{"id":71898,"date":"2021-04-26T11:27:14","date_gmt":"2021-04-26T09:27:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71898"},"modified":"2021-05-07T12:07:18","modified_gmt":"2021-05-07T10:07:18","slug":"heuchelei-hat-hochsaison","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71898","title":{"rendered":"Heuchelei hat Hochsaison"},"content":{"rendered":"<p>Die Protestaktion &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71825\">#allesdichtmachen<\/a>&ldquo; sei eine Verh&ouml;hnung derer, die jeden Tag an ihre Grenzen gehen, um auf den Intensivstationen das Leben Covid-19-Erkrankter zu retten. Diesen Satz <a href=\"https:\/\/youtu.be\/uq6AV0Zk8qs?t=255\">h&ouml;rte<\/a> und las man in den letzten Tagen h&auml;ufiger. Da bleibt einem wirklich die Spucke weg. Wo waren denn die moralinsauren selbsternannten Anw&auml;lte der Pflegekr&auml;fte vor Corona? Hat einer der Emp&ouml;rten sich eigentlich jemals f&uuml;r die Situation in den deutschen Krankenh&auml;usern interessiert, wenn es nicht darum ging, die Corona-Politik der Bundesregierung zu verteidigen oder gar sch&auml;rfere Ma&szlig;nahmen zu fordern? Die Instrumentalisierung von Pflegekr&auml;ften f&uuml;r die eigenen Belange hat mittlerweile ein Ma&szlig; erreicht, das kaum mehr ertr&auml;glich ist. Die Heuchelei hat Hochsaison. Ein Kommentar von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2621\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-71898-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210426_Heuchelei_hat_Hochsaison_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210426_Heuchelei_hat_Hochsaison_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210426_Heuchelei_hat_Hochsaison_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210426_Heuchelei_hat_Hochsaison_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=71898-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210426_Heuchelei_hat_Hochsaison_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210426_Heuchelei_hat_Hochsaison_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><blockquote><p>\nDer niedertr&auml;chtigste aller Schurken ist der Heuchler, der daf&uuml;r sorgt, dass er in dem Augenblick, wo er sich am fiesesten benimmt, am tugendhaftesten auftritt.<br>\n&ndash; Marcus Tullius Cicero (106 &ndash; 43 v. Chr.)\n<\/p><\/blockquote><p>Um es vorwegzunehmen: Bitte verzeihen Sie mir den sicherlich emotionalen Tonfall dieses Kommentars. Aber ich bin bei diesem Thema &ndash; wie man so sch&ouml;n sagt &ndash; famili&auml;r vorbelastet. Meine Frau arbeitet selbst als Krankenschwester mit Corona-Patienten. Ja, die Situation auf den Stationen ist prek&auml;r. Aber das ist sie nicht erst seit Corona. Die desolaten Arbeitsbedingungen in den deutschen Krankenh&auml;usern sind seit mehr als zehn Jahren bekannt. Dass &Auml;rzte, Pfleger und Krankenschwestern sowohl physisch als auch psychisch an der Grenze ihrer Leistungsf&auml;higkeit und oft dar&uuml;ber arbeiten, ist keine Folge von Corona, sondern der traurige Normalzustand. Die Politik wei&szlig; das und auch die Leitartikler und die dauererregte und emp&ouml;rte Twitter-Gemeinde wei&szlig; das. Wirklich interessiert hat dies jedoch niemanden. Hin und wieder wird die Pflegekatastrophe zwar mal kritisch zur Kenntnis genommen, doch schon einen Wimpernschlag sp&auml;ter muss man ja die n&auml;chste Sau durchs virtuelle Dorf treiben. Sorry, liebe &Auml;rzte, Pfleger und Krankenschwestern &ndash; wir sind zwar ganz doll solidarisch, haben aber Wichtigeres zu tun. Aber wir sind in Gedanken bei euch.<\/p><p>Mit den Privatisierungen fing es vor rund 20 Jahren an. Dann wurde die Situation von Jahr zu Jahr schlimmer. Schon vor f&uuml;nf Jahren sagte mir meine Frau, dass man nun am absoluten Limit arbeite. Fr&uuml;her betreute eine Pflegekraft im Normalbetrieb 10 Patienten, heute sind es 20 und wenn mal wieder eine Kollegin ausf&auml;llt, k&ouml;nnen es auch mal 40 sein. Und die Kolleginnen fallen oft aus. Die psychische und physische &Uuml;berbelastung fordert nat&uuml;rlich ihren Tribut. Tr&auml;nen, Verzweiflung und Zusammenbr&uuml;che sind an der Tagesordnung. Wer Augen hat zu sehen, der sehe! Doch gerade die, die sich jetzt auf das h&ouml;chstanzunehmende Ross setzen und von einer Verh&ouml;hnung der Pflegekr&auml;fte schwadronieren, gl&auml;nzten eher durch Wegschauen. <\/p><p>Dabei war doch die &bdquo;arme Krankenschwester&ldquo; in den letzten Jahren in der politischen Debatte allgegenw&auml;rtig. Kein Wahlkampf, kein Fernsehduell, in denen die Kandidaten nicht die Krankenschwestern &ndash; gern mit dem Attribut &bdquo;alleinerziehend&ldquo; verbunden &ndash; f&uuml;r ihre Zwecke instrumentalisiert hatten. Passiert ist jedoch nichts. Sobald die Wahlzettel in die Urnen geschmissen wurden, verschwand die &bdquo;arme Krankenschwester&ldquo; wieder in der medialen und politischen Versenkung und auf den Stationen wurde die Situation immer prek&auml;rer. Ist diese Instrumentalisierung der Pflegekr&auml;fte etwa keine Verh&ouml;hnung?<\/p><p>Und dann kam Corona. Pl&ouml;tzlich r&uuml;ckten die Pflegekr&auml;fte einmal mehr in den politischen und medialen Fokus. Es ginge darum, einen Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern; gerade so, als sei der Kollaps nicht l&auml;ngst die Normalit&auml;t. Es wurde geklatscht und es wurden Ma&szlig;nahmen verabschiedet, die jedoch nichts mit dem Gesundheitssystem zu tun hatten. Auf die naheliegende Idee, die Krise als Chance zu begreifen und endlich die politischen Weichenstellungen auf den Weg zu bringen, um die Situation in den Krankenh&auml;usern nachhaltig zu verbessern, kam jedoch &bdquo;erstaunlicherweise&ldquo; niemand. Danke f&uuml;r den Applaus. Danke f&uuml;r nichts.<\/p><p>Es gibt wohl keinen anderen Berufsstand, der permanent derart sch&auml;big instrumentalisiert wird. Ausgangssperren, Schulschlie&szlig;ungen, der dauerhafte Shutdown von Kultur und Gastronomie? Ja, das tut uns ja auch weh, aber denken Sie doch bitte an die flei&szlig;igen Pflegekr&auml;fte auf den Intensivstationen, die &Uuml;berschichten schieben und bis an ihre Grenzen belastet sind. Das, liebe Meinungsmacher, sind sie ohnehin. Auch wenn es Corona nicht g&auml;be. Und es g&auml;be doch auch eine naheliegende Antwort auf diesen Notstand. Hat eigentlich irgendeiner dieser Daueremp&ouml;rten auf Twitter schon mal eine radikale Gesundheitsreform gefordert? Eine Rekommunalisierung der privatisierten H&auml;user? Einen Pflegeschl&uuml;ssel, der seinen Namen verdient und dessen Verletzung hart sanktioniert wird? Eine echte Anpassung der L&ouml;hne f&uuml;r die &bdquo;Coronaheld*innen&ldquo;? Ein nationales Ausbildungsprogramm, um den Personalmangel zu beseitigen? Nein? Warum nicht?<\/p><p>Es ist bigott, eine Berufsgruppe, die einen ansonsten nicht die Bohne interessiert, in dieser Art und Weise zu instrumentalisieren. Es ist heuchlerisch, sich mit seinen eigenen Forderungen nach harten Ma&szlig;nahmen ausgerechnet hinter dem Pflegepersonal zu verstecken. Und es ist hochgradig sch&auml;big, die prek&auml;re Lage der Krankenh&auml;user, die eine direkte Folge des neoliberalen Wahnsinns ist, als &bdquo;Argument&ldquo; ins Spiel zu bringen, um Kritiker der Regierungspolitik moralisch zu diskreditieren. <\/p><p>Man glaubt es kaum, auch Krankenschwestern und &Auml;rzte sind allen voran Menschen. Menschen, die Kinder haben. Menschen, die gerne in den Urlaub fahren w&uuml;rden. Menschen, die selbst und gerade wegen ihres stressigen Jobs nach Ablenkung, Kultur und Leben lechzen. Menschen, die genauso wie wir alle unter undifferenzierten, &uuml;berzogenen und zum Teil widersinnigen Ma&szlig;nahmen zur Corona-Eind&auml;mmung leiden. Also Menschen, die von der Protestaktion der Schauspieler nicht verh&ouml;hnt, sondern angesprochen wurden. <\/p><p>Meine Frau fand die Videos &uuml;brigens klasse und hat sich sehr gefreut, dass &bdquo;endlich wer den Mund aufmacht&ldquo; &ndash; sie hat sie &uuml;brigens nach einer Zehnstunden-Schicht geschaut, weil wieder einmal eine Kollegin ausgefallen ist. Den Vorwurf, die Schauspieler h&auml;tten ausgerechnet sie verh&ouml;hnt, kann sie nicht einmal im Ansatz nachvollziehen. Aber vielleicht erkl&auml;ren ihr die meinungsstarken Twitter-Heuchler das ja mal n&auml;her. Sie ist schlie&szlig;lich nur eine arme Krankenschwester und kann nat&uuml;rlich nicht verstehen, was in den K&ouml;pfen der Schriftgelehrten so vor sich geht. <\/p><p>Titelbild: Brookie Cookie\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/d4737ab275e043ebb9ccb7c68df404b4\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Protestaktion &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71825\">#allesdichtmachen<\/a>&ldquo; sei eine Verh&ouml;hnung derer, die jeden Tag an ihre Grenzen gehen, um auf den Intensivstationen das Leben Covid-19-Erkrankter zu retten. Diesen Satz <a href=\"https:\/\/youtu.be\/uq6AV0Zk8qs?t=255\">h&ouml;rte<\/a> und las man in den letzten Tagen h&auml;ufiger. Da bleibt einem wirklich die Spucke weg. Wo waren denn die moralinsauren selbsternannten Anw&auml;lte der Pflegekr&auml;fte vor Corona? 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