{"id":71805,"date":"2021-04-22T14:38:47","date_gmt":"2021-04-22T12:38:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71805"},"modified":"2021-04-22T16:48:14","modified_gmt":"2021-04-22T14:48:14","slug":"schuldenbremse-bankrotterklaerung-der-mainstream-oekonomik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71805","title":{"rendered":"Schuldenbremse: Bankrotterkl\u00e4rung der Mainstream-\u00d6konomik"},"content":{"rendered":"<p>Wissenschaft, so haben wir das einst gelernt, ist der immerw&auml;hrende Versuch, die Welt zu verstehen. Die gro&szlig;e Mehrzahl der &Ouml;konomen hat sich von diesem Konzept verabschiedet, was sich nirgendwo besser als an der Diskussion der Schuldenbremse zeigen l&auml;sst.<br>\nWenn es noch eines Beweises bedurft h&auml;tte: Der j&uuml;ngste ifo-schnelldienst (ifo-schnelldienst 4\/2021) h&auml;tte ihn erbracht: Das, was die gro&szlig;e Mehrzahl der &Ouml;konomen betreibt, hat nichts mit Wissenschaft zu tun. Der Vorgang ist leicht zu verstehen: Ein Institut, das weitgehend vom Staat finanziert wird und wissenschaftlichen Anspr&uuml;chen gen&uuml;gen sollte, l&auml;dt 13 Autoren zu einer Diskussion &uuml;ber die Schuldenbremse ein &ndash; und zwar unter dem Obertitel &bdquo;Zur Diskussion gestellt&ldquo;. Von <strong>Heiner Flassbeck<\/strong> mit freundlicher Genehmigung von <strong>Makroskop<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Dieser Artikel ist zuerst <a href=\"https:\/\/makroskop.eu\/14-2021\/schuldenbremse-bankrotterklaerung-der-mainstream-oekonomik\/\">auf Makroskop erschienen<\/a>. Die NachDenkSeiten freuen sich, ihn mit freundlicher Genehmigung des Autors und von Makroskop ihren Lesern zur Verf&uuml;gung zu stellen.<\/em><\/p><p>Doch was wurde in Wirklichkeit zur Diskussion gestellt? Offenbar geht es bei der Schuldenbremse um die Frage, ob der Staat in einer bestimmten, uns durchaus bekannten deutschen Wirtschaft jenseits von Ausnahmesituationen wie dem Corona-Schock einen Einnahme&uuml;berschuss (einen &Uuml;berschuss der staatlichen Einnahmen &uuml;ber die Ausgaben erzielen soll, was wir meist &bdquo;Sparen&ldquo; nennen oder Unter-den-Verh&auml;ltnissen-leben), oder umgekehrt, einen &Uuml;berschuss der staatlichen Ausgaben &uuml;ber die Einnahmen (was wir &bdquo;Schulden machen&ldquo; nennen oder &Uuml;ber-den-Verh&auml;ltnissen-leben).<\/p><p>Was m&uuml;sste einem Wissenschaftler in den Sinn kommen, der sich mit der Volkswirtschaft besch&auml;ftigt und zu den Schulden des Staates Stellung beziehen soll? Die Volkswirtschaft einzubeziehen, kann wohl nur bedeuten, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, auf welche Weise die Einnahmen und die Ausgaben des Staates sowie der Saldo mit den Ausgaben und Einnahmen der anderen Sektoren der Volkswirtschaft korrespondieren &ndash; oder auch nicht. Weder die Einnahmen des Staates noch seine Ausgaben lassen die anderen Sektoren unber&uuml;hrt.<\/p><p>Hinzu kommt, in einer Marktwirtschaft gibt es einen Sektor, der kein festes Einkommen bezieht, weil er am Ende aller Anpassungsprozesse steht und das Einkommen erh&auml;lt, das &uuml;brigbleibt, wenn alle vertraglich fixierten Einkommen abgegolten worden sind. Das ist der Unternehmenssektor. Sein Einkommen, der Gewinn, ist ein Residualeinkommen. Das, was der Staat in Sachen Schulden tut, schl&auml;gt sich folglich zumindest unmittelbar in den Unternehmensgewinnen nieder. Wei&szlig; man zudem als Volkswirt, dass das Nettogeldverm&ouml;gen und die Nettoschulden der Welt immer genau gleich null sind (weil niemand &uuml;ber seinen Verh&auml;ltnissen leben kann, wenn nicht gleichzeitig ein anderer unter seinen Verh&auml;ltnissen lebt) ist die Aufgabe, die sich bei der Diskussion der Schuldenbremse stellt, klar umrissen.<\/p><p>Das alles aber wei&szlig; offensichtlich keiner der vom ifo-Institut eingeladenen Volkswirte einschlie&szlig;lich der Volkswirte aus den eigenen Reihen, die das Institut zu Wort kommen l&auml;sst. Sucht man in den gesamten Texten nach &bdquo;Finanzierungssalden&ldquo; ist das Ergebnis Null, bei &bdquo;Unternehmensgewinnen&ldquo; ebenso und von &bdquo;Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;ssen&ldquo; hat scheinbar noch nie jemand etwas geh&ouml;rt. Ist das Nachl&auml;ssigkeit, ein Versehen oder hat das System? Kann es sein, dass die Volkswirte ihr eigenes Untersuchungsobjekt aufgegeben haben und als Betriebswirte oder Haushaltsexperten herumdilettieren?<\/p><p><strong>Wilhelm Lautenbach hat es schon vor fast hundert Jahren erkl&auml;rt<\/strong><\/p><p>Die Tatsache, dass das Geldverm&ouml;gen einer geschlossenen Volkswirtschaft immer Null ist, liefert den Schl&uuml;ssel zu einer eindeutigen und absolut unbestreitbaren Analyse. Alle &Uuml;bersch&uuml;sse und alle Defizite inklusive des Gewinns der Unternehmen, auf den es nach allgemein herrschender Auffassung f&uuml;r die gesamte Dynamik der Volkswirtschaft und damit letztlich auch f&uuml;r die staatlichen Schulden ankommt, ist nur in diesem logischen Korsett angemessen zu analysieren.<\/p><p>Diese Erkenntnis haben im Gefolge der Weltwirtschaftskrise mehrere &Ouml;konomen nahezu gleichzeitig entwickelt. Einer davon war Wilhelm Lautenbach, der hoher Beamter des Reichswirtschaftsministeriums w&auml;hrend der gro&szlig;en Krise von 1929\/30 und danach war. Er hatte in gro&szlig;er Klarheit erkannt, dass die damals und heute herrschende Lehre einen entscheidenden logischen Defekt aufwies: Sie analysierte die Wirtschaft auf eine Weise, die unterstellte, dass Angebot und Nachfrage nicht nur f&uuml;r das einzelne Unternehmen und den einzelnen Haushalt unabh&auml;ngig voneinander gegeben sind, sondern auch f&uuml;r die Gesamtwirtschaft. Das aber konnte nicht stimmen, folgerte Lautenbach, weil man leicht zeigen kann, dass es f&uuml;r den Unternehmenssektor auf keinen Fall gilt.<\/p><p>Lautenbach teilte das gesamte Einkommen (E) der Volkswirtschaft in Unternehmereinkommen (EU) auf der einen Seite und Nichtunternehmereinkommen (EN) auf der anderen auf. Da das gesamte Volkseinkommen (auf der Nachfrageseite) nur aus Konsum (V) und Investition (I) bestehen kann, schrieb er:<\/p><p>EU + EN = E = I + V<\/p><p>Lautenbach folgerte daraus: &bdquo;Da aber das Einkommen der Nichtunternehmer pari passu mit der Produktion unmittelbar gegeben ist, eben durch die H&ouml;he der Entsch&auml;digungen, die die Unternehmen an die Nichtunternehmer zahlen, w&auml;hrend das Unternehmereinkommen gerade unbestimmt ist, erst auf dem Markt festgestellt wird, so hat es einen Sinn, diese Gleichung nach EU aufzul&ouml;sen&ldquo;. Nach einigen einfachen Umformungen entsteht:<\/p><p>EU = I + VU  &ndash; SN<\/p><p>Das bedeutet, dass das Einkommen der Unternehmer immer gleich ist dem Wert der Investition zuz&uuml;glich des Verbrauchs der Unternehmer selbst, aber abz&uuml;glich der Ersparnisse aller Nichtunternehmer, also auch der des Staates. Staatliches Sparen schl&auml;gt sich unmittelbar als Verminderung des Gewinns der Unternehmen nieder und staatliche Ausgaben&uuml;bersch&uuml;sse (Schulden) vergr&ouml;&szlig;ern die Gewinne der Unternehmen. Wer &uuml;ber staatliche Schulden redet, ohne diesen Zusammenhang zugrunde zu legen, bleibt vollkommen irrelevant.<\/p><p>Offensichtlich ist es so, dass jede Ausgabenk&uuml;rzung, wo immer in der Volkswirtschaft sie vorgenommen wird, gleichartige negative Auswirkungen auf die Gewinne der Unternehmen hat. Ob es die privaten Haushalte sind, der Staat, die Unternehmen selbst oder die gleichen Akteure in den L&auml;ndern, die mit uns Handel treiben (das Ausland), immer f&uuml;hrt eine K&uuml;rzung der Ausgaben einer dieser Gruppen bei gleichbleibenden Einnahmen dazu, dass die Gewinne der Unternehmen sinken.<\/p><p><strong>Die Unternehmen nutzen und schaden sich selbst<\/strong><\/p><p>Besonders eklatant ist das im Falle der Unternehmen. Reagieren die Unternehmen auf Ausgabek&uuml;rzungen anderer Sektoren mit eigenen Ausgabek&uuml;rzungen, was den Normalfall darstellen d&uuml;rfte, verschlechtern sie unmittelbar die Situation aller Unternehmen weiter, weil ihre K&uuml;rzungen nichts anderes bedeuten als Einnahmeausf&auml;lle f&uuml;r andere Unternehmen.<\/p><p>Dieses Ph&auml;nomen kann man in seiner grunds&auml;tzlichen Bedeutung kaum &uuml;bersch&auml;tzen. Das hei&szlig;t n&auml;mlich, dass es f&uuml;r das marktwirtschaftliche System ohne Intervention des Staates keine M&ouml;glichkeit der Selbststabilisierung im Falle eines negativen Nachfrageschocks gibt. Eine einmal ins Rollen gebrachte Lawine ist nicht mehr zu stoppen. Umgekehrt gilt, dass investierende und sich verschuldende Unternehmen die Situation aller Unternehmen st&auml;ndig verbessern, ohne dass es daf&uuml;r eine &bdquo;nat&uuml;rliche&ldquo; Grenze g&auml;be. Der Zyklus der Konjunktur mit seiner offenkundigen Neigung, in beiden Richtungen zu &bdquo;&uuml;berschie&szlig;en&ldquo;, findet hier eine systematische Erkl&auml;rung.<\/p><p>F&uuml;r die Interventionen der Wirtschaftspolitik in der Vergangenheit war diese Erkenntnis von enormer Bedeutung. Es bedurfte nicht unbedingt dauernder Eingriffe mit h&ouml;herer staatlicher Verschuldung, sondern es gen&uuml;gte in der Regel, durch eine antizyklische Ma&szlig;nahme die Richtung zu &auml;ndern, in der die Unternehmen die Anpassung an eine sich &auml;ndernde Einnahmesituation vornehmen. In der neuen Welt, wo die Unternehmen praktisch immer sparen (siehe Schaubild weiter unten), wie das in den meisten L&auml;ndern der Welt seit &uuml;ber zehn Jahren der Fall ist, ist der Staat allerdings permanent gefordert, neue Schulden zu machen, weil es sonst niemals aufw&auml;rts geht. <\/p><p>Auch &bdquo;das Ausland&ldquo; respektive die dort agierenden Gruppen k&ouml;nnen mit der K&uuml;rzung ihrer Ausgaben (mit vermehrtem &bdquo;Sparen&ldquo;) die Situation der inl&auml;ndischen Unternehmen verschlechtern und umgekehrt mit mehr Ausgaben f&uuml;r Importe die inl&auml;ndischen Unternehmen zu eigenen Investitionen anregen. Es zeigt sich an diesen schlichten &Uuml;berlegungen, dass der repr&auml;sentative Haushalt, von dem die herrschende neoklassische Theorie glaubt, dass er mit seiner Entscheidung &uuml;ber mehr oder weniger Sparen aus einem gegebenen Einkommen, die Weltwirtschaft lenkt, eine geradezu l&auml;cherliche Figur ist. Das Gleichgewichtsdenken allgemein tr&auml;gt in kaum zu &uuml;bersch&auml;tzender Weise zur allgemeinen Verwirrung bei. F&uuml;r die Wirklichkeit komplexer arbeitsteiliger Wirtschaften, wo die Unternehmen sich an anonymisierte Signale &uuml;ber Einnahmen und Ausgaben anpassen m&uuml;ssen, ist das Gleichgewicht keine Ann&auml;herung an die relevanten Zusammenh&auml;nge, sondern eine Ablenkung.<\/p><p>Alle staatlichen Handlungen, die ein Ausgabendefizit zur Folge haben, sind grunds&auml;tzlich nicht geeignet, eine Volkswirtschaft zu stabilisieren, weil die Nachfrage der Unternehmen, die Auslastung ihrer Produktionskapazit&auml;ten und ihre Gewinne sinken. Weil die Unternehmen daraufhin mit ihrer Anpassungsreaktion an sinkende Gewinne die Gewinne der Unternehmen insgesamt noch einmal verringern, besteht jederzeit die Gefahr einer kumulativen Verst&auml;rkung des Abschwungs.<\/p><p>Umgekehrt gilt, dass jede bewusste Herbeif&uuml;hrung eines Ausgaben&uuml;berschusses, sei es von der Seite des Staates, des Auslands oder der Unternehmen selbst, die Nachfrage- und Gewinnsituation der Unternehmen unmittelbar verbessert. Das wiederum schafft die M&ouml;glichkeit, dass die Unternehmen die positiven Impulse zu einer weiteren Vergr&ouml;&szlig;erung ihres Ausgaben&uuml;berschusses veranlassen, was dann zu einem kumulativen Aufschwungsprozess f&uuml;hren kann.<\/p><p>Wir beobachten hier also eine starke Asymmetrie. Je nachdem, ob ein Ausgaben&uuml;berschuss oder ein Einnahmen&uuml;berschuss am Beginn eines dynamischen Prozesses steht, entwickelt sich die Wirtschaft in Richtung Einkommenssteigerung oder Einkommenssenkung. Die neoklassische Vermutung, man k&ouml;nne auch in einer komplexen Wirtschaft durch einen Einnahmen&uuml;berschuss, durch &bdquo;Sparen&ldquo;, durch G&uuml;rtel-enger-Schnallen mithilfe von &bdquo;nichtkeynesianischen Effekten&ldquo; einen Wachstumsschub initiieren, ist von vorneherein vollkommen unsinnig und gef&auml;hrlich.<\/p><p>Wilhelm Lautenbach hat den Kern der Geschichte in seiner unnachahmlich knappen Art in die Worte gefasst: &bdquo;Die Nachfrage der Unternehmer ist nicht eine Funktion ihres Einkommens, sondern ihr Einkommen ist eine Funktion ihrer Nachfrage&ldquo; (S.22). Bei John Maynard Keynes findet man diese bedeutende Einsicht in einer eher beil&auml;ufigen Bemerkung schon in der &bdquo;Treatise on Money&ldquo; aus dem Jahre 1930. Wolfgang St&uuml;tzel hat &uuml;brigens versucht, diesen (ihn offensichtlich schockierenden) Satz in einer Fu&szlig;note, die sich &uuml;ber mehrere Seiten zieht, zu erkl&auml;ren. Das ist ihm nicht gelungen, man kann aber klar herauslesen, dass auch er, der Herausgeber des Lautenbachschen Buches (Zins\/Kredit und Produktion, Mohr Siebeck 1952), diesen zentralen Satz weder inhaltlich noch im Sinne seiner gro&szlig;en wirtschaftspolitischen Bedeutung verstanden hat.<\/p><p>Anzumerken ist noch, dass die Tatsache, dass ex post, also nach dem Ende aller Anpassungsprozesse dennoch alle Ausgabendefizite durch Ausgaben&uuml;bersch&uuml;sse genau ausgeglichen werden, keinerlei Bedeutung f&uuml;r die Frage hat, ob der Prozess, der zu dieser ex post-Gleichheit f&uuml;hrte, effizient oder ineffizient war. Denn es ist entscheidend, ob der zwischen den urspr&uuml;nglich getroffenen Entscheidungen liegende (ungleichgewichtige) Prozess und dem ex post Resultat ein Aufschwung oder ein Abschwung stattfand, ob also im Laufe des Prozesses die gesamtwirtschaftlichen Einkommen gestiegen oder gesunken sind und ob Arbeitspl&auml;tze geschaffen oder verloren wurden.<\/p><p>Beeindruckend ist auch, dass die Unternehmensverb&auml;nde dieser Welt nicht verstanden haben, in welcher Weise und in welchem Ausma&szlig; ihre Mitglieder sich dadurch schaden, dass sie zu Netto-Sparern geworden sind. Wie die Finanzierungssalden f&uuml;r Deutschland in der Graphik zeigen, war das systematische Sparen der deutschen Unternehmen in den vergangenen zwanzig Jahren nur m&ouml;glich, weil fast immer das Ausland die Rolle des Schuldners &uuml;bernommen hat. Im Jahr 2020 musste allerdings wieder einmal der Staat die L&uuml;cke in der Nachfrage schlie&szlig;en, die von den Unternehmen und den privaten Haushalten mit dem Anstieg ihrer Sparquote geschaffen wurde.<\/p><div class=\"imageWrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210422-Schuldenbremse.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210422-Schuldenbremse.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Damit ist die Frage nach der Zukunft der Schuldenbremse f&uuml;r Deutschland abschlie&szlig;end und eindeutig gekl&auml;rt. Wenn es dem Staat nicht gelingt, die Unternehmen wieder in die Rolle des Schuldners zur&uuml;ckzudr&auml;ngen, muss er selbst diese Rolle &uuml;bernehmen, es sei denn, er will Merkantilist bis ans Ende aller Tage bleiben und erwartet, dass die Handelspartner diesen massiven Versto&szlig; gegen alle Handelsregeln klaglos und ohne Gegenwehr akzeptieren. <\/p><p><strong>Warum lernen die deutschen Volkswirte nicht?<\/strong><\/p><p>Ich muss noch eine kurze Anmerkung nachschieben. Es ist mehr als bemerkenswert (skandal&ouml;s w&auml;re vermutlich das richtige Wort), dass schon in dem 1952 posthum erschienenen einzigen Buch von Wilhelm Lautenbach (Lautenbach ist 1948 schon gestorben) die Ablenkungsman&ouml;ver der deutschen &Ouml;konomen in vollem Gange waren. Wilhelm R&ouml;pke, einer der immer noch als bedeutend angesehenen Ordoliberalen schrieb im Vorwort zu dem Buch, er h&auml;tte gerne gewusst, ob Lautenbach (den er offensichtlich pers&ouml;nlich kannte) sich der &bdquo;au&szlig;erordentlichen Bedingtheit&ldquo; der keynesianischen Lehre, ihrer &bdquo;engen Grenzen&ldquo; und &bdquo;der schweren Gefahren ihres Missbrauchs&ldquo; bewusst gewesen sei. Schlie&szlig;lich habe sich die &bdquo;einzigartige Situation der gro&szlig;en Depression, von der Lautenbach und Keynes ausgegangen waren, v&ouml;llig umgekehrt&hellip;&ldquo;.<\/p><p>Was ist wohl an der obigen Aussage von Lautenbach &uuml;ber die Unternehmereinkommen &bdquo;au&szlig;erordentlich bedingt&ldquo;? Es ist eine vollkommen unbedingte, immer und jederzeit geltende Gesetzm&auml;&szlig;igkeit, die sich aus der Tatsache ergibt, dass die Ausgaben einer Gruppe in der Volkswirtschaft immer die Einnahmen der anderen Gruppen sind und die Unternehmen insgesamt in einer Marktwirtschaft das Residualeinkommen erzielen.<\/p><p>Diese Erkenntnis ist, wie die vollst&auml;ndige Vernachl&auml;ssigung der Finanzierungssalden zeigt, bis heute nicht in die herrschende liberal-neoklassische &Ouml;konomik vorgedrungen und genau deswegen hat man die Dynamik einer Marktwirtschaft nicht einmal im Ansatz verstanden, obwohl man von nichts anderem als der Marktwirtschaft redet. Genau deswegen kann diese gesamte Denkschule keinen geeigneten wirtschaftspolitischen Vorschlag machen und richtet mit ihrer kleinteiligen und falschen Sichtweise gro&szlig;en Schaden an. Nach fast hundert Jahren des Missverstehens ist es an der Zeit, die zentralen Einsichten anzuerkennen oder offen zu sagen, dass es um Wissenschaft und objektive Erkenntnis gar nicht geht.<\/p><p>Titelbild: DesignRage\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wissenschaft, so haben wir das einst gelernt, ist der immerw&auml;hrende Versuch, die Welt zu verstehen. Die gro&szlig;e Mehrzahl der &Ouml;konomen hat sich von diesem Konzept verabschiedet, was sich nirgendwo besser als an der Diskussion der Schuldenbremse zeigen l&auml;sst.<br \/> Wenn es noch eines Beweises bedurft h&auml;tte: Der j&uuml;ngste ifo-schnelldienst (ifo-schnelldienst 4\/2021) h&auml;tte ihn erbracht: Das, was<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71805\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":71806,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[13,135,156],"tags":[1048,392,325,2946],"class_list":["post-71805","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-finanzpolitik","category-schulden-sparen","tag-neoklassische-wirtschaftstheorie","tag-schuldenbremse","tag-staatsschulden","tag-unternehmensschulden"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/210422_titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71805","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=71805"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71805\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":71819,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71805\/revisions\/71819"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/71806"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=71805"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=71805"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=71805"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}