolitik, wie ich es vorschlage, hat damit nichts zu tun. Nat&uuml;rlich ist der Staat dazu in der Lage, gute und erf&uuml;llende Jobs zu schaffen. Der Aufbau der Jobgarantie w&auml;re zudem m&ouml;glichst dezentral, d.h. die Jobs werden von den Kommunen und f&uuml;r die Kommunen geschaffen. Ich bekomme f&uuml;r den Vorschlag sehr viel positives Feedback. Die Menschen, mit denen ich dar&uuml;ber spreche, verbinden die Jobgarantie mit einer positiven Vision &ndash; und das weit &uuml;ber das linke Spektrum und die Akademikerblase hinaus. Ich wette, dass jedem, der &uuml;ber sinnvolle gemeinn&uuml;tzige T&auml;tigkeiten nachdenkt, gleich eine ganze Reihe von passenden Jobs einf&auml;llt.<\/p><p><strong>Die Jobgarantie steht aber auch in einem gewissen Spannungsverh&auml;ltnis zum bedingungslosen Grundeinkommen, weil es sich dabei um zwei konkurrierende Konzepte der sozialen Absicherung handelt. Hier hat ein Leser der NachDenkSeiten beispielsweise gefragt, ob es &uuml;berhaupt noch zeitgem&auml;&szlig; ist, wie bei der Jobgarantie den Bezug von Sozialleistungen mit Arbeitszwang zu verkn&uuml;pfen. Beim bedingungslosen Grundeinkommen gehe es dagegen darum, so weit wie m&ouml;glich sich selbst zu verwirklichen, ohne den Druck des Arbeitszwangs. Was antworten Sie dem Leser?<\/strong><\/p><p>Vorab: Ein universelles Jobangebot zus&auml;tzlich zum gegenw&auml;rtigen System hat nichts mit Zwang zu tun. Ich bin au&szlig;erdem f&uuml;r eine solidarische Mindestsicherung als &Uuml;berwindung von Hartz IV. Der zentrale Unterschied zwischen Jobgarantie und bedingungslosem Grundeinkommen ist doch, dass die Jobgarantie uns einen Einschluss in die Produktionswelt erm&ouml;glicht, w&auml;hrend das bedingungslose Grundeinkommen nur einen Zugang zur Konsumwelt schafft. Wenn ich 1.200 Euro Grundeinkommen beziehe, kann ich damit bei Amazon shoppen, aber keiner garantiert mir, dass ich in meiner Umgebung einen erf&uuml;llenden Job zu w&uuml;rdigen Konditionen bekomme.<\/p><p><strong>Kritik an der MMT kommt aber auch von Klimasch&uuml;tzern und Postwachstums&ouml;konomen. Der Hauptvorwurf lautet hier, dass die MMT nicht mit der Wachstumslogik bricht, sondern im Gegenteil sogar auf eine Vollauslastung der Ressourcen setzt.<\/strong><\/p><p>Die Kritik finde ich nicht stichhaltig und die Postwachstumsrhetorik eine politische Sackgasse. Die MMT macht ja erst einmal ein makro&ouml;konomisches Argument. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist eine Verschwendung der Ressource Arbeitskraft. Die Personen k&ouml;nnten arbeiten und unseren Lebensstandard erh&ouml;hen. Die &ouml;kologische Frage ist ja eher, was wir produzieren. Ich bin total f&uuml;r weniger fossile Energie, Massentierhaltung und so weiter. Daf&uuml;r braucht es aber Politik und Regulierung. Dar&uuml;ber sagt die MMT als makro&ouml;konomische Theorie nichts. Das muss man also trennen.<\/p><p>Warum ist Postwachstumsrhetorik eine politische Sackgasse? F&uuml;r die Mehrheit ist Wirtschaftswachstum positiv konnotiert. Es bedeutet Jobs, Einkommen und Sicherheit. Genau das, was viele in Folge des Neoliberalismus verloren haben. Wenn wir die Wirtschaft &ouml;kologisch umr&uuml;sten wollen, dann m&uuml;ssen wir die Menschen mitnehmen. Arbeitslosigkeit zugunsten der Umwelt ist genau das Gegenteil davon. Ebenso wie individuelle Konsumkritik als erhobener Zeigefinger.<\/p><p><strong>Ihre Vorschl&auml;ge m&ouml;gen ja im Einzelnen gut begr&uuml;ndet sein. In der Summe w&uuml;rden Sie aber mit der MMT ja die gesamte Wirtschaftspolitik komplett vom Kopf auf die F&uuml;&szlig;e stellen. W&auml;re ein solcher Komplettumbau des Geld- und Finanzsystems nicht viel zu riskant? Und welche Ma&szlig;nahme w&uuml;rden Sie als erste ergreifen, wenn Sie nach der Bundestagswahl im September wirtschaftspolitischer Berater der neuen Bundesregierung werden w&uuml;rden?<\/strong><\/p><p>Klar, meine Reformvorschl&auml;ge sind nicht als Gesamtpaket gedacht, das wir morgen umsetzen k&ouml;nnen. Ich will viel eher zeigen, was m&ouml;glich w&auml;re, und neue Ideen einbringen. An Tag 1 w&uuml;rde ich f&uuml;r eine Anhebung von Hartz-IV, Grundsicherung und Kurzarbeitergeld sowie eine Reform der Einkommensteuer zur Entlastung unterer Einkommen pl&auml;dieren. Das ist gut f&uuml;r die Konjunktur und hilft sofort da, wo der Schuh derzeit am meisten dr&uuml;ckt. Perspektivisch brauchen wir schnellstm&ouml;glich einen Green New Deal, der Vollbesch&auml;ftigung und Investitionsoffensive kombiniert. Das kann die Wirtschaft nachhaltig aus dem Corona-Tief f&uuml;hren.<\/p><p>Titelbild: Bakhtiar Zein\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/447b74c8e2684fde94e1f8f3392b16e8\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von ihren Anh&auml;ngern wird die Modern Monetary Theory (MMT) gerne als das neue wirtschaftspolitische Wundermittel angepriesen. Man m&uuml;sse nur die Staatsausgaben richtig justieren und schon sind alle Probleme gel&ouml;st, von der Vollbesch&auml;ftigung bis zur Preisniveaustabilit&auml;t. 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