{"id":71563,"date":"2021-04-14T08:58:47","date_gmt":"2021-04-14T06:58:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71563"},"modified":"2021-04-15T07:27:29","modified_gmt":"2021-04-15T05:27:29","slug":"hat-die-linke-die-seiten-gewechselt-die-selbstgerechten-wagenknechts-frontalangriff-auf-die-identitaetspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71563","title":{"rendered":"Hat die Linke die Seiten gewechselt? \u201eDie Selbstgerechten\u201c &#8211; Wagenknechts Frontalangriff auf die Identit\u00e4tspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Hoffnung auf einen linken Politikwechsel &ndash; hat die in diesem Wahljahr wirklich noch irgendjemand? Eine rot-rot-gr&uuml;ne Mehrheit auf Bundesebene scheint zur fernen Vision geworden zu sein. Die SPD ist katastrophal schwach &ndash; aber ihre verlorenen Stimmen landen nicht mehr bei der LINKEN, die im Vergleich zu ihren Hoch-Zeiten ebenfalls nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Ihr F&uuml;hrungspersonal wirkt gleichwohl befremdlich selbstzufrieden. Welchen Ausweg kann es aus diesem Dilemma geben? Wie kann es doch so etwas wie eine von links gepr&auml;gte Zukunft geben? Sahra Wagenknecht beantwortet diese Frage mit einem&nbsp;Frontalangriff auf einen Gro&szlig;teil des linken Establishments dieser Republik. <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher-mehr\/die-selbstgerechten.html\">In ihrem neuen Buch &bdquo;Die Selbstgerechten&ldquo;<\/a> wirft sie denen, die heute die Linke pr&auml;sentieren wollen, nicht weniger vor als einen Seitenwechsel. Den sie nicht zu akzeptieren bereit ist. Von <strong>Jonas Christopher H&ouml;pken<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9903\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-71563-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210414_Hat_die_Linke_die_Seiten_gewechselt_Wagenknechts_Buch_Die_Selbstgerechten_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210414_Hat_die_Linke_die_Seiten_gewechselt_Wagenknechts_Buch_Die_Selbstgerechten_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210414_Hat_die_Linke_die_Seiten_gewechselt_Wagenknechts_Buch_Die_Selbstgerechten_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210414_Hat_die_Linke_die_Seiten_gewechselt_Wagenknechts_Buch_Die_Selbstgerechten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=71563-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210414_Hat_die_Linke_die_Seiten_gewechselt_Wagenknechts_Buch_Die_Selbstgerechten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210414_Hat_die_Linke_die_Seiten_gewechselt_Wagenknechts_Buch_Die_Selbstgerechten_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Eingesetzt hat dieser Seitenwechsel f&uuml;r Wagenknecht aber nicht erst in den letzten Jahren, sondern schon vor Jahrzehnten. Als entscheidenden Moment daf&uuml;r macht sie ausgerechnet das Datum aus, das f&uuml;r einen Gro&szlig;teil des sich als links verstehenden Milieus als positiver Wendepunkt gilt: 1968. Hier begann f&uuml;r Sahra Wagenknecht die linke Entfremdung von der Arbeiterschaft und der Prozess hin zu einer Linken, die sich nicht mehr f&uuml;r die Belange der sozial Benachteiligten, sondern im Gegenteil f&uuml;r die der Gewinnerseite einsetzt. Damit h&auml;tten die Verlierer ihre authentische politische Stimme verloren.&nbsp;<\/p><p>In den Fokus nimmt Wagenknecht dabei einen Begriff, der gesellschaftlich &uuml;berwiegend positiv besetzt ist: den Linksliberalismus, auf den sich die Mehrzahl der sozialdemokratischen und linken Parteien eingelassen und sich damit selbst entkernt habe. Neben dem Neoliberalismus sei der Linksliberalismus die zweite &bdquo;gro&szlig;e Erz&auml;hlung&ldquo; der Gegenwart, die aus der Lebenswelt der akademischen Mittelschicht hervorgegangen sei und den &ouml;ffentlichen Diskurs bestimme. Sp&auml;testens seit der Jahrtausendwende habe der Linksliberalismus den Neoliberalismus als dominierende Erz&auml;hlung sogar abgel&ouml;st. So erfolgreich sei er deshalb, weil er unmittelbar an die Werte und das Lebensgef&uuml;hl der Gro&szlig;stadtakademiker ankn&uuml;pfe. Diese profitierten von genau der Entwicklung, die der einstigen W&auml;hlerschaft linker Parteien das Leben schwer mache: der Globalisierung, der neoliberalen Ausrichtung der europ&auml;ischen Integration, der Arbeitsmigration sowie dem wirtschaftsliberalen Umbau.<\/p><p>Die linksliberale Elite, die in den 70er Jahren die ehemalige Arbeiterpartei SPD gekapert habe, sehe diese Entwicklung aus der Perspektive ihrer Profiteure: als vermeintliche Fortschritts- und Emanzipationsgeschichte. Im Mittelpunkt ihres Denkens st&auml;nden dabei individualistische und kosmopolitische Werte.<\/p><p>Der Linksliberalismus sei, so betont Wagenknecht, nicht wirklich liberal: W&auml;hrend zum Liberalismus die Toleranz gegen&uuml;ber Andersdenkenden geh&ouml;re, zeichne sich der Linksliberalismus durch &auml;u&szlig;erste Intoleranz gegen&uuml;ber allen aus, die seine Sicht der Dinge nicht teilten. Linksliberale Intoleranz und rechte Hassreden seien kommunizierende R&ouml;hren. An die Stelle fairer Auseinandersetzungen sei eine Cancel-Kultur getreten. W&auml;hrend der Liberalismus traditionell f&uuml;r rechtliche Gleichheit k&auml;mpfe, stehe der Linksliberalismus f&uuml;r Quoten und Diversity, also die ungleiche Behandlung verschiedener Gruppen. <\/p><p>Wagenknecht beschreibt die Bildung einer neuen akademischen Mittelschicht, die durch die wirtschaftsliberale Politik Vorteile habe, sich nach unten abschotte und bei der sich die linksliberale Erz&auml;hlung als Leitbild durchgesetzt habe. Darunter entstehe in j&uuml;ngster Zeit eine neue akademische Unterschicht, die von der Entwicklung der letzten Jahre gerade nicht profitiere, sich aber, wie es oft der Fall ist, trotzdem an den Erz&auml;hlungen und Werten der sozialen Gruppe orientiere, zu der sie eigentlich geh&ouml;ren und in die sie aufsteigen wolle; daher sei der Linksliberalismus auch in diesem Milieu ausgesprochen popul&auml;r.&nbsp;<\/p><p>Als zentrales Projekt des Linksliberalismus identifiziert Wagenknecht die Identit&auml;tspolitik, die sich dadurch auszeichne, nicht die Interessen der im Kapitalismus sozial Benachteiligten, sondern stattdessen die von vermeintlich diskriminierten Minderheiten in den Mittelpunkt ihrer Politik zu stellen, dabei in Wirklichkeit aber den bereits materiell Privilegierten bessere Chancen auf dem Markt zu verschaffen. Tats&auml;chlich sozial Benachteiligte aus diesen Gruppen wie z.B. prek&auml;r besch&auml;ftigte Frauen oder Einwandererkinder aus &auml;rmeren Verh&auml;ltnissen w&uuml;rden von dieser Politik gerade nicht profitieren, sondern h&auml;tten in der Realit&auml;t sogar mit verschlechterten materiellen Bedingungen zu k&auml;mpfen.<\/p><p>Anstatt sich auf das Thema der Verteilung von Eigentum und &ouml;konomischer Macht zu konzentrieren, lenke die Identit&auml;tspolitik die Aufmerksamkeit weg von gesellschaftlichen Strukturen und Besitzverh&auml;ltnissen und richte sie stattdessen auf individuelle Eigenschaften wie Ethnie, Hautfarbe und sexuelle Orientierung. Indem die Identit&auml;tspolitiker die Menschen nach Abstammungsgruppen sowie sexuellen Vorlieben separierten und ein un&uuml;berbr&uuml;ckbares Gegeneinander von Minderheiten und Mehrheit konstruierten, br&auml;chten sie Menschen gegeneinander auf und zerst&ouml;rten damit Solidarit&auml;t und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Damit entz&ouml;gen die Identit&auml;tslinken sozialen K&auml;mpfen um gerechte Entlohnung, sozialstaatliche Absicherung und demokratische Teilhabe das Fundament. <\/p><p>Als perfide beschreibt Wagenknecht, wie der Linksliberalismus durch die Propagierung von Individualismus und Kosmopolitismus neoliberale Politik in eine Erz&auml;hlung einbette, die sie als &Uuml;berwindung von nationaler Abschottung und Provinzialismus darstelle. Der Linksliberalismus erf&uuml;lle damit die Funktion, den globalisierten Kapitalismus progressiv umzudeuten. Genau dies f&uuml;hre zu der ablehnenden Haltung von Nichtakademikern gegen&uuml;ber der linksliberalen Erz&auml;hlung, die den Angriff auf ihre sozialen Rechte als progressive Modernisierung beschreibe. <\/p><p>Die Autorin sieht dieses Versagen der Linken, die realen Probleme von sozial Benachteiligten anzuerkennen und ihnen ein attraktives Programm anzubieten, als wichtigste Ursache der politischen Rechtsentwicklung. Anstatt sich selbst als Vertreter der zentralen sozialen Interessen zu verstehen und dadurch stark zu machen, verzwerge sich die Linke und verhindere, dass politische Mehrheiten f&uuml;r einen anderen Zukunftsentwurf entstehen k&ouml;nnten.<\/p><p>Wagenknecht kritisiert die Idealisierung von Migration durch die herrschende linksliberale Erz&auml;hlung. Zwar l&auml;sst sie keinen Zweifel daran, dass Menschen in bestimmten Notsituationen ihre Heimat verlassen m&uuml;ssen und dass diese Anspruch auf einen sicheren Hafen h&auml;tten. Aber die Glaubw&uuml;rdigkeit einer betont moralisierenden Propagierung von Migration durch gut situierte Linksliberale zieht sie in Zweifel, da diese in ihrer sozialen Wirklichkeit davon gar nicht tangiert seien.<\/p><p>Der Schwerpunkt von Wagenknechts Argumentation liegt jedoch in der Identifizierung der Abwerbung von &Auml;rzten und anderen Fachkr&auml;ften aus ihren Heimatl&auml;ndern mit einer &bdquo;Subventionierung des Nordens durch den S&uuml;den&ldquo;. Aber vor allem die gezielte Aufnahme billiger migrantischer Arbeitskr&auml;fte beschreibt sie als neoliberale Strategie des Lohndumpings und der Schw&auml;chung der Arbeitnehmerschaft in Lohnk&auml;mpfen.<\/p><p>Wagenknecht thematisiert weitere Problemfelder im Zusammenhang mit der Migration, deren Existenz kaum zu leugnen sind, bei denen aber auch der Rezensent merkt, wie unbehaglich es ist, sie aufzuschreiben: z.B. die Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt oder die Realit&auml;t von Bezirken mit Schulen, in denen Grundschullehrer oft Klassen unterrichten, &bdquo;in denen die Mehrheit der Kinder ihre Sprache gar nicht oder kaum versteht. Wer glaubt, dass das kein Problem darstellt, geh&ouml;rt vermutlich zu einer sozialen Schicht, deren Spr&ouml;sslinge mit solchen Zust&auml;nden nie in Ber&uuml;hrung kommen.&ldquo; Wagenknecht trifft hier einen wunden Punkt: Ich selbst, der Rezensent, bin in einem sehr migrationsfreundlichen Bewusstsein aufgewachsen und m&ouml;chte das auch nie abstreifen. Eine nichteurop&auml;ische Ausl&auml;nderin als Klassenkameradin habe ich in 13 Schuljahren aber selbst leider nur in einem einzigen Jahr erlebt, n&auml;mlich in der siebten Klasse. Danach musste die nette t&uuml;rkische Sadet vom Gymnasium wieder abgehen und vermutlich auf eine Realschule mit h&ouml;herem Migrantenanteil wechseln. Ein Beispiel von realer Desintegration, die genau Wagenknecht anprangert. N&ouml;tig ist nach Wagenknechts Argumentation stattdessen massive Hilfe vor Ort, ein Ende der westlichen Interventionskriege und der R&uuml;stungsexporte, eine andere Handelspolitik, die gezielte kostenlose Ausbildung von Studierenden aus Entwicklungsl&auml;ndern in Deutschland sowie die massive Besserausstattung der UN-Organisationen, die vor Ort helfen.<\/p><p>Wagenknecht bel&auml;sst es nicht bei dieser Fundamentalkritik der gesellschaftlichen Linken. Im zweiten Teil des Buches stellt sie Eckpunkte eines Zukunftsprogramms vor. Sie betont dabei die Unverzichtbarkeit von sozialem Zusammenhalt. Als Ankn&uuml;pfungspunkte f&uuml;r eine solche Politik definiert sie gemeinschaftsorientierte Werte, die in der Bev&ouml;lkerung &ndash; gerade auch in der Arbeiterschaft &ndash; als identit&auml;tsstiftend breit verankert seien, in der linksliberalen Erz&auml;hlung aber keinen Platz finden: famili&auml;rer und (sozial)staatlicher Zusammenhalt, Leistungsorientierung, Hilfsbereitschaft, Ideenreichtum. Die Sozialistin spricht ausdr&uuml;cklich von &bdquo;konservativen Werten&ldquo;, auf denen ein fortschrittlicher und mehrheitstauglicher Zukunftsentwurf aufgebaut werden k&ouml;nne. Zu solch einem von ihr als positiv identifizierten &bdquo;Wertkonservatismus&ldquo; z&auml;hlten ein faires Miteinander, Zugeh&ouml;rigkeit, Stabilit&auml;t, Sicherheit und Zusammenhalt. Gerade diese Werte seien n&auml;mlich nur durch sozialen Ausgleich und Verteilungsgerechtigkeit zu erreichen. <\/p><p>Ein notwendiger Faktor, auf den Wagenknecht dabei setzt, ist der Nationalstaat, den sie als &bdquo;das aktuell einzige Instrument zur Einhegung der M&auml;rkte, zu sozialem Ausgleich und zur Herausl&ouml;sung bestimmter Bereiche aus der kommerziellen Logik, das wir zur Verf&uuml;gung haben&ldquo;, sieht. Sie widerspricht hier diametral der linksliberalen Erz&auml;hlung vom Ende des Nationalstaates und dessen n&ouml;tiger Aufl&ouml;sung in supranationale Strukturen bis hin zu einer Weltregierung.<\/p><p>Wenn Wagenknechts Entwurf so zu verstehen ist, dass sie nicht nur f&uuml;r sich als Einzelperson spricht, sondern f&uuml;r einen breiteren politischen Zusammenhang, wird an dieser Stelle besonders deutlich, dass es sich bei ihrem Buch an wichtigen Stellen auch um eine Selbstkorrektur fr&uuml;herer idealistischer Vorstellungen handelt &ndash; war doch die &bdquo;&Uuml;berwindung nationalstaatlicher Kategorien&ldquo; lange Zeit auch zentraler Topos der sich als moderne Sozialdemokratie verstehenden Str&ouml;mung um Oskar Lafontaine. Hier f&uuml;hrt die Autorin dagegen aus, dass eine Verlagerung von Kompetenzen auf eine supranationale Ebene unter den derzeitigen Bedingungen nur um den Preis massiven Demokratieabbaus stattfinden k&ouml;nne, da mit jedem Verzicht auf nationalstaatliche Souver&auml;nit&auml;t eine Festlegung auf Neoliberalismus und Sozialabbau unausweichlich verbunden sei. So k&ouml;nne eine von links vielfach propagierte europ&auml;ische Arbeitslosenversicherung &bdquo;im besten Falle eine Minimalversicherung&ldquo; sein. <\/p><p>Statt einer Vertiefung der derzeitigen von Wagenknecht als antidemokratisch und antisozial beschriebenen europ&auml;ischen Integration pl&auml;diert sie f&uuml;r den Umbau der EU zu einer Konf&ouml;deration souver&auml;ner Demokratien, in der gew&auml;hlte Regierungen &uuml;ber gemeinsame L&ouml;sungen verhandeln. Das wichtigste Gremium w&auml;re in einer solchen EU der Europ&auml;ische Rat, w&auml;hrend die EU-Kommission ihre dirigistischen Vollmachten verl&ouml;re. Unbeantwortet l&auml;sst die Autorin hier allerdings die sich in diesem Zusammenhang aufdr&auml;ngende Frage des Umgangs mit der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion.<\/p><p>Auf globaler Ebene beschreibt die ehemalige EU-Abgeordnete ihre Vorstellung einer internationalen Sicherheitsarchitektur mit defensiven und nicht-interventionistisch ausgerichteten Verteidigungsb&uuml;ndnissen; ausdr&uuml;cklich bringt sie hier auch die schon in den 90er Jahren von Oskar Lafontaine propagierte Idee eines gemeinsamen Sicherheitssystems der bisherigen NATO-L&auml;nder unter Einschluss Russlands zur Sprache.<\/p><p>Ein weiteres Feld, dem Wagenknecht sich mit konkreten Vorschl&auml;gen widmet, ist die Verhinderung wirtschaftlicher Macht, die Demokratie und soziale Rechte untergrabe. Sie pl&auml;diert f&uuml;r eine De-Globalisierung von Wirtschafts- und Finanzm&auml;rkten. Insbesondere vor der Corona-Krise wurde eine solche Forderung aus linksliberalen Kreisen regelm&auml;&szlig;ig als nationalistisch gebrandmarkt und damit eine Kritik an der Globalisierung grunds&auml;tzlich zu delegitimieren versucht. Die &Ouml;konomin weist auf, dass der vermeintlich freie Welthandel zu 80% innerhalb der Fertigungskette gro&szlig;er multinationaler Konzerne stattfinde, dass Freihandel bei wirtschaftlich schwachen L&auml;ndern zu Deindustrialisierung und Verarmung f&uuml;hre und dass L&auml;nder, die den Aufstieg vom Entwicklungsland zur Industrienation erfolgreich zu schaffen scheinen wie China, dies nur konnten, indem sie sich den vermeintlich naturgegebenen Globalisierungszw&auml;ngen entzogen h&auml;tten. Die Autorin beschreibt die Ungleichheit und das &ouml;kologische Desaster, die eine ungebremste Globalisierung mit sich bringe, und pl&auml;diert f&uuml;r ein internationales Regelwerk, das den einzelnen L&auml;ndern wieder gr&ouml;&szlig;ere Spielr&auml;ume zur Gestaltung der eigenen Wirtschaftspolitik geben solle. Als Zielvorstellung entwirft sie das Bild einer &bdquo;Marktwirtschaft ohne Konzerne&ldquo;, in der durch ein scharfes Kartellrecht die Zusammenballung wirtschaftlicher Macht verhindert und wirklicher Wettbewerb erm&ouml;glicht werden k&ouml;nne. <\/p><p>Wagenknecht identifiziert die gegenw&auml;rtige Wirtschaftsordnung als innovationsfaule und leistungsfeindliche &Ouml;konomie, die von Marktmacht und Monopolen statt von offenen M&auml;rkten und echtem Wettbewerb gepr&auml;gt sei. Sie distanziert sich von der linksliberalen Kritik an der Leistungsgesellschaft: Die Kritik an messbaren Leistungskriterien sowie einer leistungsgerechten Verteilung entspr&auml;che dem Bem&uuml;hen der akademischen Mittelschicht, das eigene soziale Milieu nach unten abzuschotten. Hier sieht die Autorin auch den Grund, warum die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens, das die gegenw&auml;rtige Eigentumsverteilung zementieren w&uuml;rde, in akademischen Kreisen so viel und in der Arbeiterschaft so wenig Anh&auml;nger habe. Den gleichen Zusammenhang sieht sie bei der linken Kritik an Lernanstrengung und schulischem Leistungsdruck, verbunden mit dem Pl&auml;doyer f&uuml;r eine Abschaffung von traditionellen Lernmethoden und Noten, was nicht zu mehr Gerechtigkeit, sondern zu einer Vergr&ouml;&szlig;erung herkunftsbedingter Bildungsunterschiede f&uuml;hre, da dadurch die mit viel Geld und elterlichem Engagement gef&ouml;rderten Akademikerkinder klar im Vorteil seien.<\/p><p>Einen erheblichen Schritt &uuml;ber den gegenw&auml;rtigen Diskurs hinaus geht Wagenknecht mit ihrem Vorschlag f&uuml;r ein neues Eigentumsrecht, f&uuml;r das sie den Begriff des Leistungseigentums einf&uuml;hrt. Ein Unternehmen in Leistungseigentum solle keine externen Eigent&uuml;mer, sondern einfach Kapitalgeber mit unterschiedlichem Verlustrisiko haben. Dadurch w&uuml;rde sichergestellt, dass vor allem diejenigen, die im Unternehmen wirklich eine Leistung erbr&auml;chten, von einer erfolgreichen Unternehmensentwicklung profitierten, nicht mehr externe Kapitalgeber. Die Ausweidung von Unternehmen durch Heuschrecken, der Verkauf und das Vererben von Unternehmen, das externe Aufzwingen sachfremder Kriterien der Unternehmensf&uuml;hrung &ndash; all dies werde damit unterbunden. Ein bestechender Gedanke, der eine breite &ouml;ffentliche Debatte verdiente, dessen zeitnahe Realisierung allerdings angesichts der Macht entgegenstehender Interessen auf absehbare Zeit eine Vision bleiben d&uuml;rfte.<\/p><p>Einen weiteren, ganz neuen Vorschlag macht Wagenknecht in Bezug auf demokratische Entscheidungsprozesse. Sie pl&auml;diert f&uuml;r die Schaffung konkreter Institutionen direkter Demokratie und die Einf&uuml;hrung einer zweiten Kammer mit Debatten- und Vetorecht, die auf Grundlage von Losverfahren aus B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern gebildet werden soll &ndash; also ein demokratisches Oberhaus, in dem zuf&auml;llig ausgew&auml;hlte Menschen &uuml;ber Politik mitreden und mitentscheiden sollen. Es solle ein verbindliches Vetorecht und die M&ouml;glichkeit haben, &Auml;nderungsvorschl&auml;ge und eigene Initiativen einzubringen, die abschlie&szlig;end parlamentarisch abgestimmt und bei wichtigen Fragen der Bev&ouml;lkerung in einem Referendum vorgelegt w&uuml;rden. Hier handelt es sich sicher um einen interessanten Gedanken, von dem sich der Leser aber gew&uuml;nscht h&auml;tte, dass er noch breiter entfaltet wird.&nbsp;Es stellen sich sehr viele Fragen hinsichtlich der demokratischen Stabilit&auml;t, der Praktikabilit&auml;t &ndash; vor allem aber auch der Akzeptanz gerade in den Bev&ouml;lkerungsschichten, auf die Wagenknecht sich besonders beruft.<\/p><p>Ein eigenes Kapitel widmet die Autorin am Schluss ihres Buches der Digitalisierung. Sie pl&auml;diert f&uuml;r einen eigenst&auml;ndigen europ&auml;ischen Weg der F&ouml;rderung nichtkommerzieller digitaler Plattformen mit &ouml;ffentlich zug&auml;nglicher Software, die individuelle Verhaltensdaten nicht speichern und damit auch nicht mehr missbrauchen k&ouml;nnten. F&uuml;r alle Unternehmen, die in Europa ihre Dienste anbieten wollen, will Wagenknecht die Speicherung individueller Daten per Gesetz verbieten. Dadurch m&ouml;chte sie nichtkommerzielle Plattformen, die kein eigenes Gesch&auml;ftsinteresse verfolgen und keine Gewinne machen m&uuml;ssen, zur Grundlage der Vernetzung der Wirtschaft und der Kommunikation machen. Wenn &ndash; was sich nicht bestreiten l&auml;sst &ndash; die digitale Vernetzung heute auch zur Daseinsvorsorge geh&ouml;rt, kann eine Linke eigentlich kaum anders, als diese Vorschl&auml;ge ihrer ehemaligen Bundestagsfraktionsvorsitzenden aufzugreifen und breit zu diskutieren.&nbsp;Dem Leser stellt sich freilich die Frage, wer diese Vorschl&auml;ge realisieren soll, wenn in den linken Parteien derzeit ganz andere Interessen dominieren. <\/p><p>F&uuml;r jeden, der an einer fortschrittlichen Ver&auml;nderung der gegenw&auml;rtigen sozialen Verh&auml;ltnisse und der realen Perspektive einer linken politischen Mehrheit interessiert ist, ist dieses atemberaubend zu lesende Buch ein Muss. Aber man sei vorgewarnt: Niemanden, der nicht v&ouml;llig abgebr&uuml;ht ist, wird die Lekt&uuml;re ohne Blessuren zur&uuml;cklassen &ndash; und er wird sich entscheiden wollen, auf welcher Seite er in den k&uuml;nftigen Auseinandersetzungen steht. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hoffnung auf einen linken Politikwechsel &ndash; hat die in diesem Wahljahr wirklich noch irgendjemand? Eine rot-rot-gr&uuml;ne Mehrheit auf Bundesebene scheint zur fernen Vision geworden zu sein. 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