{"id":72101,"date":"2021-05-03T13:03:31","date_gmt":"2021-05-03T11:03:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72101"},"modified":"2021-05-03T14:09:15","modified_gmt":"2021-05-03T12:09:15","slug":"ehemaliger-russischer-diplomat-wegen-aufruf-zu-massenunruhen-vor-moskauer-gericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72101","title":{"rendered":"Ehemaliger russischer Diplomat wegen \u201eAufruf zu Massenunruhen\u201c vor Moskauer Gericht"},"content":{"rendered":"<p>Am 29. April gab es vor dem Moskauer Gagarin-Gericht die erste Gerichtsverhandlung gegen den russischen Linkspolitiker und Ex-Diplomaten Nikolai Nikolajewitsch Platoschkin, wegen &bdquo;Aufruf zu Massenunruhen&ldquo; und &bdquo;Verbreitung falscher Nachrichten&ldquo;. Sein Anwalt vermutet, Platoschkin, der im Januar 2020 die Bewegung &bdquo;Neuer Sozialismus&ldquo; gr&uuml;ndete, solle von den Duma-Wahlen im September ausgeschlossen werden. Von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>, Moskau.<br>\n<!--more--><br>\nSeit dem 4. Juni 2020 &ndash; also seit elf Monaten schon &ndash; sitzt der ehemalige russische Diplomat Nikolai Platoschkin im Hausarrest. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61897\">Die NachDenkSeiten berichteten<\/a> im letzten Jahr &uuml;ber den Fall. Erst am 29. April fand die erste Gerichtsverhandlung statt, in welcher der Staatsanwalt vortrug, der Angeklagte habe zu Massenunruhen aufgerufen und &bdquo;falsche Nachrichten&ldquo; verbreitet. Die Verteidigung ist entsetzt. Alle Zeugen der Verteidigung wurden abgelehnt. Der Anwalt von Platoschkin vermutet, sein Mandant, der im Januar 2020 die Bewegung &bdquo;Neuer Sozialismus&ldquo; gr&uuml;ndete, solle von den Duma-Wahlen im September ausgeschlossen werden. Abends, gegen Ende der Verhandlung, die ohne Mittagspause durchgef&uuml;hrt wurde, mussten der Anwalt und dann der Angeklagte wegen Schw&auml;cheanf&auml;llen in Krankenh&auml;usern behandelt werden. <\/p><p>Im Saal 501 des Gagarin-Gerichts war es schw&uuml;l. Olga Arbusowa, die Richterin, hatte angeordnet, die Fenster zu schlie&szlig;en, weil sich auf der Stra&szlig;e Anh&auml;nger von Platoschkin versammelt hatten und Parolen riefen. <\/p><p>Die Richterin hatte es offenbar eilig. Sie lie&szlig; den ganzen Tag ohne Pause verhandeln. Gegen Abend bekam der Rechtsanwalt des Angeklagten, der Diabetiker ist und regelm&auml;&szlig;ig Nahrung zu sich nehmen muss, einen Schw&auml;cheanfall. Man rief einen Rettungswagen. Der Anwalt wurde auf einer Bahre nach drau&szlig;en in den Rettungswagen getragen (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=AVGqcOuUGCw\">Video<\/a>). <\/p><p>Als der Angeklagte Platoschkin kurz den Verhandlungssaal verlie&szlig;, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=NjGKbyQUuqc\">rief er<\/a> den Journalisten im Korridor mit emp&ouml;rter Stimme zu: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Man will mich heute ins Gef&auml;ngnis bringen. Die 27 B&auml;nde der Ermittlungen sind vom Staatsanwalt in nur einer Stunde durchgegangen worden. Sie haben einfach nur die Inhaltsverzeichnisse der B&auml;nde vorgelesen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Was wird Platoschkin vorgeworfen?<\/strong><\/p><p>Gegen Platoschkin l&auml;uft ein Verfahren wegen Paragraph 212 Absatz 1.1 des russischen Strafgesetzbuches. In dem Paragraphen steht: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Organisation von Massenunruhen, begleitet von Gewalt, Pogromen, Brandstiftung, Zerst&ouml;rung von Eigentum, Einsatz von Waffen, Sprengk&ouml;rpern, Sprengstoffen, giftigen oder anderen Substanzen und Gegenst&auml;nden, die eine Gefahr f&uuml;r andere darstellen, sowie Bereitstellung von bewaffnetem Widerstand gegen einen Vertreter der Beh&ouml;rden, sowie eine Person zu schulen, um solche Massenunruhen zu organisieren oder an ihnen teilzunehmen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Doch der Staatsanwalt konnte keine Personen nennen, die auf Anweisung von Platoschkin handelten. Er konnte auch keine konkreten &Auml;u&szlig;erungen von Platoschkin nennen, auf die Paragraph 212 des russischen Strafgesetzbuches zutrifft.<\/p><p><strong>Aufruf zu Kundgebungen gegen die Verfassungsreform<\/strong><\/p><p>Warum f&uuml;hlt sich die Macht durch Platoschkin herausgefordert? Der Linkspolitiker hatte am 14. Mai 2020 via YouTube-Video zu Kundgebungen gegen die vom Kreml geplanten Verfassungs&auml;nderungen aufgerufen, die neben sozialen Verpflichtungen des Staates Wladimir Putin zwei weitere Amtszeiten erm&ouml;glichen. Am 4. Juni 2020 &ndash; also etwas mehr als zwei Wochen sp&auml;ter &ndash; wurde Platoschkin festgenommen, doch Fakten, die den Vorwurf &bdquo;Aufruf zu Massenunruhen&ldquo; belegen, wurden von der Staatsanwaltschaft nicht bekanntgegeben. <\/p><p>In der ersten Gerichtsverhandlung erkl&auml;rte der Angeklagte in einer gefassten, aber emotionalen Rede: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich bin unschuldig. ich habe nichts Ungesetzliches getan. Massenunruhen hat es 2020 nicht gegeben. Eigentum wurde nicht zerst&ouml;rt. Werbung zu Unruhen &ndash; zum Beispiel mit Geld &ndash; hat es nicht gegeben. Ich kann im Internet Niemandem Geld anbieten. Angeblich habe ich Jemanden durch &Uuml;berredung oder Drohungen zu etwas bewegen wollen. Aber wie konnte ich unbekannte Personen zu etwas bewegen, wenn diese von meiner Absicht nichts erfahren haben?&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Am Vortag der Gerichtsverhandlung, auf einer Pressekonferenz im Moskauer Sacharow-Zentrum, fragte ich Aleksandr Obosow, den Anwalt von Platoschkin, was dem Linkspolitiker genau vorgeworfen wird. Ob es stimme, dass Platoschkin zu Protesten gegen die Verfassungsreform aufgerufen hat. Der Anwalt antwortet ausweichend. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Man wirft ihm vor, dass er zu Massenunruhen aufgerufen hat. Aber die Ermittler konnten nicht die Person feststellen, die Nikolai Nikolajewitsch konkret zu etwas bewegt hat.  Der Vorwurf der Werbung zu Massenunruhen unterstellt, dass es mit einer Person einen Dialog gegeben hat. Man beschuldigt Nikolai Nikolajewitsch, dass er im Internet Sachen gesagt hat, die Jemand zu etwas bewegen k&ouml;nnen. Der Vorwurf ist absurd. Nach unserer Meinung wird versucht, Nikolai Nikolajewitsch eine Zeitlang von der politischen Sph&auml;re zu isolieren.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der Staatsanwalt wirft dem Linkspolitiker au&szlig;erdem vor, er habe &bdquo;falsche Nachrichten&ldquo; verbreitet. Unter anderem habe der Angeklagte behauptet, dass es 2010, als es um Moskau zahlreiche Moorbr&auml;nde gab und die ganze Stadt in Smog geh&uuml;llt war, mehr Tote gab. Der Angeklagte erkl&auml;rte vor Gericht:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das ist keine falsche Nachricht, sondern eine Tatsache, die man beim Einwohnermeldeamt &uuml;berpr&uuml;fen kann.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>200.000 Rubel (2.200 Euro) beschlagnahmt<\/strong><\/p><p>Auf der Pressekonferenz im Sacharow-Zentrums traf ich auch Nikolai Iwanowitsch, den Vater von Platoschkin. Wie geht es ihrem Sohn?, frage ich den alten Mann. Der antwortete mit schon br&uuml;chiger Stimme, aber klar und bestimmt.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Alle zwei Tage fahre ich zu ihm, in der einen Hand einen Spazierstock, in der anderen Hand eine Plastikt&uuml;te mit Lebensmitteln. Ich fahre zu ihm, um ihn zu unterst&uuml;tzen und mich mit ihm zu unterhalten. Die Macht hat ihm ein Chaos bereitet, um ihn aus dem politischen Kampf auszuschlie&szlig;en, damit er nicht an den Duma-Wahlen teilnehmen kann und sich nicht mit den Menschen treffen kann und damit er in der Perspektive nicht an den Pr&auml;sidentschaftswahlen teilnehmen kann. Er hat erkl&auml;rt, er wolle an den Pr&auml;sidentschaftswahlen teilnehmen, bevor man ihn in den Hausarrest schickte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der Linkspolitiker darf jetzt mit Niemandem mehr sprechen. Nur seine Eltern und Menschenrechtler d&uuml;rfen ihn besuchen. Er darf zuhause nicht arbeiten und Geld verdienen.<\/p><p>In dem Verfahren gegen den angeklagten Politiker gibt es viele Merkw&uuml;rdigkeiten. Anschelika Glaskowa, die Frau des Linkspolitikers, erz&auml;hlt mir am Rande der Pressekonferenz, sie habe ihren Mann, der nicht mit ihr zusammenlebt, w&auml;hrend des Hausarrestes heiraten wollen. Doch das habe die Staatsanwaltschaft nicht zugelassen. <\/p><p>Nicht nur die Wohnung des Linkspolitikers, sondern auch die Wohnung seiner Frau wurde durchsucht. Bei Anschelika wurden 200.000 Rubel (2.200 Euro) beschlagnahmt, die sie in der Damenunterw&auml;sche versteckt hatte. Platoschkin emp&ouml;rte sich vor Gericht. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wie kann man davon ausgehen, dass 2.200 Euro in einer Wohnung, in der ich nicht gemeldet bin, mir geh&ouml;ren? Wenn ich jetzt irgendwohin zum Kaffeetrinken komme, wird dann die Kaffeemaschine beschlagnahmt?&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Mitleid und Zorn<\/strong><\/p><p>Der Linkspolitiker ist durch Auftritte in russischen Fernseh-Talk-Shows vor seiner Verhaftung in ganz Russland bekannt. Der ehemalige Diplomat ist redegewandt und kritisiert die Macht viel sch&auml;rfer als der Vorsitzende der Kommunistischen Partei, Gennadi Sjuganow, der die gr&ouml;&szlig;te russische Oppositionspartei f&uuml;hrt, auf dessen Liste Platoschkin im September 2019 bei Wahlen f&uuml;r die Duma im fern&ouml;stlichen Chabarowsk kandidierte und mit 24 Prozent der Stimmen auf Platz Zwei landete. <\/p><p>Warum hat man den Linkspolitiker, der im Januar dieses Jahres an Corona erkrankte, nicht l&auml;ngst aus dem Hausarrest entlassen, damit er seine Lungen ausl&uuml;ften kann, fragt seine Frau Anschelika. <\/p><p>Die Beweislage gegen den Angeklagten ist mehr als d&uuml;nn. Doch offenbar f&uuml;rchtet der Kreml, dass der Linkspolitiker zu einem Helden der sozial Entt&auml;uschten wird. Doch warum wird der Angeklagte dann nicht freigelassen? Elf Monate Hausarrest ohne Anklage wecken bei vielen Menschen Mitleid und auch Zorn. <\/p><p>Die Zahl der Abonnenten des <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/channel\/UCDqwBnBsFWxFj0ABSbE2Kvw\">Video-Kanals<\/a> von Platoschkin ist von 494.000 auf jetzt 592.000 Abonnenten gestiegen, ein deutliches Zeichen, dass das Interesse an dem Politiker w&auml;hrend des Hausarrestes nicht ab- sondern zugenommen hat. <\/p><p><strong>Als russischer Diplomat in Berlin und Houston\/Texas<\/strong><\/p><p>F&uuml;r die Macht besonders schwierig ist, dass der Kritiker Platoschkin kein w&uuml;ster Stra&szlig;enk&auml;mpfer, sondern ein gebildeter ehemaliger Diplomat ist. Der Linkspolitiker hat 20 wissenschaftliche B&uuml;cher geschrieben, &uuml;ber den Milit&auml;rputsch in Chile, den Mord an John F. Kennedy, das Jahr 1953 in der DDR und den B&uuml;rgerkrieg in Spanien. Er spricht gut deutsch und arbeitete von 1987 bis 1992 als Attach&eacute; in der sowjetischen und dann russischen Botschaft in Berlin. Von 2004 bis 2006 arbeitete der Angeklagte als Vize-Konsul im russischen Konsulat in Houston\/Texas. Nach seinem Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst wurde er Leiter der Fakult&auml;t f&uuml;r Internationale Beziehungen an der Moskauer Universit&auml;t f&uuml;r Geisteswissenschaften (RGU).<\/p><p><strong>Wer unterst&uuml;tzt den Angeklagten?<\/strong><\/p><p>Unterst&uuml;tzung bekommt der Linkspolitiker von einigen kommunistischen und anderen Abgeordneten in der Duma und im Moskauer Stadtparlament. Der Anwalt von Platoschkin berichtete auf der Pressekonferenz. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sie versuchen uns mit den ihnen nach dem Gesetz zustehenden Mitteln zu helfen. Sie machen Anfragen an den Staatsanwalt, mit der Aufforderung, eine objektive Untersuchung durchzuf&uuml;hren. Und sie fordern Auskunft dar&uuml;ber, auf welchem Stand die Ermittlungen sich befinden. Es gibt also Personen, die keine Angst vor den m&ouml;glichen Folgen solcher Anfragen haben und sich nicht um ihren Status f&uuml;rchten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Bundesregierung h&auml;lt sich bedeckt<\/strong><\/p><p>Die Bundesregierung h&auml;lt sich zum Fall Platoschkin <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69118\">bedeckt<\/a>. Auf eine Kleine Anfrage der Partei Die LINKE vom 9. Dezember 2020 antwortete die Bundesregierung, ihr sei der Fall Platoschkin &bdquo;bekannt.&ldquo; &Uuml;ber eine m&ouml;gliche Beobachtung des Prozesses &bdquo;werde die Bundesregierung kurzfristig und abh&auml;ngig von der lokalen pandemischen Lage&ldquo; entscheiden.<\/p><p>Die n&auml;chste Gerichtsverhandlung findet am 4. Mai 2021 statt, ungeachtet dessen, dass Wladimir Putin wegen der erh&ouml;hten Corona-Infektionswerte f&uuml;r die Zeit vom 1. bis zum 10. Mai landesweit Urlaub angeordnet hat. Doch offenbar will das Gericht im Fall Platoschkin schnell zum Ende kommen. <\/p><p>Doch ob die Verhandlung am 4. Mai stattfinden kann, ist noch unklar, weil der Angeklagte nach Aussagen seiner Frau Anschelika am 29. April gegen Ende der Gerichtsverhandlung wegen erh&ouml;hter Temperatur und einer m&ouml;glicherweise wieder akuten Lungenkrankheit von &Auml;rzten behandelt und krankgeschrieben wurde. Die f&uuml;r den am 30. April festgesetzte, zweite Gerichtsverhandlung, konnte wegen der Erkrankung des Angeklagten nicht stattfinden. <\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/da75d78afa7442129ccfe37c1a084961\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 29. 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