{"id":7207,"date":"2010-10-27T17:07:56","date_gmt":"2010-10-27T15:07:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7207"},"modified":"2014-02-17T12:44:34","modified_gmt":"2014-02-17T11:44:34","slug":"wir-sind-in-den-haenden-von-irren-oder-von-verantwortungslosen-zynikern-oder-beides","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7207","title":{"rendered":"Wir sind in den H\u00e4nden von Irren. Oder von verantwortungslosen Zynikern. Oder beides."},"content":{"rendered":"<p>Diese &Uuml;berschrift ruht seit einiger Zeit auf meinem Laptop. Ich habe die Kennzeichnung der herrschenden Verh&auml;ltnisse und Personen als &bdquo;irre&ldquo; nicht zu gebrauchen gewagt, weil auch ein Teil der NachDenkSeiten-Nutzer eine solche Charakterisierung f&uuml;r zu grob h&auml;lt. Jetzt ermunterte der Luxemburger Au&szlig;enminister zum Gebrauch und lieferte auch noch eine richtige Begr&uuml;ndung f&uuml;r diese Kennzeichnung. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><p>Irrsinnig ist der Plan, als Konsequenz aus der Finanzkrise einzelne V&ouml;lker und Staaten unter Strafe zu stellen. In der &ouml;ffentlichen Debatte ist von &bdquo;h&auml;rteren Strafen f&uuml;r Haushaltss&uuml;nder&ldquo; die Rede. Die deutsche Bundeskanzlerin macht sich, jetzt im Verein mit dem franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten, besonders stark f&uuml;r die Versch&auml;rfung der Regeln des so genannten Stabilit&auml;tspaktes durch &Auml;nderung des europ&auml;ischen Grundlagenvertrags. (Siehe z.B. Anlage.)  Dagegen wandte sich unter anderem Luxemburgs Au&szlig;enminister Jean Asselborn. Ich zitiere die Frankfurter Rundschau vom 26.10. 2010:<br>\n&bdquo;Da straft man ja Staaten, da straft man V&ouml;lker, da erniedrigt man sie.&ldquo;<\/p><p>Und weiter schreibt die FR: &bdquo;Luxemburg warnt davor, die erst 2009 in einem m&uuml;hevollen Ratifizierungsprozess vereinbarten EU-Regeln aufzuschn&uuml;ren. Dies sei &bdquo;irrsinnig&ldquo;. Es drohe die Gefahr, dass sich die EU erneut Monate und Jahre nur mit sich selbst besch&auml;ftige.&ldquo;<\/p><p>Endlich nennt mal ein Politiker in Verantwortung den Wahnsinn beim Namen, der darin liegt, dass Staaten untereinander vereinbaren, die Entscheidungsfreiheit ihrer V&ouml;lker und Regierungen zu beschr&auml;nken. Damit wird die Entscheidungsfreiheit auch k&uuml;nftiger Generationen und Regierungen eingeengt.<br>\nDeutschland ist Vorreiter bei diesem Irrweg. Hierzulande r&uuml;hmt man sich zum Beispiel der &bdquo;Schuldenbremse&ldquo;, obwohl dies eine sinnlose Beschr&auml;nkung des Entscheidungsspielraums k&uuml;nftiger Generationen und k&uuml;nftiger Politiker ist. Diese Schuldenbremse wie auch die Regeln des Stabilit&auml;tspaktes verhindern, wenn sie wirklich angewandt werden und wirken, dass sich V&ouml;lker zum Beispiel f&uuml;r eine offensive Besch&auml;ftigungspolitik entscheiden, oder auch f&uuml;r eine Ausweitung &ouml;ffentlicher Leistungen, oder f&uuml;r die steuerliche Finanzierung von Sozialleistungen.<\/p><p>Der Irrsinn wird schon daran sichtbar, dass diese Regeln meist nicht eingehalten werden, auch von Deutschland nicht. Deutschland hat schon mehrmals gegen die Regeln versto&szlig;en. Deutschland hat die 3% Grenze &uuml;berschritten. Deutschland hatte in den letzten Jahren eine h&ouml;here Staatsverschuldung gemessen am Bruttoinlandsprodukt als das jetzt gedem&uuml;tigte und zu einem harten Sparkurs zulasten seines Volkes gezwungene Spanien.<\/p><p>Der Irrsinn wird weiter daran sichtbar, dass die Versch&auml;rfung der so genannten Stabilit&auml;tsregeln ihren Erfolg selbst zunichte machen wird. Es ist immer wieder empirisch nachgewiesen worden, dass der Abbau von Defiziten vor allem dann m&ouml;glich ist, wenn die Konjunktur gut l&auml;uft. Das hat sich in Deutschland 2007 und 2008 gezeigt, es hat sich in den 1990er Jahren in anderen L&auml;ndern, in den USA, in Gro&szlig;britannien, in Schweden gezeigt. Dieses Wissen jedoch wird von den Verantwortlichen einfach ignoriert. Wir haben es mit Ignoranten zu tun, mit Politikern, die die Realit&auml;t nicht mehr wahrnehmen und sich nur noch daran orientieren, was in ihren Kreisen und bei Teilen des Volkes popul&auml;r ist.<\/p><p>Sparen &ndash; dar&uuml;ber konnten Sie schon oft in den NachDenkSeiten lesen &ndash; ist zumindest in einer gro&szlig;en Schicht von Multiplikatoren popul&auml;r. Es ist auch mit Macht durch die Boulevardbl&auml;tter und das Fernsehen popul&auml;r gemacht worden. Jenseits aller sachlichen Erfahrungen und Erw&auml;gungen. Die Welt der Multiplikatoren und die Welt eines Teils des Volkes ist angef&uuml;llt mit falschen Vorurteilen &ndash; vor allem mit dem Vorurteil, Sparabsicht und Sparerfolg seien quasi identisch. Man m&uuml;sse nur sparen wollen, dann k&ouml;nne man. Das funktioniert aber nicht. Siehe oben. Und dennoch bleibt Sparen popul&auml;r. Darauf setzt Frau Merkel und ihre Gefolgschaft.<br>\nSie ist nicht an einer sachlichen L&ouml;sung der Probleme in der Eurozone interessiert, sondern an der Popularit&auml;t ihrer Aktionen und Entscheidungen. Dabei greift sie auch auf miese Aversionen gegen andere V&ouml;lker zur&uuml;ck. Es ist popul&auml;r, gegen die S&uuml;dl&auml;nder zu polemisieren. Und dabei schrecken manche Politiker auch nicht vor der absurden Vorstellung zur&uuml;ck, man k&ouml;nne ganze Staaten in die Insolvenz treiben.<br>\nInteressant ist in diesem Kontext, dass sie diese ihre Vorstellungen an vergleichsweise kleinen L&auml;ndern erproben. An den eigentlichen Haushalts- und Schuldens&uuml;nder, an die USA, wagen sie sich nicht heran. Das zeigt &uuml;brigens auch, dass es sich bei den jetzigen Vorst&ouml;&szlig;en um Spielereien und nicht um verantwortungsvolle Politik handelt.<\/p><p>Angela Merkel kann dabei auf ein Netz von gleichgesinnten Irren zur&uuml;ckgreifen. In den Medien. In der Wissenschaft. Bei der Bundesbank. Beispielhaft Bundesbankpr&auml;sident Weber. Er hat am 19.5.2010 in einer Anh&ouml;rung des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestages &bdquo;die H&auml;rtung des bestehenden Regelwerks&ldquo; gefordert. <a href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/download\/presse\/pressenotizen\/2010\/20100519.stellungnahme_weber.php\">Seine Stellungnahme<\/a> war vom gleichen Geist gepr&auml;gt, der heute zu den Schwierigkeiten in Europa f&uuml;hrt.<\/p><p>Um das, worum es in der Sache gehen m&uuml;sste, um den Euroraum zu konsolidieren, geht es in den &ouml;ffentlichen Debatten und in den Vorst&ouml;&szlig;en auf europ&auml;ischer Ebene schon lange nicht mehr. Dabei w&auml;re eine sachliche Politik zu Gunsten einer Stabilisierung und Weiterentwicklung Europas und der Eurozone gar nicht so schwierig, wenn man zur Sachlichkeit bereit w&auml;re:<\/p><ul>\n<li>Wir m&uuml;ssten unsere Wirtschaftspolitik einschlie&szlig;lich der Lohnpolitik besser abstimmen und dazu ent-ideologisieren<\/li>\n<li>Wir m&uuml;ssten auf diese Weise die Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen und der Wettbewerbsf&auml;higkeit langsam reduzieren.<\/li>\n<li>Wir m&uuml;ssten den Einfluss der Spekulanten auf die Staatsfinanzierung gegen Null bringen. Deren F&ouml;rderer ist &uuml;brigens die deutsche Bundesregierung mit Kanzlerin Merkel an der Spitze. Die Versch&auml;rfung der Stabilit&auml;tsregeln dient vor allem dem Zweck, diese Herrschaften zu beruhigen und bei Laune zu halten. Statt dessen sollte man ihnen das Handwerk legen. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben einer neuen Politik der F&ouml;rderung des europ&auml;ischen Zusammenwachsens.<\/li>\n<\/ul><p>Wie irrsinnig die Sorge der deutschen Bundeskanzlerin um das Sparen bei uns und bei andern V&ouml;lkern ist, k&ouml;nnen Sie auch daran erkennen, dass quantitativ m&ouml;gliche Sparerfolge in keinerlei Relation zu der Gro&szlig;z&uuml;gigkeit der Rettungspakete steht, die f&uuml;r die Banken bereitgestellt wurden und werden. Mit einem &bdquo;gigantischen Sparpaket&ldquo; von 80 Milliarden bis zum Jahr 2014, so <a href=\"http:\/\/nachrichten.t-online.de\/sparpaket-bundesregierung-stellt-ein-rekord-sparpaket-vor\/id_41900542\/index\">verk&uuml;ndete die Bundesregierung im Juni<\/a> soll Deutschland aus der &bdquo;Schuldenkrise&ldquo; kommen. 80 Milliarden. Das klingt gut, selbst wenn es gestreckt ist &uuml;ber drei Jahre. Aber es klingt eben &uuml;berhaupt nicht gut, wenn man wei&szlig;, dass die Bundesregierung alleine im Jahr 2008 und 2009 98 Milliarden f&uuml;r die Rettung von Banken ausgegeben hat.<br>\nDiese Zahl &ndash; 98 Milliarden in zwei Jahren f&uuml;r die Banken und weitere vermutlich hunderte Milliarden f&uuml;r die Rettung dieser Spekulanten &ndash; zeigt deutlich, dass der gesamte Sparkurs der Bundesregierung Schall und Rauch ist. Es ist nicht ernst gemeint. Es wird spekuliert darauf, dass die Mehrheit des Volkes und auch die Multiplikatoren die Relationen nicht kennen.<\/p><p>Der Irrsinn ist nicht beschr&auml;nkt auf das Thema Sparen und Stabilisierung des Euroraums. Es gilt auch f&uuml;r Stuttgart 21 und f&uuml;r den Umgang mit der Kernenergie und den Umgang mit den zugewanderten Menschen und so weiter. &Uuml;berall Zynismus und Unsachlichkeit und Meinungsmache.<\/p><p>Anlage:<br>\n26. Oktober 2010, 17:07&nbsp;Uhr<br>\n<strong>Euro-Stabilit&auml;t<\/strong><br>\n<strong>Merkels Schuldenplan ver&auml;rgert Europa<\/strong><br>\nVon <a href=\"mailto:christoph_schult@spiegel.de\">Christoph Schult<\/a> und Hans-J&uuml;rgen Schlamp, Br&uuml;ssel<br>\nSo viel Streit war selten in der EU, und Deutschland tr&auml;gt mit Schuld daran: Gemeinsam mit Frankreich hat Angela Merkel neue Schuldenregeln f&uuml;r Europa vorgeschlagen &ndash; doch andere Staaten rebellieren. Der Br&uuml;sseler Gipfel am Ende der Woche droht zu scheitern, die Sicherung des Euro ger&auml;t aus dem Blick.<br>\n&hellip;<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,druck-725408,00.html\" target=\"_blank\">Spiegel<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese &Uuml;berschrift ruht seit einiger Zeit auf meinem Laptop. Ich habe die Kennzeichnung der herrschenden Verh&auml;ltnisse und Personen als &bdquo;irre&ldquo; nicht zu gebrauchen gewagt, weil auch ein Teil der NachDenkSeiten-Nutzer eine solche Charakterisierung f&uuml;r zu grob h&auml;lt. Jetzt ermunterte der Luxemburger Au&szlig;enminister zum Gebrauch und lieferte auch noch eine richtige Begr&uuml;ndung f&uuml;r diese Kennzeichnung. Albrecht<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7207\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[139,50,156,11],"tags":[737,315,736,392,454,738],"class_list":["post-7207","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-euro-und-eurokrise","category-finanzkrise","category-schulden-sparen","category-strategien-der-meinungsmache","tag-asselborn-jean","tag-merkel-angela","tag-sarkozy-nicolas","tag-schuldenbremse","tag-stabilitaetspakt","tag-weber-axel"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7207","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7207"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7207\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7211,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7207\/revisions\/7211"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7207"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7207"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7207"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}