{"id":72059,"date":"2021-05-02T11:45:12","date_gmt":"2021-05-02T09:45:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72059"},"modified":"2021-05-02T13:03:46","modified_gmt":"2021-05-02T11:03:46","slug":"die-anschluss-vereinigung-oder-wie-der-kapitalismus-siegte-ohne-dass-die-demokratie-gewann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72059","title":{"rendered":"Die Anschluss-Vereinigung oder Wie der Kapitalismus siegte, ohne dass die Demokratie gewann"},"content":{"rendered":"<p>Die deutsche Einheit ist nun &uuml;ber 30 Jahre her. 30 Jahre, in denen unendlich viele Zeitungsartikel, Fernsehreportagen, Interviews mit Zeitzeugen oder B&uuml;cher &uuml;ber die damaligen Abl&auml;ufe erschienen sind, die alles auch bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet haben. Ist wirklich alles gesagt? Und stimmt wirklich all das, was da gesagt und zum heute herrschenden Bild auf die Geschichte wurde? In ihrem gemeinsamen Buch &bdquo;<em>Tamtam und Tabu<\/em>&ldquo; hinterfragen die Schriftstellerin <strong>Daniela Dahn<\/strong> und der Kognitionsforscher <strong>Rainer Mausfeld<\/strong> viele dieser Wahrheiten und kommen dabei zu verbl&uuml;ffenden Ergebnissen. Von <strong>Lutz Hausstein<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAuf den ersten Blick erscheint diese Kombination der beiden Autoren ungew&ouml;hnlich. Hier die in der DDR aufgewachsene Essayistin Daniela Dahn, die im Herbst 1989 selbst Gr&uuml;ndungsmitglied der B&uuml;rgerrechtsbewegung &bdquo;Demokratischer Aufbruch&ldquo; gewesen ist und in den vergangenen Jahren mehrere B&uuml;cher zum Thema Wendezeit verfasst hat (zuletzt 2019 &bdquo;Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute&ldquo;; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58890\">Auszug auf den NDS<\/a>). Und auf der anderen Seite der Kieler Psychologieprofessor Rainer Mausfeld, der 2015 mit seinem Vortrag &bdquo;Warum schweigen die L&auml;mmer?&ldquo; schlagartig einem breiten Publikum bekannt wurde und mit seinem nachfolgenden gleichnamigen Buch (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53505\">Rezension auf den NDS<\/a>) sowie mit dessem Nachfolger &bdquo;Angst und Macht&ldquo; (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55492\">Rezension auf den NDS<\/a>) gro&szlig;e Erfolge feierte. Das Buch beweist, wie sich beide mit ihren Themen gut erg&auml;nzen und so die sachlichen Faktenberichte Dahns mit den theoretischen Erl&auml;uterungen Mausfelds am Ende zu einem harmonierenden Ganzen verschmelzen.<\/p><p>Das Buch besteht aus f&uuml;nf vordergr&uuml;ndig sehr verschiedenen Kapiteln, die durch das erste Kapitel, Daniela Dahns Presseschau des Zeitraums von Anfang Oktober 1989 bis Mitte M&auml;rz 1990, und das abschlie&szlig;ende Kapitel mehrerer Gespr&auml;che zwischen Daniela Dahn und Rainer Mausfeld wie von einer gro&szlig;en Klammer zusammengehalten werden. Die sich zwischen dieser Klammer befindlichen Kapitel, Dahns Ausf&uuml;hrungen zu den Vertr&auml;gen rund um die Deutsche Einheit, Mausfelds demokratietheoretischen Abhandlungen sowie Dahns Analyse der heutigen Situation inklusive ihrer Forderung nach einem Systemwechsel, offenbaren erst im Laufe der abschlie&szlig;enden f&uuml;nf verschriftlichten Gespr&auml;che zwischen beiden ihre ganze Tragweite.<\/p><p><strong>&bdquo;Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit&ldquo; (George Orwell)<\/strong><\/p><p>Um es vorwegzunehmen. Daniela Dahns Kapitel der minuti&ouml;sen Dokumentation von Presseberichten der Wendezeit hat mich von der ersten Zeile an gefesselt und bietet die unabdingbare Basis f&uuml;r alle weiteren Darlegungen in dem Buch. Die akribische, fast t&auml;gliche Presseanalyse besitzt einen hohen historischen Wert, da sie in dieser Detailliertheit sonst nirgends so kompakt erfolgt ist. Selbst Zeitzeugen und aktive Teilnehmer dieser Entwicklung wie ich haben diese Kenntnisse nicht parat, von eventuellen Erinnerungsl&uuml;cken ganz abgesehen, da die sich damals regelrecht &uuml;berst&uuml;rzenden Ereignisse niemanden in die Lage versetzten, alle Entwicklungen &uuml;berhaupt auch nur wahrzunehmen. Zuz&uuml;glich zu dem Fakt, dass die Protagonisten dieser Zeit damals gar keinen Zugang zu westdeutschen Presseerzeugnissen hatten und somit die dortigen Darstellungen gar nicht kennen konnten. Bei all dem sollte ebenfalls nicht vergessen werden, dass alle Beteiligten, trotz allem Enthusiasmus, haupts&auml;chlich noch ihrem normalen Leben nachzugehen hatten und auch nachgingen und auch deswegen ihr Zeitbudget sehr begrenzt war. Die Beteiligten des Wendeherbstes waren &bdquo;Feierabend-Revolution&auml;re&ldquo;, die tags&uuml;ber ihre normale Arbeit oder das Lernen in der Schule oder beim Studium aus&uuml;bten. Schon allein aus diesen Gr&uuml;nden bietet diese Presseschau einen grandiosen &Uuml;berblick die Abl&auml;ufe der damaligen Ereignisse, vor allem aber ihrer medialen Darstellung.<\/p><p>Dabei liefert die Dokumentation auch, neben einigem Bekannten, sehr viel Neues, Erstaunliches, ja teils Aufsehenerregendes. Vieles, was heute als g&auml;ngige Wahrheit gilt, wird ersch&uuml;ttert oder gar vollst&auml;ndig ad absurdum gef&uuml;hrt. An vorderster Front stets &ndash; selbstverst&auml;ndlich, ist man fast versucht zu sagen &ndash; die Bild-Zeitung, aber ebenso auch der &bdquo;Spiegel&ldquo;. Sie errichteten beispielsweise das Narrativ vom &bdquo;flotten Egon&ldquo; (Krenz), der in einem Luxus von Zw&ouml;lf-Zimmer-Villa, Gem&auml;lden alter Meister, teuerster Ausstattung und einem Jaguar leben w&uuml;rde, die der Autor Jahre sp&auml;ter als frei erfundene Storys zugab und sich daf&uuml;r entschuldigte (Seite 19 ff.). Der Zweck war allerdings erreicht, das Narrativ war in der Welt. Ein beliebtes Bild war ebenfalls der angebliche Luxus, in dem die Staats- und Parteif&uuml;hrung schwelgen w&uuml;rde, der sich jedoch schnell durch eine Sendung des DDR-Jugendfernsehens &bdquo;elf99&ldquo; viel eher <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=YCXAKksTXTE\">als ein kleinb&uuml;rgerliches Leben darstellte<\/a>. Trotzdem: Nicht jeden der vorher Desinformierten erreichte diese Korrektur. Und als Hans Modrow im November 1989 DDR-Regierungschef wurde, geriet auch der zuvor von der westlichen Presse &uuml;berschw&auml;nglich Gelobte blitzartig ins Visier von Bild und Spiegel (Seite 69) und es wurden munter falsche Behauptungen &uuml;ber ihn verbreitet. Bis hin zu der ihm in den Mund gelegten Behauptung &uuml;ber die angeblich direkt bevorstehende Zahlungsunf&auml;higkeit der DDR. Etwas, was aufgrund der dadurch entfachten Kampagne bis heute noch als allgemein bekannte, unumst&ouml;&szlig;liche Wahrheit gilt. All dies, und noch sehr viel mehr, wird akribisch in Daniela Dahns dokumentarischer Presseschau aufgelistet und das macht diesen Teil des Buches so wertvoll.<\/p><p>Eine der Kernthesen, dass &bdquo;die Stra&szlig;e in die Einheit getrieben habe&ldquo;, widerlegt Daniela Dahn anhand der Presseberichte minuti&ouml;s. Mithilfe repr&auml;sentativer Umfragen durch westdeutsche Medien wie Spiegel und ZDF wird an konkreten Zahlen deutlich, dass im Sp&auml;therbst 1989 nur eine deutliche Minderheit der DDR-Bev&ouml;lkerung &uuml;berhaupt einen staatlichen Zusammenschluss von DDR und BRD bef&uuml;rwortet (Seite 39 f.). Auch die Zahl derjenigen, die die DDR auf jeden Fall verlassen wollen, ist zu diesem Zeitpunkt mit 1 Prozent sehr &uuml;berschaubar. Aus der Politik kommen bed&auml;chtige Vorschl&auml;ge wie der Willy Brandts, dass beide Staaten &bdquo;mit Geduld und Gelassenheit kooperieren&ldquo; sollten. Der DDR-Ministerpr&auml;sident Hans Modrow entwickelte den Plan einer &bdquo;deutsch-deutsche(n) Gemeinschaft mit konf&ouml;derativen Elementen&ldquo; (Seite 46). Samt und sonders Gedanken, die einer langsamen Ann&auml;herung und keinem &uuml;berst&uuml;rzten Anschluss das Wort redeten. Der westdeutsche Bundeskanzler Helmut Kohl hingegen wollte diese Gelegenheit beim Schopf packen und betrieb seine Politik so, alles zu vermeiden, was einer eigenst&auml;ndigen, stabilen DDR selbst nur kurzfristig nutzen k&ouml;nnte. Doch ausgemacht, wohin die Entwicklung gehen k&ouml;nnte, war zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts.<\/p><p>Die Widerlegung des Narrativs, dass der Druck der Stra&szlig;e &ndash; und nur dieser &ndash; gar keinen anderen Weg als eine schnellstm&ouml;gliche Vereinigung zugelassen habe, kann auch ich anhand der folgenden Fakten best&auml;tigen. Im Zuge eigener Recherchen bin ich auf eine &auml;u&szlig;erst z&uuml;gige 180-Grad-Meinungswende von Lothar de Maiziere gesto&szlig;en. Mitte November 1989 sagte Lothar de Maiziere, zu dieser Zeit Vorsitzender der CDU der DDR, im Rahmen einer Debatte zu einer Verwaltungsreform vor der DDR-Volkskammer:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir sind der &Uuml;berzeugung, nicht der Sozialismus ist am Ende. Wohl aber seine administrative und diktatorische Verzerrung. Denn echter Sozialismus bedeutet nicht weniger, sondern mehr Demokratie. Und wir sollten nachdenken &uuml;ber die Wiedereinf&uuml;hrung der L&auml;nder als territorialer Struktur unserer Republik.&ldquo;<br>\n<small>&ndash; Aus der MDR-Dokumentation &bdquo;Machtpoker um Mitteldeutschland (1\/3) &ndash; Die Stunde der Politik-Amateure&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=D_IvnEqzlNY&amp;t=222s\">Kopie auf YouTube ab Minute 3:42<\/a><\/small>\n<\/p><\/blockquote><p>Als (dann gew&auml;hlter) DDR-Ministerpr&auml;sident <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/vom-ende-der-geschichte\/lothar-de-maiziere-meine-damen-und-herren-wir-schaffen-uns-ab-li.101292\">sagte Lothar de Maiziere<\/a> in der ersten Sitzung des frischgew&auml;hlten Kabinetts hingegen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Meine Damen und Herren, unsere Aufgabe ist, uns abzuschaffen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Es ist mehr als augenscheinlich, dass die auf dem H&ouml;hepunkt der Demonstrationen get&auml;tigte Aussage de Maizieres und sein grundlegender Meinungswechsel bis M&auml;rz 1990 weniger dem Druck der Stra&szlig;e geschuldet waren, sondern vielmehr der gewollten Verschiebung der &ouml;ffentlich-medialen Stimmung durch den westdeutschen Bundeskanzler Helmut Kohl, dessen Entourage wie dem Kohl-Vertrauten Horst Teltschik und &ndash; mehr als nur unterst&uuml;tzend &ndash; den massiven Medienkampagnen von BILD &amp; Co. Dies korrespondiert auffallend mit dem im Buch festgehaltenen Gesinnungswandel in der Ost-CDU, speziell Lothar de Maizieres, den Daniela Dahn exakt auf die Nacht vom 12. zum 13. Februar 1990 datiert (Seite 69 ff.). Dennoch h&auml;lt sich bis heute das Bild, dass erst der Druck der Stra&szlig;e die Politik zur schnellen Wiedervereinigung gezwungen habe. Ein Bild, das gleicherma&szlig;en unter West- wie Ostdeutschen, Sp&auml;tergeborenen und Protagonisten dieser Zeit, Bef&uuml;rwortern wie auch Gegnern dieser Art der Vereinigung durchgehend dominiert. Dementgegen gelingt es Daniela Dahn, mit ihren detailreichen Belegen dieser Behauptung eine grundlegend neue Sichtweise entgegenzusetzen.<\/p><p>Insbesondere der Februar 1990 bildete den Kulminationspunkt des Meinungsumschwungs, in dessem Mittelpunkt &ndash; ganz den 18. M&auml;rz der Wahl zur DDR-Volkskammer im Blick habend &ndash; Helmut Kohl stand (Seite 49 ff.). Von innerparteilichen Konkurrenten wie Lothar Sp&auml;th bedr&auml;ngt, die sich mit eigenen Konzepten zum Ablauf eines Zusammengehens zu profilieren versuchen, geht der sich in einem Umfragetief befindliche Kanzler ab dem 6. Februar 1990 massiv in die Offensive. Seine Initiative zur Gr&uuml;ndung des Wahlb&uuml;ndnisses &bdquo;Allianz f&uuml;r Deutschland&ldquo; von DDR-CDU, DSU und Demokratischer Aufbruch (wohlgemerkt, als Kanzler der Bundesrepublik in einem anderen Staat) als rechtskonservativem Gegenpol zur bisher in Umfragen deutlich f&uuml;hrenden sozialdemokratischen SDP und sein einseitig verk&uuml;ndeter Plan zu einer W&auml;hrungsunion f&uuml;hrten zu einem radikalen Meinungsumschwung in der &Ouml;ffentlichkeit. Nicht zuletzt auch deswegen, weil die BILD dies mit einer Kaskade von Kampagnen vorantrieb &ndash; und weil sie als erstes westliches Presseerzeugnis schon zu diesem Zeitpunkt auf den DDR-Markt gedr&auml;ngt war (zu DDR-Mark wohlgemerkt) und die mit solcherart Boulevardjournalismus v&ouml;llig unerfahrene Bev&ouml;lkerung regelrecht &uuml;berrollt hatte. Begierig griff BILD Statements und Behauptungen aus Kohls Umfeld auf und schm&uuml;ckte sie in der ihr eigenen Art noch weiter aus. All dies trug ma&szlig;geblich dazu bei, innerhalb von nur einem Monat (!) aus einer absoluten Mehrheit der SDP mit 54 Prozent und 11 Prozent f&uuml;r die Ost-CDU am 8. Februar 1990 eine deutliche Mehrheit f&uuml;r die CDU mit 41 Prozent bzw. des Allianz-f&uuml;r-Deutschland-Wahlb&uuml;ndnisses mit insgesamt 48 Prozent und 22 Prozent f&uuml;r die DDR-Sozialdemokraten werden zu lassen. Kohl hatte damit sein Ziel erreicht: Der Weg f&uuml;r eine schnelle Vereinigung, praktisch eher im Sinne eines Anschlusses der DDR an die BRD, war vorgezeichnet und Kohl wurde auch gegen seine innerparteilichen Konkurrenten gest&auml;rkt.<\/p><p><strong>Die Eigentumsverh&auml;ltnisse als zentrale Sto&szlig;richtung<\/strong><\/p><p>Im zweiten Kapitel leitet Daniela Dahn &uuml;ber die Thematik Wirtschafts- und W&auml;hrungsunion zur eigentlichen Frage, den Eigentumsverh&auml;ltnissen, &uuml;ber. Denn das in der DDR dominierende Volkseigentum war das eigentliche Ziel, auf das die Kapitaleigner im Westen hinarbeiteten. Dieses, aus deren Sicht gestohlene, Verm&ouml;gen musste wieder verf&uuml;gbar gemacht und privatisiert werden. Dass hierf&uuml;r nun ausgerechnet die Treuhandanstalt, eine von der B&uuml;rgerbewegung &bdquo;Demokratie Jetzt&ldquo; vorgeschlagene und noch von der Modrow-Regierung am 1. M&auml;rz 1990 per Gesetz beschlossene Treuhandgesellschaft, welche die Anteilsrechte der DDR-B&uuml;rger am DDR-Volkseigentum wahren (!) sollte, zum Privatisierungsinstrument schlechthin umfunktioniert wurde, ist an Perfidit&auml;t nicht zu &uuml;berbieten. Der von Kohl z&uuml;gig in Bundestag und Volkskammer durchgepeitschte Vertrag &uuml;ber die Wirtschafts- und W&auml;hrungsunion bildete daf&uuml;r die Grundlage. Der sp&auml;ter von Dahn befragte damalige Bundesbankpr&auml;sident Karl Otto P&ouml;hl &auml;u&szlig;erte sich ihr gegen&uuml;ber dazu ganz unverbl&uuml;mt (Seite 94):<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn man damals auf gleiche Weise &uuml;ber Nacht in der Bundesrepublik den viel st&auml;rkeren Dollar eingef&uuml;hrt h&auml;tte, [&hellip;] w&auml;re deren Wirtschaft auf einen Schlag ruiniert gewesen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Und so bleibt am Ende das bittere Res&uuml;mee Daniela Dahns, dass die versprochenen &bdquo;bl&uuml;henden Landschaften&ldquo; Helmut Kohls wie auch das &bdquo;Wirtschaftswunder mit zweistelligen Wachstumsraten&ldquo; des damaligen Bundeswirtschaftsministers Helmut Haussmann sich als hei&szlig;e Luft herausstellten, aber fast das gesamte DDR-Volkseigentum in westliche H&auml;nde &uuml;bergegangen war.<\/p><p><strong>Gezieltes Demokratiemanagement<\/strong><\/p><p>Im dritten Buchteil widmet sich Rainer Mausfeld der demokratietheoretischen Analyse der von Daniela Dahn beschriebenen Vorg&auml;nge. Dabei kann er auf Begriffe und von ihm erl&auml;uterte Mechanismen zur&uuml;ckgreifen, die er schon in seinen letzten beiden B&uuml;chern ausf&uuml;hrlich beschrieben hat. Er zeigt die systemische Diskrepanz auf, die zwischen der demokratischen Leitidee und der Realit&auml;t der kapitalistischen Demokratie liegt (Seite 105 f.), die Angela Merkel auch schon mal &ndash; sicherlich von ihr so nicht gewollt &ndash; mit dem Begriff der &bdquo;marktkonformen Demokratie&ldquo; zum Ausdruck gebracht hat. Ein wichtiges Instrument, um die Bedeutungsverschiebung des Demokratiebegriffes vor der &Ouml;ffentlichkeit zu verschleiern, ist laut Mausfeld, mittels Orwell&rsquo;schem Neusprech Inhalte von einzelnen Begriffen zu entleeren und mit neuen, zumeist v&ouml;llig entgegengesetzten Inhalten zu bef&uuml;llen. Hervorzuheben ist hierbei, dass er den schon vom &ouml;sterreichischen National&ouml;konomen Joseph Schumpeter verwendeten Begriff der &bdquo;Elitendemokratie&ldquo; herausstellt und kritisiert, die den eigentlichen Inhalt des Demokratiebegriffs ad absurdum f&uuml;hrt (Seite 108 f.).<\/p><p>So interessant seine grundlegenden Ausf&uuml;hrungen zur gezielten Meinungslenkung unter demokratietheoretischen Gesichtspunkten zweifelsfrei sind und die Ausschaltung echter Demokratie durch westdeutsche Eliten in diesen wenigen entscheidenden Monaten sichtbar werden lassen, w&auml;re doch eine st&auml;rkere Verkn&uuml;pfung mit den von Daniela Dahn zuvor im Buch dargelegten einzelnen Vorg&auml;ngen der Meinungsmanipulation w&uuml;nschenswert gewesen. Anhand dieser Vielzahl von Beispielen h&auml;tte Rainer Mausfeld st&auml;rker herausarbeiten k&ouml;nnen, mittels welcher Methoden gezielt der eigentliche Wille der DDR-Bev&ouml;lkerung, wie die Gesellschaft neu zu organisieren sei, durch die bundesdeutsche Politik unter wirkm&auml;chtiger Mithilfe der Medien so erfolgreich verf&auml;lscht werden konnte. Gleichwohl sei an dieser Stelle schon angemerkt, dass im direkten Gespr&auml;ch zwischen Dahn und Mausfeld im letzten Kapitel diese Verkn&uuml;pfung doch noch erfolgt. Im vorstehenden Kapitel legt Mausfeld allerdings einen &uuml;berreichen Fundus an Methoden offen, wie echte Demokratie untergraben werden kann (und wird), die selbst in aktuellen Entwicklungen ihren Widerhall finden. Insbesondere wenn er anhand diverser historischer Vorg&auml;nge die Manipulation der Bev&ouml;lkerung durch die Methode der Angsterzeugung durch die Eliten beschreibt, kommt man gar nicht umhin, diese Methode auch auf die aktuelle Situation der Corona-Pandemie zu &uuml;bertragen.<\/p><p><strong>Ein Systemwechsel ist n&ouml;tig &hellip; und m&ouml;glich<\/strong><\/p><p>Wenn nun nochmals Daniela Dahn &uuml;bernimmt, so greift sie ein Ergebnis ihrer vorherigen Darlegungen zu den Ursachen der Wendezeit-Entwicklungen, die Eigentumsfrage, wieder auf und verkn&uuml;pft sie mit grundlegenden Tendenzen der Jetzt-Zeit nach einem Systemwechsel. So begr&uuml;&szlig;enswert all die verschiedenen sozialen Bewegungen der letzten Jahre und Jahrzehnte, von Occupy und Gelbwesten bis Fridays for Future und Black Lives Matter, auch waren und sind, die Kernfrage, dass der Kapitalismus systemisch gar nicht in der Lage ist, diese Probleme radikal &ndash; n&auml;mlich an der Wurzel packend &ndash; zu l&ouml;sen, stellen sie gar nicht oder nur ungen&uuml;gend (Seite 122 f.).<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die gro&szlig;e Frage ist also, wie die von Grund auf falsche und menschenfeindliche kapitalistische Funktionslogik von Profitmaximierung durch Wachstumszwang, von Privilegierung der Privilegierten und Schw&auml;chung der Schwachen durchbrochen werden kann. Nicht nur vor&uuml;bergehend gez&auml;hmt und einged&auml;mmt bis zur n&auml;chsten Krise, in der sie wieder voll durchschl&auml;gt. Sondern wirklich vom Kopf auf die F&uuml;&szlig;e gestellt. Das hei&szlig;t von Privatwohl auf Allgemeinwohl. Von Oligarchie auf Demokratie. Von Existenzangst auf Freiheit von Not und Bevormundung.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Ein solcher Systemwechsel ist aber nicht m&ouml;glich, ohne die Eigentumsfrage grundlegend neu auszurichten. Dabei geht es aber nicht darum, wie Zeichner diverser Horrorszenarien immer wieder weissagen, s&auml;mtliches Privateigentum abzuschaffen, sondern nur insoweit zu begrenzen, dass aus dem Eigentum keine politische und gesellschaftliche Macht entstehen kann und somit die Demokratie untergr&auml;bt. Womit sich der Kreis zu Rainer Mausfeld schlie&szlig;t. Die Eigentumsfrage, die heute dringender denn je auf der Tagesordnung steht, wurde schon einmal 1989\/90 von der bundesdeutschen Politik und den sie unterst&uuml;tzenden Medien in einem Handstreich vom Tisch gewischt. Deshalb spricht sich Dahn vehement daf&uuml;r aus, alle bisher gemachten Erfahrungen zu Gemeineigentum systematisch zu analysieren, um im Rahmen des angesprochenen Systemwechsels schon einmal gemachte Fehler und Irrt&uuml;mer kein zweites Mal zu wiederholen.<\/p><p><strong>&bdquo;Kapitalkraft schl&auml;gt W&auml;hlerwillen&ldquo; (Daniela Dahn)<\/strong><\/p><p>Im abschlie&szlig;enden f&uuml;nften Kapitel, einer f&uuml;nfteiligen Telefonkonferenz zwischen Daniela Dahn und Rainer Mausfeld, verschr&auml;nken sich die zuvor einzeln angesprochenen Themen beider Autoren zunehmend miteinander. Die gem&auml;&szlig; Mausfeld seit Jahrzehnten in der kapitalistischen Realit&auml;t erprobten und zunehmend ausgefeilteren Methoden der Manipulation der &ouml;ffentlichen Meinung konnten sofort in der DDR zum Einsatz gebracht werden. Allerdings mit einem gewissen Restrisiko, da die extreme Dynamik der gesellschaftlichen Umw&auml;lzungen auch Unw&auml;gbarkeiten bez&uuml;glich der Wirksamkeit dieser Methoden offenlie&szlig;. Im Zuge des wechselseitigen Frage-Antwort-Spiels beider Autoren kam en passant noch ein interessanter Aspekt zur Sprache, der einen wichtigen Unterschied der Beeinflussung der &ouml;ffentlichen Meinung in Ost bzw. West darstellte. W&auml;hrend durch die mehr oder minder offene Repression im Osten vornehmlich nur das Verhalten der Bev&ouml;lkerung beeinflusst wurde, das Bewusstsein vieler davon jedoch kaum ber&uuml;hrt wurde, zielt das Meinungsmanagement im Westen erheblich st&auml;rker auf die Psyche der Machtunterworfenen. Kann diese kontrolliert werden, ergibt sich die Verhaltenssteuerung fast zwangsl&auml;ufig von allein. An vielen weiteren Stellen dieser Gespr&auml;che zwischen Dahn und Mausfeld erh&auml;lt der Leser neue, interessante Denkanst&ouml;&szlig;e und Informationen, die das zuvor Gelesene abrunden und zu einem stimmigen Ganzen zusammenf&uuml;gen. Gespr&auml;che, aus denen beide Autoren, genauso aber auch die Leser, einen sp&uuml;rbaren Gewinn ziehen.<\/p><p>An einer Stelle ihrer Unterhaltung machen sie darauf aufmerksam, dass dem durch das mediale Tamtam der Wendezeit bis in die Jetzt-Zeit sorgsam gepflegte Narrativ der Vereinigung durch Daniela Dahns detailreiche Presseschau die Grundlage entzogen ist und daher auch mit einem medialen Tabu dieser Recherchen zu rechnen sei. Das vergangene halbe Jahr seit dem Erscheinen des Buches gibt den beiden Autoren recht. Meine eigenen Recherchen haben keine einzige (!) Rezension des Buches in den gro&szlig;en deutschen Medien ergeben. Es existiert einzig eine <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/asansoerpress35\/tamtam-und-tabu\">Buchbesprechung im &bdquo;Freitag&ldquo;<\/a> sowie ein durchaus sehenswertes <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/mediathek\/324756\/tamtam-und-tabu\">16-min&uuml;tiges Interview mit Daniela Dahn<\/a> zum Buch bei der &bdquo;Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung&ldquo;. Doch der Rest ist Schweigen. Und so ist f&uuml;r die Medien der Buchtitel Programm: erst Tamtam und dann Tabu.<\/p><p><strong>Fazit<\/strong><\/p><p>Wie schon anhand des Umfangs dieser Rezension zu ermessen ist, hat mich das Buch gefesselt. In ihm sind so viele Informationen enthalten, dass man diese beim ersten Lesen kaum erfassen, geschweige denn komplett verarbeiten kann. Daher lohnt es auch, mit geb&uuml;hrendem Abstand, sich das Buch ein zweites Mal zu Gem&uuml;te zu f&uuml;hren. Dabei muss man den Detailreichtum der im ersten Teil von Daniela Dahn ausgebreiteten Presseschau besonders herausheben. Gerade dieser Teil gibt dem Leser einen enormen Fundus von Fakten an die Hand, das heute allseits herrschende und best&auml;ndig wiederholte Narrativ infrage zu stellen, dass die schnelle Deutsche Einheit von der DDR-Bev&ouml;lkerung in dieser Form so gewollt war und sie quasi alternativlos gewesen sei. Die Kenntnis dar&uuml;ber, was in diesen entscheidenden Wochen zwischen Oktober 1989 und M&auml;rz 1990 vor sich gegangen ist, wie dieser eklatante Meinungsumschwung zu erkl&auml;ren ist, mithilfe welcher Mittel er erzeugt wurde und letztendlich welchem Ziel all das diente, ist f&uuml;r das Verst&auml;ndnis dieses Teils der deutschen Geschichte unverzichtbar. Umso bedauerlicher ist das allgemeine mediale Totschweigen dieses Buches. Ein Grund mehr, es allen ans Herz zu legen, um ihren Blick auf die deutsche Geschichte der j&uuml;ngeren Vergangenheit einer Pr&uuml;fung zu unterziehen und diesen gegebenenfalls zu revidieren.<\/p><p><em>Daniela Dahn, Rainer Mausfeld: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher-mehr\/tamtam-und-tabu.html\">Tamtam und Tabu &ndash; Die Einheit: Drei Jahrzehnte ohne Bew&auml;hrung<\/a>, Westend Verlag, Frankfurt\/Main, 2020, 231 Seiten, Softcover, 18 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die deutsche Einheit ist nun &uuml;ber 30 Jahre her. 30 Jahre, in denen unendlich viele Zeitungsartikel, Fernsehreportagen, Interviews mit Zeitzeugen oder B&uuml;cher &uuml;ber die damaligen Abl&auml;ufe erschienen sind, die alles auch bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet haben. Ist wirklich alles gesagt? Und stimmt wirklich all das, was da gesagt und zum heute herrschenden Bild<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72059\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":72056,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,165,123,183,11],"tags":[282,459,1585,277,1543,2005,1544,909,295,1919,1782,420,276],"class_list":["post-72059","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-buergerproteste","tag-bild","tag-dahn-daniela","tag-ddr","tag-deutsche-einheit","tag-fake-news","tag-kampagnenjournalismus","tag-kapitalismus","tag-kohl-helmut","tag-lueckenpresse","tag-mausfeld-rainer","tag-spiegel","tag-treuhand"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/210502_Buch.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/72059","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=72059"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/72059\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":72061,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/72059\/revisions\/72061"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/72056"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=72059"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=72059"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=72059"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}