{"id":7164,"date":"2010-10-22T16:08:51","date_gmt":"2010-10-22T14:08:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7164"},"modified":"2014-02-19T12:01:21","modified_gmt":"2014-02-19T11:01:21","slug":"martin-walser-der-lebende-beweis-fuer-die-luege-von-der-wissensgesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7164","title":{"rendered":"Martin Walser &#8211; der lebende Beweis f\u00fcr die L\u00fcge von der \u201eWissensgesellschaft\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Am 19.10. erschien in der &bdquo;Zeit&ldquo; eine Rezension des neuen Buches von Peer Steinbr&uuml;ck mit der &Uuml;berschrift &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2010\/42\/Steinbrueck?page=all&amp;print=true\">Leidenschaftlich wahr<\/a>&ldquo;, unterzeichnet von Martin Walser. Dieser Text ist ein wunderbarer Beweis daf&uuml;r, dass wir alles andere als eine Wissensgesellschaft sind. Insbesondere das so genannte gebildete B&uuml;rgertum wei&szlig; offensichtlich sehr vieles nicht und schleppt eine F&uuml;lle von Vorurteilen insbesondere im Bereich der Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik mit sich herum. Diese sich im allgemeinen besonders wissend f&uuml;hlenden Menschen sind anf&auml;llig f&uuml;r allerlei Einfl&uuml;sterungen. So auch Martin Walser. Er bringt das eigene Manko treffend auf den Punkt: Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><p>Auf Seite sechs von acht Seiten meiner ausgedruckten Fassung steht zu lesen:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Bitte, vielleicht f&uuml;hle nur ich in meiner Unwissenheit und Bed&uuml;rftigkeit mich so angewiesen auf ein solches Buch. Das eigene Gef&uuml;hl im Zustand der Ratlosigkeit, der Unzust&auml;ndigkeit, also Abh&auml;ngigkeit von wei&szlig; Gott wem. &Uuml;ber die Tr&uuml;mmer gebrochener Eide stolpernd, schw&ouml;rst du neue. Inmitten der Schwierigkeiten der pers&ouml;nlichen Rechtfertigung ist man andauernd auf der Suche nach Rechtfertigungen, die man nicht pers&ouml;nlich erbringen muss.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Martin Walser h&auml;tte sich nicht sehr bem&uuml;hen m&uuml;ssen, um etwas mehr zu wissen. Es h&auml;tte schon gereicht, h&auml;tte er etwas weniger ferngesehen, woraus er nach eigenem Zeugnis seine Informationen zieht; es t&auml;te ihm gut &ndash; das kann man nach Lekt&uuml;re seiner Rezension ohne Eitelkeit feststellen &ndash; , etwas mehr NachDenkSeiten zu lesen oder unsere Jahrb&uuml;cher und andere B&uuml;cher wie die B&uuml;cher von Flassbeck und meine &bdquo;Meinungsmache&ldquo;. Diese Ver&ouml;ffentlichungen enthalten ausf&uuml;hrliche Texte und viele Informationen gerade zum PR-Produkt Steinbr&uuml;ck. Siehe dazu z. B. das Kapitel 5 im Jahrbuch 2008\/2009 &bdquo;<a href=\"\/?page_id=3577\">Klippschule-&Ouml;konomie &agrave; la Peer Steinbr&uuml;ck<\/a>&ldquo; oder das Kapitel 4 &bdquo;<a href=\"\/?page_id=4325\">Haltet den Dieb &ndash; keine Konsequenzen aus der Finanzkris<\/a>e&ldquo; im Jahrbuch 2009\/2010 oder die Kapitel zwei und drei in des <a href=\"\/?page_id=6827\">neuen kritischen Jahrbuchs<\/a> oder das Kapitel 12 in &bdquo;<a href=\"\/?page_id=4080\">Meinungsmache<\/a>&ldquo; In diesem Kapitel &uuml;ber die Ignoranz in der Wirtschaftspolitik wird vor allem skizziert, wie der von Walser hochgelobte Steinbr&uuml;ck in der Wirtschaftspolitik versagt hat.<\/p><p>Das gebildete B&uuml;rgertum, zu dem man Walser wohl z&auml;hlen kann, wei&szlig; in &ouml;konomischen Dingen nahezu nichts und orientiert sich zudem an der dominanten Propaganda. Deshalb der euphorische Zugriff auf einen Autor wie Steinbr&uuml;ck. Der Text Martin Walsers strotzt so sehr von Ignoranz, dass man f&uuml;r ihn wohlwollend vermuten muss, dass ihm bei dieser Rezension die Feder gef&uuml;hrt worden ist. Daf&uuml;r spricht auch die Tatsache, dass manche Textbausteine gezielt auf die Verschleierungsbed&uuml;rfnisse des Autors Steinbr&uuml;ck abgestellt sind.<br>\nAuf Vermutungen alleine kann man leider nicht bauen; deshalb sind wir darauf angewiesen, den Text in der &bdquo;Zeit&ldquo; als einen Walser-Text zu werten. Hier eine kleine Auswahl dazu, was Walser alles nicht wei&szlig; oder falsch sieht:<\/p><ol type=\"a\">\n<li>Die Finanzkrise habe 2007\/2008 begonnen.<\/li>\n<li>Sie sei aus Amerika &uuml;ber uns gekommen.<br>\nDies entspricht beides der Behauptung von Steinbr&uuml;ck, er sei 2008 von der Finanzkrise wie von einem Springinsfeldteufel angesprungen worden: Richtig ist, wie Leser der NachDenkSeiten und unsere B&uuml;cher schon lange wissen, dass es schon im Februar 2003 aus akuter Notberatungen &uuml;ber eine Bad Bank zwischen Regierung und Finanzindustrie gab, dass die HRE schon eine Art miese Bank der HypovereinsbankGruppe war, dass sich viele Institute schon in den neunziger Jahren auf gef&auml;hrliche Weise in ostdeutschen Hypotheken verspekuliert haben, dass die &ouml;ffentliche KfW auf Gehei&szlig; der Bundesregierung 34% Not leidendes Eigentum der Allianz AG an der schw&auml;chelnden IKB &uuml;bernommen hat &ndash; alles dies lange bevor Lehmann Brothers zusammenbrach.<\/li>\n<li>Die Kunden, das Publikum der Landesbanken und Sparkassen &ndash; so Martin Walser &ndash; habe &bdquo;nach diesen amerikanischen Immobilien-Anlagen gefragt, also mussten wir, um konkurrenzf&auml;hig zu sein, das auch anbieten, was sich inzwischen als Schrott erwiesen hat.&ldquo; &ndash; Dieser Einlassung eines Sparkassenleiters glaubt der gro&szlig;e Schriftsteller Martin Walser. Toll. Einfach toll. Er wei&szlig; nichts von der Umorientierung der Landesbanken hin zu Investmentbanken, an der Peer Steinbr&uuml;ck in Nordrhein-Westfalen ma&szlig;geblich beteiligt war. Walser hat, obwohl nahe an Bayern lebend, nichts davon mitbekommen, wie sich die Bayerische Landesbank mit der &Uuml;bernahme der HypoGroupAlpeAdria verspekuliert hat. Wahrlich nicht auf Gehei&szlig; des Publikums. Siehe dazu einen <a href=\"\/?p=4466\">Beitrag in der NachDenkSeiten vom 19.1.2010<\/a>. Hallo, Martin Walser &ndash; muss man ignorant werden, wenn man &auml;lter wird? Wenn das so ist, dann sollte man auf solche Rezensionen verzichten.<\/li>\n<li>Walser schreibt: &bdquo;In mir hat sich dann die Meinung gebildet: Die Krise ist eine Folge der Geldpolitik der amerikanischen Staatsbank. Die hat von 2001 an das Geld billig  gemacht.&ldquo; &ndash; Klar, Alan Greenspan ist schuld an der Finanzkrise. Bei dieser Diagnose treffen sich Rechts- und Linksintellektuelle. Die einen angetrieben von Ignoranz, die andern angetrieben von Amerika-Unfreundlichkeit. Aber selbst die berechtigte Skepsis gegen&uuml;ber den Machenschaften der U. S. Finanzwirtschaft sollte einem nicht dazu verleiten, falsch zu diagnostizieren. Die Politik des billigen Geldes war nicht schuld an der Finanzkrise. Diese These hilft nur den Spekulanten und den Nutzern des Casinos aus ihrer Verantwortung.<\/li>\n<li>Von Trichet, dem Pr&auml;sidenten der EZB, spricht Walser als dem &bdquo;fabelhaften Chef der Europ&auml;ischen Zentralbank&ldquo;. Wau, wie kommt man auf diese Idee, nur weil Trichet im Falle Griechenlands mal richtig geraten hat. Das ist &uuml;brigens ein typisches Symptom daf&uuml;r, dass dem Schriftsteller Walser die Feder gef&uuml;hrt worden ist.<\/li>\n<li>Martin Walser wei&szlig; offensichtlich nichts davon, dass Steinbr&uuml;ck wesentlich dazu beigetragen hat, durch Deregulierung und Propaganda f&uuml;r innovative Finanzprodukte die Krise gerade in Deutschland besonders wirksam werden zu lassen. Walser schreibt &uuml;ber diese Dinge, ohne die einschl&auml;gigen Reden Steinbr&uuml;cks zur Kenntnis zu nehmen.<\/li>\n<li>Martin Walser hat auch keine Kenntnis davon, dass Steinbr&uuml;ck sich noch im Fr&uuml;hjahr 2008 vehement gegen den Einsatz von Konjunkturprogrammen gewehrt hat und lobt Steinbr&uuml;ck jetzt quasi als Keynsianer.<\/li>\n<\/ol><p>Das war nur eine kleine Auswahl von Missgriffen des gro&szlig;en Autors Walser im Umgang mit der Kunstperson Steinbr&uuml;ck. Walser hat nichts davon mitbekommen, dass der ehemalige Finanzminister zur Zeit richtig hochstilisiert wird, damit man ihn f&uuml;r die innere Willensbildung in der SPD mit dem Kurs auf rechts nutzen kann.<br>\nWalsers Bild von der Wirklichkeit unseres Landes und seiner politischen Lage ist durch unglaubliche Naivit&auml;t gepr&auml;gt. Es w&auml;re hilfreich, Walser w&uuml;rde sich wenigstens ein bisschen an Goethe orientieren: &bdquo;Mit dem Wissen w&auml;chst der Zweifel&ldquo;. <\/p><p>Eine wesentliche Verantwortung f&uuml;r dieses miserable St&uuml;ck in der &bdquo;Zeit&ldquo; tr&auml;gt die Wochenzeitung selbst. Sie hat eine hohe Glaubw&uuml;rdigkeit beim so genannten gebildeten B&uuml;rgertum. Und sie missbraucht diese Glaubw&uuml;rdigkeit immer wieder.<\/p><p>Anhang:<\/p><p><strong>Peer Steinbr&uuml;ck Leidenschaftlich wahr <\/strong><br>\nMein Buch dieses Herbstes: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2010\/42\/Steinbrueck?page=all&amp;print=true\">Peer Steinbr&uuml;cks &raquo;Unterm Strich&laquo;<\/a> ist ein gro&szlig;es Shakespeare-Drama. Von Martin Walser.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 19.10. erschien in der &bdquo;Zeit&ldquo; eine Rezension des neuen Buches von Peer Steinbr&uuml;ck mit der &Uuml;berschrift &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2010\/42\/Steinbrueck?page=all&amp;print=true\">Leidenschaftlich wahr<\/a>&ldquo;, unterzeichnet von Martin Walser. Dieser Text ist ein wunderbarer Beweis daf&uuml;r, dass wir alles andere als eine Wissensgesellschaft sind. 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