{"id":71843,"date":"2021-04-25T11:45:47","date_gmt":"2021-04-25T09:45:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71843"},"modified":"2021-04-25T11:56:21","modified_gmt":"2021-04-25T09:56:21","slug":"his-masters-voice-riskante-pendelpolitiken-zwischen-washington-und-beijing","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71843","title":{"rendered":"His Masters\u2018 Voice \u2013 Riskante Pendelpolitiken zwischen Washington und Beijing"},"content":{"rendered":"<p>Konflikteskalation im S&uuml;dchinesischen Meer\/Westphilippinischen Meer: Der seit ann&auml;hernd f&uuml;nf Jahren amtierende philippinische Pr&auml;sident Rodrigo R. Duterte ger&auml;t zusehends innen- wie au&szlig;enpolitisch unter Druck. Vor allem seine Chinapolitik st&ouml;&szlig;t auf Unverst&auml;ndnis und polarisiert mittlerweile die Gesellschaft. Ein Artikel von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p><p>In den vergangenen Tagen und Wochen hat sich vor allem der Konflikt zwischen der Regierung in Manila und der Volksrepublik China um Hoheitsanspr&uuml;che im S&uuml;dchinesischen Meer, das in philippinischen Landkarten seit Herbst 2012 als Westphilippinisches Meer ausgewiesen wird, erheblich versch&auml;rft. Auff&auml;llig dabei war das zeitweilige Abtauchen des Pr&auml;sidenten Duterte aus der &Ouml;ffentlichkeit und sein beredtes Schweigen in dieser so hochsensiblen nationalen Sicherheitsfrage. Zum Wochenbeginn schlie&szlig;lich meldete sich Duterte &ndash; mehr politischem Druck denn seiner pers&ouml;nlichen &Uuml;berzeugung folgend &ndash; zu Wort. Und wie!<\/p><p>W&auml;hrend seiner allmont&auml;glichen Rede an die Bev&ouml;lkerung erkl&auml;rte er am 19. April in einer aufgezeichneten Fernsehansprache: &bdquo;Ich werde meine grauen Schiffe dorthin (in die von den Philippinen beanspruchten Gebiete im S&uuml;dchinesischen Meer &ndash; <em>RW<\/em>) schicken, um einen Anspruch zu erheben. (&hellip;) Ich bin jetzt nicht so sehr an der Fischerei interessiert, ich glaube nicht, dass es wirklich genug Fisch dort gibt, um dar&uuml;ber zu streiten.&ldquo; Wenn es aber um Bergbau gehe oder &bdquo;was auch immer in den Tiefen des Chinesischen Meeres ist&ldquo;, so Duterte weiter, &bdquo;werde ich falls n&ouml;tig auch Kriegsschiffe entsenden, um unsere Anspr&uuml;che zu untermauern.&ldquo; Lieber aber w&auml;re es ihm, res&uuml;mierte der Pr&auml;sident, mit Beijing &bdquo;Freunde zu bleiben&ldquo; und &bdquo;zu teilen, was immer es ist.&ldquo;<\/p><p>China hat in der Vergangenheit mehrfach Anspr&uuml;che auf das gesamte S&uuml;dchinesische Meer f&uuml;r sich erhoben und den Territorialkonflikt dadurch angeheizt, dass es k&uuml;nstliche Inseln aufsch&uuml;ttete und dort Milit&auml;rinstallationen errichtete. In einer Region, wo nebst den Philippinen und der Volksrepublik China au&szlig;erdem noch das an Erd&ouml;l reiche Sultanat Brunei, Malaysia, Indonesien, die Republik China auf Taiwan und Vietnam jeweils (partielle) Besitzanspr&uuml;che verfolgen, wenngleich sich Brunei, Malaysia und Indonesien in den vergangenen Jahren eher in Zur&uuml;ckhaltung &uuml;bten.<\/p><p>Dutertes jetzige &Auml;u&szlig;erungen erfolgen aus der Defensive, in die sich der Pr&auml;sident selbst man&ouml;vriert hat. Sowohl Gener&auml;le und Offiziere der Streitkr&auml;fte des Landes (AFP), deren Oberkommandierender der Pr&auml;sident in Personalunion ist, als auch die wachsende Schar von Kritikern und Gegnern seiner Politik attackieren den ihrer Meinung nach von Duterte praktizierten &bdquo;Ausverkauf nationaler Interessen&ldquo;. Es geh&ouml;rt zum Wesensmerkmal des <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40495\">&bdquo;Dutertismo&ldquo;<\/a>, zum ureigenen Politikstil des Pr&auml;sidenten, gro&szlig;e Versprechungen publicitywirksam zu verk&uuml;nden, um sie klammheimlich ad acta zu legen und f&uuml;r dadurch entstehende Missst&auml;nde oder auch hinterlassene Scherbenhaufen stets anderen den Schwarzen Peter unterzuschieben und sie als die eigentlich Schuldigen zu brandmarken. Es lohnt sich also, die dem &bdquo;Dutertismo&ldquo; inh&auml;renten Pendelpolitiken in dieser au&szlig;enpolitisch brisanten Frage nachzusp&uuml;ren.<\/p><p><strong>Ungebetene Pr&auml;senz im Whitsun Reef<\/strong><\/p><p>In der philippinischen Metropole Manila sorgt in diesen Tagen ein au&szlig;enpolitisches Thema selbst innerhalb der Regierung des seit Sommer 2016 amtierenden Pr&auml;sidenten Rodrigo R. Duterte f&uuml;r Missstimmung. Letzterer bezeichnet sich selbst gern als enger &bdquo;Freund Chinas&ldquo; und dessen Pr&auml;sidenten Xi Jinping. Und er mag es partout nicht, wenn diese Busenfreundschaft angezweifelt oder gar als Kotau gedeutet wird. Doch ausgerechnet zwei Minister in Dutertes Kabinett, Verteidigungsminister Delfin Lorenzana und Au&szlig;enminister Teodoro Locsin Jr., nutzten ein zweiw&ouml;chiges Abtauchen des Pr&auml;sidenten, um gegen die <a href=\"https:\/\/www.manilatimes.net\/2021\/04\/16\/news\/duterte-is-dealing-with-china-intrusion\/864269\/\">ausgedehnte Pr&auml;senz chinesischer Schiffe<\/a> im Whitsun Reef (auch bekannt unter den Namen Whitson Reef oder Whitsum Reef) zu protestieren. Unter dem Namen Julian Felipe Reef gilt dieses Riff als Teil der Spratly-Inseln im S&uuml;dchinesischen beziehungsweise Westphilippinischen Meer, das nur 175 Seemeilen von der K&uuml;ste der westlichen Insel Palawan entfernt und somit innerhalb der ausschlie&szlig;lichen Wirtschaftszone der Philippinen liegt.<\/p><p>Im M&auml;rz wurden &uuml;ber 200 Schiffe der volkschinesischen Seemiliz im Gebiet des Julian Felipe Riffs gesichtet, woraufhin Manila gegen die Anwesenheit der chinesischen Boote innerhalb der ausschlie&szlig;lichen Wirtschaftszone der Philippinen Protest einlegte und Beijing aufforderte, die Schiffe abzuziehen. Chinesische Diplomaten erkl&auml;rten indes, dass die Fischerboote nur Schutz vor rauer See gesucht h&auml;tten und keine Milizen an Bord gewesen seien. Verteidigungsminister Lorenzana beharrte auf seiner Kritik und f&uuml;gte hinzu: &bdquo;Die fortgesetzte Anwesenheit chinesischer Seemilizen in diesem Gebiet offenbart die Absicht Beijings, (Gebiete) in der Westphilippinischen See weiter zu besetzen. Sie (die Chinesen &ndash; <em>RW<\/em>) haben dies (umstrittene Gebiete zu besetzen &ndash; <em>RW<\/em>) bereits zuvor im Falle des Panatag Shoal oder Bajo de Masinloc sowie beim Panganiban Riff getan und dabei dreist die philippinische Souver&auml;nit&auml;t sowie die souver&auml;nen Rechte nach internationalem Recht verletzt.&ldquo;<\/p><p>Starker Tobak, dessen man sich auch im <em>Stratbase ADRi<\/em>, einer in Manilas Finanzdistrikt Makati domizilierten Denkfabrik, bediente. W&auml;hrend einer k&uuml;rzlich von diesem Institut organisierten virtuellen Diskussion <a href=\"https:\/\/opinion.inquirer.net\/139388\/ph-and-allies-must-stand-up-to-china\">sagte deren Pr&auml;sident, Dindo Manhit<\/a>, die anhaltenden und seiner Meinung nach absichtlichen Schwarmman&ouml;ver chinesischer Seemilizschiffe in philippinischen Gew&auml;ssern offenbarten Beijings expansionistische Ambitionen und untergr&uuml;ben letztlich das Gebot friedlicher Konfliktl&ouml;sungen und der Wahrung von Stabilit&auml;t in der Region. Ein seit Langem exponierter Gegner der Chinapolitik Dutertes, der mittlerweile pensionierte Richter am Obersten Gerichtshof der Philippinen, Antonio Carpio, <a href=\"https:\/\/opinion.inquirer.net\/139344\/the-territorial-dispute-in-the-spratlys\">hieb in dieselbe Kerbe<\/a> und &auml;u&szlig;erte in seinem Beitrag w&auml;hrend der Institutsdiskussion die Sorge, dass Chinas j&uuml;ngster Schachzug darauf hinauslaufe, &bdquo;das Seerechts&uuml;bereinkommen der Vereinten Nationen (UNCLOS), das es unterzeichnet hat, au&szlig;er Kraft zu setzen.&ldquo; Das, so f&uuml;gte Carpio hinzu, &bdquo;k&ouml;nnte anstelle einer auf Regeln basierenden maritimen Ordnung einen Zustand schaffen, der mit Kanonen durchgesetzt wird und auf dem Konzept &sbquo;Macht ist Recht&rsquo; basiert.&ldquo;<\/p><p><strong>Viel L&auml;rm um nichts?<\/strong><\/p><p>Bei alledem gilt es zu ber&uuml;cksichtigen, dass das St&auml;ndige Schiedsgericht in Den Haag bereits am 12. Juli 2016 mehrere zuvor noch unter Pr&auml;sident Benigno S. Aquino III. (2010-16), dem Vorg&auml;nger Dutertes, eingereichte Klagen im Seedisput mit der Volksrepublik China positiv beschieden hatte und zu dem Schluss kam, Chinas historische Rechtsanspr&uuml;che auf die Seegebiete (im Gegensatz zu Landgebieten und Hoheitsgew&auml;ssern) innerhalb der sogenannten <a href=\"https:\/\/de.qaz.wiki\/wiki\/Nine-dash_line\">&bdquo;Neun-Striche-Linie&ldquo;<\/a> seien unbegr&uuml;ndet und h&auml;tten keine rechtm&auml;&szlig;ige Wirkung. Ein Urteil, das seinerseits China ebenso ablehnte wie Taiwan und pikanterweise in Manila nur wenige Tage nach dem Amtsantritt Dutertes lediglich auf getr&uuml;btes Wohlwollen stie&szlig;.<\/p><p>Wesentlicher Grund daf&uuml;r war des Pr&auml;sidenten Pendelpolitik vis-&agrave;-vis China und seine kurz nach dem Amtsantritt im Sommer 2016 verk&uuml;ndete neue &bdquo;Achse Manila-Beijing-Moskau&ldquo; (von der &uuml;brigens heute keiner mehr in Manila spricht). Eine markante Abkehr von den Politiken s&auml;mtlicher Vorg&auml;ngerregierungen der Philippinen, Washingtons einziger und einstiger Kolonialbesitz in Asien (1898-1946), den die USA am 4. Juli 1946 in die Unabh&auml;ngigkeit entlassen hatten. Nicht nur &bdquo;als erster Sozialist&ldquo;, sondern auch &bdquo;als erster Antiimperialist&ldquo; wollte Duterte in die Annalen des s&uuml;dostasiatischen Inselstaates eingehen, der bis dahin als strammster US-Vasall in der Asien-Pazifik-Region galt.<\/p><p>Im Fr&uuml;hjahr 2016, inmitten des letzten philippinischen Pr&auml;sidentschaftswahlkampfs, hatte der damals f&uuml;hrende Kandidat Duterte in der ihm eigenen Machomanier w&auml;hrend einer Pressekonferenz in Manila vollmundig erkl&auml;rt: &bdquo;Wenn ich die Wahlen gewinne, werde ich unsere Marine bitten, mich zum n&auml;chsten Punkt im S&uuml;dchinesischen Meer zu bringen, der f&uuml;r sie ertr&auml;glich ist, und ich werde dann auf einem Jet-Ski weiterfahren. Ich werde eine Flagge mitnehmen und wenn ich die Spratly-Inseln erreiche, werde ich dort die philippinische Flagge aufstellen. Ich werde ihnen (den Chinesen &ndash; <em>RW<\/em>) dann klipp und klar sagen: Wollt ihr &lsquo;ne Schl&auml;gerei oder &lsquo;ne Schie&szlig;erei?&ldquo;<\/p><p><strong>Mit Beijing auf Schmusekurs<\/strong><\/p><p>Als gerade frischgek&uuml;rter Pr&auml;sident wurde Duterte in seinem Tonfall gegen&uuml;ber der Volksrepublik China von Woche zu Woche milder, ja, fast schon devot. Von einem Streit wegen Besitzanspr&uuml;chen im S&uuml;dchinesischen beziehungsweise Westphilippinischen Meer wollte er jetzt nichts mehr wissen. Ein solcher Konflikt koste n&auml;mlich zu viele Menschenleben, vor allem auf Seiten der Filipinos: &bdquo;Ich bin ja nicht d&auml;mlich; Chinas Feuerkraft ist der unsrigen weit &uuml;berlegen&ldquo;, lautete Dutertes damaliges Diktum. Gem&auml;&szlig; dieser Leitlinie richtete er denn auch sein k&uuml;nftiges Handeln aus und verk&uuml;ndete Mitte Oktober 2016 im Rahmen eines dreit&auml;gigen Staatsbesuchs in Beijing eine &bdquo;neue &Auml;ra&ldquo; in Gestalt einer engen Beziehung seines Landes zu China auf Kosten der alten Allianz mit den USA. Ja, er erwog sogar die Beendigung der US-Milit&auml;rpr&auml;senz auf dem Archipel und beschimpfte den damaligen US-Pr&auml;sidenten Barack Obama als &bdquo;Hurensohn&ldquo;.<\/p><p>Begleitet wurde Duterte bei seinem Staatsbesuch von 200 Gesch&auml;ftsleuten und &uuml;ppig fiel aus Sicht aller Beteiligten die &bdquo;Ernte&ldquo; aus. Die chinesische Seite sagte Kredite im zweistelligen Milliardenbereich in US-Dollar zu, Gelder, die vornehmlich f&uuml;r gro&szlig;e Infrastruktur- und Energievorhaben sowie Telekommunikation genutzt werden sollen. <em>&bdquo;Build, build, build&ldquo; (&bdquo;Bauen, bauen, bauen&ldquo;)<\/em> lautete denn auch fortan die Devise, wobei einflussreiche und steinreiche chinesisch-st&auml;mmige Tycoone wie Dennis Uy aus Davao City, der Dutertes Wahlkampf ma&szlig;geblich finanziert hatte, einen Reibach machten.<\/p><p>Dank dieser Connections gelang es beispielsweise der von China unterst&uuml;tzten <em>Dito Telecommunity<\/em>, am 8. M&auml;rz dieses Jahres ihren kommerziellen Betrieb in den Philippinen aufzunehmen und selbst Mobilfunkmasten in philippinischen Milit&auml;reinrichtungen zu errichten, was einen Meilenstein mit Blick auf Dutertes Ziel bedeutete, das langj&auml;hrige aus <em>PLDT (fr&uuml;her bekannt unter dem Namen Philippine Long Distance Telephone Company)<\/em> und <em>Globe Telecom<\/em> gebildete Telekom-Duopol des Landes zu brechen. Das neue Unternehmen plant, in den kommenden Wochen schrittweise in weitere Gebiete, einschlie&szlig;lich Metro Manila, zu expandieren. Der Start von <em>Dito<\/em> bedeutet eine der gr&ouml;&szlig;ten chinesischen Investitionen auf dem Archipel. Der Telekom-Herausforderer, der sich in den Philippinen gegen Bedenken wegen Spionage durch Beijing zur Wehr setzen musste, befindet sich zu 60 Prozent im Besitz von Dennis Uy, der auch als CEO von Dito fungiert. Die verbleibenden 40 Prozent geh&ouml;ren der staatlichen <em>China Telecom<\/em>, dem Limit f&uuml;r ausl&auml;ndische Investitionen im philippinischen Telekommunikationssektor. Pikant ist &uuml;berdies, dass Uy ebenfalls mehrheitlich das Unternehmen <em>TIM-Smartmatic<\/em> beherrscht, das f&uuml;r die Stimmenausz&auml;hlung der n&auml;chsten automatisierten Wahlen im Mai kommenden Jahres zust&auml;ndig ist.<\/p><p><strong>Weiterhin Uncle Sam&lsquo;s gef&uuml;giger &bdquo;Little Brown Brother&ldquo;<\/strong><\/p><p>Aller amerikakritischen Rhetorik zum Trotz blieb Duterte &ndash; vor allem w&auml;hrend der Amtszeit von Donald Trump &ndash; aus Sicht Washingtons auf Kurs. Ein vertragliches Regelwerk, bestehend aus dem gemeinsamen Verteidigungspakt aus dem Jahre 1951, dem <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Philippines%E2%80%93United_States_Visiting_Forces_Agreement\"><em>Visiting Forces Agreement (VFA)<\/em><\/a> von 1999 sowie dem <em><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Enhanced_Defense_Cooperation_Agreement\">Enhanced Defense Cooperation Agreement (EDCA)<\/a><\/em> aus dem Jahre 2014, sorgte f&uuml;r die stetige Pr&auml;senz von US-Milit&auml;rpersonal auf Rotationsbasis in Einrichtungen der philippinischen Streitkr&auml;fte (AFP). Und allein zwischen 2016 und 2019 gew&auml;hrten die USA Manila 554 Millionen Dollar an Milit&auml;rhilfe.<\/p><p>F&uuml;r die USA ist und bleibt auf Weiteres das S&uuml;dchinesische beziehungsweise Westphilippinische Meer aus geostrategischen Gr&uuml;nden und aufgrund des immensen Rohstoffreichtums (neben Fischbest&auml;nden vor allem Erd&ouml;l und Erdgas) von herausragender Bedeutung. Da dieses Gebiet unmittelbar an &bdquo;der Hintert&uuml;r Chinas&ldquo; liegt, ist ein Dauerkonflikt mit tendenziell rascher Konflikteskalation mit der politischen F&uuml;hrung in Beijing programmiert. Dar&uuml;ber hinaus handelt es sich um die weltweit wohl bedeutsamste Wasserstra&szlig;e und Seeroute, die in fr&uuml;heren Jahrhunderten f&uuml;r den vitalen regionalen Handel und im sp&auml;teren Kolonialschacher westlicher imperialistischer M&auml;chte ebenso wichtig waren, wie sie es heute f&uuml;r die Versorgung der boomenden Industrien Chinas, S&uuml;dkoreas und Japans sind.<\/p><p>Entgegen Dutertes Ank&uuml;ndigung, die regelm&auml;&szlig;igen gemeinsamen US-amerikanisch-philippinischen Milit&auml;rman&ouml;ver &bdquo;<em>Balikatan<\/em>&ldquo; (&bdquo;Schulter an Schulter&ldquo;) zu kappen, fanden die diesj&auml;hrigen &Uuml;bungen ausgerechnet vom 12. bis zum 25. April statt. Mit <em>Balikatan<\/em> soll die Bereitschaft des Milit&auml;rs getestet wird, auf Bedrohungen wie Naturkatastrophen und Angriffe militanter Extremisten zu reagieren. Im Gegensatz zu fr&uuml;heren Man&ouml;vern dieser Art mit zirka 7.600 Mann fanden die jetzigen &Uuml;bungen laut Generalstabschef Cirilito Sobejana mit nur 1.700 Soldaten (700 aus den USA und 1.000 aus den Philippinen) statt.<\/p><p>Im vergangenen Jahr k&uuml;ndigte Duterte das reichlich zwei Jahrzehnte alte VFA in einer w&uuml;tenden Reaktion, nachdem einem engen Verb&uuml;ndeten, dem fr&uuml;heren Polizeichef und heutigen Senator Ronald dela Rosa, ein US-Visum verweigert worden war. Washington lehnte den Visumantrag ab, weil dela Rosa zu Beginn der Amtszeit Dutertes einer der Hauptarchitekten der zahlreichen au&szlig;ergerichtlichen T&ouml;tungen im &bdquo;Antidrogenkrieg&ldquo; war. Der Zeitraum f&uuml;r den Abzug des VFA wurde jedoch zweimal verl&auml;ngert, was nach Ansicht philippinischer Beamter ein Zeitfenster f&uuml;r die Vereinbarung besserer pekuni&auml;rer Bedingungen darstellt. Duterte insistierte, Washington m&uuml;sse mehr zahlen, wenn es das VFA aufrechterhalten wolle, was dort freilich eher m&uuml;de bel&auml;chelt wurde. &Uuml;berdies hatte US-Pr&auml;sident Donald Trump im Sommer letzten Jahres zwei potenzielle Verk&auml;ufe von Kampfhubschraubern im Wert von ann&auml;hernd zwei Milliarden Dollar an die Philippinen genehmigt.<\/p><p>Last, but not least besteht zwischen Manila und Washington eine quasi &bdquo;naturw&uuml;chsige&ldquo; Kooperation, was vor allem die traditionelle Ausbildung und das Training hochrangiger AFP- und Polizeioffiziere an US-amerikanischen Milit&auml;rakademien und Polizeihochschulen betrifft. Kein Wunder, dass f&uuml;r einen Teil solcher Offiziere und Gener&auml;le Dutertes Chinapolitik zunehmend unertr&auml;glicher wurde. Jedenfalls ist deren Kritik mittlerweile auch in die Ohren des Pr&auml;sidenten gesickert. Denn in seiner eingangs erw&auml;hnten Rede an die Bev&ouml;lkerung am 19. April sprach Duterte offen &uuml;ber die <a href=\"https:\/\/newsinfo.inquirer.net\/1421264\/if-i-dont-have-militarys-support-theres-no-point-in-working-in-this-govt\">M&ouml;glichkeit eines R&uuml;cktritts<\/a>, sollten die AFP und Nationalpolizei nicht l&auml;nger mehr geschlossen hinter ihm stehen.<\/p><p><strong>Unter heftigem Beschuss<\/strong><\/p><p>Nach f&uuml;nfj&auml;hriger erratischer Amtszeit ist aus dem Pr&auml;sidenten der gro&szlig;en Worte ein klein(laut)er Liebediener zweier imperialer Master geworden. In der Mitte April auf Change.org eingerichteten Online-Petition <a href=\"https:\/\/www.change.org\/p\/president-rodrigo-r-duterte-save-the-nation-duterte-resign?redirect=false\"><em>&bdquo;<em>Save the Nation! Duterte Resign!<\/em>&ldquo;<\/em><\/a> wird dem Pr&auml;sidenten nunmehr <a href=\"https:\/\/www.google.com\/amp\/s\/news.abs-cbn.com\/amp\/news\/04\/19\/21\/petition-calling-for-dutertes-resignation-gets-thousands-of-signatures\">ungeschminkt nahegelegt<\/a>, wegen &bdquo;ineffizienter F&uuml;hrung&ldquo; zur&uuml;ckzutreten. In dieser urspr&uuml;nglich von Medizinern, Krankenhauspersonal, P&auml;dagogen, Anw&auml;lten, Kirchenleuten und Jugendorganisationen unterzeichneten Petition, die rasch gro&szlig;e Beachtung und breite Unterst&uuml;tzung fand, hei&szlig;t es: &bdquo;In den letzten f&uuml;nf Jahren haben wir zugesehen, wie Pr&auml;sident Dutertes Inkompetenz, Brutalit&auml;t, Korruption und sein Kotau vor ausl&auml;ndischen M&auml;chten die demokratische Regierungsf&uuml;hrung, wie wir sie kennen, zerst&ouml;rt hat. Die COVID-19-Pandemie hat sein Versagen in der F&uuml;hrung nur noch vergr&ouml;&szlig;ert. Wir brauchen keinen F&uuml;hrer, der Angst und Spaltung sch&uuml;rt. Wir brauchen eine F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeit, die alle Filipinos mit verschiedenen &Uuml;berzeugungen in diesem einen gro&szlig;en Kampf zur Rettung der Nation zu vereinen vermag. Duterte ist nicht diese Person. Er hat unserem Volk zu viel Schaden zugef&uuml;gt. Er wird sich niemals &auml;ndern.&ldquo; Und weiter: &bdquo;Wir verzeichnen Rekordzahlen an t&auml;glichen Infektionen und Todesf&auml;llen. Das &ouml;ffentliche Gesundheitssystem steht am Rande des Zusammenbruchs. Unserer Wirtschaft geht es ebenfalls nicht besser. Zu viele Patienten sterben, ohne &uuml;berhaupt Zugang zu medizinischer Versorgung zu bekommen. Millionen von Menschen haben ihre Arbeit und ihren Lebensunterhalt aufgrund von Lockdowns und anderen harschen Beschr&auml;nkungen verloren &ndash; die l&auml;ngsten und h&auml;rtesten der Welt und dennoch eklatant ineffektiv.&ldquo;<\/p><p>Die Petenten konstatieren, die Situation sei unverzeihlich, da Duterte alle notwendigen Ressourcen f&uuml;r die Bek&auml;mpfung von COVID-19 zur Verf&uuml;gung gestellt wurden und er daf&uuml;r &uuml;berdies riesige Kredite aufnahm. Unerwarteter Flankenschutz der Petenten kam rasch auch von einer Seite, die ihre ureigenen Erfahrungen in und mit der Volksrepublik China gemacht hatte &ndash; seitens der Kommunistischen Partei der Philippinen (CPP). In einer Erkl&auml;rung, die am 7. April auf ihrer Webseite ver&ouml;ffentlicht wurde, propagiert die Partei lautstark die Bildung einer &bdquo;nationalen Einheitsfront zur Vertreibung der chinesischen imperialistischen Aggression.&ldquo; &bdquo;Die CPP&ldquo;, so hei&szlig;t es in dieser Erkl&auml;rung, &bdquo;ruft alle Kr&auml;fte, von den massenbasierten demokratischen Kr&auml;ften bis hin zu den konservativen politischen Oppositionen sowie Elemente innerhalb des herrschenden Regimes und in den Milit&auml;r- und Polizeikr&auml;ften, auf, alle Anstrengungen zu unternehmen, um die souver&auml;nen Rechte des Landes durchzusetzen.&ldquo; Duterte, so das Res&uuml;mee der Partei, habe sich von Chinas &bdquo;Impfdiplomatie&rdquo; und falschen Versprechungen &bdquo;wirtschaftlicher Investitionen&rdquo; einlullen lassen und zudem Bestechungsgelder aus China erhalten und Bande zu chinesischen Drogensyndikaten gepflegt.<\/p><p>Marco Valbuena, Leiter der Informationsabteilung der CPP, bezeichnete den Pr&auml;sidenten in einem am 21. April ver&ouml;ffentlichten <a href=\"https:\/\/ndfp.org\/duterte-is-a-national-traitor-by-letting-china-control-west-philippine-sea\/\">Statement<\/a> ohne Umschweife &bdquo;als nationalen Verr&auml;ter&ldquo;, der schnellstm&ouml;glich von der politischen B&uuml;hne abtreten oder gest&uuml;rzt werden m&uuml;sse. Duterte habe n&auml;mlich auch verschwiegen, mit der politischen F&uuml;hrung in Beijing &bdquo;pers&ouml;nliche Deals&ldquo; vereinbart zu haben.<\/p><p>An Mao Zedongs 75. Geburtstag am 26. Dezember 1968 in Zentralluzon (n&ouml;rdlich von Manila gelegen) auf erkl&auml;rterma&szlig;en marxistisch-leninistischer sowie maoistischer Grundlage gegr&uuml;ndet, weilten zahlreiche CPP-Kader w&auml;hrend des vom damaligen philippinischen Pr&auml;sidenten Ferdinand E. Marcos verh&auml;ngten Kriegsrechts (1972-81) in der Volksrepublik und genossen dort die uneingeschr&auml;nkte Unterst&uuml;tzung der KP Chinas. Doch die Zeiten sind l&auml;ngst pass&eacute; und das einstige Vorbild gilt aus heutiger Sicht der CPP als &bdquo;revisionistisch entartet und als imperialistisch&ldquo;. Bleibt als letztes Paradoxon, dass ausgerechnet der Kommunistenfresser Duterte und die politische F&uuml;hrungsriege in China die l&auml;ngste Zeit eine Liaison im Sinne ziemlich bester Freunde genossen.<\/p><p>Titelbild: motioncenter\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>Kleine Auswahlbibliografie zu dem komplizierten Themenkomplex aus den Perspektiven internationaler Experten unterschiedlicher Fachrichtungen:<\/strong><\/em><\/p><ul>\n<li>Axel Dorloff\/Lena Bodewein (2016): Chinas Expansionskurs: Der Konflikt im S&uuml;dchinesischen Meer. Sendung des <em>Deutschlandfunks<\/em> vom 28. Mai 2016 \/ <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/chinas-expansionskurs-der-konflikt-im-suedchinesischen-meer.724.de.html?dram:article_id=355428\">deutschlandfunk.de\/chinas-expansionskurs-der-konflikt-im-suedchinesischen-meer.724.de.html?dram:article_id=355428<\/a><\/li>\n<li>David Groten (2019): How Sentiment Matters in Interntional Relations: China and the South China Sea Dispute. Opladen\/Berlin\/Toronto<\/li>\n<li>Jihyun Kim (2015): Territorial Disputes in the South China Sea: Implications for Security in Asia and Beyond, in: Strategic Studies Quarterly \/ <a href=\"https:\/\/www.airuniversity.af.edu\/Portals\/10\/SSQ\/documents\/Volume-09_Issue-2\/kim.pdf\">airuniversity.af.edu\/Portals\/10\/SSQ\/documents\/Volume-09_Issue-2\/kim.pdf<\/a><\/li>\n<li>Stephanie Kleine-Ahlbrandt (2012): Chinas Expansion ins Meer, in: Le Monde diplomatique vom 9.11.2012. Berlin\/Z&uuml;rich (dte. Ausg.) \/ <a href=\"https:\/\/monde-diplomatique.de\/artikel\/!542992\">monde-diplomatique.de\/artikel\/!542992<\/a><\/li>\n<li>Peter Kreuzer (2014): Konfliktherd S&uuml;dchinesisches Meer. Frankfurt a.M. \/ <a href=\"https:\/\/www.hsfk.de\/fileadmin\/HSFK\/hsfk_downloads\/report0214.pdf\">hsfk.de\/fileadmin\/HSFK\/hsfk_downloads\/report0214.pdf<\/a><\/li>\n<li>Peter Kreuzer (2018): Dealing with China in the South China Sea: Duterte Changing Course. Frankfurt a.M. \/ <a href=\"https:\/\/www.hsfk.de\/fileadmin\/HSFK\/hsfk_publikationen\/prif0318.pdf\">hsfk.de\/fileadmin\/HSFK\/hsfk_publikationen\/prif0318.pdf<\/a><\/li>\n<li>Karen Leigh\/Peter Martin\/Adrian Leung (2020): Troubled Waters: Where the U.S. and China Could Clash in the South China Sea. New York (inklusive kartografischem Material) \/ <a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/graphics\/2020-south-china-sea-miscalculation\/\">bloomberg.com\/graphics\/2020-south-china-sea-miscalculation\/<\/a><\/li>\n<li>Nguyen Thi Lan Anh&nbsp;(2015): Origins of the South China Sea Dispute, in: Huang J., Billo A. (eds): Territorial Disputes in the South China Sea. London \/ <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1057\/9781137463685_2\">link.springer.com\/chapter\/10.1057\/9781137463685_2<\/a><\/li>\n<li>Understanding the South China Sea Dispute \/ <a href=\"https:\/\/www.chinausfocus.com\/south-china-sea\/\">chinausfocus.com\/south-china-sea\/<\/a><\/li>\n<\/ul><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/c3dec8ac3fa949378222db6b5c8ac13e\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konflikteskalation im S&uuml;dchinesischen Meer\/Westphilippinischen Meer: Der seit ann&auml;hernd f&uuml;nf Jahren amtierende philippinische Pr&auml;sident Rodrigo R. Duterte ger&auml;t zusehends innen- wie au&szlig;enpolitisch unter Druck. Vor allem seine Chinapolitik st&ouml;&szlig;t auf Unverst&auml;ndnis und polarisiert mittlerweile die Gesellschaft. Ein Artikel von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":71844,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,20,30],"tags":[379,2183,2102,2052,2857,1937,1971,1556],"class_list":["post-71843","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-landerberichte","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-china","tag-duterte-rodrigo","tag-geostrategie","tag-investitionen","tag-lockdown","tag-militaermanoever","tag-philippinen","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/shutterstock_1334778638.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71843","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=71843"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71843\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":71847,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71843\/revisions\/71847"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/71844"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=71843"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=71843"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=71843"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}