{"id":72019,"date":"2021-04-30T08:54:01","date_gmt":"2021-04-30T06:54:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72019"},"modified":"2021-05-07T12:08:46","modified_gmt":"2021-05-07T10:08:46","slug":"kreative-buchfuehrung-intensivbetten-kommen-und-gehen-wie-es-in-die-bilanz-passt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72019","title":{"rendered":"Kreative Buchf\u00fchrung. Intensivbetten kommen und gehen \u2013 wie es in die Bilanz passt."},"content":{"rendered":"<p>Binnen zehn Monaten sind aus deutschen Krankenh&auml;usern 9.000 Intensivpl&auml;tze verschwunden und 7.000 projektierte gar nicht erst aufgetaucht. Immer dann, wenn die Not der Pandemie gerade am gr&ouml;&szlig;ten ist, steuern die Kapazit&auml;ten stramm auf Kurs &bdquo;f&uuml;nf nach Zw&ouml;lf&ldquo;. Das kann man f&uuml;r Zufall halten, die Folge vermasselter Politik oder eines Schwunds nach Plan. Fakt ist: Vor jeder Etappe des Niedergangs gab ein Gesetz aus dem Hause Jens Spahn den Startschuss. Das verdient Applaus, meint <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2228\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-72019-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210503_Kreative_Buchfuehrung_Intensivbetten_kommen_und_gehen_wie_es_in_die_Bilanz_passt_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210503_Kreative_Buchfuehrung_Intensivbetten_kommen_und_gehen_wie_es_in_die_Bilanz_passt_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210503_Kreative_Buchfuehrung_Intensivbetten_kommen_und_gehen_wie_es_in_die_Bilanz_passt_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210503_Kreative_Buchfuehrung_Intensivbetten_kommen_und_gehen_wie_es_in_die_Bilanz_passt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=72019-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210503_Kreative_Buchfuehrung_Intensivbetten_kommen_und_gehen_wie_es_in_die_Bilanz_passt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210503_Kreative_Buchfuehrung_Intensivbetten_kommen_und_gehen_wie_es_in_die_Bilanz_passt_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Neben den sogenannten Neuninfektionen, dem Inzidenz- und R-Wert sowie den Corona-Toten ist sie ein zentraler Indikator der Krise: die Auslastung der Intensivstationen. Je enger es in den Notfallabteilungen der deutschen Kliniken zugeht, desto h&ouml;her steigt die Fieberkurve der allgemeinen Erregung. Hierzulande sind augenscheinlich schwindende Kapazit&auml;ten inzwischen sogar zur K&ouml;nigskennziffer der Pandemie aufgestiegen. Was die Fall- und Sterbezahlen an Dramatik nicht mehr hergeben, besorgt in diesen Tagen und Wochen die Rede von den &bdquo;volllaufenden Kliniken&ldquo; und als Wasserstandsmelder Nr. 1 im Lande firmiert dabei das DIVI-Register. Die von der Deutschen Interdisziplin&auml;ren Vereinigung f&uuml;r Intensiv- und Notfallmedizin gemeinsam mit dem Robert Koch-Institut (RKI) aufgebaute Datenbank liefert seit &uuml;ber einem Jahr alle 24 Stunden eine Bestandsaufnahme zur Anzahl der Patienten mit Covid-19-Diagnose in Intensivbehandlung und der noch freien Intensivbetten. <\/p><p>Dabei begn&uuml;gt sich der Verband l&auml;ngst nicht mehr mit der Vorlage trockener Statusberichte. Die DIVI ist mittlerweile so etwas wie die lauteste Alarmanlage im Corona-Panikorchester und wichtigster Stichwortgeber f&uuml;r die Warner und Mahner von der Sorte Merkel, Spahn, Drosten,  Wieler, Lauterbach und S&ouml;der. Es vergeht kaum noch ein Tag, an dem DIVI-Pr&auml;sident Gernot Marx nicht den Teufel an die Wand malt, &uuml;ber &bdquo;Kliniken am Limit&ldquo; um &bdquo;f&uuml;nf nach Zw&ouml;lf&ldquo; klagt und die Notwendigkeit noch drastischerer Ma&szlig;nahmen beschw&ouml;rt. Und jedes Mal greifen die politischen Krisenmanager die Vorlagen begierig auf, um damit die eigene harte Gangart zu rechtfertigen.<\/p><p><strong>Kein verl&auml;ssliches Monitoring <\/strong><\/p><p>Dabei gibt es durchaus Leute vom Fach, die die Lage entspannter sehen. Zum Beispiel erkl&auml;rte dieser Tage <a href=\"https:\/\/de.rt.com\/inland\/116339-nicht-mal-viertel-22000-intensivbetten\/\">Thomas Hermann Voshaar<\/a>, Chefarzt der Lungenklinik Bethanien Moers, gegen&uuml;ber der &bdquo;Bild-Zeitung&ldquo;: &bdquo;Wir sind und waren zu keiner Zeit am Rande unserer Kapazit&auml;ten.&ldquo; Nicht mal ein Viertel der 22.000 Intensivbetten in Deutschland seien mit Covid-19-Patienten belegt. Den Alarmismus der DIVI nannte er deshalb &bdquo;unverantwortlich&ldquo; und &bdquo;unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig&ldquo;. &bdquo;Ich bef&uuml;rchte keinen Kollaps, aber bis zum Sommer eine schwierige Situation&ldquo;, befand auch der Leiter der Klinik f&uuml;r Intensivmedizin und Notfallmedizin des Klinikums Bremen Mitte, Rolf Dembinski. Die Lage sei &bdquo;angespannt, aber noch beherrschbar&ldquo;.<\/p><p>F&uuml;r Francesco De Meo, den Vorsitzenden der Helios-Kliniken, der europaweit gr&ouml;&szlig;ten Krankenhauskette, sind volle Intensivstationen &bdquo;nichts Neues&ldquo; und zudem spezifisch f&uuml;r Deutschland, wie er vor einer Woche der &bdquo;Frankfurter Allgemeinen Zeitung&ldquo; sagte (hinter Bezahlschranke). Als &bdquo;Beitrag zur Transparenz und einer zahlengest&uuml;tzten Beurteilung der aktuellen Situation&ldquo; ver&ouml;ffentlicht der Helios-Konzern t&auml;glich die <a href=\"https:\/\/www.helios-gesundheit.de\/qualitaet\/auslastung\/\">Zahlen zur Bettenauslastung<\/a> an den 89 deutschen Standorten. F&uuml;r den gestrigen Donnerstag verzeichnet die Statistik knapp 15.300 Patienten auf Normalstation, davon 771 mit Covid-19, und 1.142 Intensiv- und darunter 334 Covid-19-F&auml;lle. <\/p><p>Laut De Meo bewegen sich die Zahlen &bdquo;insgesamt noch unter dem, was wir in der zweiten Welle im Winter bew&auml;ltigt haben&ldquo;. Au&szlig;erdem verwies er auf die deutsche Besonderheit, wonach &bdquo;Patienten vergleichsweise schnell auf die Intensivstation&ldquo; verlegt w&uuml;rden. Verglichen mit Spanien gebe es &bdquo;dreimal so viele&ldquo; intensivmedizinisch Behandelte, &bdquo;die Sterblichkeit ist dann in beiden L&auml;ndern aber wieder ungef&auml;hr gleich&ldquo;. Nach Meinung des Helios-Chefs fehlt es f&uuml;r eine verl&auml;ssliche Gefahreneinsch&auml;tzung am n&ouml;tigen Monitoring. &bdquo;Wie viele Patienten sind auf den Intensivstationen, wie alt sind sie, wie lange und wie werden sie behandelt, wie viele versterben?&ldquo; Daf&uuml;r brauche es gar nicht viel, man k&ouml;nnte die &bdquo;ohnehin vorhandenen Daten&ldquo; nutzen, &bdquo;die sogenannten Routinedaten&ldquo;, die auch den Krankenkassen gemeldet w&uuml;rden. Allerdings habe es das Bundesgesundheitsministerium (BMG) verpasst, die rechtliche Grundlage zu ver&auml;ndern, damit auch die Meldedaten der Intensivmediziner &bdquo;einfacher genutzt werden k&ouml;nnten&ldquo;. Wirklich &bdquo;aussagekr&auml;ftig&ldquo; w&auml;re so auch der Sieben-Tage-Inzidenzwert der Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner nur dann, wenn weitere Kennzahlen hinzugezogen und miteinander verkn&uuml;pft w&uuml;rden, bemerkte De Meo.   <\/p><p><strong>Unechte Corona-F&auml;lle <\/strong><\/p><p>Wie die NachDenkSeiten bereits <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67419\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70975\">hier<\/a> thematisiert hatten, besteht ein gro&szlig;er blinder Fleck in der &ouml;ffentlichen Wahrnehmung darin, dass der Kreis &bdquo;echter&ldquo; Corona-Kranker massiv &uuml;bersch&auml;tzt wird. Eine Auswertung der von De Meo angesprochenen &bdquo;Routinedaten&ldquo; durch die  Initiative Qualit&auml;tsmedizin (IQM) hatte ergeben, dass von den &uuml;bers Jahr 2020 als Covid-19-Patienten Hospitalisierten nur 45 Prozent tats&auml;chlich eine per PCR-Test nachgewiesene SARS-Cov-2-Infektion durchgemacht hatten. Die anderen 55 Prozent wurden entweder gar nicht oder negativ getestet und lediglich durch eine klinisch-epidemiologische Begutachtung zum Covid-19-Fall auf Verdacht erkl&auml;rt. Allerdings legen die ermittelten Daten zu Sterblichkeiten und Behandlungsroutinen f&uuml;r die IQM den Schluss nahe, dass es sich &bdquo;bei diesen Patienten um eine andere Population als bei den nachgewiesenen Covid-19-F&auml;llen&ldquo; handele. <\/p><p>Nach den neuesten <a href=\"https:\/\/www.initiative-qualitaetsmedizin.de\/covid-19-pandemie\">Kennzahlen zum ersten Quartal 2021<\/a> hat sich das Verh&auml;ltnis zwar zugunsten der laborbest&auml;tigten F&auml;lle verschoben (53 Prozent gegen&uuml;ber 47 Prozent). Gleichwohl bleibt es dabei: Sehr viele sogenannte Corona-Kranke sind faktisch gar keine Corona-F&auml;lle, werden aber trotzdem als solche gehandelt und behandelt &ndash; mitunter auch falsch. Die offenbar massenhaften Fehldiagnosen k&ouml;nnten auch erkl&auml;ren, warum das System nicht l&auml;ngst an seine Grenzen gesto&szlig;en ist. Steckte hinter jedem Covid-19-Label tats&auml;chlich ein &bdquo;echter&ldquo; Corona-Fall, w&auml;ren die Kliniken wohl mit einer &uuml;ber das in Herbst und Winter ohnehin anspruchsvolle Tagesgesch&auml;ft hinausgehenden &Uuml;berlast konfrontiert. Die Belegungszahlen in der Breite &ndash; bei fraglos punktuellen Ausnahmen &ndash; liegen aber im Normalbereich der vorangegangenen Jahre. J&uuml;ngst erst offenbarte eine Studie der Technischen Universit&auml;t Berlin, &uuml;ber die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70975\">hier<\/a> berichtet wurde, dass die Intensivbetten im ersten Pandemiejahr in kleinen H&auml;usern im Schnitt zu unter 64 Prozent belegt waren, bei gro&szlig;en Standorten zu 71 Prozent. Gerade in der Intensivmedizin l&auml;sst sich dies schwerlich mit den in gro&szlig;em Stil aufgeschobenen Operationen und Behandlungen erkl&auml;ren &ndash; einen Notfall kann man nicht einfach absagen. <\/p><p><strong>Volatile Bettenauslastung <\/strong><\/p><p>Vom Medienmainstream werden solche Hintergr&uuml;nde allerdings konsequent ausgeblendet. W&uuml;rde man sie ber&uuml;cksichtigen, m&uuml;sste wegen der nur scheinbar Covid-19-&uuml;berlaufenen Kliniken in puncto Hysterie kr&auml;ftig abger&uuml;stet werden. Aber Hysterie ist und bleibt in der Pandemie eine feste Konstante. Mehr noch geh&ouml;rt sie zum Gesch&auml;ft, dem politischen sowieso, aber nicht minder zu dem der deutschen Krankenhausmanager. Dies zeigt sich gerade daran, dass die Zahlen zum Bestand an Intensivkapazit&auml;ten gerade nicht konstant sind. Sie sind im Gegenteil sogar hochgradig volatil. <\/p><p>Nehmen wir den 28. April: Da schl&uuml;sselte der <a href=\"https:\/\/www.divi.de\/divi-intensivregister-tagesreport-archiv?start=0\">DIVI-Tagesreport<\/a> 21.924 belegte und 2.730 freie Pl&auml;tze auf, was insgesamt 23.924 Betten ergibt, zuz&uuml;glich einer Notfallreserve von knapp 10.000. Nur vier Tage davor, am 25. April, wurde die Kapazit&auml;t mit 23.713 beziffert, also rund 200 Pl&auml;tzen weniger, wobei die Reserve bei 10.149 notierte. Der Eindruck von &bdquo;Verschiebebahnhof&ldquo; verst&auml;rkt sich noch, blickt man weiter zur&uuml;ck. W&auml;hrend derzeit in der Spitze etwa 24.000 Intensivbetten ausgewiesen sind, waren es vor drei Monaten mit 26.957 &uuml;ber 3.000 mehr. Wo sind die ganzen sch&ouml;nen Betten geblieben, die doch gerade jetzt, da die dritte Welle &uuml;bers Land schwappt, so bitter ben&ouml;tigt werden? <\/p><p>Diese Frage hatte sich zuletzt auch <a href=\"https:\/\/www.sahra-wagenknecht.de\/de\/article\/3031.eure-fragen-sahra-antwortet.html\">Sahra Wagenknecht<\/a> von der Linkspartei gestellt: &bdquo;Im zweiten Halbjahr 2020 sind irgendwie 6.000 Intensivbetten aus der Statistik verschwunden. Keiner wei&szlig;, warum.&ldquo; Doch, doch, einer wei&szlig; bestimmt, was los ist: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Er n&auml;mlich hat durch diverse Gesetze die Anreize daf&uuml;r geschaffen, dass die Intensivbetten kommen und gehen, wie es gerade in den Kram passt, sprich in die Bilanzen. Der Informatiker <a href=\"https:\/\/corona-transition.org\/die-zahlen-zur-auslastung-der-intensivbetten-in-deutschland-sind-masssiv\"><\/a>Tom Lausen und sein Rechercheteam aus Ingenieuren, Not&auml;rzten und Anw&auml;lten ist den Vorg&auml;ngen auf Basis der offiziellen DIVI-Daten auf den Grund gegangen und hat dabei Erstaunliches ans Licht bef&ouml;rdert. So wisse die DIVI aufgrund der Eingaben der Krankenh&auml;user &bdquo;&uuml;berhaupt nicht, wie viele Patienten jemals mit Covid in den Intensivstationen gelegen haben&ldquo;, gibt Lausen in einem <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=f-bOLlwjpro\">Video<\/a> auf <a href=\"http:\/\/www.exomagazin.tv\">exomagazin.tv<\/a> zu bedenken. <\/p><p><strong>Doppel- und Dreifachz&auml;hlungen<\/strong><\/p><p>Beispielhaft verweist er darauf, dass ein einzelner Patient von der Statistik im Falle von Verlegungen mehrfach gef&uuml;hrt wird. Das DIVI-Register r&auml;umt dies auf seinen Webseiten ein &ndash; &bdquo;Mehrfachz&auml;hlungen m&ouml;glich&ldquo; &ndash; ohne dies jedoch zu quantifizieren. Dagegen hatte das <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/218200\/COVID-19-Pandemie-Historisch-niedrige-Bettenauslastung\">&bdquo;&Auml;rzteblatt&ldquo;<\/a> im M&auml;rz unter Berufung auf &bdquo;AOK-Daten bis Ende Juli 2020&ldquo; geschrieben, dass &bdquo;10,8 Prozent aller station&auml;ren Covid-19-F&auml;lle mindestens einmal&ldquo; die Station gewechselt hatten, &bdquo;unter den beatmeten Patienten waren es 31,9 Prozent&ldquo;. Trifft das zu, k&ouml;nnte das die Angaben zur Auslastung signifikant aufbl&auml;hen. Aber die organisierten Intensivmediziner interessieren solche Unsch&auml;rfen nicht und sie geben sich gar nicht die M&uuml;he, die Statistik entsprechend zu bereinigen. Lausen wollte dazu Auskunft beim DIVI einholen und erhielt zur Antwort, man wolle nichts &uuml;ber schwere Verl&auml;ufe wissen, &bdquo;sie m&ouml;chten nur die Betten z&auml;hlen&ldquo;. <\/p><p>Aber wie kann man sich um 6.000 verz&auml;hlen, wie Wagenknecht monierte und was sie sich wundern lie&szlig;: &bdquo;Was sich dramatisch ver&auml;ndert hat, sind die freien Kapazit&auml;ten (&hellip;), aber nicht, weil es mehr Intensivpatienten gibt, sondern weil die Betten immer mehr reduziert wurden.&ldquo; Tats&auml;chlich k&ouml;nnte die Zahl der Verluste sogar noch gr&ouml;&szlig;er sein. Allein zwischen April und Juli 2020 hatten sich rund 7.000 Pl&auml;tze irgendwie in Luft aufgel&ouml;st. Dabei hatte BMG-Chef Spahn mit seinem im M&auml;rz aufgelegten &bdquo;Krankenhausentlastungsgesetz&ldquo; eine Aufstockung der Kapazit&auml;ten auf bis zu 40.000 versprochen. Eine halbe Milliarde Euro lie&szlig; er es die Steuerzahler kosten, jedes neue Bett mit 50.000 Euro zu pr&auml;mieren. &Uuml;berdies setzte er die bis dahin geltenden &bdquo;Pflegepersonaluntergrenzen&ldquo; vor&uuml;bergehend au&szlig;er Kraft. Damit musste sich eine Krankenpflegerin pl&ouml;tzlich um mehr Patienten k&uuml;mmern als davor, womit den Betroffenen immerhin &bdquo;Applaus vom Balkon&ldquo; sicher war. <\/p><p>Das alles f&uuml;hrte immerhin zu einer deutlichen Zunahme an Betten auf das Niveau von knapp 33.000 in der zweiten Julih&auml;lfte. Von den rechnerisch eigentlich f&auml;lligen 39.700 war das aber meilenweit weg. Irgendwann musste sich dann auch der Minister die Augen reiben und zur Kenntnis nehmen, dass das sch&ouml;ne Geld f&uuml;r <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/investigativ\/kontraste\/corona-intensivbetten-101.html\">Mitnahmeeffekte<\/a> draufgegangen ist. Aber auch die auf dem Papier vorhandenen Betten verd&uuml;nnisierten sich, je l&auml;nger sich der Sommer hinzog und je weniger die sp&auml;rlichen Corona-F&auml;lle den Aufwand rechtfertigten. Passend dazu reaktivierte die Bundesregierung im August auch noch die alten Personaluntergrenzen. Nun durfte sich eine Pflegekraft tags&uuml;ber nur noch um maximal zweieinhalb Intensivbetten k&uuml;mmern, womit immerhin ein St&uuml;ck Realit&auml;tssinn ins System einzog. Denn ein Intensivbett ohne ausk&ouml;mmliche Personalausstattung taugt in der Not zu gar nichts. <\/p><p><strong>Spahn baut ab <\/strong><\/p><p>Folgerichtig machten sich auf einen Schlag Tausende Betten aus dem Staub, beziehungsweise tauchten in Teilen in der Notfallreservekapazit&auml;t auf. Das immerhin k&ouml;nnte die panischen Einlassungen manch eines Klinikchefs erkl&auml;ren, wenn die Belegung auf die Reserve zusteuert. Das f&uuml;nfte Rad am Wagen mag es zwar geben, aber keinen, der es montieren kann. Von Sp&auml;tsommer bis Herbst kannte der Bettenschwund kaum noch ein Halten. Befeuert wurde der Trend noch durch das Ende der sogenannten Freihaltepauschale zum 30. September. Bis dahin wurde das Vorhalten von Betten f&uuml;r m&ouml;gliche Covid-19-Patienten, die aber wochenlang einfach nicht kamen, honoriert, etwa durch Verschiebung nicht zwingend notwendiger OPs. Weil die ganzen Betten von da an kein Geld mehr verdienten, wurden sie kurzerhand in gro&szlig;er Zahl in Best&auml;nde der Normalstation zur&uuml;ckverwandelt. <\/p><p>Allein bis Anfang November gingen &uuml;ber 4.500 Intensivbetten verloren, w&auml;hrend die Regierung und ihre Berater unerm&uuml;dlich Angst vor der zweiten Welle machten. Als dann die Fallzahlen im November tats&auml;chlich schon merklich angezogen hatten, setzte Spahn zum n&auml;chsten Niederschlag an: dem &bdquo;Krankenhausfinanzierungsgesetz&ldquo;. Die am 18. November vom Bundestag beschlossene Neuregelung entsch&auml;digt Krankenh&auml;user f&uuml;r Ausf&auml;lle, die ihnen wegen der Pandemie entstanden sind. Zuwendungen erhalten allerdings blo&szlig; jene Einrichtungen, deren Intensivstationen zu mindestens 75 Prozent ausgelastet sind. Eine quantitativ gut ausgebaute Intensivpflege ger&auml;t da zum Ausschlusskriterium. &bdquo;Besser&ldquo; steht da, wer wenig Betten hat und die auch noch m&ouml;glichst voll bekommt. So kam es, wie es kommen musste. Viele Kliniken k&uuml;rzten ihre Intensivbettenbest&auml;nde k&uuml;nstlich und radikal ein, wodurch die Auslastung anteilig nach oben ging. <\/p><p><strong>DIVI &bdquo;hoch verbl&uuml;fft&ldquo; <\/strong><\/p><p>Laut Informatiker Lausen war dies bei &bdquo;sehr vielen Krankenh&auml;usern&ldquo; zu beobachten, im Speziellen bei denen, die davor einen &Uuml;berschuss an Kapazit&auml;ten hatten. Als Beispiele nannte er Leipzig, Bottrop, Goslar, Starnberg und Eisenach. Eindr&uuml;cklich demonstriert er am Fall einer Klinik in Pinneberg, wie der &bdquo;Bedarf&ldquo; an Betten je nach Belegungsumfang flexibel und &bdquo;nach Belieben&ldquo; hoch und runter geregelt wurde, um ja nicht unter die 75-Prozent-Marke zu rutschen. Dabei sind die Schwankungen mitnichten nur auf etwaige Covid-19-Neuzug&auml;nge, sondern auf alle Arten von Krankheitsf&auml;llen zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Hier sollte man sich noch einmal die Worte von Helios-Chef De Mea vergegenw&auml;rtigen, wonach hierzulande Patienten vergleichsweise schnell auf der Intensivstation landen. <\/p><p>Rasend schnell rauschten nach Spahns Meisterst&uuml;ck die Intensivkapazit&auml;ten in den Keller. Am 11. November z&auml;hlte das DIVI-Register noch rund 28.500 Pl&auml;tze, zum Jahresende 2020 waren es schon fast 2.000 weniger, n&auml;mlich knapp 26.700. In den ersten Wochen des Jahres 2021, auf dem H&ouml;hepunkt der zweiten Welle, ging es noch rasanter bergab. Binnen vier Monaten verschwanden &uuml;ber 3.000 weitere Betten vom Bildschirm, obwohl sich aus demselben jeden Tag schlimmere Schreckensmeldungen von &uuml;berf&uuml;llten Kliniken in die deutschen Wohnzimmer ergossen. Ein Schelm, wer dahinter Absicht vermutet. <\/p><p>Bei der DIVI hat man von all dem irgendwie nichts mitgekriegt. Lausen ist seine Schaubilder zwei Stunden lang am Telefon mit einer Pressesprecherin durchgegangen. Diese sei &bdquo;hoch verbl&uuml;fft&ldquo; gewesen &bdquo;&uuml;ber das, was sie auf einmal visualisiert pr&auml;sentiert bekommen hat&ldquo;. F&uuml;r den Informatiker steht jedenfalls fest, dass die DIVI-Tagesreporte &bdquo;nicht zu einer bev&ouml;lkerungsweiten Ma&szlig;nahmensteuerung eingesetzt werden d&uuml;rfen&ldquo;. Kurzum: &bdquo;Diese Zahlen sind nicht valide!&ldquo;     <\/p><p>Titelbild: Matthias Wehnert\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/a0c7f9863d1a4c49886ea0565af90dc1\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Binnen zehn Monaten sind aus deutschen Krankenh&auml;usern 9.000 Intensivpl&auml;tze verschwunden und 7.000 projektierte gar nicht erst aufgetaucht. Immer dann, wenn die Not der Pandemie gerade am gr&ouml;&szlig;ten ist, steuern die Kapazit&auml;ten stramm auf Kurs &bdquo;f&uuml;nf nach Zw&ouml;lf&ldquo;. Das kann man f&uuml;r Zufall halten, die Folge vermasselter Politik oder eines Schwunds nach Plan. 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